30. Sonntag im Jahreskreis 25.10.2026 Lesejahr A

„Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.“ Mt 22,37

„Mein Gott, was bin ich, dass du mir befiehlst, dich zu lieben!“ ° Pfr. von Ars


Worte der Heiligen Schrift, die wir schon so oft gehört haben, laufen Gefahr, abgehakt zu sein. Das kenne ich schon! Vianney aber erschrickt vor diesem Gebot, Gott zu lieben. Wer ist denn Gott, und wer bin ich? Und wie soll ich diesen großen Gott überhaupt lieben können? Aber genau dieses Erschrecken ist die Tür zu einer tieferen Gottesliebe. Wir können Gott nicht lieben, wie es Ihm gebührt. Aber wenn Gott uns ein Gebot gibt, macht Er uns in Seiner Gnade fähig, diese Weisung zu leben.
„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“ (1. Joh 4,16). Dieses Gebot ist also nichts anderes als eine Einladung am göttlichen Leben teilzunehmen – für immer in Gott zu bleiben. Eine unglaubliche Verheißung! Aber die Spannung zwischen dem unendlich großen Gott und unsrer Erbärmlichkeit bleibt.
Das ist eine andere Perspektive, als wir sie so oft bei uns selbst und unseren Mitmenschen erfahren. Für wie viele Sorgen, Ängste, Nöte wird nicht Gott zutiefst verantwortlich gemacht! Er ist doch allmächtig. Er könnte doch helfen. Aber wir fühlen uns oft verlassen.
Auch das Leben Vianneys war voller Enttäuschungen und Schmerzen. Aufgewachsen in der Französischen Revolution hatte er wie so viele andere Kinder seiner Zeit keine Möglichkeit zu einer ordentlichen Schulbildung. Aus ungeklärten Gründen wurde er unfreiwillig zum Deserteur im Napoleonischem Krieg, sodass sein Bruder Francois ihn im Kriegsdienst ersetzen musste und nie mehr nach Hause kam. Sein Vater machte ihn für das Unglück seiner Familie verantwortlich. Vom Priesterseminar wurde er als debilissimus (äußerst schwach) entlassen. Auf dem Weg zur Priesterweihe in Grenoble 1815 wurde er durch die schrecklichen Schreie österreichischer Soldaten so tief getroffen, dass er bis zu seinen alten Tagen unter Albträumen litt.°²
Welche Last lag auf Vianney! Auch er hätte sich bei Gott beklagen können über das große Unheil, das immer wieder über ihn hereingebrochen ist. Er ging einen anderen Weg. Von Kindheit an nutzte er jede Gelegenheit, um sich im Gebet zu Gott zurückzuziehen. Als er im Februar 1818 nach Ars kam, war er anfangs in seiner Kirche fast alleine. Stundenlang betete er vor dem Allerheiligsten und entdeckte so inniger das Antlitz Gottes. Gott, der in Jesus Christus als Kind zur Welt kam, wirkt gerade in den Schwachen mächtig.
Von Gott her lernt Vianney die Menschen aufrichtiger zu lieben, obwohl er täglich unter ihren Sünden leidet und darüber bittere Tränen vergießt.
Die Frage nach dem wichtigsten Gebot stellt ausgerechnet ein Gesetzeslehrer, aber nicht in der Absicht um belehrt zu werden, sondern um den Meister zu versuchen. Und doch gibt der Herr gerade ihm in großer Freiheit die Antwort, dass allein am Gebot der Liebe das ganze Gesetz und die Propheten hängen. Ein Umdenken der Pharisäer konnte Er allerdings nicht erreichen, sodass der Weg zum Kreuz immer mehr vorgezeichnet war. Aber genau im Scheitern am Kreuz schenkt der Herr uns Erlösung. So wächst trotz aller Versuchung zur Verzweiflung beim Heiligen Pfarrer das Vertrauen in die überbordende unendliche Liebe Gottes.
Vater Chaffangeon, der 1825 verstorben ist, hat unter der Führung seines Pfarrers stundenlang vor dem Allerheiligsten verbracht. Von ihm stammt die berühmte Antwort auf die Frage, was er denn Gott erzählt: „Oh! Oh! Ich schaue ihn an und er schaut mich an.“ Dieses Wort „je l’aveuse“, was mit „anschauen“ übersetzt wird, bedeutet eigentlich viel mehr. So schaut ein Bauer seine Felder und sein Vieh an, schätzt und wägt alles ab. So schaut auch Gott den Menschen mit Wertschätzung an.°³
Lernen wir mit dem Heiligen Pfarrer, alle unsere Enttäuschungen und Schwachheiten als Einlasstor für Gottes Liebe anzunehmen, Ihn durch uns wirken zu lassen und so innig mit Ihm in Liebe verbunden zu werden.
23.09.2026 ih
Aus: Jean-Marie Vianney Pfarrer von Ars, hrsg. Bernard Nodet, 1959, S.84
°2 Patrice Chocholski, Le Curé d’Ars, 2017, S.22f
°³ ebenda S.28f