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Textsammlung

 

Das Glück des Menschen, das ist Jesus!
Begegnung mit P. Hery Kazaniecki, SAC

Große Zeugen von Ars P. Georges Finet (1898-1990) 

Gedenktag des hl. Johannes Eudes 19.August

Große Zeugen von Ars-Suzanne Aubert

"Der Mensch ist für die Liebe geschaffen" (Pfr. von Ars),
  Msgr. Heinrich Maria Burkard 

"Ich zeige dir den Weg zum Himmel" (Pfr. von Ars), Pfr. Walter Böhmer

Doktor Saunier

Der gute Hirte-Gelassen sein - Autorität als Wachsen lassen

Der gute Hirte-Wach sein

Der gute Hirte-Mitleiden

 

 

Das Glück des Menschen, das ist Jesus!
Begegnung mit P. Hery Kazaniecki, SAC

 
P. Henry Kazaniecki ist polnischer Pallotinerpater. Er war Ausbilder von Seminaristen in Polen, Belgien, Ukraine und Ruanda. Jetzt lebt er wieder mit seiner Gemeinschaft in Polen und wir hatten die Freude, ihm im Wallfahrtsort Ars zu begegnen, da er gekommen war, um in den Wochen des Ansturms zu helfen. Am Ende des Aufenthaltes hatten wir mit ihm eine Begegnung für Sie…

Sie sind gekommen, um einen Monat in Ars zu verbringen, was nehmen Sie von diesem Aufenthalt beim Saint Curé mit, was hat Sie besonders beeindruckt?
Zuerst danke ich dem allmächtigen Gott, dass er mir diesen Monat des Aufenthaltes beim Saint Curé gewährt hat…Ich gehe von hier fort, bereichert besonders mit der Erfahrung der Feier des Sakramentes der Buße und Versöhnung. Hier habe ich die Bestätigung dessen gefunden, was der hl. Pfarrer von Ars gesagt hat und wovon ich sicher überzeugt bin: das, was heute für uns Priester den ersten Platz einnehmen soll – den gleichen Platz wie die Eucharistie – das ist die Feier des Sakraments der Buße und der Versöhnung. Sich Zeit zu nehmen, um denen zuzuhören, die ihre „schwere Last“ abladen kommen, weil sie Vertrauen auf Jesus haben. Ich bin stark berührt von dem wahren Mittleiden und, ich wage es zu sagen, von den Wundern, die sich jeden Tag im Sakrament der Buße und der Versöhnung ereignen. Ich meine, dass wir gerufen sind, das Wort, das Jesus zu Schwester Faustine gesprochen hat, anzunehmen: „Das Sakrament der Buße und Versöhnung, das ist das größte Wunder der göttlichen Barmherzigkeit.“
Ich habe große Augenblicke dieses Wunders gesehen. Ich war sehr berührt in diesen Tagen durch die Beichte von Familien: Papa, Mama, die Kinder kommen zusammen, um, jeder für sich, das Geschenk Gottes zu empfangen. Die Beichten der Ehepaare: welches Wunder, den Mann und seine Frau zu sehen, die nacheinander ihre Verpflichtung erneuern, die sie durch das Ehesakrament übernommen haben. Ja, ich habe meine priesterlichen Mitbrüder bewundert: welche Demut. Es waren viele, die das Wunder der Barmherzigkeit leben wollen
.
Sie haben bei der Ausbildung vieler Seminaristen in verschiedenen Ländern geholfen, Sie sind hier beim Patron aller Priester: was würde Ihrer Meinung nach der heilige Pfarrer den jungen Seminaristen heute sagen?
Ich glaube, dass der Pfarrer von Ars zu uns durch seine Worte spricht, aber vor allem durch das Zeugnis seines priesterlichen Lebens. Und ich hoffe, sein Zeugnis gut zu verstehen, wenn ich sage, dass der Pfarrer von Ars uns sicherlich mit einigen Worten ermahnen würde – uns, Priester und Seminaristen: „Seid von eurer priesterlichen Berufung begeistert“. Seid begeistert, wie er bis zum Ende seines Priestertums begeistert war. Er war niemals verstimmt, sondern im Gegenteil voller Enthusiasmus und Freude, Gott und seinem Nächsten dienen zu können.
Das zweite Wort, das er heute an uns richten würde, besonders weil wir in einer Kultur des Fleisches und der Sünde leben: er würde sagen, dass der Schatz jeden Priesters die Reinheit des Herzens ist. „Da wo dein Schatz ist, da ist dein Herz“ und natürlich würde der heilige Pfarrer von Ars uns sagen, was der selige Johannes
 Paul II gesagt hat  „In allem, wozu wir berufen sind zu feiern, zu leben, brauchen wir eine Nachahmung der Liebe, um gut – sehr gut – zuerst zu beten, Jesus anzubeten“.  

Der Pfarrer von Ars würde uns auch sagen, das die Feier der Eucharistie den ersten Platz einnehmen muss, weil wir geweiht sind, um zu weihen. Aber vor allem würde er uns heute sagen, dass wir uns viel Zeit – persönlich sage ich zwei Stunden täglich als Minimum – nehmen müssen, um das Sakrament der Buße zu feiern, selbst wenn niemand da ist, wir müssen warten: sie werden kommen; das ist meine Erfahrung! Die letzte Botschaft, die der heilige Pfarrer von Ars uns sagen würde, ist: „Seid verliebt in das Wort Gottes. Ihr müsst das Wort Gottes fast auswendig kennen, um es zu leben und zu verkünden, ohne zu ermüden“. So sehe ich den Pfarrer von Ars hier und heute. Sein Zeugnis und seine Worte bekommen heute einen größeren Wert als gestern und sprechen zu  uns ...
 
Auszug aus „Les Annales d’Ars“ Nr. 335, November/Dezember 2011
übersetzt von i.h. 20.11.2011

 

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Große Zeugen von Ars
P. Georges Finet (1898-1990)

Wenn er auch kein Zeitgenosse des Pfarrers von Ars ist, so ist P. Georges Finet dennoch einer der zahlreichen Zeugen der Gnade von Ars und der Fürsprache des Saint Curé für Berufungen.  Als Sohn von Ludovic und Marie-Antoinette Finet wurde Georges am 6.September 1898 in einer Familie des großen katholischen Bürgertums von Lyon geboren. Er hat zwei Brüder, von denen einer, Pierre, Jesuit werden wird und drei Schwestern, von denen eine eine Kleine Schwester von “Mariä Himmelfahrt“  werden wird.  Man kennt von ihm vor allem seinen langen Dienst als Verantwortlicher der Foyers de Charité und als Exerzitienprediger nach der Intuition von Marthe Robin in Châteauneuf-de-Galaure (Drôme) von 1936 bis 1990. Nichts bestimmte ihn hierzu im  Voraus: er war Städter, Diözesanpriester und stellvertretender Direktor des privaten Unterrichtswesens der Diözese Lyon. Aber eine Begegnung mit Marthe Robin am 10. Februar 1936 sollte für die Folgezeit bestimmend sein.  Am Ende seines Lebens wird er die Errichtung von fast 80 Foyers de Charité in der ganzen Welt gesehen haben und wird 486 geistliche Exerzitien gepredigt haben!
Aber hier ist es der weniger bekannte Beginn seiner Berufung, der uns besonders interessiert. Entsprechend seiner Herkunft wurde er als Jugendlicher in das angesehene Internat von Lyon Chartreux geschickt, wo die Ausbildung mit geistlichen Exerzitien abgeschlossen wurde. Sie fanden Ende Mai 1915 in Ars statt und wurden von Mgr Saint-Clair, einem Exerzitienmeister, gepredigt. Lassen wir
P. Finet selbst über dieses Ereignis Zeugnis geben:
„Es ist zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittag (Samstag, 29.Mai 1915), dass wir eine Anbetung des Altarssakramentes hatten, das in meinem Leben alle meine Entscheidungen bestimmt hat.  In der kleinen Kapelle der Providence war das Altarssakrament ausgesetzt. (...) Ich sehe noch den Ort, wo ich gekniet habe: am Ende der ersten Stufe, links einer meiner Kameraden ( Alfred Ancel), der uns immer gesagt hatte, dass er sich für die Nachfolge seines Vaters in der Leitung bedeutender Fabriken  für Farben und Seidenstoffe vorbereitet. Und ich selbst betete ebenfalls.
Und es geschieht beim Herausgehen aus einer halbstündigen tiefen Begegnung mit dem Herrn, beim Herausgehen aus der Providence, dass die zwei jungen Männer, ganz überrascht, sich einander anvertrauen und der eine wie der andere sich erzählen, was geschehen ist, dass sie sich im tiefsten Innersten ihres Herzens durch einen Ruf Gottes gerufen fühlen, einen Ruf zum priesterlichen Leben und dass diesmal das Ja gegeben wurde und dass es endgültig war. Trotz ihrer Ergriffenheit wollte der eine wie der andere sicher sein, sich nicht getäuscht zu haben und es ist um 6 Uhr Abend, genau um halb sieben, dass sie den guten Prediger aufgesucht haben, der auf diese Weise alle Exerzitien leitete. Ich habe die Antwort aufgeschrieben, die er mir gab: „Ja, seien Sie ein guter Priester“.

Viel später bezeugte er: „Oh! Meine Kinder, wenn man ja zu Gott gesagt hat, welche Freude hat man im Herzen. In den Aufzeichnungen meiner Exerzitien fühle ich eine intensive Ergriffenheit von Freude, die mein Herz weitet. Und ich glaube euch sagen zu können, dass diese Freude mein ganzes mich Leben begleitet hat.“
Er starb am 14. April 1990.

 

aus „Les Annales d’Ars“, Nr. 335 vom November/Dezember 2011
übersetzt  von i.h. 20.11.2011

 

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Gedenktag des hl. Johannes Eudes
Generalaudienz Benedikt XVI (19.08.2009)
 

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute begehen wir den liturgischen Gedenktag des hl. Johannes Eudes, des unermüdlichen Apostels der Verehrung der Heiligsten Herzen Jesu und Mariä. Er lebte in Frankreich im 17. Jahrhundert, einem Jahrhundert, das von gegensätzlichen religiösen Phänomenen und auch von schweren politischen Problemen gezeichnet war. Es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der nicht nur einen großen Teil Mitteleuropas verwüstet, sondern auch den Seelen großen Schaden zugefügt hat. Während sich die Verachtung des christlichen Glaubens von seiten einiger der damals vorherrschenden Denkströmungen ausbreitete, rief der Heilige Geist eine von Eifer erfüllte geistliche Erneuerung hervor, durch Persönlichkeiten von hoher Bedeutung wie Pierre de Bérulle, den hl. Vinzenz von Paul, den hl. Ludwig Maria Grignon de Montfort und den hl. Johannes Eudes. Zu den Früchten dieser großen »französischen Schule« der Heiligkeit gehört auch der hl. Johannes Maria Vianney. Durch einen geheimnisvollen Plan der Vorsehung hat mein verehrter Vorgänger Pius XI. am 31. Mai 1925 Johannes Eudes und den Pfarrer von Ars gemeinsam heiliggesprochen und so der Kirche und der ganzen Welt zwei außerordentliche Vorbilder priesterlicher Heiligkeit geschenkt.

Im Rahmen des Priester-Jahres möchte ich gern den apostolischen Eifer des hl. Johannes Eudes hervorheben, der besonders auf die Ausbildung des Diözesanklerus ausgerichtet war. Die Heiligen sind die wahre Auslegung der Heiligen Schrift. In ihrer Lebenserfahrung haben die Heiligen die Wahrheit des Evangeliums bestätigt; so führen sie uns dahin, das Evangelium kennenzulernen und zu verstehen. Im Jahr 1563 hatte das Konzil von Trient Normen für die Errichtung der Diözesanseminare und für die Ausbildung der Priester erlassen, weil das Konzil sehr gut wußte, daß die ganze Krise der Reformation auch durch eine unzureichende Ausbildung der Priester bedingt war, die nicht richtig – intellektuell und spirituell, im Herzen und in der Seele – auf das Priesteramt vorbereitet wurden. Das war 1563. Die Anwendung und Umsetzung der Normen verzögerte sich jedoch sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, und so erlebte der hl. Johannes Eudes die Folgen dieses Versäumnisses. Getrieben von dem klaren Bewußtsein um die große Not an geistlichem Beistand, in der sich die Seelen aufgrund der Unzulänglichkeit eines großen Teils des Klerus befanden, gründete der Heilige, der als Pfarrer tätig war, eine Kongregation, die sich besonders der Priesterausbildung widmete. In der Universitätsstadt Caen gründete er sein erstes Seminar – eine Erfahrung, die äußerst großen Zuspruch bekam und sich schon bald auf andere Diözesen ausweitete. Der Weg der Heiligkeit, den er ging und seinen Schülern vorschlug, hatte als Grundlage ein festes Vertrauen auf die Liebe, die Gott im priesterlichen Herzen Jesu und im mütterlichen Herzen Mariä der Menschheit offenbart hat. In jener Zeit der Grausamkeit, des Verlustes der Innerlichkeit, wandte er sich an das Herz, um dem Herzen ein Psalmwort zu übermitteln, das der hl. Augustinus sehr gut ausgelegt hatte. Er wollte die Personen, die Menschen und vor allem die zukünftigen Priester an das Herz erinnern, indem er ihnen das priesterliche Herz Jesu und das mütterliche Herz Mariä zeigte. Von dieser Liebe der Herzen Christi und Mariä muß jeder Priester Zeuge und Apostel sein. Und hier kommen wir zu unserer Zeit.

Auch heute spürt man, wie notwendig es ist, daß die Priester die unendliche Barmherzigkeit Gottes bezeugen durch ein Leben, das ganz von Christus »erobert« ist, und daß sie dies von den Jahren ihrer Ausbildung im Seminar an lernen. Papst Johannes Paul II. hat nach der Synode von 1990 das Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis veröffentlicht, in dem er die Normen des Konzils von Trient wieder aufgreift und aktualisiert und vor allem die notwendige Kontinuität zwischen der anfänglichen Ausbildung und der ständigen Weiterbildung hervorhebt. Das ist für ihn, für uns ein wahrer Ausgangspunkt für eine echte Reform des Lebens und des Apostolats der Priester, und es ist auch der entscheidende Punkt, damit die »Neuevangelisierung« nicht einfach nur ein attraktiver Slogan bleibt, sondern Wirklichkeit wird. Die Grundlagen, die in der Ausbildung im Seminar gelegt werden, sind der unersetzliche »geistliche Nährboden«, auf dem man »Christus lernt«, indem man sich ihm, dem einzigen Hohenpriester und Guten Hirten, nach und nach gleichgestalten läßt. Die Zeit im Seminar muß daher als Verwirklichung des Augenblicks betrachtet werden, in dem der Herr Jesus die Apostel – nachdem er sie eingesetzt hat und bevor er sie aussendet, damit sie predigen – bittet, bei ihm zu sein (vgl. Mk 3,14). In seinem Bericht über die Einsetzung der zwölf Apostel sagt uns der hl. Markus, daß Jesus ein zweifaches Ziel hatte: Erstens sollten sie bei ihm sein, und zweitens sollten sie ausgesandt werden, damit sie predigen. Indem sie jedoch stets mit ihm gehen, verkündigen sie wirklich Christus und bringen der Welt die Wirklichkeit des Evangeliums.
19.08.2011

 

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Große Zeugen von Ars

Suzanne Aubert (1835-1926)

 

Sie wurde von Papst Pius X „die kleine Schwester des Pfarrers von Ars“ genannt! In Frankreich ist sie wenig bekannt, aber in Neuseeland ist sie eine nationale Persönlichkeit! Marie Henriette Suzanne Aubert wurde am 19.Juni 1835 in Saint-Symphorien-de-Lay geboren. Ihr Vater war Gerichtsvollzieher und Freidenker, ihre Mutter war sehr fromm.

1840 zieht die Familie nach Lyon um. In der Kindheit wurde Suzanne verlobt, aber in ihr wuchs der Wunsch Ordensfrau zu werden. Ihre Eltern widersetzten sich ihrer Berufung. Frau Aubert geht nach Ars, um Pfarrer Vianney um Rat zu fragen, nachdem Suzanne versprochen hatte ihm zu gehorchen:  „Mein Kind, Sie werden in zwei Jahren in die Mission gehen… Oh, mein Kind, ich werde Ihnen mehr durch den Tod als durch mein Leben helfen…Was für Kreuze, Schwierigkeiten und Prüfungen erwarten Sie im Leben! Aber was auch immer man Ihnen antut, was Ihnen geschieht, was man Ihnen sagt, geben Sie niemals, niemals, niemals auf.“ Am 4. August 1860 verlässt Suzanne Albert Lyon unter dem Vorwand nach Ars zum Jahrestag des Todes des heiligen Pfarrers zu gehen. In Wahrheit nimmt sie den Zug nach Le Havre: sie wird Bischof Pompallier und eine Gruppe von Missionarinnen treffen, die nach Neuseeland aufbrechen. Wenn diese Flucht herzzerreißend war, so  ist Suzanne Aubert nur dem gefolgt, was ihr der Pfarrer von Ars gesagt hat. Sie wird Oberin der Töchter unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit, gegründet 1892 in Neuseeland. Sie wird sich an alle Einzelheiten erinnern, die ihr der Pfarrer von Ars mitgeteilt hat. Als sie den Fluss Whanganui zu ihrer ersten Missionstation hinauffährt, ist Suzanne zugleich verdutzt und beruhigt, als sie Keepa‘s Haus wiedererkennt, das Haus, in dem die Schwestern wohnen werden, wie es durch den Pfarrer von Ars beschrieben worden war. Mutter Marie-Joseph Aubert wird den Pfarrer von Ars zu einem der heiligen Patrone ihrer Kongregation machen. Suzanne  beginnt die Maoris zu evangelisieren. Die Schwestern lehren sie lesen, sie pflegen sie mit Salben und Säften, die Mutter Aubert selbst zusammengemixt hat. Die Dämmerung der Maori ist irreversibel und Mutter Marie Joseph muss bald die Mission verlassen. Sie bricht nach der Hauptstadt Wellington auf, wo die Einwanderer aus Großbritannien und Irland ankommen. Sie gründet dort ein Hospiz und ein Waisenhaus für Findelkinder und für die damals noch sehr zahlreichen kranken und missgebildeten Kleinen. Sie bestand darauf die Kinder jeglicher Konfession aufzunehmen und nicht die Namen der ledigen Mütter bekannt zu geben, damit diese durch die Anonymität beschützt seien.

Sie fährt 1913 nach Rom, um ihre Kongregation durch den Papst anerkennen zu lassen; ihr kurzer Besuch wird in Wirklichkeit sechs Jahre dauern, da der Krieg jegliche Rückkehr zu den Antipoden verhindern wird. März 1914 beginnt sie damit die Erinnerungen über den Pfarrer von Ars  aufzuschreiben, um bei den Aufzeichnungen  für die Heiligsprechung von Pfarrer Vianney zu helfen. Sie hat an ihre Schwestern in Neuseeland geschrieben: „Kürzlich sagte mir jemand: ich wusste nicht, dass Sie mit dem Pfarrer von Ars auf so guten Fuß standen, Ihre Angelegenheiten werden aufblühen.“ Auf dem Rückweg kommt Suzanne Aubert in Ars vorbei, sie lässt diese Inschrift in der Basilika in der Nähe des Sarkophags  von J. M. Vianney eingravieren: “ Töchter  Unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit gegründet in Neuseeland 1889 nach der Anweisung des hl. Pfarrers 1858“. Sie stirbt am 1. Oktober 1926.

Aus „Les Annales d’Ars“ Nr. 333, Juli, August 2011

übersetzt von Inge Hagn, 8.07.2011

 

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"Der Mensch ist für die Liebe geschaffen" (Pfr. von Ars)
2. Impuls beim 2. Treffen der JMBV-Gebetsgemeinschaft, 2011
Msgr. Heinrich Maria Burkard


Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige, ist einzig! Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig. Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen.
 (Schma Israel)

Um in Beziehung zu treten, muss der Mensch hören, horchen, gehorchen. Der gute Hirt kennt seine Schafe, sie hören auf ihn, kennen seine Stimme. Eine lebendige Beziehung zu Jesus ist das A und O. Je mehr Jesus in meinem Herzen ist, desto mehr kann ich lieben.

Drei Aspekte auf dem geistlichen Weg

- Reinigung, in den Kampf gehen, Christus in mir kämpfen lassen. Gott hat Interesse, er liebt mich, er ruft mich, aber ich kann nicht lieben, Er liebt in mir, Er liebt durch mich. Mit ihm können wir immer und überall Sieger bleiben, mit der Gnade Gottes triumphieren. Der schlimmste Kampf ist der gegen die Verzweiflung, Herr, rette uns, wir gehen zugrunde - Herr, gib deine Liebe, ich kann nicht lieben. Gott sieht unseren Willen, er will uns helfen. Ja sagen zu der Welt, wie sie ist, zu mir wie ich bin, er liebt mich gerade dort, wo ich mich am Wenigsten mag, am Ort meiner Armut. Diese Armut hinzuhalten ist wesentlicher Akt unseres Kampfes.
Reinigung geschieht durch absolutes Vertrauen in die Gnade Gottes Von der aktiven Reinigung zur passiven. Wir wollen, aber es geht nichts mehr, hier entscheidet sich das geistliche Wachstum. Wenn die Krise am stärksten ist, ist auch die Gnade am Größten. Die Einwilligung in die passive Reinigung, du bist da - ich bin da, die Gnade Gottes muss alles tun. Dazu brauchen wir gemeinsames Gebet und gemeinsame Stütze. Gott wird seine Kirche läutern und reinigen, Gott lässt zu, dass die Kirche schlecht dasteht in den Medien, wir stehen auf der Seite Jesu. Das Böse wird nicht siegen

- Erleuchtung findet durch den Hl. Geist statt, durch unsere Lebensumstände, das Wort Gottes, das Gewissen, die Vorsehung, die Kirche, durch unsere Herzensbereitschaft, durch seine Gaben, im Gebet. Gott führt, wenn wir dazu bereit sind, uns führen zu lassen, wenn wir ihn bitten, geführt zu werden.
Was hilft uns, welche Spur führt uns, was lässt die eigene Berufung deutlich werden, wie lernen wir beten, wie erfahren wir Glauben? Wie sehr wir Gott lieben, zeigt sich in der Nächstenliebe, so wie wir verzeihen können, wird auch uns verziehen! Der Himmel kennt keine Rachsucht, wer seinen Groll bewahrt, bleibt unglücklich. Groll hindert die Spannkraft der Seele. Erbitten wir die Gabe, dass Jesus in uns vergibt, denn das können wir nicht selber. Jesus in mir, hilf mir das anzunehmen, diesen Menschen anzunehmen, mich selbst anzunehmen, mir selbst zu vergeben. Der Mensch wird für die Ewigkeit auf zwei Ambossen geschmiedet durch Krankheit und durch Verleumdung (wenn mein Wert herabgesetzt wird).

- Vereinigung  Akt der Liebe des Hl. Pfarrers (siehe Gebete/Lieder)

 
Wenn wir uns bloß mit materiellen Dingen zufrieden geben, ist das ein Armutszeugnis. Der Pfarrer von Ars wollte jeden Augenblick, bis zu seinem letzten Atemzug, ununterbrochen mit Ihm in Kontakt bleiben, die Sehnsucht nach dem Paradies spüren und dorthin kommen, wo er Gott vollkommen lieben kann. Er wusste, ohne Leiden keine Leidenschaft, er war bereit dafür alles zu geben.
Menschwerdung und Passion Jesu, es gibt keine tiefere Leidenschaft!

Ich habe diese Sehnsucht, ich will, dass sie wächst!

Unruhig ist mein Herz in mir, bis es endlich ruht in dir (Augustinus)
16.03.2011 Protokoll Elisabeth Johann

 

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"Ich zeige dir den Weg zum Himmel" (Pfr. von Ars)
1. Impuls beim 2. Treffen der JMBV-Gebetsgemeinschaft, 2011
Pfr. Walter Böhmer

 

“Was muss ich tun, damit ich in den Himmel komme?” wird man in der Seelsorge selten gefragt. Der Himmel ist uns verlorengegangen, er hat für uns an Glanz verloren, wir bringen ihn nicht mehr zum leuchten. Wir Menschen sind mit allem möglichen beschäftigt, vergessen darüber das Wesentliche. Aber alles, was die Welt uns anbietet, endet mit dieser Zeit.
 

Als Jean-Marie Vianney am 19. Februar 1818 den Weg zu seiner neuen Pfarrgemeinde sucht, fragt er den Hirtenjungen Antoine Givre. Dieser weist ihm den richtigen Weg und bekommt als Dank folgende Worte zu hören: “Mein kleiner Freund, du hast mir den Weg nach Ars gezeigt; ich werde dir den Weg in den Himmel zeigen.”

 
Den Weg in den Himmel zu zeigen, bleibt sein Lebensprogramm, dafür ist er bereit, alles zu tun, alles zu erleiden, alles einzusetzen. Er erkennt, das Ziel, auf das wir zugehen, ist so gewaltig, so herrlich, dass es sich lohnt Schweres anzunehmen, zu ertragen, jedes Kreuz auf sich zu nehmen, koste es, was es wolle. Diese Radikalität des Lebens ist uns verlorengegangen.
 
Der Pfarrer von Ars sucht die Nähe zu seinem Heil, zu seinem Heiland. Er läuft wie ein “Hündchen” zum Tabernakel, um sich vor seinem Herrn niederzuwerfen. Das Wissen, Er ist da, im Tabernakel, ein paar Meter von uns entfernt, in unserer Mitte, in unserem Ort, Er, der Geber aller Gaben, wie leicht vergessen wir das. Die Erstbitte ist immer die eigene tiefe Bekehrung, das spüren dann auch die anderen. Auch unsere Entscheidung für Gott oder die Welt müssen wir treffen, halbe Sachen gibt es nicht, jedes verlangt unser ganzes Herz. Jean-Marie Vianney geht die Laster ganz bewusst an. Er verhindert diese ganz radikal mit allen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, damit seine Pfarrangehörigen nicht zu Fall kommen. Die Versuchungen Gott zu schenken, sich dafür reine Tugenden zu erbitten, sich selbst nichts zutrauen, aber Gott alles, von ihm alles zu erwarten, damit geht der Versuchte als Beschenkter hervor. Das eigene Fallen nicht verdrängen, sie alle dem Herrn hinhalten, aufopfern zur Bekehrung der Sünder. In der Beichte bekommen wir immer mehr Gnade, als wir an Schaden verursacht haben. Bestandene Versuchungen sind immer zu unserem Heil (Jak.1,2 -4). Wir werden auch nicht über unsere Kraft hinaus versucht (Kor. 10,13).
 
Das Gebet erleuchtet uns, es lässt uns die Versuchungen erkennen. Die Sakramente machen uns unsterblich, sie sind unsere größte Kraftquelle. Nirgends wird uns mehr Gnade geschenkt als bei der hl. Beichte. Wachsamkeit hilft uns Gelegenheiten zu Versuchungen zu erkennen und zu vermeiden. Wir wissen uns von Gott geliebt, von ihm angeschaut, versuchen wir deshalb, nie seine Gegenwart zu verlieren.
12.03.2011 Kaufbeuren,  Protokoll Elisabeth Johann
 
 
 

 

Große Zeugen von Ars                                                                
Doktor Saunier

 
              
Unter den dem Pfarrer von Ars Nahestehenden kann man seinen Arzt Doktor Jean-Baptiste Saunier nicht übergehen. „Mein Kadaver braucht nicht viel“,sagteM. Vianneyund dochwird er Zuflucht zu einem Arzt nehmen. Er war es, der ihn ausgewählt hat; um 1835 begegnete M.Vianney diesem Arzt, als er die Kranken im Krankenhaus in Lyon besuchte. Da er die Notwendigkeit eines Arztes in seiner Pfarrei erkannt hatte, sagte er ihm: „Danach werden Sie zu mir nach Ars kommen. Das Land ist durch Fieber dezimiert. Man braucht Sie dort.“ Nicht ohne Zögern gab der Arzt den Wünschen des hl. Pfarrers nach. Er wird zuerst in Villeneuve wohnen, um sich später mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Saint Euphémie (5 km von Ars) niederzulassen.
Besonders die „große Krankheit“ des Pfarrers von Ars 1843 wird den Arzt bewegen. Viele hatten die Hoffnung verloren. Dr. Saunier bemerkte: „Das ist der letzte Kampf. Das ist das Ende! Er hat nicht mehr als 30 oder 40 Minuten zu leben.“ Einige Stunden später feiert man die Messe für ihn und das war die Heilung! Sein Arzt wird die Kühnheit haben, den hl. Pfarrer zu verpflichten sich auszuruhen und sich angemessen zu ernähren. M. Vianney wird wie ein Kind dem Willen seines Arztes gehorchen. Letzterer zögerte nicht, sich an den Bischof zu wenden, um seine Autorität zu verstärken. Der Pfarrer von Ars - gezwungen mehr zu essen – seufzte:“Ich bin ein Schlemmer geworden… ich fühle mich nicht mehr so wohl, wenn ich beichten gehe!“ Sehr schnell wird er seinen Rhythmus als Beichtvater von 12 bis 16 Stunden täglich wiederfinden!
Bei den Krankenbesuchen wird Dr. Saunier verschiedene Geschichten über M. Vianney und den „Grappin“, der sein Leben quälte, hören. Wahrscheinlich hatte er darüber auch Kenntnis durch die Bezeugungen des Pfarrers selbst. Als Mann der Wissenschaft wird er im Seligsprechungsprozess zwei wichtige wissenschaftliche Erklärungen abgeben, um das physische und geistige Gleichgewicht seines Patienten zu beweisen, den er mehr als 20 Jahre betreut haben wird. Ab Ende Juli 1859 sah sich M. Vianney, geschwächt und unter der Sommerhitze leidend, gezwungen im Bett zu bleiben. Man ruft den Arzt: Es ist nutzlos, sagt M. Vianney, der Arzt wird hier nichts machen…dieses Mal auch nicht die heilige Philomena“-„ Ich habe noch 36 Francs, gebt sie M. Saunier, und dann soll er nicht mehr wiederkommen, ich könnte ihn nicht bezahlen“.
Aber wie oft hatte der Arzt das Honorar zurückgewiesen…Er wird bei dem Sterbenden bis zum Ende bleiben. Mit großer Trauer wird er seinen heiligen Patienten verlieren, der sein Freund geworden ist: „Meine Beziehungen mit dem Diener Gottes waren von großer Vertrautheit; ich habe in ihm niemals etwas anderes gesehen als ein Vorbild aller Tugenden“. Später wird ihn Pius IX zum Ritter des Ordens des heiligen Sylvesters machen, um die unermüdliche Hingabe von Dr. Saunier gegenüber der Providence von Ars, den Waisen und den Armen und seine große Fürsorge gegenüber M. Vianney zu belohnen ( in jener Zeit gab es nur 27 Ritter in der Welt!).
 
Aus Les Annales d’Ars, Nr. 330 Januar/Februar 2011
übersetzt von Inge Hagn                            7.02.2011
 
 
 

 

 

Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Der gute Hirte
Gelassen sein - Autorität als Wachsen lassen

P. Dr. Michael Marsch O.P., Heiligkreuztal

 

Von einem Priester, der 30 Jahre lang 15 Stunden pro Tag Beichte gehört hat, kann man schlecht sagen, er habe „nichts getan". Aber irgendwo müssen die Scharen der Pilger, die Tag für Tag in dem abgelegenen Dorf Ars beichten wollten, ja hergekommen sein. Ohne zu wissen und zu wollen, übte der Pfarrer von Ars weit über Europa hinaus eine Autorität aus, die nicht nur Kirchenfürsten, sondern Politiker und Wirtschaftsführer vor Neid erblassen ließ. Alle suchten sie Rat bei dem kleinen Pfarrer – und alle fanden sie Rat bei dem großen Heiligen.
Vermutlich war dieser Rat sehr anders als sie erwartet hatten. Im Unterschied zu Napoleon Bonaparte, der sich in Gegenwart des Papstes eigenhändig zum Kaiser gekrönt hatte, wollte Jean-Marie Vianney kein Imperium errichten. Napoleon hatte innerhalb von zehn Jahren 924 Generäle und 27 Marschälle ernannt, um Europa zu beherrschen. Vianney hatte Hierarchie immer als das verstanden, was es bedeutete: nicht als heilige Herrschaft, sondern als heiligen Ursprung. Napoleon hatte „jedem Soldaten seinen Marschallstab im Tornister“ verheißen, Vianney hatte Autorität niemals als Machtstreben oder als Ausübung von Herrschaft verstanden, sondern als das, was es tatsächlich bedeutete. Weil er die bekannten Schwierigkeiten mit dem Lateinischen hatte, wusste er es vermutlich selber nicht, aber er hat es gelebt: Das deutsche Wort „Autorität“ leitet sich ab von dem lateinischen Verb augere und  bedeutet „wachsen lassen".
Wir hatten es in den vergangenen Vorträgen schon gehört: Wegen seiner Unfähigkeit, Latein zu lernen, hatte sich Jean-Marie Vianney für unfähig gehalten, Priester zu werden. Als Pfarrer nach Ars gesandt, meinte er sich der Gleichgültigkeit der Gemeinde gegenüber hilflos.
In seiner Machtlosigkeit und Verzweiflung schien ihm das Gebet die einzige Möglichkeit, der Gemeinde den Weg zum Himmel zu zeigen. Den Bauern von Ars fiel auf, dass er um zwei Uhr morgens mit seiner Laterne vom Pfarrhaus in die Kirche ging und dort bis zur heiligen Messe um sieben Uhr auf den Knien betete.
Die von vielen bewunderte und von wenigen verstandene Gelassenheit des Pfarrers von Ars dürfte er diesem Gebet von Kindheit an zu verdanken haben, „dass nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir lebt", wie der Apostel Paulus sagt (Gal 2,20). Das Wort „Gelassenheit" kommt von Sich-lassen-auf-den-Grund, wie die rheinischen Mystiker des Dominikanerordens sagen: sich verlassen auf jene Wirklichkeit, die jenseits alles Psychischen zu unserem heiligen Ursprung führt: zu Jesus. Aus dieser Gelassenheit konnte schon für den ganz jungen Jean-Marie in seinen Kinderpredigten und Prozessions-Spielen mit den anderen Hirtenjungen jene Autorität werden, die ihrem ursprünglichen Wortsinn entspricht: wachsen lassen.
Im zweiten Vortrag hatten wir gehört, jene Autorität, die sich der Pfarrer von Ars durch seine Missionen erworben hatte und die sich dann sehr bald auf seine eigene Gemeinde in Ars übertrug, beruhte auf dem Gehorsam seinem neuen Bischof Devie gegenüber. Die von Mgr. Devie favorisierte und vom Pfarrer von Ars übernommene Lehre des hl. Alfons von der Barmherzigkeit Gottes und von seiner Liebe zu den Sündern verlieh dem Pfarrer von Ars relativ bald einen Ruf der Heiligkeit . Dadurch wurde ihm eine moralische Autorität verliehen, die keiner seiner Mitbrüder von diesem „Versager" erwartet hatte. Denn das wussten die Mitbrüder: Vom Priesterseminar in Lyon war dieser kleine Mann mit der Note „debélissimo" (völlig unfähig) nach Hause geschickt worden. Zunächst waren sie erstaunt über seinen Eifer und über den Andrang, der vor den Beichtstühlen herrschte, wenn der Pfarrer von Ars darin saß. Später verboten sie ihren Gläubigen, in Ars zur Beichte zu gehen.. Noch später allerdings gingen die Mitbrüder selbst zum Pfarrer von Ars, um bei ihm zu beichten.
Mit anderen Worten, seine Autorität wuchs und wuchs. Nachdem, was man in Ars von den anderen Gemeinden gehört hatte, begann man, ihn sogar in seiner eigenen Gemeinde zu achten und zu schätzen. Jeder war stolz auf ihn, manche liebten ihn sogar, aber durchaus nicht alle. Die jungen Männer und die Gastwirte waren wütend auf die Gründung der kostenlose Schule, wo es die jungen Mädchen hingezogen hatte, die man nun nicht mehr beim Tanz sah. Man dichtete Spottlieder über des Pfarrers Moral und heftete sie mit Exkrementen an die Pfarrhaustür. Jemand verbreitete die Geschichte, der Pfarrer hätte mit einer jungen Frau von zweifelhaftem Ruf ein Kind gezeugt, das in der Providence erzogen werden musste, weil sich die Mutter das Leben genommen hatte. Der Erfinder der Geschichte beichtete diese dann beim Pfarrer. Aber der Pfarrer hielt am Beichtgeheimnis fest und bat den Bischof um seine Versetzung. Eine kleine Gruppe in der Gemeinde nutzte die Revolution von 1830. Sie versuchte einen Aufstand im Dorf zu inszenieren und forderte die sofortige Absetzung des Pfarrers.
Die Autorität des Pfarrers aber stieg und stieg. In der Providence, die häufig mehr als hundert Mädchen aus dem ganzen Land beherbergte, waren inzwischen Wunder geschehen. Wenn die Geldspenden nicht mehr flossen, musste durch die Fürbitte der Heiligen auf andere Weise Nahrung beschafft werden. Und das geschah so prompt, wie man die Nahrung für hundert junge Menschen brauchte. Die Mädchen entlassen und wieder auf die Straße schicken wollte niemand, der Pfarrer am wenigsten. Also mussten Wunder geschehen. Und diese Wunder geschahen tatsächlich.
Einen Pfarrer aber, der nicht nur im Ruf der Heiligkeit stand, sondern durch dessen Gebet und Freundschaft mit den Heiligen handfeste Wunder geschahen, wollte man gesehen haben. So wuchs der Pilgerstrom in das von Wundern und Heiligen gesegnete Ars. Und mit den Pilgerströmen wuchs die Autorität des Pfarrers. Nicht nur in der Gemeinde sagte man schmunzelnd: „Unser Pfarrer ist heilig – dem muss man gehorsam sein", die Pilgerströme aber wollten kein Ende nehmen.
Diese Pilgerströme bestanden sehr bald nicht mehr nur aus Frommen und Armen, Neugierigen und Bigotten, also den „kleinen Leuten". Auch Bischöfe und Theologieprofessoren, Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftler kamen, um bei „dem Heiligen von Ars" Rat zu suchen und zu finden. Langwierige Analysen und Erklärungen waren seine Sache nicht, wohl aber die bekannten knappen Sätze, die zumeist den Nagel auf den Kopf trafen. Offenbar war es ihm gegeben, die komplizierten Situationen seiner Gesprächspartner besser und schneller zu durchschauen als sie selbst. Seine Autorität verbreitete sich nicht nur über ganz Europa, sondern auch durch alle Schichten.
Aber der Pfarrer von Ars verfügte nicht nur über eine außergewöhnliche moralische Autorität. Seine Autorität wurde auch von kirchlicher und sogar von staatlicher Seite bestätigt. Es gab nicht nur die La-Salette-Affaire, von der wir im vorigen Seminar gehört hatten und die eigentlich nur entstanden war, weil der Pfarrer sich von seiner Autorität in der Kirche keine Vorstellung machte.
1852 wurde er vom Bischof zum Ehrendomherr ernannt und wider Willen mit der roten Mozetta und dem Hermelinkragen bekleidet. Sein Ruf: „Geben Sie doch das meinem Vikar, der hat es doch viel mehr verdient als ich!", fand offenbar beim Bischof kein Echo. Der Pfarrer verkaufte die Mozetta am gleichen Tag für 50 Franken, die ihm für die Stiftung einer seiner Missionen für die Armen fehlten. Dem Bischof schrieb er einen freundlichen Brief, als Bischof könne er sich doch nur freuen, auf diese Weise einen Beitrag für die Evangelisation der Armen geleistet zu haben.
1853 ernannte ihn der als kirchenfeindlich bekannte Kaiser Napoleon III. zum Ritter der Ehrenlegion, vermutlich um durch diese Auszeichnung eines französischen Heiligen seinen eigenen Ruf als Herrscher über Frankreich zu verbessern. Nachdem der Pfarrer erfahren hatte, dass diese staatliche Ehrung nicht mit einer Pension verbunden ist, ließ er dem Kaiser durch den Bürgermeister mitteilen, er könnte gern darauf verzichten, weil diese Anerkennung durch seine Majestät mit keinerlei Nutzen für die Armen verbunden sei. Die 12 Franken Gebühr für die Zustellung des Ordens per Post lehnte er ab. Als schließlich sein Vikar Toccanier die Portokosten übernahm, rief der Pfarrer bei Erhalt des Ordens: „Schade! Keine Reliquien!" Von diesen und anderen Auszeichnungen als Beweis seiner Autorität  sagte er: „Wenn ich damit vor Gott erscheine, sagt er mir: Geh! Deinen Lohn hast Du schon erhalten."
Die knappen Aussprüche sagen zwar viel aus über die Persönlichkeit des Pfarrers, vor allem über seine Souveränität solchen Ehrungen gegenüber, aber sie lösen noch nicht das Rätsel seiner Selbsteinschätzung. Sie geben auch kaum einen Hinweis auf das Geheimnis, wo seine ihm selbst so fremde Autorität ihren Ursprung hatte. Offenbar war er sich nicht im Geringsten im Klaren über seine Wirkung.
Zumindest nach seiner langen und lebensbedrohlichen Krankheit 1843 und der Rückkehr nach dem anschließenden Fluchtversuch müsste er doch bemerkt haben, dass die Straßen von Ars sich spürbar geleert hatten und dass auch in der Providence kaum noch eine Schülerin geblieben war, sobald man ihn nicht mehr gesehen hatte. Die Leere sowohl im Dorf; als auch in der geliebten Providence müssen ihm doch mit aller Deutlichkeit gezeigt haben, dass sich alles, aber auch alles in Ars einzig und allein um seine Person dreht. Aber die persönliche Versicherung an jedes einzelne Mitglied seiner Pfarrgemeinde, dass er nach diesem Fluchtversuch Ars nie wieder verlassen werde, schien ihm offenbar Grund genug, die ihm vom Bischof übertragene Aufgabe künftig besser wahrzunehmen. Denn an seinem rätselhaften Bewusstsein der Unwürdigkeit und der Unfähigkeit für diese Aufgabe hatte sich nichts geändert. Im Gegenteil: Dieses Bewusstsein hatte sich durch die Pilgerströme noch intensiviert.
Mit der allerbesten Absicht hatte ihm der Bischof schließlich M. Raymond als Stütze und Kontrolle zur Seite gestellt. Der Vikar hatte dem Pfarrer auftragsgemäß die gesamte Pfarrei-Arbeit abgenommen und noch dazu die Pilgerströme diszipliniert. Der Pfarrer reagierte voller Dankbarkeit und Demut, der rüde Ton seines Vikars schien ihn nicht zu stören. Die Pfarrgemeinde protestierte beim Bischof wütend darüber, wie sie von M. Raymond abgefertigt werde. Vor allem hatte die Gemeinde Angst, dass der Pfarrer in der Behandlung durch M. Raymond einen Anlass sehen würde, endgültig zu gehen. Der Pfarrer aber hatte Angst, M. Raymond zu verlieren. Er versäumte keine Gelegenheit, dem Bischof  die Qualitäten von M. Raymond mitzuteilen. Dass M. Raymond nicht den geringsten Respekt vor der Autorität des Pfarrers zeigte, störte diesen offenbar nicht.
Es dürfte nicht schwer sein, sich in die ständigen Spannungen innerhalb des Vierecks Bischof- Pfarrer-Vikar-Gemeinde zu versetzen. Dazu kamen die beiden Schulen für die Mädchen und die Jungen mit ihren Internaten, die sich über die versiegenden Geldströme von Seiten des Pfarrers beklagten, seitdem M. Raymond in Ars war. Denn alle beim Pfarrer eingehenden Spenden der Pilger unterlagen der Kontrolle durch M. Raymond. Wie der Pfarrer die Scharen der Armen an dieser Kontrolle vorbei mit Geld versorgte, bleibt sein Geheimnis.
Ein weiteres Geheimnis bleibt die Finanzierung seiner ständigen Bautätigkeit. Was er in den 41 Jahren in Ars  neben allen anderen Tätigkeiten auch noch gebaut hat, ist ein gutes Beispiel für  Autorität als Wachsen-lassen im  anschaulichen Sinn dieses Wortes. Von Anfang seines Dienstes bis zu seinem Lebensende geht er daran, die durch die Revolution weitgehend  verwüstete Kirche zu restaurieren, zu vergrößern und zu verschönern. Im ersten Jahr  bringt er Altar und Tabernakel in eine würdige Form, im zweiten Jahr baut er den Glockenturm neu, um dort zunächst eine und 1820 eine zweite neue Glocke aufhängen zu können.  1821 erneuert  und erweitert er die Kapelle der Heiligen Jungfrau. 1822 wird die Kirche mit einer neuen Decke versehen. 1823 baut der Pfarrer die Kapelle des Heiligen Johannes des Täufers. Außerdem erneuert und verschönert er Jahr für Jahr den äußerst ärmlichen Bestand an geistlichen Gewändern und Ornamenten, zum Beispiel drei Banner und einen neuen Baldachin für die Fronleichnamsprozession. 1824 kauft der Pfarrer ein Haus für La Providence . , die er mehrmals erweitert. 1833 baut er die Ecce Homo Kapelle  und läßt  in der Marienkapelle eine vergrößerte Marienstatue mit einem vergoldeten Herzen aufstellen, in das er die Namen aller Pfarrei-Angehörigen einträgt. 1837 baut er die Kapelle der „heiligen“ Philomena mit einer großen Statue dieser Jungfrau und Märtyrerin, die  es vermutlich nie gegeben hat. 1840 baut er die Kapelle der heiligen Engel, 1844/45 erweitert er den Chor der kleinen Kirche. 1847 weiht er die  von ihm gebaute  Kapelle der Providence  Im gleichen Jahr  beginnt er mit dem Bau einer Knabenschule  und einer  eigenen Kapelle. 1855 baut er eine neue Sakristei. Noch in seinem Todesjahr 1859 schafft er einen Marmor-Altar  und einen vergoldeten Tabernakel an und gründet eine Stiftung für eine größere und schönere Philomena-Kirche. Soweit einige Daten seiner Bautätigkeit. Man kann von Glück sagen, dass die Dorfkirche mit all ihren Anbauten und Umbauten nach dem Tod des Pfarrers nicht abgerissen wurde, um der größeren und – nach dem Geschmack der Zeit – schöneren Kirche Platz zu machen. Auf eine Weisung des Papstes, der sich einen  „Komplicen“ des Pfarrers von Ars nannte, wurde die neue Kirche um die alte herumgebaut, um diese im Original zu erhalten.
Zu all diesen Tätigkeiten mit ihren äußeren Schwierigkeiten und inneren Spannungen innerhalb von Ars kamen wie gesagt die ständig anschwellenden Pilgerströme aus aller Welt. Es bleibt schwer zu erkennen, ob und wie weit der Pfarrer sich zugeben musste oder konnte, der  Motor und der Mittelpunkt des Ganzen zu sein, ohne den Ars sich von keinem anderen Dorf unterschieden hätte.
Die ständigen Bitten des Pfarrers an den Bischof, doch endlich gehen zu dürfen und die Gemeinde samt Pilgern M. Raymond zu überlassen, der für diese Aufgabe viel geeigneter wäre, sprechen zwar eine deutliche Sprache, aber des Rätsels Lösung sind sie nicht. Wie also sah der Pfarrer selbst sich?
Die Berufung als Priester, Seelsorger und guter Hirt ganz und gar anzunehmen, kann zwar bedeuten, so weit über sich selbst hinauszuwachsen, dass die eigene Persönlichkeit und ihre Wirkung völlig aus dem Blick gerät. Aber kann ein so wacher Mensch, wie der Pfarrer von Ars es war, ein derart eingeschränktes Selbstbewusstsein gehabt haben? Kann er sich seiner Wirkung derart wenig bewusst gewesen sein?
 Das Wort Gelassenheit kommt, wie anfangs erklärt, von sich lassen auf den Grund, der Jesus ist. Diese Gelassenheit setzt voraus, dass jemand durch seine Berufung die Gnade geschenkt wird, die Kirche „von oben" zu sehen, von „unserer wahren Heimat, dem Himmel her". Der Himmel als unsere wahre Heimat und gleichzeitig als die Wohnung der Heiligen Dreieinigkeit entsprach der Sichtweise des heiligen Pfarrers von Ars. Von dieser Sichtweise war seine Predigt so sehr geprägt, dass ein Bauer aus Ars, wie schon erwähnt, sagen konnte: „Der Pfarrer spricht vom Himmel so vertraut, als hätte er schon dort gewohnt."
Hier mag zumindest eine Annäherung an das Geheimnis der Autorität des Pfarrers zu finden sein, und warum sie ständig wuchs. Die zahllosen Stunden der Anbetung auf den Knien von frühesten Kindheit an haben dem Pfarrer zu jener Gelassenheit inmitten aller äußeren und inneren Zerreißproben seines Lebens verholfen, aus der allein Autorität als Wachsen-lassen entstehen kann.
Als sich auf dem Totenbett des Pfarrers ein Fliegenschwarm in seinem Gesicht niederließ, versuchte Jeanne-Marie Chaney, die einstige Köchin der Providence, ihn sofort davon zu befreien. Mit kaum hörbarer Stimme sagte der Pfarrer: „Lassen Sie doch bitte die Fliegen in Ruhe!"
Danach sagte er zu seinem Hausarzt: „Sie brauchen jetzt nicht mehr zu kommen. Damit es nicht noch teurer wird. Ich habe nur noch 36 Franken."
Schließlich wandte er sich an die  zwanzig Mitbrüder einschließlich des Bischofs, die gekommen waren, um ihm die letzte Kommunion  zu bringen: „Wie gut der liebe Gott ist. Wenn wir nicht zu ihm kommen, kommt er zu uns."
7.01.2011

 

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2010

 

Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Der gute Hirte
Wach sein - Hierarchie als heiliger Ursprung
P. Dr. Michael Marsch OP

 
 
 
Die Mitbrüder des Pfarrers von Ars äußerten sich immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich der Pfarrer kirchliche Weisungen im Gehorsam annahm. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei der Vielzahl seiner Tätigkeiten war ihm nichts so wichtig wie das Stundengebet der Kirche, bei seinen vielen Reisen in die umliegenden Gemeinden war das Brevier oft sein einziges Gepäckstück. Von ihm meinte er, sich nicht trennen zu können.
Warum machte ihm der Gehorsam so wenig Mühe? Wie konnte er bei allen zeitraubenden Anforderungen zur Überzeugung kommen, Gehorsam vermittelt Geborgenheit?
Eine erste Erprobung seines kirchlichen Gehorsams dürfte die Hundert-Kilometer-Fußwallfahrt zur Priesterweihe in Grenoble gewesen sein. Es war die längste Reise, die der Pfarrer je unternahm. Und ungefährlich war sie keineswegs. Denn die Region zwischen Lyon und Grenoble war 1815 von der österreichischen Armee besetzt. Und der kleine Mann mit der schäbigen Soutane, dem Brevier und der eingerollten Albe als einzigen Gepäckstücken schien den Besatzungssoldaten verdächtig. Mehr als einmal entging er nur knapp dem Tod. 
Für diese Herausforderung seines Gehorsams gab es freilich noch eine einleuchtende Erklärung: Nach allen Schwierigkeiten seines Studiums war die Priesterweihe für ihn in so weite Ferne gerückt, dass ihm der Weg nach Grenoble noch relativ kurz erscheinen musste. Das für ihn schließlich doch noch in erreichbare Nähe gerückte Priestertum war für ihn etwas so Großes, dass er sagen konnte: „Richtig verstehen wird sich der Priester erst im Himmel."
Dieser Hinweis auf den Himmel als unsere wahre Heimat, in der sich das hier auf Erden Unverständliche in aller Einfachheit klären wird, mag ein erster Hinweis darauf sein, warum der Pfarrer von Ars es mit dem kirchlichen Gehorsam so relativ einfach hatte, deutlicher gesagt, warum er sich sein Priestertum ohne den Gehorsam gar nicht vorstellen konnte.
Das Wort Hierarchie kann man bekanntlich auf zweifache Weise verstehen. Es kann bedeuten „heilige Herrschaft", aber es kann auch übersetzt werden mit „heiliger Ursprung". Papst Benedikt XVI. sagt, nach seiner Kenntnis der griechischen Sprache liegt die Bedeutung von Hierarchie als „heiliger Ursprung" näher als die andere, die zweifellos verbreiteter ist. Man stellt sich unter kirchlicher Hierarchie meist ein System stufenweisen Aufstiegs vor, bei dem es mehr um Konkurrenz und Machtstreben mit der entsprechenden unfreiwilligen Abhängigkeit geht als um Heiligung und Vollendung. Wenn aber Hierarchie sinngemäß „heiliger Ursprung" bedeutet, dann geht es nicht zuerst um die Kirche als System oder Struktur, sondern um eine geistliche Wirklichkeit, die sich nur von ihrer Herkunft, ihrem Ursprung her verstehen lässt. Das heißt, es geht um Gott, den Schöpfer-Gott, genauer die Heilige Dreieinigkeit als heiliger Ursprung der Kirche. Denn die Kirche verdankt sich der rettenden und erlösenden Menschwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus durch den Heiligen Geist. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt uns: „Die Kirche war schon seit dem Anfang der Welt vorausbedeutet" (Lumen Gentium 2). Nach einem Wort des Hirten von Hermas, in dem die Kirche als alte Frau erscheint, heißt es sogar: „Sie war da, bevor es die Welt gab, und sie wurde für die Welt erschaffen" (Vision 2,4,1). Man kann sagen, Gott schuf die Kirche vor der Schöpfung, um die Katastrophe des Sündenfalls aufzufangen. Der selige Karmeliter Marie-Eugen Grialou formuliert es so: „In der Ewigkeit schaute Gott bereits den totus Christus, die Kirche. In ihr fand er sein Wohlgefallen, sie ist das Meisterwerk seines Erbarmens. Seit Anbeginn der Schöpfung führte Gott alles auf seinen Christus hin" („Ich will Gott schauen" Fribourg 1993, 795).
Wenn also dem heiligen Pfarrer von Ars gegeben war, die Kirche „von oben" zu sehen, von unserer wahren Heimat, dem Himmel her, und wenn er sagen konnte: „Richtig verstehen wird sich der Priester erst im Himmel“, dann verstehen wir auch seinen merkwürdigen Satz etwas besser: „Das Priestertum ist die Liebe im Herzen Jesu." Von ihrem heiligen Ursprung her, nämlich dem „totus Christus", verstehen wir auch die Kirche besser als eine von der Heiligen Dreieinigkeit noch vor der Schöpfung geschaffene Realität, die „seit dem Anfang der Welt vorausbedeutet" ist. Das mag ein erster Hinweis auf das Geheimnis sein, warum für den Pfarrer von Ars sein Priestertum und der kirchliche Gehorsam eine Einheit bildeten.
Dazu aber gehörte für ihn das, was der Ezechiel-Text seines Festtags das „Wächteramt“ nennt: Wir hatten es schon erwähnt: Der Wächter ist vor Gott nicht nur verantwortlich für sich selbst, sondern mehr noch für den Nächsten - und dadurch für die ganze Gemeinde. Bei dieser Verantwortung aber geht es immer um Leben und Tod. Wachsein heißt nicht nur, auf die Einhaltung der einzelnen Gebote Gottes achten, sondern durch die Einhaltung der Gebote als sichtbare Zeichen der unsichtbaren Liebe Gottes mitverantwortlich sein für das Leben des anderen. Diese Verantwortung für das Leben des anderen aber lässt sich nur verstehen von der Hierarchie als heiligem Ursprung, von der lebenspendenden Quelle der Heiligen Dreieinigkeit. Das aber gibt uns einen Hinweis auf die Verbindung von Weihesakrament und Gehorsam im Bewusstsein des Priester Vianney.
Gleichzeitig zeigt es uns auch den Grund seiner Heils-Angst. Sie wurzelt in seinem Verantwortungsbewusstsein als der gute Hirt für die ihm anvertraute Gemeinde. „Ich bin gern Priester – wenn ich nur nicht als Pfarrer vor dem Gericht Gottes zu erscheinen hätte."
Um damit auf die verschiedenen Etappen der Herausforderung seines Gehorsams zurückzukommen: Wir hatten gesehen, die erste Erprobung des Gehorsams durch die Hundert-Kilometer-Fußwallfahrt nach Grenoble verlor alle Härte durch die hohe Motivation der Priesterweihe. Dann aber kam die wohl spannungsgeladenste Veränderung im Leben des jungen Priesters. Die Lebensweise und Verkündigung der rigiden Moral des Jansenismus hatte er von seinem ebenso geliebten wie verehrten Lehrer Pfarrer Charles Balley in Ecully erlernt. Er hatte sie sich mit so viel innerer Überzeugung zu eigen gemacht, als gäbe es gar keine andere Verwirklichung des Priestertums. Mit dieser Überzeugung, die er für das Vermächtnis des von ihm als Heiligen verehrten Charles Balley hielt, war er 1818 als Pfarrer nach Ars gezogen, das als Ort der Strafversetzung für eher unbrauchbare Geistliche bekannt war. Der junge Pfarrer bemühte sich vergeblich, durch die Verkündigung der rigiden Moral des Jansenismus seine Gemeinde aus dem Tiefschlaf der Gleichgültigkeit zu wecken.
Dann aber war 1823 Mgr. Devie zum ersten Bischof der neu errichteten Diözese Belley geweiht worden. Und Mgr. Devie war ein Schüler des hl. Alfons von Liguori. Er schenkte dem jungen Pfarrer von Ars sogleich das zweibändige Werk seines Lehrers. Die Lehre des heiligen Alfons aber stand im bewussten Gegensatz zum Jansenismus. Im Mittelpunkt befand sich die Barmherzigkeit Gottes.
Durch das religiöse Desinteresse der Bauern seiner Gemeinde wenig gefordert, folgte der Pfarrer von Ars in den ersten Jahren den Einladungen der Mitbrüder zu den Missionen in den umliegenden Gemeinden. Und hier geschah, was nicht ohne erhebliche innere Spannungen abgelaufen sein kann: Der Pfarrer von Ars begann die Barmherzigkeit Gottes und die Erlösung durch das Erbarmen des Gottessohnes zu verkündigen. Der anfangs für seine rigide Moral Gefürchtete wurde berühmt und sogar beliebt. Die Kirchen, in denen er predigte, waren bald überfüllt, vor den Beichtstühlen, in denen er saß, stand man Schlange. Man begann, vom „heiligen Pfarrer von Ars" zu sprechen. Sogar in Ars begann man, sich zunächst noch vorsichtig und eher aus Neugier für „unseren heiligen Pfarrer" zu interessieren. Man wollte ihn in Ars gehört haben und sogar in Ars bei ihm gebeichtet haben.
Festzuhalten an diesem zweifellos mit inneren Spannungen geladenen Prozess des jungen Pfarrers etwa zwischen 1823 und 1830 bleibt, dass er durch den Gehorsam seinem Bischof gegenüber und das Hineinwachsen in die neue Lehre des hl. Alfons über die Barmherzigkeit Gottes zu einer völlig unerwarteten Bekanntheit, ja zu einem anfänglichen Ruhm gekommen ist, zunächst außerhalb, dann auch innerhalb von Ars. Auszuschließen ist, was einer seiner Biografen schreibt, dass Vianney sich erst ab 1840 mit Alfons von Liguori beschäftigt hat, also nach dessen Heiligsprechung 1839. Seinem Bischof Devie und dessen Lehre gehorsam, dürfte Vianney sich bewusst der Barmherzigkeit Gottes und seiner Liebe zu den Sündern geöffnet haben, sobald er durch den Amtsantritt von Mgr. Devie 1823 davon hörte. Durch diesen Gehorsam, der ihm nicht leicht gefallen sein dürfte, nämlich durch die Verkündigung der Lehre des hl. Alfons, aber fand Vianney zu seiner priesterlichen Identität als der gute Hirt. Die Barmherzigkeit Gottes und seine unbedingte Liebe zu den schwersten Sündern hat das Wirken des heiligen Pfarrers bis zu seinem Tod geprägt. Die Sehnsucht nach Erlösung führte die Massen der Pilger aus ganz Europa in das winzige Ars. Denn inmitten der Lehre von der Barmherzigkeit Gottes und der Sehnsucht nach Erlösung stand für den Pfarrer immer die alles überstrahlende Wirklichkeit des heiligen Ursprungs, des gekreuzigten und auferstandenen Jesus.
Das heißt aber auch, mit diesem gekreuzigten und auferstandenen Jesus verschmolz der Pfarrer von Ars immer deutlicher zu einer Einheit, genauer gesagt, zur Einheit mit dem leidenden Jesus. Nicht umsonst hat Papst Benedikt XVI. ausgerechnet den heiligen Pfarrer von Ars zum Patron des Priesterjahres ernannt. In den Texten des Papstes heißt es auffallend häufig, durch seinen Glaubensgehorsam durfte Vianney als Priester über sich hinauswachsen, nämlich auf Jesus hin, um ihm immer ähnlicher zu werden.
Um auf die Etappen der Erprobung von Vianneys Gehorsam zurückzukommen: Man wird sagen können, die zu seiner Zeit durchaus nicht selbstverständliche gnadenhafte Sicherheit, dass Gott existiert und dass dieser Gott ein liebender Gott ist, dessen wesentlichste und umfassendste Eigenschaft die Barmherzigkeit ist, begleitete Vianney von frühester Kindheit an. Sie wurde ihm durch das Sakrament der Taufe am Tag seiner Geburt geschenkt und durch die Eltern und die „heimlichen" Priester im Elternhaus vorgelebt. Der Jansenismus und das dreibändige Werk von Bischof Jansenius über den hl. Augustinus mit all seinen grotesken und folgenschweren Missverständnissen konnten an dieser gnadenhaften Grundüberzeugung Vianneys nichts ändern. Alle Schwierigkeiten der kirchlichen Instanzen auf dem Weg zur Priesterweihe vermochten an seiner Liebe zur Kirche als Gottes Liebe zu den Sündern nichts zu ändern.
So gesehen führte Vianneys Gehorsam ihn zur späten Bewusstwerdung dessen, was Gott ihm schon immer als Berufung geschenkt hatte. Dieser Gehorsam führte ihn schließlich zu seiner Identität als Priester, Seelsorger und guter Hirt. Gewiss war es eine große Gnade, dass Vianney durch den Gehorsam zu seinem Bischof um die Lebensmitte zu seiner priesterlichen Identität fand. Denn das war ein entscheidender Schritt des Über-sich-hinauswachsens in Richtung heiliger Ursprung. Es konnte ihm also gar nichts Besseres passieren. Und doch wäre es etwas leichtfertig, daraus den Schluss zu ziehen, für Vianney hätte sich der Gehorsam nur aus einer Reihe glücklicher Fügungen ergeben.
 
Denn wir dürfen über diesen glücklichen Fügungen, unter anderem Mgr. Devie als Bischof bekommen zu haben, nicht vergessen, was den jungen Vianney die erste Lebenshälfte gekostet hat. Durch die Gastfreundlichkeit der Eltern, unter Lebensgefahr die „heimlichen" Priester und andere Arme und Obdachlose aufzunehmen, war schon Jean-Maries Kindheit ständig bedroht von den Grausamkeiten und Wirrnissen der Revolution. Zu diesen Wirrnissen gehörte für das Kind, dass der Dorfpfarrer, der sich durch 40 Jahre Seelsorge das Vertrauen seiner Gemeinde erworben hatte, durch die Unterzeichnung der „Zivilkonstitutionen für den Klerus" von einem Tag zum anderen eine neue Religion zu predigen begann. Welche Erschütterung durch den Zusammenbruch des Kirchenbildes muss sich für den kindlichen Glauben ergeben haben, als Jean-Maries wenige Jahre ältere Schwester ihm sagte, er könne zu dem Gottesdienst in der geliebten Kirche nicht mehr hingehen, er müsste sich jetzt an die Eucharistiefeiern der „heimlichen" Priester im Elternhaus halten? Was konnte ein Wort wie „Glauben" von diesem Tag an für das Kind noch bedeuten, wenn der Priester seinen „Glauben“ von einem Tag auf den anderen wechselte? Wem konnte es überhaupt noch glauben? Und wem aus diesem Glauben vertrauen und gehorsam sein?
Offenbar durch die Standfestigkeit der Eltern hat diese bedrohte Kindheit Jean-Maries Glauben nicht gebrochen, sondern eher noch bestärkt. Und das betraf nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch den gläubigen Gehorsam zur Kirche, wie wir aus den Aussagen über seine durchaus nicht ungefährlichen Prozessions-Spiele und gregorianischen Gesänge mit seinen Alterskameraden schließen können. Weiter ergibt sich seine Treue zur Kirche aus der ersten Beichte im Elternhaus und der Erstkommunion in einem Privatzimmer in Ecully, vor dessen Fenster man etliche Fuder Heu gebracht hatte, um sie vor den neugierigen Blicken der Gendarmen zu schützen.
Dann aber kamen die langen Jahre der Hilfe auf dem elterlichen Hof. Erst nachdem durch Napoleons keineswegs desinteressierte Großzügigkeit der ehemalige Augustiner-Chorherr Charles Balley offiziell als Pfarrer von Ecully eingesetzt wurde und dort 1806 eine Schulklasse mit zwei Schülern errichtete, bemühte sich Jean-Marie mit 20 Jahren vergebens, korrekt lesen und schreiben zu lernen. Der ehemalige Novizenmeister Balley erkannte zwar in dem religiösen Eifer des jungen Vianney sehr bald die priesterliche Berufung. Und Vianney hatte in seinem Lehrer einen Heiligen ausgemacht und bemühte sich mit allen Kräften, dessen strengen Anforderungen der Lebensweise und der Bildung zu genügen, sein Eifer und seine Begeisterung aber änderten nichts an seinen begrenzten Fähigkeiten.
Völlig versagte Vianney bei dem Versuch, das für das Priesterseminar unerlässliche Latein zu lernen. Durch die kirchliche Ordnung, die eine solide Kenntnis des Lateinischen zur Erlangung der Priesterweihe vorsah, schien das innerste Verlangen Vianneys, geheiligt zu werden durch die Priesterweihe wie dieser Heilige, den er vor Augen hatte, in eine endlose Ferne zu rücken. Die Unmöglichkeit der Priesterweihe durch die Unfähigkeit zu lernen, führte ihn in eine schwere Depression. In seiner Verbundenheit mit Christus wollte er zwar der Kirche und ihrer Ordnung gehorsam sein. Aber er sah täglich deutlicher seine Unfähigkeit - und durch diese die Unmöglichkeit, den kirchlichen Anforderungen zu genügen. Die Firmung als Stärkung durch den Heiligen Geist und eine Fußwallfahrt zum heiligen Francois Régis in La Louvesc halfen nur wenig, die schwere Krise zu überwinden.
Allein das Vertrauen von Pfarrer Balley in Vianneys priesterliche Berufung und den Beistand Gottes und seiner Mutter Maria verliehen dem immer stärker von Zweifeln an seiner Eignung geplagten Jean-Marie die geistliche Kraft, sich im Gehorsam zur heiligen Kirche allen zur Priesterweihe erforderlichen Examen zu stellen – und diese Examen tatsächlich zu bestehen.
Balleys Tod relativ bald nach Vianneys Priesterweihe, dessen Versetzung als Pfarrer nach Ars und Mgr. Devies Ernennung zum ersten Bischof der neuen Diözese sowie dessen Verbreitung der Lehre des hl. Alfons von Liguori waren sicher Zeichen einer Kette göttlicher Fügungen. Aber die Herausforderung des Gehorsams in der ersten Lebenshälfte von Jean-Marie Vianney kann darum keineswegs als „billige Gnade" bezeichnet werden.
Die Schule des Gehorsams und des Über-sich-hinauswachsens des Priesters in Richtung des heiligen Ursprungs in der ersten Lebenshälfte sollte sich dennoch als entscheidend erweisen für das völlig Unerwartete, das in der zweiten Lebenshälfte auf ihn zukam. Dieses völlig Unerwartete war die Aufgabe, als der gute Hirt gleichzeitig der ihm anvertrauten Pfarrgemeinde gerecht zu werden und den Tausenden Pilgern aus aller Welt zur Verfügung zu stehen, die nach Ars geströmt kamen. Wir hatten es schon mehrmals gesagt: Das Bewusstsein seiner Unwürdigkeit und Unfähigkeit wurde dadurch nicht geringer, sondern es wurde durch den ständig anschwellenden Pilgerstrom eher noch intensiver. „Meine Versuchung ist nicht der Stolz, eher die Verzweiflung", antwortete der Pfarrer seinem Vikar Toccanier auf dessen verständliche Frage, ob ihm der Ruhm nicht irgendwann zu Kopf steigen könnte.
Die Herausforderung des Gehorsams während der ganzen zweiten Lebenshälfte durch den ständig anschwellenden Pilgerstrom, den wachsenden Ruhm des Pfarrers und das gleichzeitig wachsende Bewusstsein seiner Unfähigkeit war also nicht gering. Sie bestand in der mit äußerster Disziplin im Zaum gehaltenen Sehnsucht, „sein armes Leben in der Einsamkeit zu beweinen und für die Bekehrung der Sünder zu beten". Die drei aufeinander folgenden Bischöfe des Pfarrers von Ars mussten jeweils schriftliche Erlässe herausgeben, mit denen sie dem Pfarrer untersagten, das Dorf und die Gemeinde Ars zu verlassen. Alle Bitten des Pfarrers, endlich gehen zu dürfen, bewirkten eher das Gegenteil. Und doch kam es zu den schon mehrfach erwähnten drei Fluchtversuchen des Pfarrers aus Ars, die jeweils durch eine innere Stimme, der er den Gehorsam nicht zu verweigern vermochte, relativ schnell ein Ende fanden – nämlich durch die Rückkehr nach Ars. Vom letzten Versuch 1853 heißt es, die Gemeinde hätte ihren Pfarrer zurückgetragen in den Beichtstuhl von Ars. Aber auch das wurde nur möglich, nachdem eine innere Stimme ihn zur Aufgabe seines Eigenwillens bewogen hatte. Als Akt des Gehorsams fand er die ersehnte Einsamkeit schließlich als „Gefangener des Beichtstuhls" von Ars, wie ihn Papst Johannes XXIII. nannte.

So viel freiwilliger Gehorsam der Kirche gegenüber wie beim Pfarrer von Ars findet eine Erklärung allein in der Liebe zu Christus als dem heiligen Ursprung. Diese Liebe führte den Pfarrer zu einer immer intensiveren Einheit sowohl mit sich selbst als auch mit Christus. Der Gehorsam zur Kirche half ihm, diese Einheit dort zu finden, wohin Gott ihn gerufen hatte. Die Aufgabe des guten Hirten sollte sich erfüllen in der Einsamkeit des Beichtstuhls. Dort wurde ihm die erlösende Gegenwart der Barmherzigkeit Gottes in ihrer ganze Fülle geschenkt, nämlich in der Gemeinschaft mit den Sündern und in der Gemeinschaft mit ihrer Sehnsucht nach Erlösung.

23.12.2010

 

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Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Der gute Hirte
Mitleiden – Kirche als Leib Christi
P.Dr. Michael Marsch O.P.

 
Einen „bedauerlichen Störfall des 19.Jahrhunderts" nannte ein Freidenker aus der Umgebung von Ars das Leben des heiligen Pfarrers, als dieser 1859 gestorben war.
Der wissenschaftliche Atheismus des 19.Jahrhunderts feierte sich gern selbst mit seinen großen Denkern wie Darwin, Marx und Nietzsche. Ihnen aber standen so „bedauerliche Störfälle“ gegenüber wie der heiligen Pfarrer von Ars, die heilige kleine Therese von Lisieux und der selige Kardinal Newman. Diese „Störfälle“ allerdings meinte man ruhigen Gewissens vergessen zu können.
Wir müssen uns freilich fragen, ob dieser kleine heilige Pfarrer wirklich nur den wissenschaftlichen Atheismus des 19. Jahrhunderts gestört hat, der sich schon auf dem Gipfel seines Triumphes wähnte. Vielleicht ist der heilige Pfarrer von Ars sogar für die heilige Kirche des 19. und der folgenden Jahrhunderte zu einem Störfaktor geworden, den man am liebsten gar nicht mehr wahrhaben möchte. Als Papst Johannes Paul II. bei der Planung seines Pastoralbesuches in Frankreich 1986 eine Andeutung machte, er wolle von Paris einen Abstecher nach Ars machen, bat ihn ein Teil der Französischen Bischofskonferenz, doch bitte darauf zu verzichten, um einem als Vorbild für die Pastoral so unzeitgemäßen Priester wie Jean-Marie Vianney nicht noch mehr unnötige Aufmerksamkeit zu verleihen, als ihm durch seine Heiligsprechung 1925 und seine Erhebung zum Patron aller Pfarrer 1929 schon gewidmet worden ist. Aber entgegen dem Wunsch der Bischofskonferenz hielt Papst Johannes Paul II. am 6. Oktober 1986 einen Einkehrtag für 6000 Seminaristen, Priester und Bischöfe in Ars. Dabei sagte er unter anderem: „Im Pfarrer von Ars haben wir einen unvergleichlichen Hirten. Er bleibt für uns alle ein unerreichtes Vorbild, sowohl in der Ausführung des Dienstes als auch in der Heiligkeit des Dieners." Dennoch schaffte es die Kirche des 20. Jahrhunderts, den heiligen Pfarrer von Ars weitgehend zu vergessen.
Im 21. Jahrhundert erklärte Papst Benedikt XVI. den heiligen Pfarrer von Ars zum Patron des Priesterjahres 2009/2010. Zum Abschluss dieses Priesterjahres sagte er am Herz-Jesu-Fest 2010 vor 17.000 Priestern und Bischöfen in Rom: „Vom Pfarrer von Ars haben wir uns führen lassen, um Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes neu zu verstehen... Der Priester tut etwas, das keiner aus sich heraus tun kann: Er spricht im Namen Christi das Wort der Vergebung für unsere Sünden, und er ändert so von Gott her diesen Zustand unseres Lebens."
Noch heute fragen sich Theologen, wie ein so gebildeter Papst einen so ungebildeten Pfarrer zum Patron des Priesterjahres ernennen konnte. Noch immer scheint dieser Priester „ohne Theologie", wie manche meinen, der bedauerliche Störfall eines gewissen kirchlichen Betriebs.
Wodurch wirkt dieser Pfarrer mehr als 150 Jahre nach seinem Tod immer noch so störend in jenem kirchlichen Betrieb, dem Papst Benedikt durch das Priesterjahr neue Akzente zu setzen versuchte?
Das Thema des guten Hiren war zweifellos der umfassendste Aspekt der Berufung des Pfarrers von Ars. Schon der fünfjährige Bub ist vom Vater als Hirt des einen Esels und der zwei oder drei Schafe, die der Familie gehörten, ausgesandt worden. Und er hat diese Sendung des Hirten zur Sendung des guten Hirten werden lassen, indem er heimlich beim Hüten der Tiere seinen Kameraden die frohe Botschaft verkündete. Mit ihnen hat er Prozessionen zur Ehre Gottes veranstaltet, heimlich und unter Lebensgefahr durch die Guillotine der Revolution.
Dabei war es bereits für den Hirtenbub selbstverständlich, die Kirche „von oben" zu sehen: von unserer wahren Heimat, dem Himmel her. Kardinal de Bonald, der damalige Erzbischof von Lyon, hatte das bei einem Besuch im Pfarrhaus von Ars wenige Jahre vor dem Tod des Pfarrers gesagt: „Der sieht die Kirche von oben.“ Ein Bauer aus Ars hatte es drastischer ausgedrückt: „Der Pfarrer redet so vertraut vom Himmel, als hätte er da schon gewohnt.“
Wir wissen nicht, wo und wie der junge Vianney die Gnade dieser für ihn so selbstverständlichen Sichtweise empfangen hat, ob nur vom konkreten Glauben der Eltern oder auch von den „heimlichen" Priestern, die zur Zeit der Revolution im Elternhaus aus- und eingingen.
Auf jeden Fall war diese Sicht der Kirche „von oben" schon für das Kind verbunden mit einer anderen Tatsache: Christ sein heißt mitleiden, weil Christen durch die Taufe leidende Glieder werden an dem einen Leib Christi. Durch das Sakrament der Taufe dürfen wir uns geborgen fühlen in der Kirche als Leib Christi, denn diese Kirche ist eben keine Organisation und kein Verein, sondern ein uns von Gott geschenkter lebendiger Organismus. Jedes Glied an diesem Leib ist gleich würdig und gleich wichtig, weil jedes Glied gleich mit Christus leidet und dadurch beiträgt zur Erlösung aller Menschen.
Dass alle Menschen mitwirken dürfen an der Erlösung durch die Taufe heißt nicht nur, dass jeder Mensch geborgen ist im Leib Christi als eines seiner Glieder, sondern auch dass jeder wach sein muss für die Bedürfnisse der anderen. Kirche „von oben" sehen, heißt nicht nur, ihre Hierarchie als heilige Herrschaft zu verstehen, sondern auch als heiligen Ursprung. Als heiliger Ursprung durchflutet die Hierarchie den ganzen Leib Christi mit lebenspendender Heiligkeit. Diese Heiligkeit der Kirche hat Jean-Marie schon als Hirtenjunge seinen Kameraden vermittelt. Durch sein Leben als Pfarrer hat er es mit seiner Gemeinde in Ars und mit den Tausenden Pilgern, die sich dort um ihn scharten, zu teilen versucht. Darin bestand seine Berufung zum guten Hirten.
Ist Hierarchie das Wachsein für den heiligen Ursprung, dann kann Autorität keine Machtausübung sein. Das ist auch gar nicht der Sinn dieses Wortes. Autorität kommt vom lateinischen Verb augere und bedeutet „Wachsen lassen". Die sprichwörtliche Gelassenheit, mit der Jean-Marie Vianney von seiner so bedrohten Kindheit bis zu seinem letzten Atemzug den äußeren Ereignissen wie den inneren Spannungen begegnete, dürfte sich kaum anders als aus der geschenkten Sicht der Kirche „von oben" erklären lassen: Bei aller Einsicht seiner Unwürdigkeit und Unfähigkeit konnte er nichts anderes tun, als mit Gott zusammen die Schöpfung staunend und dankbar wachsen zu lassen.
Was bedeutete für den heiligen Pfarrer von Ars Kirche als Mitleiden am Leib Christi? Fangen wir beim Anfang an: mit der Aussage seiner älteren Schwester, man haben den Dreijährigen zwischen zwei Kühen versteckt auf den Knien betend gefunden.
Wir können dem dreijährigen Jean-Marie nicht gut unterstellen, er hätte erfasst, was die Französische Revolution mit all ihrem Grauen und ihren Wirrnissen für die Zukunft Europas bedeutete. Er kann mit seinen drei Jahren auch kaum gewusst haben, dass die „heimlichen" Priester, die in seinem Elternhaus ein- und ausgingen und dort Messen hielten und Beichten hörten, für ihren Glauben ihr Leben riskierten. Es dürfte aber nicht übertrieben sein zu sagen, es gab bereits bei dem Dreijährigen eine Intuition: Das Einswerden mit Christus ist eine Wirklichkeit auf Leben und Tod. Diesem Einswerden mit dem leidenden Christus aber verdankt er nicht nur seine Predigt, sondern seine Berufung zum guten Hirten.
Steht man staunend vor diesem Leben und fragt sich, wie hat der Pfarrer das alles aushalten können, von den Belastungen seiner Kindheit über die qualvollen Studienjahre bis zu dem Pilgeransturm der späten Jahre, und mehr noch die damit verbundenen psychischen Zerreißproben und geistlichen Spannungen, dann gibt es nur eine Annäherung an dieses Geheimnis: das Einswerden mit dem leidenden und liebenden Christus, dem Gekreuzigten wie dem Auferstandenen.
Aber diese Christusnähe war nicht nur eine unendlich intime und darum individuelle Beziehung, sondern sie war von frühester Kindheit bis zu seinem Tod verbunden mit dem Leib Christi, mit jedem einzelnen Glied und dem gesamten Organismus dieses Leibes, der Kirche.
Nur dann, wenn einem von Anfang an geschenkt worden ist, diesen lebendigen Organismus von seinem heiligen Ursprung, von unserer wahren Heimat im Himmel her zu leben, wird man ihn auch als „Kirche" erleben können, als die durch die Taufe „Herausgerufenen", in deren Gemeinschaft man sich geborgen fühlen darf. Jean-Marie Vianney ist am Tag seiner physischen Geburt getauft worden, also geistlich geboren worden. Das war zwar damals vielerorts üblich, es dürfte aber trotzdem kein Zufall gewesen sein. Denn seine Zugehörigkeit zur Kirche dürfte ihn so entscheidend geprägt haben, als sei diese mystische Zugehörigkeit zum Leib Christi identisch mit der physischen Zugehörigkeit zu seiner Familie. Das heißt aber auch, Mitleiden an diesem Leib war für ihn von Anfang seines Lebens an eine so selbstverständliche Gegebenheit, dass er sich gar nichts anderes vorstellen konnte. Und Mitleiden bedeutete nicht nur eine passive Wirklichkeit, an der man nichts ändern konnte, weil sie vorgegeben war, sondern Mitleiden bedeutete auch Mitverantwortung als aktive Realität des guten Hirten.
In der Liturgie zum Fest des heiligen Pfarrers von Ars findet sich die Ezechiel-Stelle vom Wächter, der vor Gott verantwortlich ist – verantwortlich nicht nur für sein eigenes Leben, sondern mit derselben Intensität verantwortlich für das Leben des anderen und der Gemeinschaft. Diese Mitverantwortung, das Wächteramt als Aspekt des Mitleidens am Leib Christi, dürfte zumindest eine gewisse Annäherung an die geheimnisvolle Heils-Angst des Pfarrers von Ars bedeuten, die ihn bis an sein Lebensende nicht losgelassen hat, sich als Pfarrer für seine Gemeinde vor dem Gericht Gottes verantworten zu müssen. Denn bei aller Intensität hatte auch diese Heils-Angst nichts Krankhaftes. Als ein Aspekt des Mitleidens am Leib Christi ist sie eher gebunden an die Mitverantwortung des Wächters als des guten Hirten.
Hat man schon sehr früh die Gnade empfangen, die Kirche als Leib Christi von unserer wahren Heimat, dem Himmel her, zu verstehen, dann ist auch selbstverständlich, dass diese Kirche auf Erden als Leib Christi niemals vollendet sein wird. Das heißt, sie wird immer lebendig bleiben, wie bedroht ihr Leben auch erscheinen mag von außen und von innen. Aber lebendig bleiben heißt auch, sie wird immer improvisiert bleiben, immer sich weiter entwickeln, niemals etwas Abgeschlossenes, Vollendetes haben. Das hat Jean-Marie Vianney von seiner Geburt in die Revolution hinein bis zu dem permanenten Chaos der nicht enden wollenden Pilgerströme seiner letzten Lebensjahre zu spüren bekommen. Und wenn er diese oft genug zwischen den Extremen hin und her schwankende Improvisation mit einer derartigen Gelassenheit hinnehmen konnte, dass mehrere Biografen von einer „ausgewogenen Lebensweise" sprechen, dann verdankt er diese Gelassenheit ganz offensichtlich der Sicht „von oben": Das Unvollendete, ständig Improvisierte, bedeutete für ihn Kirche als Leib Christi.
Mitleiden, Mitverantworten, Mitimprovisieren: Das verbirgt sich für den guten Hirten in dem einen Satz: „Ich will dir den Weg zum Himmel zeigen." Dass dieses „Pastoralprogramm" des guten Hirten nicht am Schreibtisch entstanden ist, und dass der Pfarrer von Ars dieses Wort vermutlich niemals gebraucht hätte, weil es ihm gar nicht in den Sinn gekommen wäre, zeigt sich am nächsten Satz. Beim Anblick des winzigen Dorfes Ars soll der Pfarrer eine innere Stimme gehört haben: „Es werden Mengen hierher strömen, die dieser Ort nie zu fassen vermag." Ob der Pfarrer wirklich in diesem Augenblick solche oder ähnliche Worte vernommen hat, werden wir nie wissen. Sicher scheint seine Vorahnung von etwas Unfassbarem gewesen zu sein, das er später mit „mein Karneval" bezeichnete. In diesem Karneval hat er einen dreißigjährigen Anschauungsunterricht erhalten, dass Kirche nichts anderes sein kann als beständige Improvisation.
Das aber heißt unter anderem, Kirche als Leib Christi kann die verschiedensten und unerwartetsten Formen annehmen. Der Grundton bei diesem Thema mit Variationen aber bleibt: Der Pfarrer kann sich sein Christsein gar nicht anders vorstellen, als eines der leidenden Glieder am Leibe Christi zu sein, wenn auch in jeder Beziehung das unwürdigste und unfähigste Glied.
Und dieser Beziehungen gab es nun wirklich nicht wenige: Zunächst war es die ihm anvertraute Gemeinde mit ihrer ganzen Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit allem Religiösen oder gar Heiligen gegenüber, das der Pfarrer ihr vermitteln sollte und wollte. Dann waren es die Beziehungen zu den Mitbrüdern, die von dem „Neuen" vor allem seine Schlussnote imPriesterseminar von Lyon im Kopf hatten: „Völlig unfähig." Durch die Einladungen der Mitbrüder aber kamen trotzdem die Missionen in den umliegenden Dörfern zustande. Dort hatte sich zum Erstaunen der Mitbrüder so etwas gebildet wie eine Paragemeinde, der der Pfarrer seine erste Bekanntheit als Beichtvater und sogar die Bezeichnung eines „heiligen Pfarrers von Ars" verdankte. Damit verbunden war – wie konnte es anders sein – der Neid und die Verdächtigungen der Mitbrüder. Sie schrieben an den Bischof, den Pfarrer von Ars baldmöglichst zu versetzen wegen seiner Inkompetenz.. Die Gemeinde von Ars aber schrieb an den Bischof, dem Pfarrer die häufige Abwesenheit zu untersagen und ihn vor allem nicht zu versetzen. Der Pfarrer gründete darauf sechs Laiengemeinschaften, um auf diese Weise dem Zugang zu den Sakramenten in Ars eine gewisse Regelmäßigkeit und Intensität zu verleihen.
In einer derart von Gott verlassenen Gemeinde wie Ars den Himmel wieder auf die Erde zu holen, erreichte der Pfarrer als der gute Hirte noch auf eine andere Weise: Er gründete eine kostenlose ganzjährige Mädchenschule, die er La Providence nannte, weil sie sich allein aus der Vorsehung Gottes finanzieren musste. Aber mit dieser Gründung verfolgte der Pfarrer noch ein anderes Ziel: Es ging ihm nicht nur um die Bildung der jungen Mädchen, er wollte sie nicht länger als billige Arbeitskräfte auf den Höfen ihrer Familien lassen, vor allem nicht als Objekte der Lustbarkeit der jungen und nicht mehr ganz jungen Männer in den Wirtshäusern. Über kurz oder lang würden diese Wirtshäuser schließen müssen, denn ohne die jungen Mädchen verloren sie ihre Attraktivität. Dadurch änderte sich der Charakter des Dorflebens. Durch die tägliche 11-Uhr-Katechese des Pfarrers in der Providence, an der nicht nur die Schülerinnen teilnahmen, sondern nach und nach auch die Eltern, wurden die Dorfbewohner langsam, aber sicher zu einer christlichen Gemeinde. Nach zehn Jahren konnte der gute Hirt sagen: „Ars ist nicht mehr Ars."
Wenn die Spenden zur Finanzierung der Providence zu versiegen drohten, erbat der Pfarrer andere Zeichen der Vorsehung, nämlich Wunder. „Und alle wurden satt", wie es in der Heiligen Schrift heißt. Die Wunder in Ars aber zogen die Pilger von auswärts an. Pilger aus Neugier, wer wohl dieser heilige Pfarrer von Ars war, hatte es früher schon einige gegeben. Aber als sich herumsprach, dass dieser heilige Pfarrer auch Wunder wirken konnte, wurden aus den Dutzenden Hunderte pro Tag. Alle waren sie Leib Christi, und jeder einzelne Pilger ein Glied an diesem Leib. Jeder wollte beim heiligen Pfarrer beichten. Und jede Beichte wollte der Pfarrer auf sich nehmen. Das war sein Mitleiden am Leib Christi. Und wenn dieser Karneval aus Neugierigen, Bigotten, Zynikern, Frommen, Freidenkern und Geschäftstüchtigen Frucht getragen hat, dann sicher zu einem guten Teil durch dieses Mitleiden des Pfarrers mit jedem einzelnen Glied.
Wie in dem Seminarteil über die Beichte schon erwähnt, soll der Pfarrer eine Million Beichten gehört haben. Jede einzelne dieser Beichten machte er zu seiner eigenen, weil er sich für jeden Beichtenden vor Gott verantwortlich fühlte. Allerdings konnte er auch die Lossprechung verweigern oder eine Beichte gar nicht anhören, wenn er „wusste", hier kommt einer, der nur von der Neugier getrieben ist.. Ging es dem Beichtenden weder um die Erkenntnis noch um das Bekenntnis der Sünden, schon gar nicht um die Reue und Bekehrung, dann hatte eine Beichte für den Pfarrer keinerlei Sinn. Denn die erlösende Begegnung mit dem Erbarmen Gottes konnte nicht geschehen, wenn sie nicht gewollt war.
 Der Tatsache, dass der Pfarrer von Ars jede einzelne der Million von ihm gehörten Beichten auf sich nehmen wollte, liegt ein Bewusstsein zugrunde, das eng mit dem Bewusstsein vom Leib Christi verbunden ist. Er wusste, wie es eine Gemeinschaft der Heiligen gibt, so gibt es auch eine Gemeinschaft der Sünder. Das lateinische Wort für die Gemeinschaft der Heiligen, communio sanctorum, lässt sich auf zweifache Weise übersetzen: die Gemeinschaft des Heiligen, das sind die heiligen Sakramente der Kirche, oder aber die Gemeinschaft der Heiligen, das sind die heiligen Menschen. Der Tradition entsprechend geht die Gemeinschaft der heiligen Sakramente der Gemeinschaft der heiligen Menschen voraus, denn die Menschen werden erst zu einer heiligen Gemeinschaft durch die heiligen Sakramente. Ähnlich werden erst durch das Begehen der Sünde die Menschen zu einer sündigen Gemeinschaft. Wie es keine Sünde gibt, die ohne Wirkung bleibt auf das Gesamtverhalten eines Menschen, so gibt es auch keine Sünde des einzelnen, die ohne Wirkung bleibt auf die Gemeinschaft aller Menschen.
Der Pfarrer von Ars wollte nicht nur die einzelne Sünde des einzelnen Sünders durch die Beichte geheilt sehen, sondern den ganzen Leib Christi. Denn durch jede einzelne Sünde wird unvermeidbar Christus weh getan. Der Pfarrer wollte jede einzelne Sünde auf sich nehmen, um Christus die Verletzungen zu ersparen. Dadurch sollte dem Teufel der „Sieg" der Zerstörung des Leibes Christi genommen werden.
Die Frage liegt nahe: Wie hat der Pfarrer diesen ständigen Kampf dreißig Jahre à fünfzehn Stunden pro Tag durchgehalten? Man ist versucht hinzuzufügen: und das völlig auf sich gestellt, völlig allein? Aber genau das wäredie falsche Frage, denn er war eben nicht allein. Der Pfarrer von Ars lebte nicht nur in der ständigen Einheit mit Jesus und seiner Mutter Maria, sondern er wusste sich ständig umgeben von der Gemeinschaft der Heiligen und einem Heer von Engeln, auch wenn er sich je länger, desto intensiver für das unwürdigste und unfähigste Glied am Leib Christi hielt.
Versuchen wir abschließend, einige wenige der vielen Früchte aufzuzählen, die sich aus dem Mitleiden an der Kirche als Leib Christi ergaben. Wir hatten es schon wiederholt erwähnt: Die körperlichen Heilungen, die in Ars durch das Gebet und das Mitleiden des Pfarrers geschahen, waren ihm peinlich. Weil er sich ihrer nicht für würdig hielt, überließ er sie der Fürbitte der heiligen Philomena. Man hat etwa dreißig medizinisch nicht erklärbare Heilungen ärztlich bestätigt. Blinde und Taube konnten wieder sehen und hören, Gelähmte wieder gehen, Verkrüppelte richteten sich auf und sprangen davon. Einige dieser Heilungen geschahen in Verbindung mit den Sakramenten: Nach der heiligen Kommunion fand ein stummes Mädchen die Sprache wieder, bei der Kommunion wurde eine Blinde sehend. Besonders bezeichnend für die Realität des Leibes Christi scheint die im vorigen Seminarteil erwähnte Heilung eines verkrüppelten Jungen, der nach der Beichte seiner Mutter erst krabbelte, dann aufsprang und durch die Kirche davonlief, um sich auf dem Vorplatz auszutoben. 
Wesentlicher aber als die körperlichen waren dem Pfarrer die geistlich-seelischen Heilungen durch das Sakrament der Beichte. Es ging ihm dabei nicht nur um die Bekehrung, sondern vor allem um die Begegnung mit der Liebe Jesu, konkret um die Geborgenheit im Leib Christi. Weil man diese Heilungen nicht sah, waren sie statistisch schwer zu erfassen. Ein Dämon schleuderte dem Pfarrer aus einer besessenen Person entgegen: „87.000 hast du uns entrissen!" Einem anderen Dämon ist der Satz entfahren, der noch bezeichnender sein dürfte für die Wirkung des Pfarrers als guter Hirt: „Drei von deiner Sorte auf der ganzen Welt – und unser Reich wäre erledigt!"
Ein besonders lebendiges Zeugnis für das Wirken des Pfarrers als der gute Hirt und seiner Sicht der Kirche als Mitleiden am Leib Christi sind die von ihm gegründeten Laiengemeinschaften zur Intensivierung des Gemeindelebens und die von ihm inspirierten Lebensgemeinschaften, die durch sein Gebet oder durch seine Begleitung entstanden. Man spricht wenig von ihnen, aber sie existieren zum Teil noch heute unter verschiedenen Formen und Namen als bleibende Frucht .

Wie sehr bis zuletzt die Gemeinde dem Pfarrer von Ars als dem guten Hirten am Herzen lag, lässt sich aus der Tatsache ersehen, dass ihm trotz aller Pilgerströme in seinem Todesjahr nicht entgangen war, dass fünf von den fünfhundert Seelen seiner Gemeinde an Ostern nicht zur Beichte und zur heiligen Kommunion erschienen waren. Er war sicher, dass er für sie bei Gott Verantwortung tragen müsste. 
14.12.2010
 

 

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                             Priestersitz in der Basilika in Ars



 

 

 

 

 
 

 

                     

 

 

  

 

                  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 


 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

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