Textsammlung
Leben aus der Vorsehung Gottes nach dem hl. Pfarrer von Ars
Amtspriestertum des geweihten Priesters und allgemeines Priestertum aller Getauften beim hl. Pfarrer von Ars
P. Dr. theol. Michael Marsch O.P., Heiligkreuztal
Auf Empfehlung von Pfarrer Balley wird Jean-Marie Vianney am 13. August 1815 mit 29 Jahren von Bischof Simon in Grenoble völlig allein zum Priester geweiht. Am 14. August, dem Vorabend von Maria Himmelfahrt, feiert er seine erste heilige Messe: „Gäbe es etwas Größeres als die Eucharistie, Gott hätte es uns gegeben.“ „Was ist der Priester etwas Grosses! Was ein Priester wirklich ist, werden wir erst im Himmel erfassen. Würden wir es schon auf Erden verstehen, so würden wir sterben, nicht vor Entsetzen, sondern vor Liebe!“ Das bezog sich nicht auf sein Priestertum: „Hätte Gott ein schlechteres Werkzeug, er hätte womöglich das schlechtere geweiht.“
Von 1816 bis 1818 wird er als Vikar zu seinem Fürsprecher Balley in Ecully geschickt. Nach dessen Tod 1818 wird er zunächst zum Pfarr-Administrator und 1821 zum Pfarrer von Ars berufen.
Der Eifer, mit dem sich Vianney in diesem von Gleichgültigkeit geprägten Dorf ans Werk macht, lässt sich keineswegs nur mit seiner jugendlichen Begeisterung erklären. Vianneys Sache ist auch nicht die Abwehr des Rationalismus und des Atheismus, von denen die Philosophie und weite Bereiche der Theologie dieser Zeit geprägt sind. Auch den Jansenismus einer übertriebenen Askese kann man für die Lebensart des Pfarrers von Ars nicht verantwortlich machen. Der Schlafentzug und der Nahrungsentzug der frühen Jahre sowie seine stundenlangen Gebete auf dem eiskalten Steinboden der Kirche mögen uns heute eher bizarr vorkommen. Um es noch einmal zu sagen: Die Biografen stimmen überein in der Betonung der Ausgewogenheit seiner Lebensweise. Sie machen geltend, wer bei solch einem Arbeitspensum 73 Jahre alt geworden ist, kann nicht gegen seine Natur gelebt haben. Sein Tagewerk beginnt mit dem Aufstehen um 1 Uhr und zunächst 3 Stunden Anbetung auf den Knien, um 7 Uhr heilige Messe, um 11 Uhr Katechismus, in der Mittagszeit Familienbesuche, am Nachmittag Krankenbesuche und am Abend Vesper mit Predigt – dazu ab 1830 täglich 16 Stunden Beichthören bei zwei bis vier Stunden Schlaf und einer oder zwei Mahlzeiten im Stehen. Und das fast 30 Jahre bis zu seinem Tod. Der Hausarzt sagte: “Ich weiß nicht, wie das möglich war.“
Gibt es außer dem Feuer seiner Gottesliebe und der Leidenschaft für das Heil der Seelen überhaupt eine Erklärung für Vianneys ungewöhnliches Wirken in Ars? Vielleicht können wir von einer prophetischen Vorwegnahme dessen sprechen, was das Zweite Vatikanische Konzil mehr als hundert Jahre nach Vianneys Tod über das einzige Priestertum Jesu Christi und die Hingabe des Amtspriesters an das Priestertum Jesu sagt. So jedenfalls geht es hervor aus dem Einkehrtag von Papst Johannes Paul II. am 6.Oktober 1986 in Ars und den Exerzitien von Kardinal Schönborn Ende September 2009 vor 1200 Priestern aus 78 Ländern - in Ars.
Zum Versuch einer Annäherung an das Geheimnis des heiligen Pfarrers von Ars werden wir also außer der Heiligen Schrift und seinen eigenen Texten die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Katechismus der Katholischen Kirche zur Hand nehmen müssen. Damit wollen wir herauszufinden, was der Pfarrer von Ars als Priester seinen Gläubigen durch die Sakramente der Taufe, der Eucharistie und der Beichte zu vermitteln suchte und wie das geschehen ist.
Was aber sagt uns das Zweite Vaticanum über die Zuordnung des Amtspriestertums der geweihten Priester einerseits und des allgemeinen Priestertums aller Getauften andererseits zum einzigen Priestertum Jesu Christi? Hören wir zunächst den entscheidenden Text aus der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen Gentium) und dann dessen Auslegung im Katechismus der Katholischen Kirche. In Lumen Gentium 10 heißt es zum allgemeinen Priestertum aller Getauften: „Christus, der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebräer 5,1-5), hat das neue Volk ‚zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht’ (vgl. Apk 1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist (das heißt durch die Taufe) werden die Getauften zu einem geistigen Bau und zu einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken ... geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht geführt hat (vgl. 1 Petr 2,4-10). So sollen alle Jünger Christi ausharren im Gebet und Gott loben (vgl. Apg 2,42-47) und sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen (vgl. Römer 12,1). Überall auf Erden sollen sie für Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von der Hoffnung auf das ewige Leben, die in ihnen ist (vgl. 1 Petr 3,15)“ (LG 10,1).Dieser ganze erste Abschnitt von LG 10 bezieht sich also ausschließlich auf das allgemeine Priestertum aller Getauften und nimmt damit „alle Getauften“ in die Pflicht, ihre Würde und die sich daraus ergebende Verantwortung für die Evangelisierung deutlich werden zu lassen.
Erst im zweiten Abschnitt desselben Paragraphen LG 10 ist dann die Rede vom Amtspriestertum des geweihten Priesters: Wie und wodurch sich das Amtspriestertum des geweihten Priesters vom allgemeinen Priestertum aller Getauften unterscheidet, auch wenn beide immer auf das einzige Priestertum Jesu Christi bezogen bleiben. In Lumen Gentium 10, Abschnitt 2 heißt es dazu: „Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nämlich bildet Kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gottes dar, die Gläubigen hingegen wirken Kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe“ (LG 10,2).
In diesem zweiten Absatz von LG 10 findet sich der große Zankapfel über die Art des Dienstes der Amtspriester. Wir dürfen nicht als Haarspalterei für Fachtheologen verkennen, was bis heute direkt oder indirekt einen erheblichen Einfluss auf die Beziehung von Priestern und „Laien" (Getauften) hat, vor allem aber auf das Selbstverständnis der Amtspriester und ihren Dienst innerhalb der Kirche. Denn man kann das vom Konzil Gesagte auch heute nicht ernst genug nehmen.
Selbst wenn es mehr als 40 Jahre her ist, erinnere ich mich noch sehr gut, wie wir uns als Studenten und frisch geweihte Priester lustig gemacht haben über jene „Theologen von gestern“, die aus den Konzilstexten eine Sonderstellung des Priesters herauslesen wollten, so als wäre der Priester ein höheres Wesen, das sich durch diese Wesensverschiedenheit von den gewöhnlichen Sterblichen, den „Laien“ unterscheidet. Wir fragten uns, ob wir durch das Weihesakrament, das wir in dem Durcheinander von 1968 empfangen hatten, tatsächlich zu besseren Menschen und zu höheren Wesen, also zu einer Art Elite-Christentum geworden waren. Sollte diese Unterscheidung wirklich die große Neuigkeit und die Zukunftsvision des Konzils über die Identität des Priesters gewesen sein? Ich weiß noch, wie wir sogar im Kloster am liebsten in Zivil herumliefen, nur um uns mit dieser „weltfremden“ Sicht des Priesters durch das Konzil nicht identifizieren zu müssen.
Zum Nachdenken über den umstrittenen Konzilstext von Lumen Gentium 10 kam ich erst Jahre später. Nach meiner psychotherapeutischen Ausbildung am C. G. Jung-Institut in Zürich war ich zwei Jahre im Therapiezentrum der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ tätig. Dort hatte ich als Patienten eine Reihe junger Männer, die sich nach ihrer Priesterweihe zunächst für die Ehe und dann für einen anderen Beruf entschieden hatten. Einige wenige von ihnen meinten, „es geschafft“ zu haben. Sie schienen glücklich verheiratet, und sie hatten es zu einer Familie mit fünf Kindern und einer ansehnlichen Stellung in der Industrie gebracht. Aber selbst diese wenigen klagten weiter über eine tiefinnere Wunde, die nach ihrer Erfahrung noch kein Psychotherapeut zu heilen vermochte. Sie sagten übereinstimmend, diese tiefinnere Wunde ließe sich auch nur schwer beschreiben. Ich musste ihnen sagen, dass bei allem Verständnis für ihren tiefen Schmerz auch ich mich außerstande sähe, diese Wunde zu heilen. Ob die Sakramente der Kirche das vermögen, musste ich offen lassen, denn diese tiefinnere Wunde wäre auf ihre Untreue zu jener wesensmäßigen Veränderung zurückzuführen, die den Getauften durch das Sakrament der Priesterweihe gnadenhaft verliehen ist.
Erst diese für meine Patienten schmerzhafte Erfahrung einer offenbar unheilbaren Wunde durch ihre Untreue zur Christus-Gnade hat meine feststehende Meinung über die Bedeutung von Lumen Gentium 10 gründlich ins Wanken gebracht. Ich musste einsehen lernen, dass es nicht stimmt, dass die Priesterweihe den Getauften in seinem Wesen unverändert lässt. Ich musste auch einsehen lernen, dass ich eine falsche Vorstellung von der Solidarität des Priesters mit den Laien hatte. Ich hatte gemeint, wenn ich als Priester etwas anderes als die anderen Menschen dem Grade und nicht dem Wesen nach bin, dann wäre ich durch die Priesterweihe eine Art post graduate, den anderen überlegen, weil um einiges gebildeter als sie. Später lernte ich die Präzision des Katechismus der Katholischen Kirche schätzen, der in seiner Auslegung von LG 10 sehr deutlich sagt, worin dieser Unterschied zwischen dem allgemeinen Priestertum aller Getauften, also der Laien, und dem Amtspriestertum der geweihten Priester besteht: „Das amtliche oder hierarchische Priestertum der Bischöfe und Priester und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen nehmen ‚auf je besondere Weise an dem einen Priestertum Christi’ teil und sind ‚einander zugeordnet’, unterscheiden sich aber doch ‚dem Wesen nach’ (LG 10). Inwiefern? Während das gemeinsame Priestertum der Gläubigen sich in der Taufgnade, im Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, im Leben gemäß dem Heiligen Geist vollzieht, steht das Amtspriestertum im Dienst dieses gemeinsamen Priestertums. Es bezieht sich auf die Entfaltung der Taufgnade aller Christen. Es ist eines der Mittel, durch die Christus seine Kirche unablässig aufbaut und leitet. Deshalb wird es durch ein eigenes Sakrament übertragen, durch das Sakrament der Weihe“ (KKK 1547).
In diesem Text wird deutlich, worin der Unterschied zwischen dem Amtspriestertum des geweihten Priesters und dem allgemeinen Priestertum aller Getauften besteht: Das Amtspriestertum ist ein Mittel zum Zweck, während das allgemeine Priestertum aller Getauften auf den Zweck selbst hingeordnet ist. Die Mittel sind nicht der Zweck, sie dienen dem Zweck. Der Zweck der Werke Gottes ist unser Weg zum Himmel; zu unserer Glückseligkeit, unserem ewigen Glück. Die Aufgabe des geweihten Priesters, der diesem Zweck dienen soll, ist also genau das, was der Pfarrer von Ars mit den Worten beschrieben hat: „Ich will dir den Weg zum Himmel weisen“. Der Pfarrer von Ars wusste in seinem Herzen, dass diese Wegweisung zum Himmel ein sehr demütiger Dienst sein würde, nämlich das Volk Gottes „zu bilden und zu leiten“. Und der Pfarrer von Ars wusste auch, dass im Zentrum dieses Dienstes als seine ständige Kraftquelle aus der Taufe das eucharistische Opfer stehen würde, das er als geweihter Priester „in persona Christi“, in der Person Christi, darzubringen hätte.
Versuchen wir in drei Schritten klarzustellen (die ich sinngemäß den Priester-Exerzitien in Ars von Kardinal Schönborn übernehme), worum es in den so aktuellen und nach wie vor zukunftsweisenden Konzilstexten geht – und inwiefern der heilige Pfarrer von Ars durch sein ganzes Leben diese so wichtige Lehre der Kirche prophetisch vorausgenommen hat.
Erster Schritt: Was heißt in dem Konzilstext Lumen Gentium 10 „wesensmäßig und nicht nur dem Grade nach“? Bestände der Unterschied zwischen dem Amtspriestertum und dem allgemeinen Priestertum aller Getauften tatsächlich in einem gewissen Grad, dann wäre das Amtspriestertum der geweihten Priester nichts anderes als eine größere moralische Vollkommenheit oder ein höherer Tugendgrad. Priester werden hieße dann, ein besserer Christ zu werden, eine Art Elite-Gläubiger gegenüber dem Volk, also den „Laien“. Das ist aber nicht so! Tugendgrade der Vollkommenheit gibt es ausschließlich in der Heiligkeit. Der Heiligkeit sind keine Grenzen gesetzt, sie kann einsame Höhen erreichen. Wer Priester oder Bischof oder Papst wird, wird dadurch nicht automatisch heiliger. Wenn zum Beispiel Johannes Paul II. relativ schnell selig gesprochen werden wird, dann nicht deswegen, weil er Papst geworden ist, sondern wegen jener Heiligkeit, die er sich durch die Art der Ausübung seines Dienstes als Priester, Bischof, Papst erworben hat.
Zweiter Schritt: Inwiefern ist nach dem Konzilstext Lumen Gentium 10 die Weihe der Priester keine Diskriminierung der nur Getauften? Wäre das Amtspriestertum, das durch das Weihesakrament verliehen und empfangen wird, tatsächlich ein Unterschied „dem Grade nach“, so wären die Vorwürfe der Diskriminierung, das heißt des Ausschlusses aller Frauen und aller verheirateten Männer vom Weihesakrament, berechtigt, denn den Frauen wäre allein durch ihr Frausein oder den Männern allein durch ihr Verheiratetsein der Zugang zu einem höheren Grad des Christseins verwehrt. Niemand, keiner Frau und keinem verheirateten Mann, ist es aber verwehrt, heiliger zu werden als alle anderen. Aber eben: die großen Heiligen wie der Pfarrer von Ars hielten sich immer für die größten Sünder.
Dritter Schritt: Was heißt nach dem Konzilstext Lumen Gentium 10 „Christus ähnlich werden“? Allen Christen gemeinsam ist der Ruf zur Heiligkeit, weil Christus als der eine Hohepriester der eine Heilige ist. Amtspriester als Werkzeuge Christi zu sein und “in persona Christi“ am Altar zu stehen, bedeutet darum aber noch nicht, in allen Lebensbereichen, in Gedanken, Worten und Werken fehlerfrei und sündenfrei zu sein. Als Werkzeuge Christi tragen wir den Schatz der Priesterweihe in „irdenen Gefäßen“, wie der Apostel Paulus sagt. Und Paulus weiß auch, warum das so ist: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit der Überschwang an Kraft Gott zugemessen und nicht von uns hergeleitet werde“ (2 Kor 4,7).
Dem Apostel folgend ist der Katechismus der Katholischen Kirche eindeutig: „Die Gegenwart Christi im Amtsträger ist nicht so zu verstehen, dass dieser gegen alle menschlichen Schwächen gefeit wäre: gegen Herrschsucht, Irrtümer, ja gegen Sünde. Die Kraft des Heiligen Geistes bürgt nicht für alle Taten der Amtsträger in gleichem Maße. Während bei den Sakramenten die Gewähr gegeben ist, dass selbst die Sündhaftigkeit des Spenders die Frucht der Gnade nicht verhindern kann, gibt es viele andere Handlungen, bei denen das menschliche Gepräge des Amtsträgers Spuren hinterlässt, die nicht immer Zeichen der Treue zum Evangelium sind und infolgedessen der apostolischen Fruchtbarkeit der Kirche schaden können. ... Das Priestertum ist ein Dienst“ (KKK 1550).
Zusammenfassend hören wir noch einmal den Konzilstext über die Taufe als Priestertum aller Gläubigen, nämlich wie die Taufe alle zu „Mitbürgern der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ werden lässt. Der Text zeigt uns, was der heilige Pfarrer von Ars durch den Dienst in seiner Gemeinde vorausgenommen hat und dadurch die Gläubigen zu einer „königlichen Priesterschaft“ (1Petr 2,9) werden ließ: „Durch die Taufe der Kirche eingegliedert, werden die Gläubigen durch dieses Prägmal zur christlichen Gottesverehrung bestellt und ‚wiedergeboren zu Kindern Gottes’ sind sie gehalten, den von Gott durch die Kirche empfangenen Glauben zu bekennen“ (LG 11).
6.03.2010
Beten für die Priester
Heinrich-Maria Burkard, 2. Impuls beim Treffen der JMVB-Gebetgemeinschaft in Kaufbeuren am 20.02.2010 Kaufbeuren
Sendung der Priester ist es den Leib Christi aufzubauen, damit dieser wächst und gedeiht, dass Christus lebendig da ist und Er sein Werk tut. Christus möchte uns in sich umformen.
Jean-Marie Vianney litt unter dem Auseinanderbrechen seiner eigenen Familie. Durch mehrere unglückliche Umstände folgte Vianney seinem Einberufungsbefehl nicht und galt als fahnenflüchtig. Sein Bruder musste an seiner Stelle in den Krieg ziehen und kam nicht mehr nach Hause. Kurz nach der Rückkehr Vianneys starb seine Mutter, was ihn ein Leben lang belastete. Das machte ihn sensibel für die Familie Gottes, dass dieser Leib geheilt und geheiligt wird.
Heilige vermitteln uns einen Vorgeschmack auf den Himmel, den ich euch wünsche. Wir haben die gleiche Gnade wie die Heiligen. Die Heiligkeit Gottes ist eine Einladung für unsere eigene Heiligkeit, die Gott will. Wir müssen lernen im Umgang mit unserer Gebrochenheit und Unzulänglichkeit Mittel zur Heilung anzuwenden. Beim Pfarrer von Ars war dies: wachen (wach sein), in Beziehung sein (Gebet) und Hingabe. Der Akt der Heilung, Heiligung ist die Beichte, hier hat Gott volles Vertrauen zu seinen Priestern. Gläubige und Priester gehören zusammen, brauchen einander.
Wie kann uns die Heilung und Heiligung unserer Gebrochenheiten erreichen?
Gottes Werk ist nicht aufzuhalten! Es gilt, sich nicht von der Oberflächlichkeit, Verbürgerlichung und Verweltlichung anstecken zu lassen, sondern von der Leidenschaft Gottes für das verletzte Schaf. Priester sollten äußere Aktivitäten und Erwartungen herunterschrauben. Das geht auch mit Verabschiedung von vertrauten Dingen und Entlastung von der Verwaltungsarbeit einher. Die Heiligung des Gottesvolkes, dafür lebt die Kirche! Der priesterliche Dienst ist angefochten, wenn der Priester nur funktionieren soll. Der Priester ist das große Geschenk Gottes an sein Volk, die volle Liebe Christi. Gott wirkt durch schwache Priester, die hingebungsvoll ihren Dienst tun und diese Wirkung ist nachhaltig!
Wie können wir in guter Weise füreinander beten?
Gott lädt uns ein, Leib Christi zu sein. Wir sind ein Leib, jeder und jede hat seine eigene Sendung. Lassen wir uns vom Pfarrer von Ars inspirieren einfache Mittel in Treue anzuwenden. Jeder und jede ist berufen, auf eigene Weise zu beten. Gott liebt die Vielfalt. Es gilt in Ehrfurcht zu schätzen, wie Gott jeden einzelnen führt z. B.: durch einfache Gebete als Notproviant, Rosenkranz, Anbetung, Schrei des Herzens nach Gott. Jesus weint über Jerusalem, deren Kinder er sammeln wollte, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt (Mt 23,37). Können wir nicht einmal mehr wie ein Küken nach seiner Mutter zum Herrn schreien? Jesus lädt uns zu solch einem vertrauensvollen “Kükengebet” ein, zu einem einfachen Eingeständnis der eigenen Armut und Gebrochenheit.
Wir haben auch die Einladung zu seiner Leidenschaft - an seinen Leiden teilzuhaben. Hier gilt es allerdings zu unterscheiden, was soll ich tragen, was nicht, Leiden nicht fraglos hinzunehmen, auch den Mut haben zu widersprechen (Konfrontation mit der Wirklichkeit). Tragen wir unsere Bitten mit den Heiligen vor Gott, bitten wir ihn auch um die Gabe der Unterscheidung!
Mit allen Menschen gleich umzugehen, ist die größte Ungerechtigkeit!
Geistlicher Kampf –
Wüstenväter haben sich bei einer Begegnung gefragt: Wo kämpfst du gerade?
Ich bin bedroht, werde attackiert, welche Mittel wende ich an (Eph. 6,10-20)? Gebrauchen wir das Wort Gottes als Waffe, um unseren Glauben in absolutem Vertrauen zu leben. Jesus hält dem Versucher das Wort Gottes entgegen (Evangelium vom 1. Fastensonntag Lk.4,1-13). Innere Einreden vom Versucher, das sind Attacken, die vor allem von unseren Wunden ausgehen. Böses beginnt immer mit negativen inneren Einreden - Widerspruch beginnt in uns selbst (auf uns, auf die anderen, auf Gott). Es laufen innerlich Kommentare ab. Hier gilt es die Kommentare wahrzunehmen - zu erkennen - zu unterbinden - unterbrechen zu lassen, das braucht das Wort Gottes. Es ruft zur Wachsamkeit, Gebet und Umkehr auf.
Geistliche Fruchtbarkeit erfordert sich aufzuopfern, sich mit Jesus zu verbinden bis in die Hingabe hinein. Dienst wird zum Gebet, zum Alltag ja zu sagen, alles auf das glühende Herz Jesu legen, sich verglühen zu lassen. Zölibat heißt geistlich fruchtbar zu werden, Vater und Mutter zu werden, ist Hingabe für das Volk Gottes.
Nehmen wir die Gaben des Heiligen Geistes an, damit auch die Priester ihre Gaben annehmen können!
28.02.2010 Protokoll Elisabeth Johann
Leben aus der Vorsehung Gottes nach dem hl. Pfarrer von Ars
Heinrich Maria Burkard, 1.Impuls beim 1. Treffen der JMVB-Gebetsgemeinschaft in Kaufbeuren 20.02.2010
Die Vorsehung spielte eine zentrale Rolle im Leben des Pfarrers von Ars. Sein Leben verlief nicht geradlinig, er war sehr unsicher und traute seinen Fähigkeiten ein Leben lang nicht. “Ich habe nichts anderes als mich festzuhalten an dir, du großer Gott!“
Durch die Taufe haben wir ein neues Verhältnis zu Gott (Röm.8, 15-17), ein Fundament des Vertrauens, das uns trägt. Kindschaft ist eine unauslöschliche Beziehung, die Taufe ein unauslöschliches Prägemal. Gott bleibt mir verbunden, seine Liebe bleibt mir, er sucht mich ein Leben lang.
Mit dem Erbe des Vaters hat der Pfarrer von Ars das Grundstück für die Providence gekauft. „Ich lebe vom himmlischen Vater.“ Diese Erbschaft schafft Vertrauen!
Ein Mensch, der weiß, dass er von Gott kommt, weiß auch, wohin er will. Der Pfarrer von Ars wurde getragen von der konkreten Kirche, wusste aber auch um ihre Gebrochenheit. Er hielt sich für den größten Sünder. Wegweiser, Wegbegleiter zum Himmel zu sein, hielt er für seine Berufung. Er hatte eine tiefe Kindbeziehung zu Gott, Jesus war sein Freund und Wegbegleiter. Er war tief berührt von der Eucharistie, weil er dort die ganze Liebe Jesu erfahren hat. Er führte sein Leben im Angesicht Gottes, wusste sich in seinen Blick genommen, von ihm betrachtet und getragen. So konnte er den Menschen ins Herz schauen.
Er entwickelte eine tiefe Leidenschaft mit Jesus zu leiden, sah die Lieblosigkeit der Menschen. Das Kreuz ist da, um Frieden in die Welt zu bringen, die Furcht vor dem Kreuz vermehrt unser Kreuz. Den Weg Jesu zu leben, die Leiden anzunehmen, die Leidenschaft Gottes für den Menschen anzunehmen, dazu braucht es die Gnade. Die ganze Schöpfung sehnt sich nach dem ursprünglichen Zustand des Heils, des Heilseins (Röm. 8,18-23). Der Schlüssel dazu ist der Mensch. Es liegt an uns, ob die Welt zum Teufel geht oder bewahrt bleibt.
Der Pfarrer von Ars hat um jede einzelne Seele gekämpft. Er litt sehr darunter, dass am Ende seines Wirkens von seinen 500 Pfarrkindern immerhin fünf nicht bei der Osterbeichte waren. Er fragt sich bis zuletzt, was wohl mit diesen fünf geschieht. Er wollte wirklich alle. Der gute Hirt sieht auch das letzte Schaf. Die Menschen haben seine Verbundenheit mit Christus gespürt. Durch seine einfache Art haben sie sich ins Herz getroffen, sich berührt gefühlt. Oft hat hier ein einziges Wort genügt.
Wir leben in der Hoffnung, nicht in der Erfüllung (Röm. 8,24-30). In der Krankheit sind wir auf Hoffnung angewiesen, Hoffnung ist aber nicht gleich Erwartung. Wir brauchen Geduld, die Bereitschaft zu leiden, völlig loszulassen, die eigenen Unzulänglichkeiten auszuhalten, passiv zu sein, den Reinigungsprozess zuzulassen, alles von Gott zu erwarten, auszuharren, wann, wo und wie Gott die Dinge löst.
Durch die Taufe betet, liebt, hofft Gott in uns. Nicht wir sind es, sondern es ist sein Werk, das er in uns vollendet und tut. Gott wirkt in unserer Schwachheit und Unzulänglichkeit. Wir sind keine Macher, Gott macht! Sind wir innerlich beim Herrn, zählt, was er will, nicht, was wir oder andere möchten.
Der Heilige Geist, der Herabgerufene (Advocat), Maria, die Hinzugerufene (Advocata) helfen uns in die Haltungen Mariens hineinzuwachsen. Wenn der Heilige Geist die Form Mariens in uns findet, stürzt er sich sofort in uns. Maria hat die Dinge, die sie nicht verstanden hat, in ihrem Herzen erwogen. Sie fragt nach: „Wie soll das geschehen?“ Sie bekommt ein Zeichen, eine Person genannt, bei der Gott gewirkt hat, Elisabeth. Danach verließ sie der Engel. Maria macht sich auf den Weg zu ihrem Zeichen, auf den Weg des Vertrauens.
Für den Pfarrer von Ars war Katharina Lassagne sein Zeichen. Sie war seine Vertrauensperson, absolut verschwiegen, teilte seine Liebe zu den Armen, Schwachen und Waisenkindern.
Die Menschen brauchen Zeichen. Nicht durch Worte, sondern durch ihre Haltung, durch ihren Dienst führt Gott alles zum Guten.
Alles, was ist, darf sein! Alles, was ist, ist erlösungsbedürftig! Alles was ist, muss der Verherrlichung Gottes dienen! (Don Bosco)
Auch das Gute, nicht nur das Böse ist erlösungsbedürftig. Wir sind dazu berufen, an seinem Wesen und seiner Gestalt teilzuhaben.
24.02.2010 Protokoll Elisabeth Johann
Herzreliquie des Pfarrers von Ars