Textsammlung
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Teil II: Beichte (Fortsetzung)
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Teil II: Beichte
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Teil I: Beichte
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Teil II: Beichte
„Sie nehmen den kleineren Teil der Buße, den größeren nehme ich.“
P. Dr. Michael Marsch, Heiligkreuztal
Das Wort grappin bedeutet ursprünglich einen kleinen Anker oder großen Angelhaken, heute auch einen mechanischen Greifarm. Es ist verwandt mit dem deutschen grabschen oder grappen im Sinn von greifen, raffen. Die Bauern von Ars bezeichneten damit eine kleine Holzgabel zur Kartoffelernte. Der Pfarrer von Ars nannte den Teufel grappin, um sich über seine Albernheit und Raffgier lustig zu machen. „Der Dämon ist zwar wirklich bösartig, er will alles für sich, aber er ist auch wirklich dumm.
Durch ihn habe ich erfahren, wie viel sich in Ars an Gutem tut“, sagte der Pfarrer am Ende seines Lebens. Am Anfang seiner Zeit in Ars, so gesteht er seinem Bischof, hatte er Angst. Denn er wusste nicht, wo die ungewöhnlichen Geräusche im Pfarrhaus herkamen. Durch die Angst aber hatte er gemerkt, es ist der Teufel: „Denn der liebe Gott macht keine Angst.“ - „Der Teufel aber kann nichts machen ohne die Erlaubnis Gottes.“ Damit hatte der Pfarrer Macht und Ohnmacht des Bösen benannt.
Nicht gebührend wichtig genommen oder gar verachtet zu werden, aber mag der Teufel gar nicht. Denn seine liebste Eigenschaft ist der Stolz. „Ihr werdet sein wie Götter“, hatte die Schlange zu Adam und Eva gesagt. Damit hatte sie die beiden ersten Menschen verführt mit dem falschen Versprechen, dass sie Gut und Böse erkennen würden. Aber Adam und Eva erkannten nur, dass sie nackt waren – und das erfüllte sie mit Angst und Scham vor Gott und vor einander. In diese erste Lüge aber hatte die Schlange noch eine zweite, womöglich noch infamere Lüge einfließen lassen, und zwar so raffiniert, dass Adam und Eva sie zunächst gar nicht bemerkten (und die meisten Exegeten bis heute nicht). Um gleichzeitig Zweifel und Zwietracht zu säen, hatte sich die Schlange zunächst nicht an Adam und Eva als Paar gewandt, sondern an Eva allein. Im Text steht: „Sie (die Schlange) sagte zu der Frau: Hat Gott das wirklich gesagt?“ (Gen 3,1). Danach aber fuhr die Schlange im Plural fort, als wäre das schon immer so gewesen, als hätte sie von Anfang an zu Adam und Eva gesprochen: „Ihr werdet sein wie Götter“. Durch diesen Trick der Schlange wurde die von Gott geschaffene Harmonie des Paares zu Zweifel und Zwietracht - und zu dem „zum verzweifelnden“ Alleinsein des Menschen. Die Infragestellung der Gabe Gottes war perfekt. Die Menschen wurden zu einsamen Konsumenten voller Angst und Scham, weil sie nicht merkten, wie ihnen durch die Absonderung von Gott geschah. „Vater der Lüge“, nennt der Evangelist Johannes den Teufel (Joh 8,44).
Der heilige Pfarrer von Ars ist bekannt geworden durch seine intensiven Auseinandersetzungen mit dem grappin. Aber er sah keinerlei Grund, diese Störungsversuche zu überschätzen: Verängstigte Besucher wusste er zu beruhigen: „Ich weiß, das ist nur der grappin. Das genügt mir. Seit wir mit einander zu tun haben, sind wir gleichsam Kameraden.“
Der Teufel erscheint nicht gern im Licht, seine Welt ist eher die Finsternis und das Unbewusste, aber gerade deswegen lohnt es sich, seine Machenschaften durch den heiligen Pfarrer von Ars ans Licht zu holen. Vom Pfarrer von Ars kann man außerdem lernen, die Verwirrspiele des Teufels mit Gelassenheit zu nehmen – und mit einer guten Dosis Humor. Aber man würde dem Pfarrer Unrecht tun, versuchte man seine Auseinandersetzungen mit dem Bösen aus einer falschen Diskretion – deutlicher gesagt aus Angst – zu bagatellisieren oder zu psychologisieren.
Die vom Teufel so geliebte Überschätzung seiner Person kann sich auf vielerlei Weise ausdrücken: Martin Luther hat gesagt, wenn man schon nicht tut, was der Teufel will, so ist er doch recht zufrieden, wenn man viel und recht häufig von ihm spricht.
Weil der Teufel kein Anfänger ist und es ihm an Phantasie nicht mangelt, den Menschen Angst einzujagen, sie zu verwirren und sie dadurch von Gott und dem Heiligen abzubringen, konnte es im Pfarrhaus recht dramatische Szenen geben. Durch die Reaktionen der Beteiligten entbehrten sie nicht der Tragikomik. Nachdem der Pfarrer durch die zunächst nicht identifizierbaren Geräusche Angst bekommen hatte – er vermutete Einbrecher, die von der Anschaffung wertvoller Ornamente für die Kirche Wind bekommen hatten - lud er sich den kräftig gebauten Schmiedegesellen Vérchère ein, einige Nächte im Pfarrhaus zu verbringen. Aber hören wir von Vérchère selbst, was er beim Diözesanprozess über das von ihm im Winter 1823/24 Erlebte zu sagen hatte: “Während mehrerer Tage hörte Monsieur Vianney in seinem Pfarrhaus außergewöhnliche Geräusche. Er wusste nicht, wo sie herkamen, und vermutete Diebe... Monsieur Vianney kam und sagte zu mir: ‚Nachts höre ich immer Lärm. Ich weiß nicht, ob das Diebe sind. Wollen Sie mal im Pfarrhaus schlafen kommen?’ – ‚Aber gerne, Herr Pfarrer, und mein Jagdgewehr werde ich auch laden.’ Als die Nacht anbrach, begab ich mich ins Pfarrhaus. Bis gegen zehn Uhr wärmte ich mich und sprach mit dem Pfarrer. Dann ging ich schlafen in dem Zimmer, das er mir angewiesen hatte. Gegen ein Uhr morgens hörte ich wild am Schloss der Haustür rütteln. Gleichzeitig hörte ich etwas wie Donnerschläge gegen diese Türe, das hallte wie Gewitterdonner durch das ganze Pfarrhaus. Ich sprang aus dem Bett, griff mein Gewehr und riss die Tür auf, um zu schauen, was da los war. Gesehen habe ich gar nichts. In einem anderen Teil des Pfarrhauses ging der Krach weiter, wenn auch weniger stark. Während dieses Lärms, also etwa fünf Minuten, zitterte das ganze Pfarrhaus. Angst hatte ich keine, nur meine Beine fingen zu zittern an, und das habe ich noch acht Tage lang gespürt.“
Vérchère ergänzt dann noch, der Pfarrer habe ihn eingeladen, doch mal während des Tages vorbei zu kommen, aber er hätte ihm geantwortet: „Nie wieder. Und wenn überhaupt, dann nur zu zweit.“ Darauf hätte der Pfarrer zwei andere junge Leute kommen lassen.
Einem Mitbruder vertraute der Pfarrer an: „Zunächst hatte ich tatsächlich Angst, weil ich nicht wusste, was das ist, aber jetzt muss ich immer lachen – und ich freue mich sogar: Das ist ein gutes Zeichen, am nächsten Tag gibt es immer einen guten Fang.“ Das war das Entscheidende für den Pfarrer. Der „gute Fang“ am nächsten Morgen: Menschen würden von weit her kommen, um ihre schweren Sünden loszuwerden, das würde eine Befreiung geben. Ein ganzes Leben würde sich ändern, Gott und seine Barmherzigkeit würden von neuem die Mitte dieses Lebens bilden. Das würde den Teufel gründlich ärgern, und darüber konnte man sich nur freuen.
Was der Teufel veranstaltete, um dem Pfarrer Angst zu machen, war nicht gerade wenig. Über der Decke seines Schlafzimmers gab es Geräusche, „als führen alle Wagen Frankreichs darüber“, die Möbel fuhren in der Stube herum, das Bett samt Pfarrer wurde verschoben, die Vorhänge am Bett des Pfarrers wurden aufgeschlitzt, singende Ratten huschten über das Bett, in dem der Pfarrer schlief, im Kamin sang eine Nachtigall, im Hof hörte man Stimmen: „Hau ab, Vianney, hau endlich ab!“, manchmal hielt ein ganzer Trupp von Dämonen im Pfarrhof „Parlamentssitzungen“, wie der Pfarrer sagte. Einmal wurde sein Bett angezündet, als er gerade schon gegangen war. Auf die alarmierende Nachricht vom brennenden Bett lächelte der Pfarrer beim Gebet in der Kirche: „Den Vogel wollten sie, den Käfig haben sie erwischt.“ Der „dicke Fisch“ am nächsten Morgen war ihm wichtiger – und an solchen „dicken Fischen“ sollte es in Ars nicht mangeln. Sie kosteten den Pfarrer nicht gerade wenig: Einen doppelten Leistenbruch „behandelte“ er selbst mit den beiden Daumen, seine ständigen Kopfschmerzen waren zu Zeiten derart, dass er nicht einmal im ungeheizten Pfarrhaus eine Nachtkappe tragen konnte. „Das Leben ist wie ein langer Winter“, pflegte er zu sagen, „aber das ist bald vorbei.“ - „Krankheiten und Versuchungen sind wie Kreuze, die zum Himmel führen, aber das Kreuz ist die Leiter zum Himmel.“ – „Das Kreuz ist eine Gabe Gottes für seine Freunde.“ - „Hätte ich nicht dem lieben Gott versprochen, mich nicht zu beklagen, dann würde ich jetzt klagen.“ - „Aber nein, wir haben uns über nichts zu beklagen.“ – „Ein Leben lang ist es mir schlecht gegangen, aber das hat mir gut getan.“ – „Leiden in Liebe ist kein Leiden mehr.“
Diese Aussagen des Pfarrers von Ars zeigen, woher unser fast schon zur Norm gewordenes Klagen kommt, wie schlecht es uns geht und was uns alles fehlt: Unsere Unzufriedenheit kommt vom Bösen. Der heilige Augustinus sagt, das Böse hat kein eigenes Sein, es ist eine privatio boni, ein Mangel an Gutem. Aber gerade darum greift das Böse nach uns, um unsere Unzufriedenheit zu vermehren.
Aus dieser Erfahrung heraus ist der Pfarrer bereit, nicht nur dieses Leben hinzugeben: „Ich bin bereit, hundert Jahre länger auf der Erde zu bleiben, um auch nur eine Seele mit Gott zu versöhnen.“ Mit anderen Worten, um die Menschen aus dem Zugriff des Bösen und des Selbstmitleids zu befreien,
ist der Pfarrer bereit, den größeren Teil der Buße, die er den Beichtenden aufgab, auf sich zu nehmen. Zunächst gab es dafür einen ganz praktischen Grund: Die vielen Beichtenden, die von weither kamen, würde er vermutlich nie wiedersehen. Er hatte also keinerlei Möglichkeit der Kontrolle, ob sie wirklich anhaltend tun würden, was er ihnen aufgetragen hatte, um zu einem neuen Leben zu finden. Vor allem aber konnte er nicht wissen, ob sie sich nicht nur von Gott die Sünden vergeben ließen, sondern bereit sein würden, sich selber zu vergeben. Um wirklich frei zu werden, mussten sie bereit sein, die Erinnerung an jene Sünden loszulassen, die Gott ihnen längst im Sakrament vergeben hatte. Nicht umsonst hatte der Pfarrer gesagt: „Bei der Lossprechung wirft Gott die Sünden hinter seinen Rücken.“ Er wollte die Menschen in die Freiheit führen: weg von den Sünden und hin zu Christus.
Die Gelassenheit und der Humor, mit denen der Pfarrer von Ars dem Teufel und den Dämonen begegnete, mögen noch so erstaunlich sein – sie dürfen nicht für Leichtfertigkeit gehalten werden. Aus Erfahrung wusste er sehr genau, mit wem er es zu tun hatte, dass mit diesem „Kameraden“, wie er sich ausdrückte, nicht zu spaßen war. Im Gegenteil: Zu einem ernsthaften Christenleben gehört es dazu, andauernd auf der Hut zu sein und sich auch vor Auseinandersetzungen nicht zu scheuen. Denn der Pfarrer hatte es in seinem eigenen Leben zur Genüge feststellen können: Gerade diejenigen, die ihren Glauben ernst nahmen, waren für den Teufel interessant. Ihnen versuchte er mit allen nur erdenklichen Mitteln, das tägliche Handwerk der liebenden Gottesbeziehung zu vermiesen. Laue Christen interessieren den Teufel wenig. Die hat er durch ihre Gleichgültigkeit ohnehin in der Hand. Diese Beobachtung brachte den Pfarrer zu so harmlos klingenden, aber so inhaltschweren Aussprüchen wie: „Die schlimmste Versuchung ist, keine zu haben.“ Denn: „Solange es einen einzigen Christen auf der Welt gibt, wird ‚er’ ihn versuchen.“ Darum gilt: „Ein Christ muss jederzeit zum Kampf bereit sein.“ Denn: „Man muss nicht glauben, dass es einen Ort auf der Erde gibt, wo wir diesem Kampf entfliehen könnten.“ Aber „Diese Kämpfe stellen uns an den Fuß des Kreuzes, und das Kreuz ist die Pforte zum Himmel.“
Aus dieser reichen eigenen Erfahrung des Pfarrers, aber zweifellos auch aus seiner nächtlichen Lektüre der Kirchenväter, ergibt sich eine ganze Schule des Umgangs mit den alltäglichen Versuchungen - und den Dämonen, die dahinterstecken. Man weiß nicht, was man intensiver beachten soll: die nuancierte Weise, den Dämonen auf die Schliche zu kommen, oder die detaillierte Menschenkenntnis, mit denen der Pfarrer seinen Gläubigen die Schwächen aufdeckt, auf die scheinbar so harmlosen und ungefährlichen Versuchungen hereinzufallen. „In der Kaserne sind alle Soldaten gleich gut. Erst auf dem Schlachtfeld unterscheiden sich die Tapferen von den Feigen.“
Der Pfarrer weiß auch aus Erfahrung, was in jeder Situation der beste Schutz gegen die oft raffinierten, weil weitgehend unbemerkten Angriffe der Dämonen ist: „Wären wir wirklich von der heiligen Gegenwart Gottes durchdrungen, dann wäre es leicht, dem Feind zu widerstehen.“ Denn: „Der Dämon kommt nur dann, wenn uns die Gegenwart Gottes verlässt. Er weiß zu gut, dass er anders nichts erreicht.“ – „Möchte der Dämon, dass ein Mensch verloren ist, so wird er ihm als erstes das Gebet vermiesen.“ – „Dem Dämon aber werden wir überall begegnen, und überall wird er versuchen, uns den Himmel streitig zu machen. Aber besiegen können wir ihn überall.“ – Und noch deutlicher sagt der Pfarrer: „In den üblichen Auseinandersetzungen können wir immer die Verlierer sein. Aber im Kampf mit dem Dämon werden wir, wenn wir wollen, mit der Gnade Gottes, die er uns niemals verweigern wird, immer die Sieger sein.“ – Denn: „Der Dämon ist zwar raffiniert, aber er ist nicht so stark wie er tut: ein einziges Kreuzzeichen schlägt ihn in die Flucht.“
Das heißt nicht, dass es bei der Bekehrung des Christen ohne Kampf abgehen wird: „Sobald die Seele ein neues Leben anfangen will, das heißt, sich danach sehnt, ganz dem lieben Gott hingegeben zu sein, wird ihr die ganze Hölle auf den Kopf fallen.“ Und bei diesen Kämpfen wird es immer bis ins Detail gehen. Gerade im scheinbar kleinsten, oft fast unbemerkten Detail ist Wachsamkeit geboten: „Die Versuchungen, die man am meisten zu fürchten hat und durch die mehr Seelen verloren gehen als man meint, (sind die folgenden:) die kleinen Gedanken der Selbstliebe, die kleinen Gedanken der eigenen Wertschätzung, die kleinen Beifallskundgebungen für alles, was man tut, und für alles, was man über uns sagt.“
Der Pfarrer hat auch eine ganze Strategie der Dämonen in der zeitlichen Abfolge der Versuchungen ausgemacht. Gerade dann, wenn wir uns durch eine neue Bekehrung geistlich gestärkt fühlen, wird er gern zuschlagen: „So legt er gewöhnlich die herein, die zu Gott zurückkehren wollen: Er lässt ihnen den Wohlgeschmack der ersten Momente ihrer Bekehrung, weil er weiß, da kann er nichts erreichen, da sind die viel zu eifrig. Er wartet ein paar Monate, bis der erste Eifer vorüber ist. Dann lässt er sie langsam das Gebet und die Sakramente vernachlässigen und schickt ihnen ein paar ganz kleine Versuchungen. Erst danach beginnen die großen Kämpfe, dann muss man um die Gnade bitten, um sich nicht unterkriegen zu lassen.“
Der Pfarrer beschreibt sehr genau, wie dieser Kampf gewöhnlich abläuft: „Der liebe Gott ruft uns zu sich hin, und wir laufen vor ihm weg. Er möchte uns glücklich machen, und wir wollen sein Glück nicht. Er gebietet uns, ihn zu lieben, und wir schenken unser Herz dem Dämon. Die Zeit, die wir verschwenden, uns zu verlieren, will Gott gebrauchen, uns zu retten: Mit den Mitteln, die er uns gegeben hat, ihm zu dienen, erklären wir ihm den Krieg. Würden wir statt diesen Mitteln unser Kruzifix anschauen, dann würden wir auf dem Grund der Seele unseren Herren sagen hören: ‚Willst du also auch zu meinen Feinden gehören? Willst du mich noch einmal kreuzigen?’“
Freilich kann man den müßigen Sündern auf die Sprünge helfen, indem man für ihre Bekehrung betet. „Für Gott arbeiten ist vorteilhafter als mit Gott regieren wollen. Seelen gewinnen, sie dem Dämon entreißen, welch schöne Berufung! Jeder kann das nicht machen, aber jeder kann dafür beten.“ - „Nichts ist dem lieben Gott wohlgefälliger als für die Bekehrung der Sünder zu beten.“ – „Oft sind wir aufgebracht gegen die Bösen und tadeln sie, aber statt viel zu reden (über sie), sollten wir lieber beten (für sie).“
Um zur Beichte hinzuführen, bedarf es vielerlei Anstrengungen von den vielen. Und der Pfarrer weiß, welches Gebet um die Bekehrung des Sünders das wirksamste ist: „Das heilige Messopfer und die heilige Kommunion (am Leib Christi) sind die wirksamsten Akte zur Wandlung der Herzen.“
Voraussetzung dafür ist die eigene Demut als Verzicht auf sich selbst und die Dinge dieser Welt: „Der liebe Gott hat uns eine großartige Lektion erteilt, er hat gesagt: ‚Wer sich erniedrigt, der wird erhöht werden.’ Seht ihr, meine Brüder, die erste Tugend ist die Demut, die zweite ist die Demut und die dritte ist die Demut. O welch eine schöne Tugend! Die Heiligen hielten sich für die Geringsten, aber Gott schätzte sie hoch. Und er gab ihnen alles, worum sie beteten. Würden wir uns wirklich kennen, dann würden wir erschrecken, ja sofort sterben. Aber wir kennen uns eben nicht.“ - „Alles, was wir haben, ist Gottes. Gott hat uns alles gegeben. Was wir von uns haben, ist nichts als die Sünde.“ – „Wir haben absolut nichts, um uns zu rühmen. Wir müssen also um die Tugend der Demut bitten... Gott ist unser Vater, er hat uns gern. Ein Vater kann den Kindern nichts Böses wollen. Der heilige Ambrosius aber hat gesagt: ‚Wer euch lobt, macht sich lustig über euch’.“
Auf der Hut zu sein vor dem Lob der anderen und vor dem Eigenlob als subtiler Form des Stolzes, scheint dem Pfarrer nicht nur die Voraussetzung für die Demut als realste Frucht der Selbsterkenntnis, sondern auch als Zugang zur regelmäßigen Beichte als dem einzig wirksamen Heilmittel gegen den Stolz. Der Pfarrer wird nicht müde, in drastischen Bildern aufzuzeigen, wo und wie der Stolz immer und überall lauert, um uns alle anderen Tugenden zu vermiesen, zu verderben und zu zerstören.
„Wer Gutes tut und ein paar Tugenden hat, verdirbt sich das oft durch Eigenliebe und Stolz. Verlorene gute Werke! Seht ihr, meine Kinder, wir gebrauchen den Stolz wie das Salz. Man möchte, dass man unsere guten Werke kennt. Wenn man eure Tugenden sieht, seid ihr zufrieden, bemerkt man eure Fehler, seid ihr betrübt.“ – „Durch den Stolz sündigt man auf vielfache Weise. Jemand zeigt den Stolz in seinen Kleidern, ein anderer in seiner Sprache, in seiner Haltung, sogar in seiner Art zu gehen. Manche gehen so stolz die Strasse entlang, als wollten sie sagen: Schau mich an, wie groß ich bin, wie gerade und wie gut ich gehe!“
In der detaillierten Beschreibung des Stolzes wird der Pfarrer nicht müde: „Ein stolzer Mensch meint, alles was er tut, ist gut getan, er will alle beherrschen, mit denen er zu tun hat, er hat grundsätzlich recht, sein Urteil ist besser als das aller anderen.“ Demut hat für den Pfarrer viel mit Gleichmut zu tun: „Ein demütiger und gebildeter Mensch gibt sein Urteil gutmütig ab, wenn er gefragt wird – und dann lässt er die anderen reden. Ob sie recht haben oder nicht, er schweigt.“
Was ist eigentlich so lohnend an dem Verzicht auf diese unsere schlimmste Untugend des Stolzes? Das Ende unserer Traurigkeit und unseres Alleinseins durch die Aussicht auf die Geborgenheit in unserer wahren Heimat, dem Himmel: „ Seht doch diese tröstlichen Gedanken, meine Kinder. Mit wem werden wir denn im Himmel zusammen sein? Mit Gott, der unser Vater ist, mit Jesus, unserem Bruder, mit der heiligen Jungfrau, unserer Mutter, und den Engeln und heiligen, unseren Freunden.“
Es lohnt sich also, nicht nur das Gnadengeschenk der Beichte anzunehmen oder, wie man heute sinngemäß sagt, des Sakraments der Versöhnung –, sondern es lohnt sich auch, mit den Sündern und für die Sünder Buße zu tun, wie es in der Urkirche üblich war und für den Pfarrer von Ars eine Selbstverständlichkeit. Denn die Buße in der Beichte ist etwas anderes als der Strafzettel bei der Polizei, sie ermöglicht die demütige Annäherung des Menschen an die unendliche Liebe Gottes. Wie hatte die kleine heilige Therese gesagt, diese große Kirchenlehrerin und (fast) Zeitgenossin des Pfarrers von Ars? „Je mehr ich mir meines Elends bewusst werde, desto mehr muss ich mich von dem Geliebten verwöhnen lassen
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Teil II: Beichte
„Weil Sie nicht weinen, weine ich“
P. Dr. Michael Marsch, Heiligkreuztal
Als den direktesten Weg zu Gottes Barmherzigkeit hatte der Pfarrer die Reue bezeichnet. Für die Reue sollte man sich mehr Zeit nehmen als für das Bekenntnis der Sünden, hatte der Pfarrer geworben, denn allein die Reue bringt uns der Wahrheit unseres Lebens näher. Und mehr noch als unsere Sündhaftigkeit ist diese Wahrheit unseres Lebens die Barmherzigkeit Gottes.
„Nach Ars muss man kommen, um zu erkennen, was durch den Sündenfall geschehen ist“, hatte ein Pfarrer im Angesicht der Pilgerströme gesagt. Die Sehnsucht nach Erlösung war ihm noch nie so deutlich geworden wie im Angesicht der Menschenschlangen vor den Beichtstühlen in Ars.
Der Pfarrer von Ars hatte gesagt: „Von der Erschaffung der Welt bis zur Ankunft des Messias ist alles Gottes Barmherzigkeit“. Das lebte er - und das wollten die Leute bei ihm erleben. Dazu war ihnen keine Reise zu beschwerlich und keine Wartezeit zu lang. Die französische Eisenbahn hatte in Lyon einen Extraschalter für Rückfahrkarten nach Ars mit 7 Tagen Gültigkeit eröffnet. So lange musste man in Ars warten, um zwei bis drei Minuten beim Pfarrer zu beichten.
Dabei wussten die Menschen, was sie vom Pfarrer von Ars zu hören bekamen, hätten sie auch zuhause hören können. Aber sie wollten es aus dem Mund des Pfarrers von Ars hören. Sie wollten es an seinem Leben ablesen können: „Nicht der Sünder kehrt zu Gott zurück, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selbst läuft dem Sünder hinterher, um ihn zur Umkehr zu bringen.“ – „Der liebe Gott ist immer bereit, uns zu empfangen.“ - „Sein größtes Vergnügen ist es, uns zu vergeben.“ – „Darum ist ihm jedes Mittel recht, unter ihnen (den Sündern) gegenwärtig zu sein, um sie zu Seinem Vater zu bringen.“ – „Im Bußsakrament scheint Gott seine Gerechtigkeit zu vergessen, um uns nur noch sein Erbarmen zu offenbaren.“ – „Er zeigt sie uns nicht nur, sondern er teilt seine Barmherzigkeit mit uns bis ins Unendliche.“ – „Machen wir also dem guten Vater diese Freude: Kommen wir zu ihm zurück – und wir werden voller Freude sein.“ – „Man kann ihm nicht genug dafür danken, das er ein so großes Herz für die Sünder hat.“ – „Unsere Fehler sind wie Sandkörner gegenüber dem Gebirge seines Erbarmens.“
Aus all diesen Worten könnte man den Schluss ziehen, nicht Gott, sondern der Pfarrer hätte die Menschen zur Beichte gedrängt. Man könnte meinen, wenn es schon nicht aus der Vollmacht heraus geschah, die er als Pfarrer über seine Gemeinde ausübte, um für Ruhe und Ordnung in Sachen Moral zu sorgen, dann geschah es, weil er sich persönlich von Gott bedroht fühlte und dieses ständige Gedrängtwerden von Gott an die Gemeinde weitergeben wollte. Aber diese Versuche einer psychologischen Einschätzung seiner Motivation gehen am Geheimnis des Pfarrers vorbei. Was ihn durchdrungen, bewegt und gedrängt hat – wie oft muss es noch gesagt werden? – ist nichts anderes als das Geheimnis der Liebe Gottes, die Mensch geworden ist, um mit den Menschen zu leiden und sich ihrer zu erbarmen.
„Wenn der Priester die Lossprechung gibt, dann braucht man nur an das eine zu denken: Das Blut des lieben Gottes ergießt sich über unsere Seele, um sie zu reinigen und so schön werden zu lassen wie bei unserer Taufe.“ In diesen Worten zeigt sich der Zusammenhang zwischen Taufe und Beichte durch die Reinigung der Seele von den Sünden, zeigt sich unsere Erlösung durch das Opfer Jesu am Kreuz. Dieses Geschehen kann zwar eine psychische Wirkung der Entspannung und Befreiung mit sich bringen, aber diese Wirkung wird es nur dann haben, wenn es zunächst und zuerst eine metaphysische Wirklichkeit ist und als solche dankbar angenommen wird. Eine metaphysische Wirklichkeit aber kann nur durch Gott entstehen und als Gnade geschenkt werden durch das gemeinsame Gebet von Beichtvater und Beichtendem, durch die Öffnung beider für die Wahrheit unseres Lebens, das heißt die Barmherzigkeit Gottes. Der Beichtende darf wissen, dass Gott seine Sünden schon vorher weiß. Der Beichtende betrügt sich also selbst, wenn er versucht, seine Sünden schönfärben oder verschweigen zu wollen. Er betrügt sich um die Wahrheit seines Lebens, das heißt um Gottes Barmherzigkeit, wenn er meint, Gott – oder dem Priester an der Stelle Gottes – etwas vormachen zu können. „Die Sünden, die wir verbergen, kommen wieder zum Vorschein. Um seine Sünden gut zu verbergen, muss man sie laut bekennen.“ Mit anderen Worten: Man muss die Sünden loswerden wollen, um keinen Ärger und keine unnötige Belastung mehr damit zu haben. Und deswegen sollte man sie am besten laut aussprechen, denn nur dann wird man sie wirklich los.
Seinen Leuten deutlich machen wollte der Pfarrer vor allem: Die vor Gott in der Beichte laut bekannte Sünde wird durch die sakramentale Lossprechung immer zum Sieg über das Böse: Sie existiert nicht mehr, sie ist versunken im Meer der Barmherzigkeit Gottes. Deswegen kann sie den Sünder nicht mehr lähmen oder ihm keinen Schaden mehr zufügen. „Im Augenblick der Lossprechung wirft der liebe Gott unsere Sünden hinter seinen Rücken: Er vergisst sie und vernichtet sie, sie können nicht mehr wiederkommen.“ Der Pfarrer ist unerbittlich: Wenn man die Sünden wirklich loswerden will bei Gott, dann muss man sie aussprechen. Denn Gott kennt unsere Sünden längst, aber die Frage ist, ob wir sie erkennen, – und ob wir bereit sind, sie ganz bewusst zu bekennen: „Die Wahrheit offen zu legen, kann uns einen Moment der Demut abfordern. Wir wollen nicht sehen, welches Erbarmen Gott mit uns hat.“ – „Aber ist es wirklich so demütigend, seine Sünden zu bekennen? Weiß der Priester nicht ziemlich gut, was wir getan haben“.
Bei einer solchen Aussage kam dem Pfarrer zweifellos die übernatürliche Gabe der „Herzensschau“ zu Hilfe. Seinen engsten Mitarbeitern gegenüber war der Pfarrer in Bezug auf diese übernatürlichen Gaben und auch auf seine übernatürlichen Erscheinungen zurückhaltend. Er hielt sich für so unwürdig, dass er sich von Gott mit keinerlei Vorrechten ausgezeichnet wissen wollte. Nur selten entglitten ihm ungewollte Äußerungen wie etwa: „Diese Woche haben sich Jesus und Maria gar nicht sehen lassen.“ Fromme Pilger konnten dafür um so ausführlicher von Marien-Erscheinungen im Pfarrhaus im Beisein des Pfarrers berichten. Dem Pfarrer selbst war das offensichtlich peinlich, dass er solcher Vorzüge gewürdigt wurde und man dann auch noch laut darüber sprach. Aber wenn der Pfarrer jemanden, der ihm im Beichtstuhl sagte: „Ich habe seit 25 Jahren nicht mehr gebeichtet“, korrigieren konnte: „Sie meinen seit 27 Jahren“, und das von dem Beichtenden als richtig bestätigt wurde, dann zeigt das, dass er nicht nur die natürliche Begabung eines besonders feinen Gespürs hatte, sondern zusätzlich ein exaktes Wissen übernatürlicher Herkunft.
Wir sehen hier, was die Beichte beim Pfarrer von Ars gleichzeitig so attraktiv und so schwer machte. Er wusste oft besser als der Beichtende selbst, welche Sünden diesen armen Sünder unfrei machen. Aber der Pfarrer wusste auch, wie echt oder unecht die Reue des Beichtenden war und aus welchem Grund er seine Sünden loswerden wollte. Das konnte sehr wohl darüber entscheiden, ob die Beichte eine wirkliche Erlösung brachte oder nicht. Es konnte sogar darüber entscheiden, ob man vom Pfarrer die Lossprechung bekam oder nicht: „Man sagt, viele beichten, aber nur wenige bekehren sich. Das glaube ich schon. Denn nur wenige beichten und bereuen wirklich.“
Die Erfahrung hatte den Pfarrer gelehrt: Die Wahrheit zu erkennen und zu bekennen ist deshalb so schwer, weil die Sünde ein Geheimnis ist. Ebenfalls aus Erfahrung wusste der Pfarrer, welche Illusionen sich der Beichtende über seine Sünden machen kann. Er sagte es offen: „Nur Gott weiß, was Sünde ist.“ – „Warum?“ – „Nur die Heiligen verstehen die Größe der Beleidigung, welche die Sünde für Gott bedeutet!“ - „Aber warum bedeutet die Sünde eine derartige Beleidigung für Gott?“ Erstens ist die Sünde die Absonderung des Menschen von Gott – von dem Gott, der den Menschen aus Liebe geschaffen hat, und von dem Gott, der dem Menschen Seine Heiligkeit verliehen hat. Der Mensch ist nicht nur der Mitschöpfer Gottes, er ist der Mitheilige Gottes, denn Gott hat dem Menschen mit seinem Atem sein Innerstes, das heißt seine Heiligkeit eingehaucht. „Durch den Menschen kam die Heiligkeit in die Welt“, sagte Johannes Paul II.
Der Pfarrer von Ars hatte eine ungewöhnliche Ehrfurcht vor dem Menschen als Geschöpf Gottes. Gerade diese Ehrfurcht aber vor dem Menschen als Geschöpf Gottes konnte ihn voller Traurigkeit sagen lassen: „Ein Christ, geschaffen im Ebenbild Gottes, ein Christ, das Wohlgefallen der drei göttlichen Personen, ein Christ, dessen Leib Tempel des Heiligen Geistes ist - das alles wird durch die Sünde entehrt!“ Mit anderen Worten, der Mensch hat keine Ahnung von seiner Würde und seiner Ehre. Durch die Absonderung von Gott als der Quelle des Lebens begeht der Mensch nicht nur Mord, sondern Selbstmord. „Wie undankbar sind wir doch!“ – „Einen Gott zu beleidigen, der uns geschaffen hat und der uns nur Gutes getan hat, das ist wirklich der Gipfel der Undankbarkeit.“ – „Übers Meer möchte man fliehen, um nicht die Undankbarkeit des Menschen gegenüber seinem Gott sehen zu müssen. Erschreckend ist das! Wenn Gott nur nicht so gut wäre! Aber Gott ist eben so gut!“
Es ist also die Güte und die Barmherzigkeit Gottes, die der Mensch nicht zu sehen vermag, wenn er meint, er brauche die Beichte und die Reue nicht. „Die Sünde vernebelt den Geist, sie verschließt die Augen der Seele“. Diese Blindheit des Menschen hat den Pfarrer zu Tränen gerührt, denn dadurch vermag der Mensch auch seine eigene Würde nicht zu sehen. Sünde ist also nicht nur Selbstmord. Schlimmer noch, Sünde ist die grausamste Art der Selbstverachtung und der Selbstverstümmelung. Der Mensch betrügt sich und beraubt sich des Kostbarsten, was er ist: „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“, wie der Apostel Paulus sagt. Der Pfarrer von Ars geht noch weiter: „Unsere Seele ist wie ein Spiegel. Gott sieht sich darin mit Wohlgefallen, solange sie rein ist. Nimmt die Sünde ihr aber ihren Glanz, dann ist sie ein Horror für Gott.“ – „Die Sünde ist der Henkersknecht des lieben Gottes und der Mörder der Seele... Der liebe Gott möchte uns glücklich sehen, und wir wollen das nicht. Ginge es um unser Geld, was würden wir nicht alles tun! Aber weil es nur um unsere Seele geht, tun wir gar nichts.“
Sünde ist also nicht nur die Absonderung von der Schöpferliebe Gottes, sondern dadurch auch von den Geboten seiner Schöpfungsordnung, die nichts anderes sind als die Gebote seiner Liebe und Barmherzigkeit. Dadurch entstehen nicht nur die Brutalität und das Chaos, in dem die Menschen leben, sondern schlimmer noch: ihr Unglück und ihre Einsamkeit. Aber deren Wurzeln sind sie sich nicht bewusst. Nicht Gott ist verantwortlich für Unglück und Einsamkeit des Menschen. Auch nicht der Nächste, den man gern dafür verantwortlich macht. Die eigene Verlorenheit ist es, die uns blind macht für das Glück und die Geborgenheit, das Gott uns schenken möchte durch seine Gegenwart. Die Blindheit und Undankbarkeit des Sünders brachten den Pfarrer zum Weinen, wenn der Beichtende nicht darüber weinen konnte.
Wie hatte Papst Johannes Paul II. gesagt? „Der Sündenfall ist die Infragestellung der Gabe.“ Auch als Christen sind wir einsame Konsumenten geworden, weil wir dem Glanz von Gottes Gaben nicht mehr trauen. Wir sind scheinbar hoffnungslos traurig und allein, weil die Gründe dafür uns verborgen bleiben. „Wie traurig ist eine Seele im Zustand der Sünde“, konnte der Pfarrer von Ars ausrufen.
Es wird viel von der ständig guten Laune des Pfarrers und von seinem Humor berichtet. Aber diese Heiterkeit schließt seine Traurigkeit über die Sünde nicht aus. Man kann sogar feststellen, die Traurigkeit über die Sünde ist der Urgrund seiner Heiterkeit, denn Heiterkeit ist der Ausdruck der Dankbarkeit für Gottes Erbarmen. Hier nähern wir uns dem Geheimnis, warum ein so heiterer Mensch so heftig weinen konnte und ausrufen: „Weil Sie nicht weinen, weine ich.“ Der Sünder hat keinerlei Verständnis für die Schönheit der Schöpfung, für die Würde des Geschaffenseins im Ebenbild Gottes. Der Sünder ist ständig voller Kritik an Gott und den Menschen - ohne zu wissen, dass all diese Unzufriedenheit im Grund ein Sich-selbst-nicht-Genügen ist. „Wir führen Krieg gegen Gott mit den Mitteln, die er uns gegeben hat, um ihm zu dienen!“ Dieser ständige Kriegszustand versetzt den Menschen nicht nur in eine ständige Unzufriedenheit und Ermüdung, sondern in eine Traurigkeit und Einsamkeit, deren letzter Grund ihm nicht bewusst ist. „Durch die Sünde verachten wir den lieben Gott, wir kreuzigen ihn noch einmal.“ Was aber bleibt, ist nicht die gerechte Strafe für den Sünder – denn durch seinen Zustand bestraft er sich vor allem selbst - sondern Gottes Erbarmen und sein Mitleiden am Leid der Menschen. Nur durch dieses Mitleiden Gottes ist dem Sünder offenbar bewusst zu machen, wie arm er tatsächlich ist: „Eine Person im Zustand der Sünde ist immer traurig. Sie kann machen, was sie will, sie wird immer angeekelt sein, von allem gestört und gelangweilt.“ Nach den Worten der Pfarrers aber bleibt dieser Zustand nicht auf diese Welt beschränkt: „Diese armen Sünder. Sie werden immer unglücklich sein, sowohl in dieser Welt als auch in der kommenden.“ - „Das Glück des Himmels ist für den Sünder ein leeres Wort.“
Der Grund für den Mangel an Glück und an Heiterkeit, sowohl in diesem Leben als auch im kommenden, ist also nichts anderes als der Zustand der Sünde, der uns oft gar nicht bewusst ist. „Ohne die Sünde wären wir alle glücklich, auch wenn wir unser Kreuz zu tragen haben.“ – „Unglückliche Christen gibt es nur dort, wo sie das Gebet aufgegeben und die Sakramente vernachlässigt haben, um sich hinter der Sünde zu verbergen.“
Der Weg der Heiterkeit ist also ein Weg der Offenheit und des Vertrauens, vor allem aber der Dankbarkeit für Gottes Erbarmen. Die Sünden zu erkennen, sie zu bereuen und zu beweinen, ist ein Weg zu dieser Offenheit. Er führt uns näher heran an die Geborgenheit in Gottes Erbarmen. Diese Offenheit für den Geist Gottes und seine Gnaden kann aber auch bewirken, dass wir unsere Sünden noch deutlicher sehen, dass wir Verfehlungen als solche erkennen, an die wir vorher nie gedacht haben. Aber auch das kann ein Weg zur Gnade sein. Denn wir werden durch diese Einsicht von einer Düsternis – eben von jener Traurigkeit und Einsamkeit – befreit, die uns Gottes Barmherzigkeit noch deutlicher werden lässt.
Die ständige Heiterkeit des Pfarrers und seine Klarsicht, sich zu den größten Sündern zu zählen, dürften letztlich auf der Erfahrung der Traurigkeit über die eigene Absonderung von Gott beruhen. Je weiter er kam im geistlichen Leben, je mehr er sich der Barmherzigkeit Gottes annäherte, desto intensiver wurde sein Bewusstsein der Unwürdigkeit. Gleichzeitig mit dem Bewusstsein seiner Unwürdigkeit aber gibt es bei ihm die Zuversicht über die unbesiegbare Güte Gottes und Gottes Geduld mit den Sündern: „Gewisse Sünder wollen ihn (Gott) einfach nicht bei sich haben; sie würden am liebsten ihr Gewehr nehmen und ihn erschießen, um nichts mehr von ihm zu hören. Aber das macht gar nichts. Er wird immer vor der Türe auf sie warten.“
Der Pfarrer wirbt also unermüdlich für die Liebe Gottes und Gottes Geduld. Er möchte gerade den schwersten Sündern Gottes Barmherzigkeit und seine Sanftmut glaubhaft machen, um ihnen die Vergeblichkeit ihrer Sünden deutlich werden zu lassen: „Oh, diese armen Sünder, wie unglücklich sind sie doch, den lieben Gott nicht zu lieben. Wie undankbar sind sie, einen Gott zu beleidigen, der so gut ist – einen so sanftmütigen Vater.“
Man könnte diese Aussprüche des heiligen Pfarrers von Ars über die Sünde der Menschen und Gottes Erbarmen beliebig fortsetzen. Aber es genügt, wenn durch diese wenigen Zitate verständlich geworden ist, warum der Pfarrer bitterlich zu weinen begann, wenn er bei der Predigt auf die Sünde zu sprechen kam. Um es noch einmal zu sagen: Es war keine psychische Krankheit und keine abgrundtiefe Angst vor einem unbarmherzigen Gott, sicher auch keine Romantik, die ihn zu einer anscheinend so übertriebenen Äußerung seiner Gefühle bewegte – es war einfach die ihm völlig unverständliche Undankbarkeit der Menschen für die Größe und Schönheit der Schöpfung Gottes. Undankbarkeit ist vor allem die Gleichgültigkeit der Menschen der dem Pfarrer selbstverständlichen Tatsache gegenüber, dass alles, was geschaffen ist und zum Leben der Menschen beiträgt, allein von Gott geschaffen ist und nur ihm zu verdanken.
Schlimmer aber noch als diese Gleichgültigkeit der Menschen ist deren Konsequenz, nämlich die Absonderung von Gott, so als gäbe es ihn gar nicht, als wäre der Mensch in all seinem Denken und Tun sich selbst und seinen Instinkten überlassen, und das heißt seiner ständigen Gereiztheit, seiner Einsamkeit, seiner Übermüdung, seiner Unzufriedenheit mit allem und jedem. Daraus folgt die völlige Desorientierung des Menschen. Statt seiner vermeintlichen Unabhängigkeit und Freiheit wird er abhängig von jedweder modischen Strömung. In der Folge der Revolution gab es dieser Strömungen in Europa gerade genug, nicht nur in der Wirtschaft, der Kultur und der Politik, sondern auch in der Philosophie und der Theologie.
Man würde dem Pfarrer Unrecht tun, wollte man ihm unterstellen, er wäre nicht in der Lage gewesen, all die verführerischen Thesen und Trends der Philosophie und Theologie zu durchschauen. Näher kommt man seiner Person und ihrer Wirkung eher, wenn man aus seinem Tageslauf schließt, er hatte weder die Zeit noch das Interesse, sich mit all dem abzugeben, was es an „epochalen Neuerungen“ und „letzten Neuigkeiten“ gab. Direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst wurde das alles durch den ständigen Pilgerstrom der Beichtenden an ihn herangetragen. Er brauchte gar keine Zeitschriften oder Bücher zu lesen, um sich ein Bild von der totalen Verwirrung zu machen, in der seine Zeitgenossen lebten. Präziser als durch alle Medien – an denen es schon zu seiner Zeit nicht fehlte – bekam er dieses zerstörerische Chaos durch die ständigen Beichtgespräche mitgeteilt, durch das Hören auf das, was ihm die Menschen sagten oder nicht sagten, und was er dazu ergänzen und präzisieren musste. All das hat er geduldig auf sich genommen und dann Jesus übergeben, um die Beichtenden von ihrer Verwirrung zu befreien.
Die Frage, wo denn der Pfarrer selbst die Orientierung hernahm in der fast übermächtigen Flut der ständigen Desorientierung, ist leicht zu beantworten: von Jesus Christus in der eucharistischen Anbetung und in der Feier der Eucharistie: „Il est là! Il est là!“ - "Er ist da ! Er ist da!“ Das war die alles unterscheidende und lebenspendende „Rettungsplanke“ in der Sturmflut der Schiffbrüchigen, die es nach Ars getrieben hatte – auch wenn viele sicher nicht wussten, warum sie sich auf diesen Weg gemacht hatten und wie ihnen bei dieser Pilgerreise geschah.
Was der Pfarrer sonst noch zu verkünden hatte während der Predigt bei der heiligen Messe oder in seinen Katechesen in der Providence, drehte sich mehr und mehr um das einzige, was ihm allein entscheidend erschien: die Barmherzigkeit Gottes und ihre Gegenwart in den Sakramenten. Mit der Akribie eines Anatoms zeigte der Pfarrer, wie und wo die Barmherzigkeit Gottes verletzt wurde, wie sich die Menschen damit letztlich selbst und einander weh taten, wenn sie willkürlich Gott beleidigten.
Um es abschließend noch einmal zu sagen: Der heilige Pfarrer von Ars war keineswegs so wenig gebildet und so schwach begabt, wie man ihm gern nachsagt, um sich seiner prophetischen Klarheit zu entziehen. Ein so vielseitig gebildeter Theologe wie Papst Benedikt XVI. nennt ihn ein „Vorbild priesterlichen Dienens in unserer Welt“. Zum Abschluss des Priesterjahres am Herz-Jesu-Fest 2010 sagte der Papst vor 17.000 Priestern: „Vom Pfarrer von Ars haben wir uns führen lassen, um Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes neu zu verstehen... Der Priester tut etwas, das kein Mensch aus sich heraus tun kann: Er spricht im Namen Christi das Wort der Vergebung für unsere Sünden, und er ändert so von Gott her den Zustand unseres Lebens.
8.07.2010
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Teil I: Beichte
„Wie viel wiegen Ihre Sünden gegen meine?“
P. Dr. Michael Marsch, Heiligkreuztal

Beichtstuhl des Pfarrers von Ars
„Ach, könnte ich doch für sie alle beichten!“ Das Geheimnis des Pfarrers von Ars als Beichtvater von Europa scheint in diesem einen Satz verborgen. Der Pfarrer weiß, den Flächenbrand der Sünde wird er nicht ungeschehen machen. „Wäre ich nicht Priester geworden, ich hätte nie gewusst, was Sünde ist“, bekennt er. Aber er weiß auch, durch das Sakrament der Beichte gibt es Erlösung von der Sünde. „Wenn wir beichten gehen, dann nehmen wir Christus vom Kreuz.“
Aus Liebe zu Christus möchte der Pfarrer die Sünde des ganzen Leibes Christi auf sich nehmen. Sein sehnlichster Wunsch ist, die Verwundung des ganzen Leibes Christi, die durch jede einzelne Sünde geschieht, durch seine eigene Beichte heilen zu lassen.
Die Zahl der vom Pfarrer von Ars gehörten Beichten schätzt man auf eine Million. Entscheidender als diese Zahl ist für ihn, jede einzelne von ihm gehörte Beichte zu seiner eigenen werden zu lassen. Jede Anklage, die man ihm anvertraut, wird zum eigenen Bekenntnis. „Schade! Schade! Schade“, hört man ihn immer wieder aus dem Beichtstuhl rufen. Und dazu ein lautes Schluchzen, als ginge es um seine eigenen Sünden. Entscheidend ist nicht, wer gesündigt hat, sondern dass gesündigt wurde. Der Leib Christi ist verwundet. Und dieser ganze Leib bedarf der Heilung. Aber das Heil für alle bedarf des Opfers des Einen. Und dieses Opfer möchte der Pfarrer auf sich nehmen. Das Vertrauen des Pfarrers in die Wirkung dieses Sakraments ist unbegrenzt.
Schon seine erste Beichte mit elf Jahren bei dem „heimlichen“ Priester Abbé Groboz „unter der großen Uhr“ im Hause seiner Eltern muss für den jungen Vianney ein überwältigendes Erlebnis gewesen sein. Der junge Jean-Marie muss gespürt haben, dass er in dem ihm fremden Geistlichen Gott selbst seine Verfehlungen anvertrauen durfte. Von Gott selbst erfuhr er das Erbarmen der Befreiung von den Sünden. Von dieser ersten Beichte sagte er später nur: „Auf die Frage des Priesters, wann ich zum letzten Mal gebeichtet habe, antwortete ich: ‚Noch nie’. In diesem „Noch nie“ scheint sich die kaum fassbare Einmaligkeit dieses so segensreichen Erlebens auszudrücken: zugleich die Erleichterung durch die Befreiung von der Sünde und die unvorstellbare Wohltat des Erbarmens Gottes.
Dazu kommt, Jean-Marie muss ein außergewöhnlich empfindsames Kind gewesen sein. Unter der Beleidigung Gottes muss er schlimmer gelitten haben als unter allem, was er den Eltern oder Geschwistern an Lieblosigkeiten oder Ungezogenheiten antun konnte. Diese ganz lebendige und absolut selbstverständliche Ehrfurcht vor Gott, vor seiner Güte wie vor seinem Erbarmen, sollte sich für Jean-Marie Vianney ein Leben lang nicht ändern. Es ist bekannt, dass die größten Heiligen sich für die größten Sünder hielten. Außer auf die Gnade Gottes dürfte sich dieses Bewusstsein bei Vianney zu einem Gutteil auf die Erziehung durch die Mutter zurückführen lassen. Wie sagt der heilige Thomas von Aquin? „Demut ist Realismus: Gott ist alles – und ich bin nichts.“
Die außergewöhnliche Empfindsamkeit Vianneys in der Beziehung zu Gott, aber auch seine Offenheit für die Menschen durch seine Liebe und Barmherzigkeit, bedeutet freilich nicht, dass er seelisch krank gewesen wäre, wie viele sagen, um sich seinem Realitätssinn zu entziehen. Man würde sich den Zugang zum Geheimnis seiner Bekanntheit als Beichtvater zu einfach machen, wollte man ihm das Klischee eines Kranken, etwa eines Angstbesessenen oder Übernervösen, aufdrängen.
Dass er als Pfarrer regelmäßig zu weinen begann, wenn er von der Sünde und vom Bösen predigte, und dass er laut im Beichtstuhl aufschluchzte, wenn die Beichtenden ihm ihre Sünden anvertrauten, ist auch nicht auf den moralischen Rigorismus zurückzuführen, zu dem er durch seinen väterlichen Förderer, den früheren Augustiner-Chorherren Charles Balley, erzogen wurde. Balley hatte zwar aus seiner Gemeinschaft noch viel von Bischof Jansen und seinem posthum veröffentlichten dreibändigen Werk über den heiligen Augustinus übernommen, das offenbar eine Reihe gründlicher Missverständnisse dieses großen Heiligen und Kirchenlehrers enthielt. Aber Vianneys neuer Bischof Devie hatte schon bald nach seinem Amtsantritt 1823 einen Katechismus herausgegeben, der sich an Alphonse de Liguori orientierte, und der gehorsame Vianney machte sich sehr bald Liguoris Lehre von der Barmherzigkeit Gottes und seiner Liebe zu den Sündern zu eigen.
Unter dem Einfluss des auf Liguori basierenden Katechismus, aber auch durch seinen nicht unbemerkt gebliebenen Schlaf- und Nahrungs-Entzug kam Vianney schon 1823 in den Ruf der Heiligkeit und des außergewöhnlichen Beichtvaters. Das geschah zunächst nicht als Pfarrer von Ars, sondern durch seine „Missionen“ in den Dörfern der Umgebung von Ars, zum Beispiel in Trevoux, wo der Andrang so groß wurde, dass man den Pfarrer samt Beichtstuhl einfach davontrug.
Um 1830 aber begann dann auch in Ars der Ansturm der Pilger. Als sich der Graf des Garets 1834 in Ars niederließ, will er von 34.000 Pilgern pro Jahr gehört haben. Schon vorher hatte der Pfarrer – als einer der ersten seiner vielen Umbauten der kleinen Dorfkirche – gleich vier Beichtstühle eingerichtet: einen für die Frauen und einen für die Männer in den beiden von ihm neu angebauten Kapellen, einen für die „schweren Fälle“ in der Sakristei und einen für die Priester hinter dem Altar in unmittelbarer Nähe des Allerheiligsten.
Gibt es eine Annäherung an das Geheimnis der Bekanntheit des Pfarrers von Ars, dieses winzigen Dorfes, das mit den Verkehrsmitteln der Zeit nur mühsam zu erreichen war? Wenn der Pfarrer sich nicht nur als den größten Sünder betrachtete, sondern wenn er am liebsten die Sünden seiner Beichtenden auf sich nahm, dann geschah das alles nur, weil der Pfarrer jede noch so individuelle Sünde als Wunde am ganzen Leib Christi verstand. Diese Überzeugung konnte freilich Konsequenzen haben: Einer Dame, die extra nach Ars gekommen war, um ihr ausschweifendes Leben in Paris zu beichten, verweigerte er so lange die Lossprechung, bis sie einwilligte, nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Wohnsitz in dieser Stadt aufzugeben, um ein neues Leben in ihrem Haus im Süden zu beginnen. Zu vermeintlichen Härten dieser Art war der Pfarrer fähig, nicht nur um dieser Dame zu einer neuen Freiheit, der echten Freiheit von der Sünde, zu verhelfen, sondern um den Leib Christi von den absehbaren weiteren Verletzungen zu verschonen. Es ging dem Pfarrer nicht um das „Ansehen der Person“, es ging ihm um die Ehre Gottes und um das Heil der Seelen. Bei aller außergewöhnlichen Herzlichkeit, besonders mit den schwersten Sündern, ging es ihm um die Heilung und die Heiligkeit des Leibes Christi, der Kirche. Durchdrungen von dieser Liebe Christi konnte er seinen bunt gemischten Hörern zurufen: „Wir fliehen den Geliebten (Jesus), und wir werfen uns dem Henker in die Arme (dem Bösen)!“ Sünde ist für den Pfarrer Mord, Mord am Leib Christi. Schlimmer noch: Es ist Selbstmord, Selbstmord an den Gliedern des Leibes.
Woher kam diese Überzeugung, die uns heute unverständlich hart, sogar unmenschlich erscheint? Aus den Kirchenvätern hatte der Pfarrer erkannt: Der Sündenfall war von Gott vorausgesehen. Gott hatte den Menschen aus Liebe geschaffen. Gott hatte dem Menschen aber auch die Freiheit gegeben, auf Gottes Liebe zu antworten. Ohne diese Freiheit hätte es keine Liebe gegeben. Denn Liebe ohne Freiheit ist keine Liebe mehr. Zusammen mit der Liebe ist darum die Freiheit die größte Gabe, die Gott den Menschen gegeben hat.
Wie aber wurde der Mensch dann fähig, den Sündenfall zu begehen? Was ist überhaupt dieser Sündenfall? Papst Johannes Paul II. nennt den Sündenfall „die Infragestellung der Gabe“. Der Mensch in seiner Freiheit lebte wie selbstverständlich von den Gaben Gottes: der Gabe des Lebens, der Gabe der Liebe, der Gabe der Freiheit, der Gabe des anderen Menschen. All diese Gaben wurden durch die Schlange in Frage gestellt: Die Schlange fragt die Menschen: „Hat Gott das wirklich gesagt?“ (dass ihr von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens nicht essen sollt). Durch das Hören der Menschen auf die Frage der Schlange wurden die Gaben der Liebe und der Freiheit und des anderen Menschen in Frage gestellt. Dadurch wurden Liebe und Freiheit zu Rivalität und Konsumzwang. Der Mensch wollte alles für sich allein haben. Und er wollte alles für sich allein verdienen. Wo aber Gottes Gabe nicht länger der Maßstab ist, da entsteht Chaos.
Gott musste Mensch werden, er wollte Mensch werden, um mitzuleiden mit den Menschen. Dieses Mitleiden mit den Menschen führte zur innersten Erschütterung Gottes. Das biblische Wort für Mitleiden ist rechem, Plural rachamim. Im biblischen Hebräisch bedeutet dieses Wort „Mutterschoss“. Es ist Gottes mütterliche Liebe, sein innerstes Sorgen und Mitleiden, mit dem er den durch den Sündenfall tödlich verwundeten Menschen zu neuem Leben verhelfen will.
Aus diesem innersten Mitleiden ist Gott Mensch geworden. Durch die Hingabe seines Menschenlebens am Kreuz schenkt Gott dem Menschen neues Leben. Aber dieses neue Leben ist keine Wiederherstellung des vergangenen. Durch Gottes Tod am Kreuz beginnt für den Mensch eine neue Schöpfung.
Erwähnt sei, dass bis heute das lateinische Wort confessio und davon abgeleitet das französische confession nicht zuerst das Bekenntnis der eigenen Sünden bedeutet, sondern zunächst das Zeugnis für die Größe Gottes, das heißt für seine Barmherzigkeit. Deshalb erscheint es heute sinnvoller, vom „Sakrament der Versöhnung“ zu sprechen, weil hier Gottes Wesen, also seine Barmherzigkeit, im Vordergrund steht.
Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu: „Man nennt es Sakrament der Versöhnung, denn es schenkt dem Sünder die versöhnende Liebe Gottes. ‚Lasst euch mit Gott versöhnen!’ (2 Kor 5,20). Wer aus der barmherzigen Liebe Gottes lebt, ist bereit, dem Ruf Gottes zu entsprechen: ‚Geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder!’“ (Mt 5,24) (KKK1424).
Diese Definition des Katechismus beruht auf der ersten Handlung des von den Toten auferstandenen Jesus. Zu seinen Lebzeiten hatte Jesus die Sünder an seinen Tisch geladen, Jesus hatte sich sogar an den Tisch der Sünder gesetzt, zum Beispiel im Haus des Zachäus (Luk 19,9), um sie von neuem in die Gemeinschaft der Kirche aufzunehmen. Nach seiner Auferstehung überträgt Jesus als erste Gabe des Heiligen Geistes die Vollmacht der Sündenvergebung an die Jünger: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch…“ ,und er hauchte sie an und sagte zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist, wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen, wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten““ (Joh 20,21).
Mit dieser Geste und diesen Worten hat Jesus das Sakrament der Versöhnung eingesetzt. Es ist aber nicht nur die Versöhnung mit Gott durch den Heiligen Geist, sondern gleichzeitig die Versöhnung mit der Gemeinschaft der Menschen, nämlich der Kirche. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt dazu; „Die Worte ‚binden’ und ‚lösen’ (oder ‚nachlassen’ und ‚behalten’) besagen: Wen ihr aus eurer Gemeinschaft ausschließen werdet, wird Gott auch aus der Gemeinschaft mit sich ausschließen; wen ihr von neuem in eure Gemeinschaft aufnehmen werdet, wird auch Gott wieder in die Gemeinschaft mit sich aufnehmen. Die Versöhnung mit der Kirche lässt sich von der Versöhnung mit Gott nicht trennen“ (KKK 1445).
Diesen letzten Satz hat der Katechismus der Katholischen Kirche kursiv gedruckt, um seine Wichtigkeit hervorzuheben. Dieser Satz war auch für den Pfarrer von Ars entscheidend. Hier sind wir mitten in seinem Verständnis der Beichte: Gott und die Gemeinschaft der Kirche sind eins. Die Kirche ist der Leib Christi. Der menschgewordene Gott ist das Haupt dieses Leibes. Wir alle sind seine Glieder. „Wo ein Glied leidet, leiden alle Glieder“ (1 Kor 12,26). Um es noch einmal zu sagen: Ohne das biblische und urkirchliche Bewusstsein dieser heilenden Einheit lässt sich der Zugang des Pfarrers von Ars zum Sakrament der Versöhnung nicht verstehen. Nebenbei sei bemerkt: Aus diesem Grund des Einswerdens des Leibes Christi zählt der Katechismus der Katholischen Kirche das Sakrament der Versöhnung zu den Sakramenten der Heilung.
Aus demselben Grund der Einheit des Leibes Christi spricht die Kirche auch von der Beichte als „zweite Taufe“. Es geht bei der Beichte wie bei der Taufe um die vollkommene Reinigung von den Sünden. Durch die Taufe werden wir den Mächten der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich Gottes. Durch die sakramentale Lossprechung der Beichte werden wir befreit von jeder Sünde. Soweit die teilweise Übereinstimmung der beiden Sakramente.
Es wäre freilich zu einfach, darum die Beichte für die Wiederholung der Taufe zu halten. Die Taufe im Namen der heiligen Dreieinigkeit verleiht uns die Gabe nicht nur der Heilung, sondern auch der Heiligung. Sie lässt uns teilhaben an der Gabe des ewigen Lebens. Aber was machen wir mit diesen Gaben? Allein die Reue kann uns an die Gabe der Taufe erinnern – und wie wir die durch die Taufe empfangenen Gnaden durch unsere Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit außer Acht gelassen haben. Reue aber bedeutet die Einsicht in die Wahrheit unseres Lebens: in der Erkenntnis unserer Sünden dürfen wir die Heiligkeit des Vaters und seines Erbarmens wahrnehmen. Genau darum hat der Pfarrer von Ars seine Gläubigen immer wieder beschworen, sich für die Reue mehr Zeit zu nehmen als für das Bekenntnis ihrer Sünden: Allein die echte Reue vor dem Bekenntnis der Sünden ermöglicht den Zugang zur Größe Gottes, zu seiner Heiligkeit und Barmherzigkeit.
Um zusammenzufassen: Wir brauchen keine Angst vor der Beichte zu haben. Denn die Beichte ist etwas anderes als ein moralisch gefärbtes Rechenexempel: soviel Ave Maria und soviel Pater Noster für soviel Gramm Leberwurst am Freitag. Das habe ich als frisch geweihter Priester nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil noch so lernen müssen! Ich kann nur hoffen, es ist Ihnen im Beichtstuhl nicht allzu oft begegnet und wird Sie auch nicht mehr von der Beichte abschrecken. Ein schwacher Trost mag sein: Als der Pfarrer 1812 nach Ars kam, dürfte die von den Christen gemachte Erfahrung kaum anders gewesen sein. Daher die sehr weitgehende Gleichgültigkeit der „Gläubigen“ diesem Sakrament gegenüber. Die Männer hatten anderes zu tun, die Frauen gingen einmal pro Jahr in der Karwoche zur Beichte, um Zugang zur Kommunion zu haben – und damit hatten sie ihre Osterpflicht erfüllt.
Umso schwerer ist es zu verstehen, dass man im Laufe der Jahre nicht nur regelmäßig zur Eucharistiefeier kam, sondern sogar regelmäßig zur Beichte. Wie hat der Pfarrer von Ars das erreicht? Zur Beichte bewegt hat er die Gläubigen ähnlich wie zur Eucharistie: Er selbst hat gar nichts getan, er hat es geschehen lassen. Die vielen Stunden der Anbetung dienten nicht nur dem Einswerden mit der Eucharistie, sie waren auch ein ständiges Gebet der Reue, das heißt des Einswerdens mit der Heiligkeit des Vaters, vor allem aber mit seiner Barmherzigkeit.
Die langen Stunden der Anbetung waren freilich keine vergeudete Zeit. Durch die unermüdliche Energie, die von seiner zarten Gestalt ausging, lebte der Pfarrer seiner Gemeinde vor, dass die Sakramente der Eucharistie und der Beichte nicht nur die Seele heilen, sondern auch den Leib. Körperliche Heilungen durch die Beichte hat der Pfarrer als selbstverständlich hingenommen, auch wenn ihm diese sichtbaren Heilungen zweitrangig erschienen. Die seelischen Heilungen schätzte er mehr, weil sie ihm für die Heilung des ganzen Menschen wesentlicher erschienen, auch wenn man sie nicht sah. Entscheidend war für ihn, dass durch die Beichte nicht nur der ganze Mensch, sondern der ganze Leib Christi geheilt wurde. Deswegen konnte er von der Beichte ausrufen: „Wie schön ist es, ein Sakrament zu kennen, das zu heilen vermag!“
1.07.2010
Am Fuß des Kreuzes

Priestersitz in der Basilika in Ars
Guy Bagnard, Bischof der Diözese Belley-Ars bei der Wallfahrt der französischen Bischöfe nach Ars 13./14.2.2010 (Auszug)
…Man findet sich einem Leben gegenüber, das durch seine Kontraste unsicher macht. … Es ist schwierig sein Leben, seinen Dienst in einen klaren Zusammenhang zu bringen, der die Vernunft zufrieden stellt und es für unser Verständnis transparent macht. Es entgleitet uns in vieler Hinsicht.
Trotzdem versuche ich, mich dem Zusammenhang in seinem Leben anzunähern. Ich beginne mit der absolut unstrittigen Gegebenheit: seinem Wunsch, seine Pfarrei zu verlassen, ja aus ihr zu fliehen.
Aus menschlicher Sicht ein grundlegendes Misstrauen sich selbst gegenüber
Man kann sagen, dass der Pfarrer von Ars ein grundlegendes Misstrauen sich selbst gegenüber empfand. Mgr Pézeril (in seinem Buch „Pauvre et Saint Curé d’Ars“, übersetzt: Der arme und heilige Pfarrer von Ars) spricht von einem unglaublichen Misstrauen gegenüber sich selbst. Führen wir das genauer aus:
1.Intellektuelle Schwäche
Der erste Grund betrifft seine intellektuelle Schwäche. Sein kurzer Aufenthalt im Seminar St. Irenäus (vierzig Tage) vom 1. November bis Weihnachten 1813 hinterlässt bei ihm das Gefühl, nicht wie die anderen zu sein ( er war damals 27 Jahre).
Seine Rückkehr zu Abbè Balley, dem Pfarrer von Écully, wurde wie ein quälendes und öffentliches Scheitern erlebt. Er wurde als „unfähig" angesehen. Er wird dadurch eine tiefe Verletzung spüren. Daher auch sein Wallfahrt nach La Louvesc (vollständig entmutigt). Seine Weihe im August 1815 war eine geheime Abmachung zwischen dem Generalvikar Courbon und Abbé Balley. Er legte alleine den Weg zu Fuß von Lyon nach Grenoble und von Grenoble nach Lyon zurück. Alles führte ihn dazu zu denken, dass er nicht wie die anderen ist. Er ist ein Außenseiter, an dessen Weihe nur einem einzigen Menschen gelegen war, Abbé Balley.
Die Folge: die Fügsamkeit. Das ist es, was ihn in seinem Dienst dazu führte, strikt das zu beachten, was ihm gelehrt worden war. Im Bewusstsein seiner Unzulänglichkeiten ist er gefügig. Er erlaubt es sich nicht, von der Formung, die er beim Kanoniker Balley erhalten hat, abzurücken. Die Genovefianer bestanden besonders auf einer Anweisung: der Priester muss gegen alle Formen der Unwissenheit kämpfen. Er wendet das Gelernte an. Das ist diese Hingabe seiner selbst, die ihm die Sicherheit und den Frieden zurückbringen wird.
gesagt, dass eine einzige Unterweisung ihn 15 Tage Arbeit gekostet
hat…“; er wird Zeit einsetzen, um sich ganz allein ohne Hilfe an dieses
Unterfangen zu wagen.
- die alltägliche Katechese, der er sein ganzes Leben treu sein wird;
- der Unterricht für die Mädchen und Jungen des Dorfes durch die
Eröffnung von Schulen;
- die Beichte, die Gelegenheit für die Gewissensbildung gibt.
2.Die Reaktion der Pfarrangehörigen
Dieses grundlegende Misstrauen gegen sich selbst wird unterhalten und genährt durch die Reaktion der Pfarrangehörigen, hervorgerufen durch die Tatsache, dass er sich mit Cabaret und Tanz befasst…Daher die Verleumdungen: Catherine Chaffangeon bringt ein Kind zur Welt, dessen Vater man nicht kennt…Die bösen Zungen bezeichnen den Pfarrer als Vater… Man verurteilte sein „lasterhaftes“ Leben: „ man attackierte ihn wegen seiner Sitten." Monatelang, vielleicht zwei Jahre, kursieren die Gerüchte. Jean-Marie Vianney: „Ich dachte, dass der Tag kommen würde, wo ich mit Stockschlägen aus Ars vertrieben würde oder der Bischof mich des Amtes enthebt oder ich meine Tage in den Gefängnissen beenden würde.“ Er wollte wirklich weggehen. Aber jemand aus der Pfarrei kam, um ihm zu sagen:“ Wenn Sie weggehen, werden alle glauben, dass das Gerücht wahr ist.“ 1830 sah er eine Gruppe Männer in seine Pfarrei kommen, die ihm den Befehl erteilen, die Pfarrei zu verlassen. (s. Zeugenaussage von Abbé Raymond) „Er hat mehrfach wiederholt, wie viel er durch die Unverschämtheit von sieben seiner Pfarrangehörigen, die er uns benannt hat, betrübt war. Sie nutzten den ersten Augenblick der Verwirrung, der durch die ausgebrochene Revolution in den Köpfen war, gingen zum Pfarrhaus und überhäuften ihn mit Wut, damit er die Pfarrei verlasse; man war seiner zu großen Strenge überdrüssig.“
3.Seine Mitbrüder
Dieses Misstrauen wird noch genährt, verstärkt, unterhalten werden durch die Kritik seiner Mitbrüder.
Die Geschichte hat uns einen Brief erhalten, den 1841 ein junger Pfarrer aus Ambérieux, Abbé Borjon, geschickt hat, der verärgert darüber war zu sehen, dass seine Pfarrangehörigen zum Beichten nach Ars gingen: „Herr Pfarrer, wenn man so wenig die Theologie kennt wie Sie, sollte man nicht in einen Beichtstuhl gehen“. Er hat ihm geantwortet: „Was habe ich Grund Sie zu lieben! Sie sind der Einzige, der mich kennt…Helfen Sie mir doch die Gunst zu erhalten, um die ich schon so lange bitte, damit ich ersetzt werde auf einem Platz, den ich wegen meiner Unwissenheit nicht würdig bin einzunehmen und mich zurückziehen kann in einen stillen Ort, um dort mein armes Leben zu beweinen.“ (s. Mgr Pézeril in seinem Buch „ Pauvre et saint Curé d’Ars“).
Aber es geht nicht nur um den einen Brief. Die Mitbrüder, die ihn bei den Gemeindemissionen trafen, hielten sich nicht zurück mit Bemerkungen ihm gegenüber. In Saint Trivier-sur-Moignans (bei Ars) sagten sie ihm zum Beispiel, als sie Jean Marie Vianney über den Teufel reden hörten, der verärgert sei über das Gute, das geschehe: „Sie essen nicht, Sie schlafen nicht; das ist der Kopf, der Ihnen dröhnt.“ Alles in allem, Sie haben ein übermüdetes Gehirn… Das Tagebuch von Catherine Lassagne erwähnt mehrfach das Gespött über ihn vonseiten seiner Mitbrüder: „Er konnte die feindliche Kampagne, die ein Teil des Klerus gegen den demütigen Priester führte, nicht ignorieren“.
Übrigens wurden mehrere Untersuchungen als Folge dieser Kritiken durch den Bischof veranlasst, der mehrere Priester befragte, der Generalvikar kam, um sich vor Ort zu informieren. „Diese Kritiken, die bis zum Bischofssitz hinauf gegangen sind!“
Es scheint mir, dass Mgr Fourrey gut die Situation erklärt, wenn er versucht die Gedankengänge im Innersten von Jean Marie Vianney zu beschreiben: „Nein, er war nicht von Gott zum pastoralen Dienst berufen, er hatte weder das erforderliche Wissen noch die Tugend für einen Beruf, in dem er tätig war ohne ausreichende Kenntnis und der Verantwortungen mit sich brachte, die er niemals hätte übernehmen dürfen; er hat sich anmaßend gezeigt; Seelen liefen seinetwegen Gefahr ihr Heil zu verlieren…; sollte er nicht, bevor alles verloren wäre, das Unmögliche versuchen um zu erreichen, dass man ihn von einer zu großen Last befreie?“
Letztendlich, das allgemeine Urteil über ihn selbst: „ich war niemals etwas wert“
Aufopferung seiner selbst
Die Verbindung eines unausrottbaren Gefühls der Unfähigkeit mit einem unüberhörbaren Ruf zur Mission beim Pfarrer von Ars – niemals widerrufen- führt ihn dazu, seinen Dienst auf die Macht Gottes zu bauen und auf dem Register des übernatürlichen Lebens zu arbeiten. Dies führt ihn zu einer Aufopferung seiner selbst.
Diese Hingabe seiner selbst in die Hände Gottes wird sich zuerst auf der Ebene des Gehorsams äußern. Das Verbleiben als Pfarrer in Ars findet ihre Ursache allein im Gehorsam zum Bischof. Er allein hindert ihn am Fortgehen; er allein lässt ihn zurückkehren. Er opfert sein eigenes Wollen. In dieser Entäußerung von sich selbst findet er den Frieden. Da ja ein anderer ihm den Weg vorzeichnet – selbst wenn er darin nicht den Willen Gottes sieht (s. die Providence, übergeben an die Schwestern des hl. Joseph)-, findet er die volle Selbstsicherheit des Missionars, der voran- schreitet. Die Hindernisse machen ihm keine Angst mehr. Er begibt sich ans Werk mit einer Schnelligkeit, die erstaunt. Es ist ein wenig, als ob er sich sagte: da Gott, durch den Bischof, mir den Weg zeigt, brauche ich keine Sorgen mehr zu haben: es genügt zu gehen; nicht ich bin es, der meine Existenz leitet; ich bin dabei wie ausgeliefert. Und das bringt ihn in eine tiefe Selbstsicherheit! Das Gefühl der Unfähigkeit kann bleiben, aber der Sockel, auf den er seinen Dienst stellt, ist anderswo als auf ihm selbst. Daher können in ihm gleichzeitig das Bewusstsein seiner Unfähigkeit und eine ungeheure Aktivität sein.
Seine Ohnmacht hat niemals zu einer Handlungsträgheit geführt. Drei Tage vor seinem Tod hörte er noch Beichte und in einer Pfarrei, die er immer verlassen wollte.
Da er seinen Dienst auf Gott gebaut hat, in einer immer innigeren Beziehung, kam er dazu sein Leben auszusetzen in dem Sinne, dass er ganz seine Person ausliefert. Daher, beispielsweise, besteht seit den ersten Monaten seiner Ankunft in Ars das Wesentliche seines Gebetes bei der Anbetung vor dem Tabernakel darin zu sagen: „Mein Gott, bekehre meine Pfarrei, ich bin einverstanden, alles, was Du willst, zu erleiden!“ Es handelt sich nicht um einen Tausch „ich gebe, damit du gibst“, wie man ein Geschäft abschließt, sondern um eine Hingabe seiner selbst, ohne Bedingung, selbst wenn man leiden muss! Er ist zu allem bereit! Das, was er opfert, ist nicht das Leiden, sondern seine Person.
Und genau daher wird Jean-Marie Vianney es lieben, die Passion Jesu zu meditieren, weil er hier den höchsten Gipfel sieht, zu dem die Hingabe Jesu an den Vater führt. Bruder Athanasius: „Er ehrte auf eine besondere Weise die Passion unseres Herrn. Er hatte die Hauptszenen der Passion auf die verschiedenen Stunden des Offiziums verteilt, und ohne Zweifel, damit er darauf nicht vergessen könne, hatte er sie am Anfang der Stunden aufgeschrieben, wie ich es selbst in seinem Brevier gesehen habe. Er hat eine gewisse Zahl von Messen begründet zur Ehre der Agonie unseres Herrn im Garten am Ölberg, um die Bekehrung der Sterbenden zu erlangen…“
Und so folgte er täglich durch sein Brevier Jesus auf seinem Kreuzweg. Und so war sein Tag gegliedert durch die Etappen der Passion. Alles in allem begleitete er Christus jeden Tag in den Augenblicken auf dem höchsten Gipfel seines Opfers auf Erden.
Diese innere Haltung hat Jean-Marie Vianney dazu geführt, über das Kreuz in Begriffen zu sprechen, die wahrhaft erschütternd sind. Für den modernen, materiell eingestellten Menschen, der auf der Suche nach Komfort und Wohlbefinden ist, sind diese Worte schwer annehmbar. Ich zitiere einige davon:
„Das Kreuz umarmt die Welt; es ist aufgepflanzt an den vier Ecken des Universums. Es gibt davon für jeden ein Stück.“
„Die in den Flammen der Liebe verwandelten Kreuze sind wie ein Bündel Dornen, das man ins Feuer wirft und zu Asche wird. Die Dornen sind hart, aber die Asche ist weich.“
„Für einen Christen sind die Kreuze keine Kreuze mehr; sie sind wie Dornen, deren Spitzen die Liebe verbrennt und die weich wie Asche werden.“
Für Jean-Marie Vianney ist es klar, dass sich so der Christ in einer Prüfung, bei einem Hindernis verhält. Es ist diese Gewohnheit, die ihn umformt. Wenn man sich verhärtet, wenn man sich versteift bei einer Prüfung, dann wird sie euch zerbrechen! Wenn man ihr aber im Gegenteil unser liebendes Jawort entgegenbringt, wird sie euch groß machen und ihr werdet sie bewältigen! Viele Formen der depressiven Verstimmung kommen von einer Haltung der Ablehnung der Realität.
Immer, wenn die Wirklichkeit uns irritiert, uns verletzt, ist es, weil es nicht kommt, wie wir es gewünscht hätten, wir fühlen uns angegriffen. Das Kreuz bewirkt eine Umformung. Es gibt eine Richtung an, die man offenkundig nicht hat „Gott lässt es zu“, „Gott erwartet etwas von mir“. Dann lässt das Hindernis, statt zu entmutigen, höher steigen, weil es eine Bedeutung hat. Der Blick, den man für die Wirklichkeit hat und die Haltung, die er auslöst, sind wesentlich. Jean-Marie Vianney gefiel es zu sagen: „Auf diesem Weg ist es nur der erste Schritt, der etwas kostet!“
Und er fährt fort: „Man muss um Liebe zu den Kreuzen bitten, dann werden sie süß. Ich habe diese Erfahrung gemacht: während vier oder fünf Jahre wurde ich verleumdet, wurde mir widersprochen, wurde ich herumgestoßen. Oh, ich hatte Kreuze…ich hatte fast mehr, als ich hätte tragen können! Dann habe ich begonnen um die Liebe zu den Kreuzen zu bitten… Dann wurde ich glücklich. Ich sage es wahrhaft: es gibt kein anderes Glück als dort…“
Diese liebende Opfergabe von sich selbst an Gott fand ihre Fortsetzung in der Opfergabe seiner selbst und seiner Hingabe an seine Pfarrangehörigen und die Pilger. Man sieht dies besonders im Dienst der Beichte. Zahlreich sind die Zeugen, die davon berichten. So eine Pönitentin, die ihm sagte: „Sie geben mir ein ganz kleine Buße, Herr Pfarrer…“ „Ja, ich werde den Rest machen! Er selbst sagte: „Ich werde euch mein Rezept sagen. Ich gebe ihnen eine kleine Buße und mache den Rest an ihrer Stelle“.
Das ist der Jünger, der seinem Meister in die Tiefe der Hölle folgt, der seinem Meister soweit folgt, dass er rettet, um eins zu werden auf dem Weg des Heils. Man sieht gut bei Jean-Marie Vianney, dass Gott und der Nächste untrennbar sind. Aber nur durch Christus kommt er zum Nächsten.
Der Wunsch Christus, dem“ Erlöser“ zu folgen, der die Sünde der Menschen trägt, hat ihn dazu gebracht zu bitten, dass ihm sein eigener Zustand der Sünde enthüllt würde. „Ich habe Gott gebeten, sagte er mir eines Tages (Catherine Lassagne) mein armes Elend zu erkennen. Ich habe es erkannt und war so niedergeschlagen, dass ich ihn bat, die Qual, die ich dabei empfand, zu verringern. Es schien mir, als könnte ich dies nicht weiter aushalten“. Und in der Tat bei vielen anderen Gelegenheiten konnte man die Agonie erahnen, die er zu gewissen Stunden erlitt. Zum Beispiel: „Gott erlaubt, dass ich viele Versuchungen habe. Bald bin ich in tiefem Leid, bald bedrückt mich der Abscheu vor dem Gebet“.- Oder noch diese Episode, die von der Enkelin von Dr. Saunier, dem Arzt von Jean-Marie Vianney, berichtet wird: „Eines Tages kam der Großvater in der Dämmerung von einem Krankenbesuch. Da bemerkte er in der Ferne in einer Wiese einen weißen und schwarzen Fleck. Er hielt sein Pferd an, stieg ab und ging zu dem, was er für ein verlorenes Schaf hielt. Welche Überraschung! Der gute Pfarrer saß auf einem Stein, traurig, entmutigt, niedergeschlagen… Mit welcher Zärtlichkeit, aber auch Festigkeit hat der Großvater seinen Freund mitgenommen, ihn gezwungen in seinen Wagen einzusteigen und ihn zur Kirche zurückgebracht“ (diese Episode war zwischen 1840 und 1843). Aus dem wirklichen Leben genommen lässt dieser Vorfall den inneren Zustand einer tiefen Nacht erahnen, in der sich Jean-Marie Vianney befand.
Johannes-Paul II, sprach 1986 von einer „übernatürlichen Melancholie „. Abbé Monnin sprach von einer „spirituellen Verzweiflung“. Ich denke, dass man von einer „Verlassenheit“ sprechen kann. Die bedingungslose Opfergabe von Jean-Marie Vianney konnte ihn dazu führen, eins zu werden mit dem, was Christus in seiner Passion erlitten hat, mit seiner Agonie. Die Vereinigung des Jüngers mit seinem Meister, ebenso beim Ereignis vom Karfreitag wie vom Ostersonntag…
Bis zu diesem Punkt hat sich Jean-Marie Vianney zum Opfer gemacht. In diesem Geist kann man seinen Gedanken verstehen, wenn er sagt: „Mein Gott! Ich nehme es an, verdammt zu sein, wenn es dein Wunsch ist, unter der Bedingung, dass ich wenigstens während dieses Lebens ein wenig deinen heiligen Willen erfülle“.
Gott lieben um seiner selbst willen. Die reine Liebe, von der Abbé Nodet und viele andere geistliche Schulen sprechen. Jo 12,27: „Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen? Vater rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen“. „ Ich liebe dich, mein Gott, weil du mich gekreuzigt hältst für dich“. Auf diese Weise hat Benedikt XVI das Gebet von Jean-Marie Vianney wieder aufgegriffen…
Aus Les Annales d’Ars Nr. 326 , Mai/Juni 2010
21.06.2010 Übersetzung: ih
Predigt des Heiligen Vaters Benedikt XVI zum Abschluss des Priesterjahres am Herz Jesu Fest, 11.06.2010

Papstmesse zum Abschluss des Priesterjahres
Das Priesterjahr, das wir 150 Jahre nach dem Tod des heiligen Pfarrers von Ars, dem Vorbild priesterlichen Dienens in unserer Welt, begangen haben, geht zu Ende. Vom Pfarrer von Ars haben wir uns führen lassen, um Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes neu zu verstehen. Der Priester ist nicht einfach ein Amtsträger wie ihn jede Gesellschaft braucht, damit gewisse Funktionen in ihr erfüllt werden können. Er tut vielmehr etwas, das kein Mensch aus sich heraus kann: Er spricht in Christi Namen das Wort der Vergebung für unsere Sünden und ändert so von Gott her den Zustand unseres Lebens. Er spricht über die Gaben von Brot und Wein die Dankesworte Christi, die Wandlungsworte sind – ihn selbst, den Auferstandenen, sein Fleisch und sein Blut gegenwärtig werden lassen und so die Elemente der Welt verändern: die Welt auf Gott hin aufreißen und mit ihm zusammenfügen. So ist Priestertum nicht einfach „Amt“, sondern Sakrament: Gott bedient sich eines armseligen Menschen, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln. Diese Kühnheit Gottes, der sich Menschen anvertraut, Menschen zutraut, für ihn zu handeln und da zu sein, obwohl er unsere Schwächen kennt – die ist das wirklich Große, das sich im Wort Priestertum verbirgt. Daß Gott uns dies zutraut, daß er Menschen so in seinen Dienst ruft und so sich ihnen von innen her verbindet, das wollten wir in diesem Jahr neu bedenken und verstehen. Wir wollten die Freude neu aufleben lassen, daß Gott uns so nahe ist und die Dankbarkeit dafür, daß er sich unserer Schwachheit anvertraut. Daß er uns führt und hält, Tag um Tag. So wollten wir auch jungen Menschen wieder zeigen, daß es diese Berufung, diese Dienstgemeinschaft für Gott und mit Gott gibt – ja, daß Gott auf unser Ja wartet. Mit der Kirche wollten wir wieder darauf hinweisen, daß wir Gott um diese Berufung bitten müssen. Wir bitten um Arbeiter in der Ernte Gottes, und dieser Ruf an Gott ist zugleich ein Anklopfen Gottes ans Herz junger Menschen, die sich zutrauen, was Gott ihnen zutraut. Es war zu erwarten, daß dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, daß gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden – vor allem der Mißbrauch der Kleinen, in dem das Priestertum als Auftrag der Sorge Gottes um den Menschen in sein Gegenteil verkehrt wird. Auch wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, daß wir alles tun wollen, um solchen Mißbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen; daß wir bei der Zulassung zum priesterlichen Dienst und bei der Formung auf dem Weg dahin alles tun werden, was wir können, um die Rechtheit der Berufung zu prüfen, und daß wir die Priester mehr noch auf ihrem Weg begleiten wollen, damit der Herr sie in Bedrängnissen und Gefahren des Lebens schütze und behüte. Wenn das Priesterjahr eine Rühmung unserer eigenen menschlichen Leistung hätte sein sollen, dann wäre es durch diese Vorgänge zerstört worden. Aber es ging uns gerade um das Gegenteil: Das Dankbar-Werden für die Gabe Gottes, die sich „in irdenen Gefäßen“ birgt und die immer wieder durch alle menschliche Schwachheit hindurch seine Liebe in dieser Welt praktisch werden läßt.
So sehen wir das Geschehene als Auftrag zur Reinigung an, der uns in die Zukunft begleitet und der uns erst recht die große Gabe Gottes erkennen und lieben läßt. So wird sie zum Auftrag, dem Mut und der Demut Gottes mit unserem Mut und unserer Demut zu antworten. Das Wort Christi, das wir in der Liturgie als Eröffnungsvers gesungen haben, kann uns in dieser Stunde sagen, was es heißt, Priester zu werden und zu sein:
„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11, 29).
Wir feiern das Herz-Jesu-Fest und schauen mit der Liturgie der Kirche gleichsam in das Herz Jesu hinein, das im Tod von der Lanze des römischen Soldaten geöffnet wurde. Ja, sein Herz ist offen für uns und vor uns – und damit das Herz Gottes selbst. Die Liturgie legt uns die Sprache des Herzens Jesu aus, die vor allem von Gott als dem Hirten der Menschen spricht und uns damit das Priestertum Jesu zeigt, das im Innersten seines Herzens verankert ist und den immerwährenden Grund wie den gültigen Maßstab alles priesterlichen Dienstes zeigt, der immer im Herzen Jesu verankert sein und von daher gelebt werden muß. Ich möchte heute vor allem die Texte auslegen, mit denen die betende Kirche auf das in den Lesungen ausgebreitete Wort Gottes antwortet. In diesen Gesängen gehen Wort und Antwort ineinander über. Sie sind einerseits selbst aus Gottes Wort genommen, sind aber zugleich schon Antwort des Menschen darauf, in der das Wort sich mitteilt und in unser Leben eintritt. Am wichtigsten unter diesen Texten ist in der Liturgie von heute der Psalm
23 (22): „Der Herr ist mein Hirte“, in dem das betende Israel die Selbstoffenbarung Gottes als Hirten aufgenommen und zur Wegweisung im eigenen Leben gemacht hat. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ – in diesem ersten Vers spricht sich Freude und Dankbarkeit dafür aus, daß Gott da ist und sich um uns sorgt. Die Lesung aus Ezechiel beginnt mit dem gleichen Motiv: „Ich will mich selber um meine Schafe kümmern“ (Ez 34, 11). Gott kümmert sich persönlich um mich, um uns, um die Menschheit. Ich bin nicht allein gelassen, nicht verloren im Weltall und in einer immer verwirrender werdenden Gesellschaft. ER kümmert sich um mich. Er ist kein ferner Gott, dem mein Leben zu unwichtig wäre. Die Religionen der Welt haben, soweit wir sehen können, immer gewußt, daß es letztlich nur einen Gott gibt. Aber dieser Gott war weit weg. Er überließ allem Anschein nach die Welt anderen Mächten und Gewalten, anderen Gottheiten. Mit ihnen mußte man sich arrangieren. Der eine Gott war gut, aber doch fern. Er war nicht gefährlich, aber auch nicht hilfreich. So brauchte man sich mit ihm nicht zu beschäftigen. Er herrschte nicht. In der Aufklärung ist merkwürdigerweise dieser Gedanke zurückgekehrt. Man verstand noch, daß die Welt einen Schöpfer voraussetzt. Aber dieser Gott hatte die Welt gebaut und sich offensichtlich von ihr zurückgezogen. Nun hatte sie ihre Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie ablief, in die Gott nicht eingriff, nicht eingreifen konnte. Gott war nur ein ferner Anfang. Viele wollten vielleicht auch gar nicht, daß Gott sich um sie kümmere. Sie wollten nicht gestört sein durch Gott. Wo aber Gottes Sorge und Liebe als Störung empfunden wird, da ist der Mensch verkehrt. Es ist schön und tröstlich zu wissen, daß ein Mensch mir gut ist und sich um mich kümmert. Aber noch viel entscheidender ist, daß es den Gott gibt, der mich kennt, mich liebt und sich um mich sorgt. „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich“ (Joh 10,14), betet die Kirche vor dem Evangelium mit einem Wort des Herrn. Gott kennt mich, sorgt sich um mich. Dieser Gedanke sollte uns richtig froh werden lassen. Lassen wir ihn tief in uns eindringen. Dann begreifen wir auch, was es bedeutet:
Gott will, daß wir als Priester seine Sorgen um die Menschen an einem kleinen Punkt der Geschichte mittragen. Wir wollen als Priester Mitsorgende mit seiner Sorge um die Menschen sein, sie dieses Sich-Kümmern Gottes praktisch erlebbar werden lassen. Und mit dem Herrn sollte der Priester für seinen ihm anvertrauten Bereich sagen
können: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ „Kennen“ ist im Sinne der Heiligen Schrift nie bloß ein äußeres Wissen, wie man die Telefonnummer eines Menschen kennt. „Kennen“
heißt: dem anderen innerlich nah sein. Ihm gut sein. Wir sollten versuchen, die Menschen von Gott her und auf Gott hin zu „kennen“, mit ihnen den Weg der Freundschaft Gottes zu gehen.
Kehren wir zu unserem Psalm zurück. Da heißt es: „Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil – denn du bist bei mir. Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“ (23 [22], 3f). Der Hirte zeigt den ihm Anvertrauten den rechten Weg. Er geht voraus und führt sie. Sagen wir es anders: Der Herr zeigt uns, wie man das Menschsein richtig macht.
Er zeigt uns die Kunst, ein Mensch zu sein. Was muß ich tun, damit ich nicht abstürze, im Sinnlosen mein Leben vertue? Das ist doch die Frage, die sich jeder Mensch stellen muß und die zu allen Zeiten des Lebens gilt. Und wieviel Dunkel gibt es zu dieser Frage in unserer Zeit! Immer wieder kommt uns das Wort Jesu in den Sinn, der Mitleid mit den Menschen hatte, weil sie wie Schafe ohne Hirten waren. Herr, hab Mitleid auch mit uns! Zeige uns den Weg! Aus dem Evangelium wissen wir es: Er selbst ist der Weg. Mit Christus leben, ihm nachgehen – das heißt: den richtigen Weg finden, damit unser Leben sinnvoll wird und damit wir einmal sagen
können: Ja, es war gut zu leben. Israel war und ist Gott dankbar, daß er in den Geboten den Weg des Lebens gezeigt hat. Der große Psalm 119
(118) ist ein einziger Ausdruck der Freude darüber: Wir tappen nicht im Dunkeln. Gott hat uns gezeigt, was der Weg ist, wie wir recht gehen können. Was die Gebote sagen, ist im Leben Jesu zusammengefaßt und zu lebendiger Gestalt geworden. So erkennen wir, daß diese Weisungen Gottes nicht Fesseln sind, sondern Weg, den er uns zeigt. Wir dürfen ihrer froh sein, und wir dürfen uns freuen, daß sie in Christus als gelebte Wirklichkeit vor uns stehen. Er selbst hat uns froh gemacht. Im Mitgehen mit Christus geht uns die Freude der Offenbarung auf, und als Priester sollen wir den Menschen die Freude darüber schenken, daß uns der rechte Lebensweg gezeigt ist.
Da ist dann das Wort von der „finsteren Schlucht“, durch die der Herr den Menschen geleitet. Unser aller Weg führt uns einmal in die finstere Schlucht des Todes, in der uns niemand begleiten kann. Und ER ist da.
Christus ist selbst in die finstere Nacht des Todes hinabgestiegen. Auch dort verläßt er uns nicht. Auch dort führt er uns. „Bette ich mich in der Unterwelt, du bist zugegen“, sagt der Psalm 139 (138). Ja, du bist zugegen auch in der letzten Not, und so kann unser Antwort-Psalm sagen:
Auch dort, in finsterer Schlucht, fürchte ich kein Unheil. Bei der Rede von der finsteren Schlucht können wir aber auch an die dunklen Täler der Versuchung, der Mutlosigkeit, der Prüfung denken, die jeder Mensch durchschreiten muß. Auch in diesen finsteren Tälern des Lebens ist ER da. Ja, Herr, zeige mir in den Dunkelheiten der Versuchung, in den Stunden der Verfinsterung, in denen alle Lichter zu erlöschen scheinen, daß du da bist. Hilf uns Priestern, daß wir den uns anvertrauten Menschen in diesen dunklen Nächten beistehen können. Ihnen dein Licht zeigen dürfen.
„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“: Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft.
Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muß den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein.
Heute sehen wir es, daß es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern läßt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muß der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.
Am Ende des Psalms ist die Rede vom gedeckten Tisch, vom Öl, mit dem das Haupt gesalbt wird, vom übervollen Becher, vom Wohnen-Dürfen beim Herrn. Im Psalm ist das zunächst Ausblick auf die Festesfreude, mit Gott im Tempel zu sein, von ihm selbst bewirtet zu werden, bei ihm wohnen zu dürfen. Für uns, die wir den Psalm mit Christus und mit seinem Leib, der Kirche, beten, hat dieser Blick der Hoffnung noch eine größere Weite und Tiefe gewonnen. Wir sehen in diesen Worten gleichsam einen prophetischen Vorgriff auf das Geheimnis der Eucharistie, in der Gott selbst uns bewirtet und sich selbst als Speise für uns gibt – als jenes Brot und als jenen köstlichen Wein, der allein die letzte Antwort auf den innersten Hunger und Durst des Menschen sein kann. Wie sollten wir uns da nicht darüber freuen, daß wir täglich zu Gast an Gottes eigenem Tisch sein, bei ihm wohnen dürfen. Wie sollten wir uns nicht freuen, daß er uns aufgetragen hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Daß er uns schenkt, Gottes Tisch den Menschen zu decken; ihnen seinen Leib und sein Blut zu reichen, ihnen das kostbare Geschenk seiner eigenen Gegenwart zu geben.
Ja, wir können mit ganzem Herzen die Wort des Psalms mitbeten: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang“ (23 [22], 6).
Am Ende werfen wir noch einen kurzen Blick auf die beiden Kommunionlieder, die uns die Kirche heute in ihrer Liturgie vorschlägt.
Da ist zunächst das Wort, mit dem der heilige Johannes den Bericht von der Kreuzigung Jesu abschließt: „Ein Soldat stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus“ (Joh 19, 34). Das Herz Jesu wird von der Lanze durchbohrt. Es wird geöffnet, und es wird zur Quelle: Blut und Wasser, die herausströmen, verweisen auf die beiden Grundsakramente, von denen die Kirche lebt: Taufe und Eucharistie. Aus der geöffneten Seite des Herrn, aus seinem geöffneten Herzen entspringt der lebendige Quell, der die Jahrhunderte hindurch strömt und die Kirche schafft. Das offene Herz ist Quell eines neuen Lebensstroms; Johannes hat dabei gewiß auch an die Prophezeiung des Ezechiel gedacht, der aus dem neuen Tempel einen Strom hervorkommen sieht, der Fruchtbarkeit und Leben schenkt (Ez 47): Jesus selbst ist der neue Tempel, und sein offenes Herz ist die Quelle, aus der ein Strom neuen Lebens kommt, das sich uns in der Taufe und in der Eucharistie mitteilt.
Die Liturgie des Herz-Jesu-Festes sieht aber auch ein anderes verwandtes Wort aus dem Johannes-Evangelium als Kommunionvers vor: Wer Durst hat, komme zu mir. Es trinke, wer an mich glaubt. Die Schrift
sagt: „Aus seinem Innern werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh 7, 37f). Im Glauben trinken wir gleichsam aus dem lebendigen Wasser von Gottes Wort. Der Glaubende wird so selbst zu einer Quelle, schenkt dem dürstenden Land der Geschichte lebendiges Wasser. Wir sehen es an den Heiligen. Wir sehen es an Maria, die als die große Glaubende und Liebende alle Jahrhunderte hindurch zur Quelle von Glaube, Liebe und Leben geworden ist. Jeder Christ und jeder Priester sollten von Christus her Quelle werden, die anderen Leben mitteilt. Wir sollten einer dürstenden Welt Wasser des Lebens schenken. Herr, wir danken dir, daß du dein Herz für uns aufgetan hast. Daß du in deinem Tod und in deiner Auferstehung Quelle des Lebens wurdest. Laß uns lebende Menschen sein, von deiner Quelle lebend, und schenke uns, daß auch wir Quellen sein dürfen, die dieser unserer Zeit Wasser des Lebens zu schenken vermögen. Wir danken dir für die Gnade des priesterlichen Dienstes.
Herr, segne uns und segne alle dürstenden und suchenden Menschen dieser Zeit. Amen.
Und der Gruß in deutscher Sprache:
Von ganzem Herzen grüße ich die Bischöfe, Priester und Ordensleute wie auch alle Pilger, die aus den Diözesen des deutschen Sprachraums zum Abschluß des Priesterjahres nach Rom gekommen sind, um ihre Einheit mit dem Nachfolger Petri zu zeigen. Liebe Mitbrüder, wo kein Zusammenhalt ist, da gibt es keinen Fortschritt. Wenn wir miteinander verbunden bleiben, wenn wir in Christus, dem wahren Weinstock, bleiben, dann können wir starke und lebendige Zeugen der Liebe und der Wahrheit sein, können uns die Winde des Augenblicks nicht verbiegen oder brechen.
Christus ist die Wurzel, die uns trägt und uns Leben gibt. Danken wir dem Herrn für die Gnade des Priestertums; dafür, daß er uns jeden Tag neu Gelegenheit gibt, in seiner Nachfolge gute Hirten zu sein. Der Heilige Geist stärke euch bei all eurem Wirken!

Herzreliquie des Pfarrers von Ars