Archiv - Textsammlung
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil I
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil II
Neue Flucht des Pfarrers von Ars (1853)
BENEDIKT XVI.
Begegnung mit den Priestern und Diakonen – Freising 14. September 2006
"Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sendet!“
Botschaft von Seiner Eminenz Kard. Cláudio Hummes anlässlich des Feiertages zu Ehren des Hl. Johannes Maria Vianney, 4. August
Congregatio pro Clericis
Der Tod des Pfarrers von Ars
Seit langer Zeit hatte der Herr Pfarrer einen Husten, der ihn sehr ermüdete. Manchmal verschwand er eine Zeitlang und war dann wieder da. Im Jahr 1859 wurde er so stark und hartnäckig, dass keine lindernden Heilmittel halfen. Man war erschüttert, ihn zu hören. Es war mitleiderregend. Die Hustenanfälle traten auch im Beichtstuhl auf: dann musste er innehalten und
eines Tages sagte er zu jemanden, dass es ihm um die Zeit Leid tut, die er durch den Husten verliert, wenn er im Beichtstuhl ist. Schließlich verschlechterte sich seine Gesundheit ständig. Die Zahl der Pilger wuchs. Es war außergewöhnlich heiß; er verringerte jedoch nicht seine Arbeit. Wie jemand, der nach Belohnung strebt, strengte er sich mit allen Kräften an. Eines Tages hörte ich ihn sagen: „Wenn ein Priester zum Sterben kommt wegen seiner Arbeiten und Gebete, die er für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen auf sich genommen hat, wäre das nicht schlecht.“ Er machte dabei eine zufriedene Miene, so dass er sich diesen Tod zu wünschen schien. Als gegen Ende Juli sein Husten sich verstärkte, nahmen seine Kräfte von Tag zu Tag ab, durch die Hitze bekam er fast keine Luft mehr. Am letzten Tag vor seiner Bettlägerigkeit war er sehr krank. Er musste mehrmals aus dem Beichtstuhl gehen und sich in seinem Hof etwas ausruhen. Am Abend kam er mit Bruder Hieronymus heim. Ich konnte auch sehen, dass er etwas holen wollte. Die Sonne war untergegangen. Er war sehr müde. Man sagte ihm, dass ihm die Luft vielleicht gut täte, wenn er einen Augenblick hinaus gehen würde. Er ging tatsächlich hinaus und schritt an der Seite der Brüder, denn er konnte nirgends hingehen, ohne von der Menge umlagert zu sein, sobald sie ihn erblickte. Er kam fast sofort wieder zurück, da er vor Müdigkeit nicht weiter konnte.
Wir haben uns zurückgezogen und ihn allein gelassen, allerdings mit Beunruhigung, als er gegen ein Uhr nach Mitternacht klopft, um zu rufen. Ich komme als erste und frage ihn, wie es geht. Er antwortet: “Das ist mein armes Ende. Man muss den Herrn Pfarrer von Jassans holen“, der sein Beichtvater war. Ich sage ihm: “Das wird nichts sein. Herr Pfarrer. Ich werde den Bruder rufen. Wir machen, was wir können, um Ihnen Erleichterung zu verschaffen.“ Bruder Hieronymus kommt. Er wiederholt dasselbe: „Das ist mein armes Ende.“ Gleich zu Tagesbeginn kommt der Pfarrer von Jassans ebenso wie der Arzt, den man suchen ließ, damit er sobald wie möglich käme. Ich fragte den Arzt, wie er seinen Patienten findet. Er antwortete mir: „Wenn die Hitze nachlässt, können wir hoffen; wenn sie aber weiter anhält, werden wir ihn verlieren.“ (Das war an einem Samstagmorgen.) In der Tat hat die Hitze angehalten. Seine Schwäche wurde immer größer. Man konnte seine Worte nicht mehr verstehen, die nur noch ein Hauch waren. Er wurde immer kränker. Man sprach mit ihm über den Empfang der Sterbesakramente und er wollte, dass man sie ihm sofort spende. Das war Nachmittag. Es war eine glühende Hitze. Mehrere Herren begleiteten das allerheiligste Sakrament mit brennenden Kerzen. Man merkte, dass das die Hitze vergrößerte und er dadurch zusätzlich müde wurde. So löschte man mehrere Kerzen aus. Sein Glaube an unseren Herrn war sehr lebendig. Bevor man in das Zimmer mit dem allerheiligsten Sakrament kam, war er bewegt und selbst Tränen flossen aus seinen Augen. Bruder Hieronymus fragte ihn nach der Ursache. Er antwortete ihm: “Wenn man daran denkt, dass man zum letzten Mal den guten Gott empfangen wird!“
Nach dieser Zeremonie war er - sei es infolge der Hitze oder der Emotion - noch etwas müder. Dann hatte ein Herr, der in Ars war, - Herr Pagès - die Idee ein Mittel zu versuchen, um das Zimmer des Kranken ein wenig zu erfrischen. Er stellte Zelte um die Mauern, die man unten ausbreitete und man goss oberhalb der Zelte, viel frisches Wasser an die Mauern, sogar auf die Treppen, bis zum Dach. Die Nachbarn liefen mit Wassereimern wie zu einem Brand. Man hätte alles getan, um dem Kranken etwas Erleichterung zu verschaffen, aber vergeblich. Das war, wie er gesagt hatte, sein armes Ende. Man ließ einen zweiten Arzt kommen, der auch nicht mehr ausrichten konnte als der erste. Es war ein durch harte Lebensweise und Arbeit erschöpfter Leib. Der Bischof wurde benachrichtigt, dass sein heiliger Pfarrer ernstlich krank war. Daher kam er in aller Eile, um seinem teuren Pfarrer einen Besuch abzustatten, der ihm dafür dankbar war: das war am dritten August 1859. Nach diesem Besuch ging der Bischof in die Kirche, die die Menge - soviele Pilger wie Pfarreiangehörige - fast ausfüllte. Man betete für den Kranken und er segnete mit dem Allerheiligsten. Seine teuren Missionarsfreunde waren auch gekommen, als sie diese traurige Nachricht hörten. Sie hätten gewünscht, dass ein Wunder geschähe und der teure Freund und Vater wieder gesund würde. Aber Gott hatte anderes beschlossen. Als es Abend war, nach dem Sonnenuntergang, begab sich der Bischof zum Schloss, um dort die Nacht zu verbringen, während Herr von Garets, die Missionare, die Brüder und andere die Nacht beim Pfarrhaus verbrachten, das befürchtend, was tatsächlich eintrat: der Tod des heiligen Pfarrers. Nicht alle blieben beim Bett des Kranken, aber als man sah, dass er schwächer wurde, rief man sie. So wurden alle diese Herren Zeuge des Todes dieses großen Dieners Gottes gegen zwei Uhr morgens, am 4. August 1859. So endete das Opferlebendes großen Dieners Gottes. Während seines Lebens hatte er das Gericht Gottes sosehr gefürchtet! Während seiner letzten Krankheit schien er sehr ruhig.
Es schien, dass der gute Gott begann, nach den Prüfungen aller Art ihn das Glück der seligen Ewigkeit spüren zu lassen. Man hörte nicht mehr, dass er sich fürchtete als Pfarrer zu sterben, was ein großer Anlass zur Qual war die ganze Zeit über, in der er in Ars war. Aus diesem Grund hatte er mehre Male versucht zu fliehen. Die Verantwortung, der Wunsch sich auf den Tod vorzubereiten, sich selbst des Unwissens anklagend und sich für absolut unfähig haltend, die Last des Pfarrers zu tragen, sagte er. “Ich bin sehr zufrieden damit ein Priester zu sein, um die heilige Messe zu lesen, aber ich bin nicht damit zufrieden Pfarrer zu sein.“ Sein Leben als Pfarrer war auf viele Weise ein ununterbrochenes Opfer. Das kann man aus seinem Leben ablesen. Ich habe ihn sagen hören: “Als unser Herr in die Welt trat, sagte er zum guten Gott: siehe, da bin ich, ich bringe mich dir als Opfer dar, tu, was du willst.“ Die Opfer wurden noch vollkommener, als er am Ende seines Lebens nicht mehr danach fragte sich zurückzuziehen. Bei der Nachricht von seinem Tode waren die ganze Pfarrei und alle Menschen überrascht. Man hatte nicht eine so überraschende Nachricht erwartet. Der Bischof selbst kam am Morgen zurück und fand ihn tot. Da sein Zimmer nicht groß ist, kleidete man ihn an und brachte ihn hinunter in einen Raum, wo man eine Art Bett aus Brettern vorbereitet hatte und eine Art Balustrade, damit man nicht zu ihm hin konnte, denn alle waren begierig darauf etwas zu haben, das er berührt hatte und sicher hätte man seine Kleidung nicht respektiert, da man schon während seines Lebens sein Chorhemd, seine Soutane zerschnitt. Um dies zu verhindern, hielt sich ein Bruder immer in der Balustrade auf und berührte ihn mit einer Masse von religiösen Gegenständen, die man während der zwei Tage, an denen er aufgestellt war, herbei brachte. Die Menge war so groß, dass man gezwungen war, einen Wächter an jede Tür hinzustellen, um ein wenig Ordnung hineinzubringen. Durch eine Tür trat man ein und ging durch eine andere Tür hinaus und das zwei Tage lang. Der, der an der Eingangstür war, war manchmal gezwungen sich mit beiden Armen in die zwei Türpfosten zu stemmen, um die Menge anzuhalten. Am ersten Tag nachmittags bemerkte man, dass aus seinem Leichnam Schweiß trat. Im Glauben, dass noch vielleicht etwas Leben in ihm war, holte man einen Arzt, der in Ars war. Nach der Untersuchung sagte er. “Es ist richtig, dass er tot ist.“ Man schob dies auf die Feuchtigkeit des Raumes. Am übernächsten Tag, Samstag, war der Herr Bischof zurückgekommen, um der Zeremonie der Beerdigung vorzustehen. Die Menge war so groß, dass man erstaunt war, so viele Menschen in Ars zu sehen. Man hat die Menge auf 6000 geschätzt und fast 300 Priester und Ordensleute aus verschieden Orden. Die Prozession formierte sich und man ging auf den Wegen, auf denen er selbst oft Prozessionen gehalten hatte. Man musste Polizisten aus Trévoux für eventuelle Vorkommnisse holen lassen und auch um die Menge nach der Prozession am Eintritt in die Kirche zu hindern. Man ließ dort nur den Klerus und einige Personen eintreten. Vor der Ankunft bei der Kirche, hielt die Prozession am Platz bei dem Kreuz an und man stellte dort den Leichnam ab. Der Bischof hielt eine Ansprache über das Leben des heiligen Pfarrers, die von Herrn Monnin aufgeschrieben wurde. Man ging in die Kirche und es wurde eine große Messe gesungen. Man stellte den Sarg in die Kapelle des hl. Johannes, wo er elf Tage blieb, bis man die Gruft fertiggestellt hatte, um das kostbare Gut aufzunehmen und wo er jetzt bestattet ist. Während dieser Zeit war immer jemand bei dem Sarg, um ihn Tag und Nacht zu bewachen.
Sobald der Diener Gottes tot war, verbreitete sich die Nachricht. Alle sprachen davon wie vom Tod eines Heiligen. Man dachte nicht daran, für ihn zu beten, sondern rief ihn an. Eine Person berichtete, dass sie mit Vertrauen am Todestag selbst betete und in der folgenden Nacht war sie vom Krebs geheilt. Am folgenden Morgen war sie darüber erstaunt und schrieb diese Gnade dem mächtigen Schutz des Dieners Gottes zu. Diese Person kam aus der Gegend von Lyon. Ich vergaß, sie nach ihrem Namen und ihrer Pfarrei zu fragen (….)
Catherine Lassagne Les Annales d’Ars Nr. 318 S.36-40,
übersetzt von Inge Hagn
„Bekehrung“ des Pfarrers von Ars, Patron der Priester, durch Alfons von Liguori, Patron der Moraltheologen
Jean-Marie Vianney war seit vierzehn Jahren Pfarrer von Ars, als das Aufsehen erregende Werk von Gousset erschien. Sein Vater und Lehrer , Abbé Charles Balley, ehemaliger Augustinerchorherr und Pfarrer von Écully, hatte ihn in der augustinischen Strenge ausgebildet. Die Predigt Nr 78, Über die Absolution, aus den ersten Jahren des Dienstes als Pfarrer von Ars enthält diese gleichsam entmutigende Passage:
Es ist notwendig, dass man in uns eine vollständige Veränderung sieht, ohne die wir die Absolution nicht verdient haben, sonst muss man glauben, dass wir ein Sakrileg begangen haben. Ach! Wie wenige gibt es, in denen wir nach der Absolution diese Veränderung sehen! Mein Gott, welche Sakrilegien! Ah! Wenn es wenigstens bei dreißig Absolutionen eine gute gäbe, die Welt wäre sofort bekehrt!“
Der Pfarrer von Ars der „ersten Art“ fühlte sich im Gewissen verpflichtet, viele Absolutionen aufzuschieben. Seine Pönitenten, die von weit her kamen, waren in der Tat das Glück der Hoteliers von Ars, Trévoux und Lyon, da sie Tage und Wochen auf die Vergebung Gottes und der Kirche warteten. Aber 1832 empfahl der Bischof von Belley, Monsignore Devie, ein glühender Liguorianer, seinem Pfarrer Vianney das Werk von Gousset: Die Rechtfertigung in der Moraltheologie des seligen A.-M. von Liguori. Das war für ihn eine Offenbarung, die seine Bußpastoral umwarf. Beendet waren die Aufschübe der Absolution. Beendet auch die schönen Tage der Hoteliers der Region.
„Wahrhaftig (sagte er sich) kann ich streng sein mit den Menschen, die von so weit kommen, die so viele Opfer bringen, die oft gezwungen sind, sich zu verbergen um hierher zu kommen?“
Dann klagten den heiligen Priester die jansenitischen Mitbrüder der Laschheit an.
Nach seinem Bischof war auch er nun Alfonsianer geworden. Und er wurde es immer mehr: von 1845 an las er in jedem Jahr wieder die zwei Bände, in denen der Kardinal Gousset die Moraltheologie des hl. Alfons zusammengefasst hatte.
Auszug aus „La Morale selon S’Alphonse de Liguori „ von Théodule Rey-Mermet, Redemptorist , 1987 Les Éditions du Cerf,Paris
übersetzt von Inge Hagn
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil I

Referat von P. Jean-Philippe Nault beim letzten Kolloqium in Ars
am 26.Januar 2009. ( Aus Les Annales d’Ars Nr.320, S. 5ff)
Erlauben Sie mir am Anfang Papst Johannes-Paul II. zu zitieren in einer Meditation, die unser Thema betrifft. Es war in Ars 1986, als sich der Papst an die anwesenden Priester wandte: „Unsere Liebe zu den Menschen kann sich nicht damit abfinden, dass sie auf das Heil verzichten. Wir haben keinen direkten Einfluss auf die Bekehrung der Seelen. Aber wir sind verantwortlich für die Verkündigung des Glaubens und seine Anforderungen ohne Abstriche. Wir müssen unsere Gläubigen zur Bekehrung und zur Heiligkeit einladen, die Wahrheit sagen, warnen, raten und in ihnen den Wunsch nach den Sakramenten wecken, die sie in die Gnade Gottes zurückführen. Der Pfarrer von Ars bedachte, dass es ein furchterregender, aber notwendiger Dienst sei: „Wenn ein Pfarrer sieht, dass Gott beleidigt wird und stumm bleibt und die Seelen vom rechten Weg abkommen, wehe ihm.“
Beichtstuhl des Pfarrers von Ars
Man weiß,mit welcher Sorge …er an die Forderungen des Evangeliums erinnerte, die Sünde anprangerte und einlud, das begangene Böse wieder gut zu machen….Der Pfarrer von Ars hat sich wirklich solidarisch mit seinem sündigen Volk gezeigt; er tat alles, um die Seelen aus ihrer Sünde zu reißen, aus ihrer Lauheit, um sie zur Liebe zurück zu holen: „Gib mir die Bekehrung meiner Pfarrei und ich bin bereit alles, was du willst zu erleiden, mein ganzes Leben lang.“ Er hatte, so hat man gesagt, „eine erschütternde Sicht des Heiles“; der Jansenismus hat ihn vielleicht zu seiner strengen Ausdrucksweise verleitet. Aber er hat es verstanden, diese übertriebene Strenge zu überwinden. Er zog es vor, den Akzent auf die Anziehungskraft der Tugend zu legen, auf die Barmherzigkeit Gottes, in der unsere Sünden „wie Sandkörner „ sind.
1. Angst um das eigene Heil
Woher kam diese Angst?
Persönliche Angst
Man müsste vielleicht schon vom Grund der persönlichen Angst beim Pfarrer von Ars sprechen. Seinem Vikar, der ihn eines Tages fragte, ob er angesichts des Stroms von Pilgern, die kommen, um ihn zu sehen, nicht zum Stolz versucht sei, antwortete er: meine Versuchung ist die Verzweiflung! Seine Konstitution, sein menschliches Elend, seine Geschichte und die unliebsamen Ereignisse seines Lebens schon seit der Jugend haben den Grund für diese Angst gelegt, die sich als wirkliche Armut erweisen wird. Es ist nicht zu leugnen, dass der Einfluss dieser Angst, die sicher nicht krankhaft war, persönliche und metaphysische Auswirkungen hatte, die ihn zum Heil zogen.
Einflüsse seiner Ausbildung
Wir sehen auch den Einfluss sowohl seiner familiären als auch priesterlichen Formung. Besonders diejenige des Abbé Charles Balley, Pfarrers von Écully, den Jean-Marie Vianney seinen Meister nannte. Seine starke Persönlichkeit, seine Strenge, seinen Sinn für das Opfer und die Selbstverleugnung, seine Frömmigkeit und sein tiefer Glaube werden für immer die Seele des jungen Jean-Marie prägen. Aber Herr Balley ist durch seine Kongregation geprägt vom jansenistischen Gedankengut, die auch den jungen Jean-Marie prägen wird. Dieser Jansenismus wird auch die ersten Jahre des Pfarrers von Ars beeinflussen. Es brauchte den Einfluss der eigenen innigen Verbindung mit Gott und den der Gedanken eines Alfons von Liguori, um sich ab 1836 davon abzuwenden.
Schließlich wird ein weiterer Einfluss die Unsicherheit der damaligen Zeit sein, die Zeit der Revolution und der postnapoleonischen Periode. Dieser besondere Hintergrund erzeugt Angst und Furcht vor der Zukunft und kann nicht ohne Einfluss sein auf die persönlichen Gefühle, selbst auf die eines späteren Heiligen.
Die Freundschaft mit Gott macht ihm sein eigenes Elend bewusst
Seine innige Verbindung mit Gott, seine Freundschaft, wie er sagte, zeigt ihm indirekt seine Armut und das totale Elend seiner Verfassung ohne Gott. Er nimmt nicht nur sein Elend am Beginn seiner Lebenserfahrung wahr, sondern wird sich seiner Unfähigkeit, auf den Anruf Gottes zu antworten, umso mehr bewusst, je mehr er sich Gott nähert, wie Vinzenz von Paul, dass er noch mehr hätte tun können. Daher dieses Gefühl der Angst, das mit der Zeit wachsen wird.
„Ein elender Sünder“
So also hat er sich letztlich gesehen. Er war davon tief überzeugt und einige Jahre vor seinem Tod denkt er sogar, dass er verdammt wird. Das ist keine falsche Bescheidenheit, das ist eine schreckliche Realität, die ihn peinigt und zermürbt. Schon bei seiner Ankunft in Ars dachte er:“keinen Priester zu finden, der sich mit seiner Seelenführung belasten wolle, weil er sich als den größten aller Sünder betrachtete“, vertraute er Abbé Toccanier an(Ravier, Le curé d’Ars- un prêtre pour le peuple de Dieu. Éd. Parole et Silence 1999, S.97). Je mehr Sünder herbeiströmten, „umso mehr ergriff ihn eine Art panische Angst, bei dem Gedanken, dass seine Sünden das Wirken der Gnade behindern könnten“ (Ravier, 98) betont P. Ravier Dieser Zustand (Ravier, 100-104) bringt ihn in die Nähe der größten Mystiker und erklärt teilweise seine Fluchtversuche aus Ars. Erst in den letzten Tagen vor seinem Tod wird er den Frieden wiederfinden.
2. Eine geistliche Prüfung
Außer den menschlichen und sozialen Einflüssenkann man beim Pfarrer von Ars von einer realen geistlichen Prüfung sprechen.
Geistliche Prüfung
Sie war zweifellos von Gott erlaubt, um ihn vor dem Stolz zu bewahren oder um ihn an der Tafel der Sünder essen zu lassen? Die Versuchung zur Verzweiflung ist manchmal so stark beim Pfarrer von Ars, dass sie seine Seele zu überfluten scheint und ihn in einen Zustand ähnlich einem Verdammten wirft. Er taucht in die Verzweiflung unter, aber erliegt ihr nicht. Diese Angst bestimmte nicht seine priesterlichen oder pastoralen Tätigkeiten, weder die Hingabe seiner selbst noch seine Nächstenliebe. Nein! Was in ihm die Angst hervorrief bis zum Eintauchen seiner Seele in eine Art Agonie, war die Begegnung mit der Sünde der Welt, ganz besonders in seinem Beichtstuhl. Seine Versuchung zur Verzweiflung, weit davon entfernt in ihm die Liebe zu Gott und den Eifer für die Seelen aufzuheben, reinigte ihn jeden Tag mehr und, so bemerkt P. Ravier, führte ihn „zu den höheren Zuständen der reinen Liebe, wo die Seele von sich selbst entblößt ist, sich selbst verleugnet, um ihren Schöpfer in völliger Freiheit .in sich leben und durch sich wirken zu lassen“ (Ravier, 101). Die Begegnung mit der Sünde wird nach und nach sein ganzes Leben erfüllen „wenn ich nicht Priester wäre, hätte ich nicht gewusst, was die Sünde ist“ (B. Nodet, Jean.Marie Vianney- Sa pensée, son coeur, ,Le Puy, 1958, S. 147). Es sind der Glaube und die Hoffnung, die dem Heiligen Pfarrer erlauben werden nicht unterzugehen; der tiefe Friede, der ihn zuletzt nicht verlässt, zeigt deutlich, dass es eine geistliche Prüfung war. Diese „Nacht“ führt hin zu derjenigen des Herrn auf Getsemani; das ist das Drama der Menschheit, mit der er eins geworden ist, in den Grenzen seiner einfachen Pfarrei, aber mit einer seltenen Weite; er wird eins mit dem Geheimnis der Erlösung selbst; er fühlt sich verlassen, als Sünder, unfähig zu guten Werke, bestimmt zum Verderben. Er strahlt das demütige Antlitz des Herrn wieder, im Bewusstsein sowohl seiner eigenen Schwäche als auch der Größe der zu erfüllenden Aufgabe. Diese angenommene und aufgeopferte Demütigung wird auch zu einer Frucht der Ewigkeit führen. In diesem Nebel und Unverständnis setzt er Akte der Hingabe oder der Nächstenliebe, und manchmal kann er gar nichts mehr tun. Am Abend seiner letzten Flucht wird er einfach sagen, als er sich wieder in seinen Beichtstuhl setzt „ich war kindisch“.
Versucht durch den Grappin (= Teufel, Ausdruck des Pf. von Ars, Anmerkung der Übersetzerin)
Schließlich darf man beim Heiligen Pfarrer den Einfluss des Dämons nicht außer Acht lassen. Er war mehr als ein anderer durch den versucht, der alles Gute, was durch den Priester geschah, ermessen konnte: „Was du mich leiden lässt!...Wenn es drei von dir auf der Erde geben würde, wäre mein Reich zerstört…du hast mir mehr als achtzigtausend Seelen geraubt“ (Monnin, Band I, S. 439). Der Grappin tat sich schwer, das zu erwähnen. Wenn der Herr die täglichen, oft spektakulären Angriffe mehr als 30 Jahre erlaubt hat ( von 1824 bis 1858), ist es vielleicht, damit er nicht in Stolz verfällt, vielleicht auch um seine Kraft angesichts des Gegners wachsen zu lassen, Kraft, die aus dem Glauben und seiner vertrauensvollen Hingabe kommt. Sicher auch, damit dieser außergewöhnliche Hirte die Notwendigkeit des Heils ermisst. Die Wucht der Angriffe werden nur die Überzeugungen des Pfarrers bestärken. Er wird sogar über die Listen des Dämons Scherze machen „mit dem Grappin ist man gleichsam Kamerad, so sehr kennt man sich“ (Nodet,177).
3. Auf einer Wellenlinie...
Sein ganzes Leben wird der Pfarrer von Ars auf einer Art Wellenlinie sein, zwischen einer tiefen Freude Priester zu sein und einer Angst des Pfarrers, schwankend je nach den Umständen von einer Seite zur anderen. Eines Tages wird er feststellen.
“ wenn ich gewusst hätte, was man leiden muss, wenn man Pfarrer ist, wäre ich vor Kummer gestorben“ (Nodet, 105).
Seine Freude Priester zu sein ist keine Täuschung
Gott den Menschen zu geben, die Menschen Gott zu geben. Seit langem hatte er den Wunsch Seelen für den guten Gott zu gewinnen, seine Freude darüber, ein demütiger Arbeiter zu sein, ist groß; sein ganzes Leben beweist dies reichlich, so dass ihn die Nachwelt dafür der Kirche gibt.
Aber er kannte auch die Angst des Pfarrers
„Ah! Wie schrecklich ist es für einen Pfarrer vor dem Richterstuhl Gottes zu erscheinen“ (Convert, Méditations sacerdotales, S. 27). Der Pfarrer ist für die Seelen vor dem Herrn verantwortlich. „Und wenn manche verloren gingen wegen meinem mangelndem Eifer, wegen meiner Sünden oder meinem Mangel an Mut?“; das war ein wahrer innerer Kampf. Als Priester ist er „Retter“ d. h. nach seiner eigenen Ausdrucksweise „Mittler zwischen Gott und dem armen Sünder“; nun aber fühlt er sich zermalmt durch diese Verantwortung gegenüber seinen Pfarrangehörigen und den tausenden Menschen, die zu ihm herbeieilen. In seiner Überlastung kann er nicht alles, was zu tun bleibt, überschauen und ermessen. P. Ravier betont: „Gott erlaubt, dass die Versuchung zur Verzweiflung sich unter die Freude, Priester zu sein und seinen Wunsch Seelen zu gewinnen, mischt…dass dieser Priester sich verdammt glaubt, weil die Seelen seine Last sind, dass diese pastorale Verantwortung, die sein Priestertum begründet, genau deshalb zur Verdammnis führt“ (Ravier, 90). Seine verschiedenen Vorstöße, um diesen Dienst zu verlassen, ergänzen die Dramatik dieser Situation. Die Verantwortung als Hirte war einer der Gründe für seine Fluchtversuche aus Ars, im Bewusstsein seines Elends und der Begegnung mit der Sünde. Es war immer die Perspektive des Heils der Pfarrangehörigen, die ihn zurückkommen ließ.
4.Seine Antwort als Priester
Angesichts seiner geistlichen Bedrängnis war seine einzige Perspektive Christus, der Erlöser, und die Einheit mit ihm. Sie zeigt sich unter verschiedenen Blickwinkeln;
Gebet und Hingabe
Die erste Antwort auf diese existentielle und metaphysische Angst ist zuerst das Gebet, „wenn ich verzweifelt bin, werfe ich mich zu Füßen des Tabernakels wie ein kleiner Hund zu Füßen seines Herren“ (Nodet, 204) bemerkte er eines Tages. Er wird in seinem Gebet einen tiefen Trost finden, die sich in seiner Freundschaft mit Gott ausdrückt. Eine Freundschaft, die er zuerst von Gott empfängt und auf die er mit ganzem Herzen antwortet; „er war fast immer in der Gegenwart Gottes“ stellt Abbé Toccanier fest. In seinem Gebet hat er die Barmherzigkeit Gottes gekostet, das ist das Gebet eines Demütigen; „wenn ich traurig wäre, ginge ich beichten“ (Nodet, 15).
Trost durch die reale Gegenwart
Sein weiterer großer Trost wird die reale Gegenwart sein. „ Gott ist da an meiner Seite, für mich, da, in einigen Metern…“ Man versteht das Leben des Heiligen Pfarrers besser, wenn man diese besondere Gnade erkennt, die ihm gegeben war, um diese ganz einfache Gegenwart des sich schenkenden Gottes zu verkosten. Wenn er lange Stunden vor dem Tabernakel verbringt, ist das nicht, um den Herrn umzustimmen, sondern, um sich lieben zu lassen. Für Jean-Marie Vianney ist die Eucharistie mit Sicherheit ein Opfer, der Ort, an dem Gott sich den Menschen und der Mensch sich Gott gibt; als Priester ist er schlechthin in dieser Vereinigung. Die Anbetung erlaubt ihm eins zu werden mit den Empfindungen Christi: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. „.Wie froh wäre ich, es würde schon brennen“. Jean-Marie Vianney war so glücklich in der Gegenwart Gottes, dass er fast mit diesem Glück auf Erden zufrieden gewesen wäre: „Ich werde mich im Paradies ausruhen. Ich wäre sehr zu bedauern, wenn es das Paradies nicht gäbe! Aber es ist ein so großes Glück Gott zu lieben in diesem Leben, dass das genügen würde, selbst wenn es kein Paradies im anderen Leben gäbe“ (Nodet,94).
Das Heil durch das Kreuz
Er wird schließlich auf diesen Kampf mit seinen Bußübungen und dem Opfer seiner selbst antworten. Das Kreuz wird beim Heiligen Pfarrer eine besondere Bedeutung erlangen; es ist im Herzen seines Lebens und seines Dienstes eingepflanzt: „Oh, ich hatte Kreuze! Ich hatte davon beinahe mehr, als ich tragen konnte. Da habe ich um die Liebe zu den Kreuzen gebeten, dann wurde ich glücklich“ (Nodet, 184). Durch seine Abtötungen, die soviel Tinte fließen lassen werden, weil sie schlecht verstanden wurden oder Anlass zu Spott der Mitbrüder waren, will er sich vereinen mit dem höchsten Opfer und selbst in diesen Kampf eintreten. Er ist am Fuß des Kreuzes und als Priester hat er erkannt, dass er eintreten muss in dieses vollkommene Opfer, in diese Gleichförmigkeit mit Christus, der sich vollkommen für das Heil der Welt hingibt. Seine Bußübungen hatten trotz der Übertreibungen in der Jugend, die er gerne zugab, niemals eine krankhafte oder ostentative Seite. Nur wenige kannten sie. Alles wurde hingegeben, geopfert und erhält Sinn in der Einheit mit der Passion Christi. Das könnte man „Stellvertretung“ nennen: ich leide für euch und mit euch das, was ihr nicht erleiden wollt: „ Ah mein Gott! – betete er – Gib mir die Gnade zu leiden, indem ich dich liebe, dich zu lieben, indem ich leide“ (Akt der Liebe, Gebet dem Heiligen Pfarrer von Ars zugeschrieben). Mir scheint, dass man nur unzureichend die Weite dieses Aspektes ermisst, nicht nur in seinem persönlichen Leben, sondern auch in der übernatürlichen Dimension.
Johannes-Paul II. stellt fest: „Dafür hat Jean-Marie Vianney sich bis zur Erschöpfung verausgabt, dafür hat er es auf sich genommen Buße zu tun, wie um Gott die Gnaden der Bekehrung zu entreißen. Um ihr Heil fürchtete er und weinte er. Und als er versucht war seiner schweren Last als Pfarrer zu fliehen, kam er zurück, für das Heil der Pfarrangehörigen.“
Abschließend kann man sagen, dass im Blick auf seine persönliche Angst, sein eigenes Heil er letztlich ein Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe führt. Er antwortete auf Angriffe jeglicher Art durch den Glauben und in der Hoffnung und durch die Entfaltung seiner Tugenden, ganz besonders der Geduld und der Selbstbeherrschung….Die geistlichen Prüfungen werden ihn niemals den Frieden verlieren lassen. Seine Fluchtwünsche, die Versuchung zur Verzweiflung verankern ihn schmerzlich aber fest in einer Prüfung;: „an gewissen Tagen gehe ich mit Widerwillen in meine Kirche“ gibt er selbst zu. Er war zutiefst ein Mann des Glaubens und ein Herold der Hoffnung, und das nährte seine demütige Treue. Die Freude des Sieges am Ende macht seinen Kampf deutlich.
(Fortsetzung in der nächsten Nummer der Annalen von Ars)
2.05.2009 Übersetzt und leicht gekürzt von Inge Hagn
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil II
Referat von Jean-Philippe Nault am 26.Januar 2009
(Aus Les Annales d’Ars Nr.321 S.5ff)

Neuer Hauptaltar in der Basilika von Ars
Werk von M. Rudelli 2008
Die Angst des Hirten um das Heil
„Ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen“. Dieser programmatische Satz erklärt seine tiefe Intention: zuerst den liebenden Gott erfahrbar zu machen und ihn lieben zu lehren. Er vollbringt dies auf mehrere Weise:
Der heilige Pfarrer sprach vor allem von Gott und seiner unbegrenzten Liebe, von seiner Güte ohne Ende. Alle Zeugen sind einstimmig: je älter er wurde, umso wichtiger wurde dieser Teil seiner Predigt und umso mehr kam er darauf zurück. Von der Liebe Gottes zu sprechen, in ihr zu leben, was gab es Größeres zu fragen und zu suchen! Das ist es doch, die Größe Gottes zeigen, der jeden in das Geheimnis der Göttlichkeit eintreten lässt. Alles richtete sich daraufhin aus: die Liturgie, die Predigt, die Schönheit der Gottesdienstorte oder die Weise der Zelebrationen, die Intensität des Gebetes, die Prozessionen…Das ist vielleicht seine große Entdeckung und seine große Freude; von einer moralischen Sicht zur Sicht des liebenden Gottes zu gelangen. „Um sich zu retten, sagte er, muss man Gott kennen, ihn lieben und ihm dienen.“ (Monnin, Esprit du Curé d’Ars, S.47).
Nach dem Geheimnis Gottesgibt es das des Menschen und seiner Berufung, das ihn beschäftigte. Er kam immer wiederauf die außerordentliche Berufung des Menschen zurück, auf den Plan Gottes und die Freude, Gott zu kennen und ihn zu lieben: „Gott zu lieben und von Ihm geliebt zu werden, welches Glück!“
(Nodet, 59) Kind Gottes zu sein, das ist seine Freude!
Nachdem er die Gefahren einer Abkehr von Gott aufgezeigt hatte, konnte er die Größe unserer Zustimmung zum Plan Gottes deutlich aufzeigen. Er ist ein Meister der Freiheit, könnte man sagen, denn diese setzt die Schönheit des Zieles als selbstverständlich voraus und trotz der Schwierigkeit des Weges, die Größe des Menschen, der wählen und dem Guten zustimmen kann. Wenn er so viele Stunden im Beichtstuhl verbringt, ist es wohl, damit jeder die Freude verkostet, ein Kind Gottes zu sein und frei zu Gott ja sagen zu können. Das ist möglich, weil er die Freude an einer innigen Beziehung zu Gott erkannt und gekostet hat, dass er, indirekt, die Torheit der Sünde ermisst und bereit ist, sein Leben hinzugeben,, damit jeder diese Freude verkostet. Die Freiheit ist nicht einfach der freie Wille, das ist die Gnade Gottes im Alltag.
Nachdem der Pfarrer von Ars den Horizont aufgezeigt hat, der der unsrige sein soll, kann er dann einladen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden.
Heben wir zunächst seine Predigt hervor. Seit seiner Ankunft suchte er durch die Katechesen und indirekt durch seine Homelien zu unterrichten. Er zieht die Menschen nicht an sich, er hält keinen Unterricht, der verführen will. Wenn man seine Homelien anschaut oder das, was man davon kennt, haben sie nichts Weiches oder Abgeschmacktes, sie erscheinen sogar nüchtern und streng. Er bedenkt, dass jeder, so niedrig er sein mag, ein Recht auf die Wahrheit hat. Bis zum Ende seines Lebenswird er von dem Gedanken gequält sein, dass er verdammt wird, weil er die Menschen an sich zieht, und wenn die Menschen so zahlreich kommen, ist es, weil er sich nicht genau genug an die Wahrheit hält; das wird einer der Gründe für seine Fluchten sein. Er predigt das Wort Gottes, er ist zutiefst treu, aber zuerst ist er Jünger.
Sein Zeugnis ist fundamental „er tut, was er sagt“. Im Fall des heiligen Pfarrers von Ars war das einer der Hauptzüge, den die Zeitgenossen entdeckten, manchmal erschüttert von dem Ausmaß seiner Forderungen an sich selbst. Seine Sorge um die Wahrheit, die er vollkommen angenommen und gelebt hat, ist ein Beispiel. Der Pfarrer von Ars spaßt nicht mit der Wahrheit und wird umso mehr an den Verleumdungen leiden, die über ihn verbreitet werden. Bei seinem Seligsprechungsprozess machte Guillaume Villier, aus Ars, die Anmerkung:“wenn man neben ihm war, wollte man besser werden“; ohne etwas zu sagen, bemerkte man die Größe des Geschenkes seiner selbst, der nach oben hin zieht.
Wir stellen auch in seiner Verkündigung der Wahrheit die Absage an den Teufel (grappin) fest. Er wird auch nicht aufhören, wie er es formulierte, ihn mit Verachtung zu behandeln. Gegenüber dem Teufel (grappin)ist es besser sich auf den Glanz der Wahrheit zu konzentrieren als auf das Nichts des Bösen. Dem Bösen abzusagen, ist zuerst für ihn, das Gute zu betonen und Satan lächerlich zu machen durch Aufzeigen seiner Bosheit. Mit Erfolg wird ihm das gelingen, die persönlichen Angriffe, deren Zeuge er wurde, versuchten ihn zu prüfen.
Ganz zuerst seine Liebe zu den diözesanen Missionen. „Man findet immer genug Personen, die Fahnen oder Statuen kaufen, sagte er, aber das Seelenheil durch die Missionen muss bevorzugt werden“ (Nodet, 35).So wurde er Gründer der Pfarrmissionen. Er sagte von der Kanzel aus: „ Ich liebe so sehr die Missionen, dass ichmeinen Körper, falls das möglich wäre, verkaufen würde, um eine weitere zu gründen!“ (Toccanier, Procès Apostolique S. 1855, J.M.Vianney hat zweihunderttausend Francs für das Werk der Missionen in zehn Jahren beschafft; Trochu, Le Curé d’Ars 1925, S. 440). Der Beichtvater verbirgt nicht seine Befriedigung, die ihm die Missionen verschaffen: „Man kennt nicht all das Gute, das die Missionen bewirken. Um das schätzen zu können, müsste man an meinem Platz sein, müsste man Beichtvater sein“ (Nodet, 227).
Zum Schluss dieses zweiten Teils erinnern wir daran, was Johannes Paul II 1986 in Ars sagte: (…) „Das Wort Heil ist eines, das am häufigsten beim Pfarrer von Ars wiederkehrt. Was hat es für ihn zu bedeuten? Gerettet sein, das ist von der Sünde befreit sein, die von Gott entfernt, das Herz austrocknet, und riskiert, sich von der Liebe Gottes für immer zu trennen, was das größte Übel wäre. Gerettet zu sein, das ist vereint mit Gott leben, das ist Gott sehen. Gerettet zu sein, das ist in gleicher Weise zurückgeführt sein in eine wahre Einheit mit den anderen, denn unsere Sünden bestehen sehr oft darin, die Liebe zum Nächsten zu verletzen, die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Achtung vor seinen Gütern und seinem Leib, seine Menschenrechte, das ist alles ist dem Willen Gottes entgegengesetzt. Und es gibt eine tiefe Solidarität unter den Gliedern des Leibes Christi: man kann ihn nicht lieben, ihn, ohne seine Brüder zu lieben. Das Heil erlaubt so eine kindliche Beziehung mit Gott und eine brüderliche mit den anderen zu finden“ (Johannes Paul lI. 59).
Die Angst vor der Hölle aufzeigen
Schluss
Wie schließen?
Welche Schlüsse, um uns darin zu helfen…
Neue Flucht des Pfarrers von Ars (1853)
Trotz dieser Müdigkeit und dieses Eifers, der seinem Körper nie Ruhe gönnte, bedrückte ihn der der Wunsch nach Einsamkeit immer mehr. Als er den Besuch des Bischofs erwartete, bereitete er sich darauf vor mit Fasten, Bußübungen, zweifellos um den Willen Gottes zu erfahren und die Gnade zum Rücktritt zu erhalten, die ihm der Bischof bisher nicht gewährt hat.Da er immer mehr in seiner Demut bedrückt war, sich unfähig glaubte infolge seiner Unwissenheit, seinem Mangel an Tugend, um die Aufgaben eines Pfarrers zu erfüllen, glaubte er ständig, dass der Rücktritt das Beste wäre, um sich auf den Tod vorzubereiten.
Als er davon sprach, sich zurückzuziehen, sagte ich ihm: „Der Bischof wird das nicht wollen “, er antwortete mit fester Überzeugung: „ Der Bischof soll sich mit mir nicht belasten; er hat genug Pfarrer“. Er schien noch daran zu zweifeln, ob der Bischof überhaupt bereit wäre, ihn gehen zu lassen. Schließlich fasste er im September 1853 den Entschluss zu einer zweiten Flucht. Er bestimmte dazu die Zeit, während sein Hilfspfarrer Raymond in Exerzitien war. Er setzte den Zeitpunkt der Flucht fest und sagte mir ihn im Geheimen mit dem Verbot, ihn weiterzusagen. Ich war sehr betrübt durch diesen Entschluss. Die Priesterexerzitien endeten am Samstag. Und Pfarrer Raymond, der in einer Pfarrei zum Pfarrer ernannt worden war, kommt mit Pfarrer Toccanier, einem Missionar, der ihn ersetzen sollt. Am Sonntag waren alle zufrieden, dass ein Missionar zur Hilfe für unseren heiligen Pfarrer gekommen war. Aber ich war sehr traurig im Gedanken daran, dass diese Freude nur von kurzer Dauer sein wird, denn sein Entschluss war, in der Nacht von Sonntag auf Montag wegzugehen, sehr früh am Morgen, d. h. nach Mitternacht. Ich bat ihn um die Erlaubnis, darüber mit meiner Kollegin Marie Filliat zu sprechen (es war Sonntag). Er erlaubte es mir. Und so teilte sie meinen Kummer.
Am Sonntagabend waren wir alle beide beim Herrn Pfarrer. Wir haben ihn gebeten nicht wegzugehen, aber sein Entschluss stand fest. Er übergab mir einen Brief an die Adresse des Herrn Bischofs, um ihn zur Post zu bringen, sobald er weggegangen wäre. Wir haben uns sehr traurig zurückgezogen und sind an der Pfarrhaustür zum Garten hin stehen geblieben. Da wir nicht wussten, was wir denken sollten, ob wir das Geheimnis bewahren oder sagen sollten, haben wir bedacht, dass er in der Schwäche, in der er war, nicht bis Lyon zu Fuß gehen konnte, dass er absolut eine Begleitperson bräuchte, um bei Bedarf einen Wagen zu holen und ihn zu unterstützen; wir dachten, dass wir jemanden finden könnten, als Bruder Hieronymus vorbeikam. Er war sehr erstaunt, uns zu dieser Stunde zu sehen. Es war neun Uhr abends.
Daher sagte ich ihm. „Wir sind in einer sehr schwierigen Lage. – Und was ist?- Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, wenn man Sie heute Nacht ruft, seien sie bereit aufzustehen ( weil wir schon an ihn gedacht haben, um ihn zu begleiten)“. Er sagte uns noch: „Geht der Herr Pfarrer weg?“ Ich habe gesagt. „Wir fürchten das.“Dann sagte er. „Darüber weiß ich genug. Was mich glauben lässt, dass das wahr ist, ist etwas, das er mir in den vergangenen Tagen gesagt hat. Wir werden nicht schlafen“. Ich sagte ihm noch: „Lasst Eure Kinder beten, damit das nicht geschieht“. Er antwortete mir. „Man muss die hl. Philomena bitten, das ist ihre Angelegenheit“. Dann haben wir uns jeder zu sich zurückgezogen. Meine Kollegin ist ohne mein Wissen zu den Brüdern zurückgegangen, um ihnen zu versichern, dass der Aufbruch beschlossen sei. Die Brüder haben diese Mitteilung an den Herrn Bürgermeister weitergegeben, ebenso an Pfarrer Toccanier, den Missionar, die alle in Erwartung waren, was geschehen würde. Ich schlief auch nicht, als er etwa eine Stunde nach Mitternacht an die Zimmertür, die darüber war, klopfen kam, um anzukündigen, dass der Zeitpunkt des Aufbruchs gekommen war. Ach! Armer Pfarrer, er wusste nicht, dass man auf der Lauer war und das sein Geheimnis verraten worden war, wenn auch aus guter Absicht, denn ich dachte nicht, dass man sich seinem Aufbruch widersetzen würde: es war einfach, um ihm Begleitung zu geben. Mein Herz war zerrissen, ihn entfliehen zu sehen, aber ich hätte es nicht gewagt, mich seinem Vorhaben zu wiedersetzen. Man hatte ihm einigen Proviant für den Weg vorbereitet. Er kommt durch die Pfarrhaustür, die nach hinten geht, zu uns. Bruder Hieronymus, der ihm im Geheimen mit Pfarrer Toccanier folgte, trat gleich nach ihm ein. Welche Überraschung für Pfarrer Vianney! Er erbleichte. Der Bruder war bewegt. Pfarrer Toccanier sagte ihm: „ Wenn es meinetwegen ist, dass Sie aufbrechen wollen, werde ich nicht bleiben. – Nein, mein Freund, im Gegenteil! Nun gut, Herr Pfarrer, sagte Pfarrer Toccanier, ich erkläre Ihnen, dass ich Sie nicht verlasse, wenn Sie weggehen, ich werde Ihnen folgen. –Nun gut, kommen Sie“ sagte er. Sie gingen hinaus und machten sich auf den Weg. Pfarrer Toccanier sagte noch. „ Wir werden die Sturmglocke läuten lassen und die ganze Pfarrei wird Ihnen in Prozession folgen“. Als man beim Mesner vorbeikam, gab man ihm die Anweisung zu läuten, was er gemacht hat. Während sie weitergingen, hat man ihm gesagt, dass er nicht ohne sein Brevier weggehen könnte, denn man hatte es ihm aus den Händen genommen, um ihm die Mühe es zu tragen, zu ersparen. Man hat es verschwinden lassen und, ohne darauf aufmerksam zu machen, ging man einen entgegengesetzten Weg. Dieser gute Pfarrer schickte mehrere Personen, um sein Brevier zu holen. Pfarrer Toccanier sagte ihnen ganz leise: „Geht und kommt nicht wieder“, während er selbst ihm sagte, dass er nicht ohne sein Brevier weggehen könne. Das war, um ihn zu veranlassen zurückkehren. Schließlich war er es selbst, der in das Pfarrhaus zurückkam, um sich sein Brevier zu holen. Als er zurückkam, läutete man die Sturmglocke. Und alle kamen: die einen glaubten, es brenne, die anderen, dass Diebe in der Kirche wären. Sie waren bewaffnet mit dem, was sie für nötig hielten, die einen mit Eimern, die anderen mit Heugabeln, mit großen Stöcken, mit Laternen. Er trat ins Pfarrhaus ein, nachdem er einen Umweg gemacht hatte, indem er durch den Garten der Brüder ging. Die Einwohner, die wussten, um was es ging, versammelten sich um das Pfarrhaus. Als der Pfarrer dort eintrat, ließ man die Männer eintreten und schickte die Frauen in die Kirche zum Beten. Er ging in sein Zimmer hinauf, um sein Brevier zu holen, das Pfarrer Toccanier ohne sein Wissen weggenommen hatte. Doch schließlich gelang es ihm, es zu holen. Er ging dann in seinen Hof hinunter, wo die Pfarrangehörigen mit allen ihren Geräten und ihren Laternen waren. Jeder näherte sich ihm, um ihn zu bitten, nicht wegzugehen.
Er näherte sich der Tür, um hinauszugehen; man weigert sich, sie zu öffnen. Er geht zu einer anderen Tür. Dieselbe Weigerung. Pfarrer Toccanier folgt ihm und sagt ihm alle möglichen guten Worte, um ihm zu ermuntern zu bleiben. Er sagte nichts, nur: „Lasst mich gehen“, es schien mir am Ton der Stimme, dass er weinte.
Wie war diese Szene bewegend! Sie stellte so gut die Gefangennahme Unseres Herrn im Ölberggarten dar. Nach mehrfachen Hin- und Hergehen durch diesen Hof sagte er: „ Öffnet die Tür, lasst mich vorbeigehen, ich will in die Kirche gehen“. Das tat er. Er ging in den Beichtstuhl, wo ihn eine Menge Menschen erwartete.
Aus: Catherine Lassagne, Le Curé d’Ars au Quotidien (Der Pfarrer von Ars im Alltag)
Éditions Parole et Silence 2003, S.68-71,
übersetzt von Inge Hagn 6.09.2009
Priester-Rosenkranz
Pater Willibrord Driever OSB
Missionsbenediktiner von St. Ottilien
Papst Benedikt XVI hatte anlässlich des 150. Todesjahres des „Pfarrers von Ars“ im März 2009 ein weltweites „Priester-Jahr“ angekündigt. Das Jahr solle vor allem der geistigen Vertiefung der rund 400.000 katholischen Priester in der Welt dienen. Davon hinge die Effizienz ihres Amtes ab, so der Papst in seiner Ansprache an die Kongregation für den Klerus (OR, Nr. 12 vom 20. März 2009).
Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, dem 19. Juni 2009 – dem Tag, der traditionsgemäß dem Gebet um die Heiligung der Priester gewidmet ist – hat der Papst das Priester-Jahr eröffnet. „Dieses Jahr, das dazu beitragen möchte, das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern, wird 2010 wiederum an diesem Hochfest seinen Abschluss finden“ (Schreiben des Papstes an die Priester zur Eröffnung des Priester-Jahres). Das Jubiläumsjahr steht unter dem Leitwort „Treue in Christus, Treue des Priesters“ und wird genau ein Jahr später mit einem Weltpriestertreffen auf dem Petersplatz in Rom enden.
In der Zweiten Vesper nach der Kurzlesung hielt der Papst eine Predigt zu dem Thema: „Im Herzen Jesu kommt der wesentliche Kern des Christentums zum Ausdruck“. In der Predigt nahm er auch Bezug auf sein Schreiben an die Priester zur Eröffnung des Priester-Jahres. In beiden Texten zitiert er einen Ausspruch des Pfarrers von Ars: „Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen“ (beide Texte im OR, Nr. 26 vom 26. Juni 2009).
Auf der Grundlage der Predigt des Papstes in der Zweiten Vesper wurde der nachfolgende Priester-Rosenkranz formuliert. Er enthält einige wesentliche Aussagen der Predigt.
1. Jesus, aus dessen Herz das Geschenk des priesterlichen Dienstes an Kirche und Menschheit hervorgeht.
2. Jesus, der mich davor bewahre, den mir anvertrauten Seelen durch Nachlässigkeit oder Schande Gutes vorzuenthalten oder Schaden zuzufügen.
3. Jesus, zu dessen Herz mich meine Mängel, Grenzen und Schwächen zurückführen mögen.
4. Jesus, von dessen am Kreuz durchbohrten Herzen, dem Quell der Liebe, ich mich niemals entfernen will.
5. Jesus, der mich mit jener seelsorglichen Liebe entflammt, die fähig ist, mein persönliches Ich seinem Ich anzugleichen, um ihn in der vollständigsten Selbstschenkung nachahmen zu können.
Adressat
Der Rosenkranz gedacht für die Priester, die in privater Meditation wesentliche Aussagen der Predigt des Papstes und die Größe und Verantwortung des von Gott erhaltenen Geschenks des Priestertums betrachten wollen; er ist weniger geeignet für das Gebet in einer Gruppe.
Form
Der private Charakter kommt darin zum Ausdruck, dass die Gesätze in der 1. Person (des Beters) formuliert sind, woraus sich eine grammatikalische Spannung zum Plural des Avemaria ergibt.
Der private Charakter zeigt sich auch in der theologischen Dichte, so im 5. Geheimnis. Dies ist ein besonderes Anliegen des Papstes; in seinem „Schreiben“ heißt es: „In Jesus fallen Person und Sendung im Grunde zusammen: Sein gesamtes Heilshandeln war und ist Ausdruck seines ‚Sohn-Ich‘, das von Ewigkeit her vor dem Vater steht in einer Haltung liebevoller Unterwerfung unter seinem Willen. In bescheidener und doch wahrer Analogie muss auch der Priester diese Identifizierung anstreben.“ Diese Gedanken hatte der Papst auch in seiner Predigt aufgenommen. Ich habe versucht, dies in eine „bet-bare“ Formulierung umzusetzen.
Die Formulierungen beziehen sich indirekt auf Jesus, grammatisch in der 3. Person genannt, und können in das „Gegrüßte seist du, Maria“ eingefügt werden.
Intention
Der Rosenkranz möchte nach dem Willen des Papstes dazu beitragen, „das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern“.
1.11.2009
CONGREGATIO PRO CLERICIS -
Botschaft anlässlich des Weltgebetstags zur Heiligung der Priester am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu - 30. Mai 2008
Hochwürdige und liebe Mitbrüder im Priesteramt!
Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu richten wir mit liebevollem Blick die Augen unseres Geistes und unseres Herzens unablässig auf Christus, den einzigen Erlöser unseres Daseins und der Welt. Auf Christus hinweisen heißt, auf jenes Antlitz hinzuweisen, das jeder Mensch, bewußt oder unbewußt, als einzige angemessene Antwort auf den eigenen nicht zu unterdrückenden Durst nach Glück sucht.
Diesem Antlitz sind wir begegnet, und seine Liebe hat an jenem Tag, in jenem Moment unser Herz so tief verwundet, daß wir nicht umhin konnten, unaufhörlich darum zu bitten, in seiner Gegenwart sein zu dürfen. »Am Morgen hörst du mein Rufen, am Morgen […] halte [ich] Ausschau nach dir« (Ps 5,4).
Die Liturgie gibt uns stets von neuem die Gelegenheit, das Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes, Ursprung und innerste Wirklichkeit dieser Gemeinschaft, die die Kirche ist, eingehender zu betrachten: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs offenbart sich in Jesus Christus. »Niemand könnte seine Herrlichkeit sehen, wenn er nicht zuvor durch die Niedrigkeit des Fleisches geheilt würde. Vom Staub bist du blind geworden, vom Staube wirst du geheilt: Das Fleisch hatte dich blind gemacht, das Fleisch heilt dich« Augustinus, In evangelium Joannis tractatus, Homilie 2,16).
Nur wenn wir wieder auf die vollkommene und faszinierende Menschheit Jesu Christi schauen, der jetzt lebt und wirkt, der sich uns geoffenbart hat und sich jetzt noch zu jedem niederbeugt mit jener ihm eigenen Liebe und Hingabe, ist es möglich, daß er die abgrundtiefe Not unseres Menschseins erhellt und ihr abhilft; wir sind uns der Hoffnung und Barmherzigkeit sicher, die unsere Grenzen umfaßt, und wir lernen von ihm, das zu vergeben, was wir von allein nicht einmal erahnen konnten. »Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser« (Ps 42,8).
Anläßlich des gewohnten Gebetstages zur Heiligung der Priester, der am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu gefeiert wird, möchte ich auf den Vorrang des Betens vor dem Tun hinweisen, denn von ihm hängt die Wirksamkeit des Handelns ab. Von der persönlichen Beziehung des einzelnen zum Herrn Jesus hängt hauptsächlich die Sendung der Kirche ab. Die Sendung muß also vom Gebet genährt werden: »Es ist Zeit, angesichts des Aktivismus und des drohenden Säkularismus … die Bedeutung des Gebetes erneut zu bekräftigen« (Benedikt XVI., Deus caritas est, 37). Werden wir nicht müde, aus seiner Barmherzigkeit zu schöpfen, ihn die schmerzhaften Wunden unserer Sünde anschauen und heilen zu lassen, so daß wir über das immer neue Wunder unseres erlösten Menschseins staunen.
Liebe Mitbrüder, wir sind Experten der Barmherzigkeit Gottes in uns und nur dann seine Werkzeuge, wenn wir immer von neuem das verwundete Menschsein umfangen. »Christus erlöst uns nicht von unserem Menschsein, sondern durch das Menschsein, er erlöst uns nicht von der Welt, sondern er ist in die Welt gekommen, damit die Welt durch ihn gerettet wird (vgl. Joh 3,17)« (Benedikt XVI., Botschaft Urbi et Orbi, 25. Dezember 2006; O.R. dt., Nr. 1, 5.1.2007, S. 9). Ja, wir sind Priester durch das Weihesakrament, den höchsten Akt der Barmherzigkeit Gottes und zugleich seiner Erwählung.
Zweitens: Bei dem unstillbar großen Durst nach Ihm ist die wahre Dimension unseres Priestertums das Betteln, das einfache und ständige Bitten, das man im stillen Gebet lernt: Es hat das Leben der Heiligen immer ausgezeichnet und muß beharrlich verlangt werden. Dieses Bewußtsein der Beziehung zu Ihm muß täglich gereinigt und geprüft werden. Wir stellen jeden Tag von neuem fest, daß dieses Drama auch uns, den Dienern, die im Namen Christi handeln, nicht erspart bleibt: Wir können keinen einzigen Augenblick in seiner Gegenwart verweilen, ohne daß wir uns danach sehnen, Ihn zu erkennen, Ihn kennenzulernen und Ihm wieder zuzustimmen. Wir dürfen der Versuchung nicht nachgeben, unser Priestersein als eine unausweichliche und unübertragbare Last zu betrachten, die wir übernommen haben und die »mechanisch« erfüllt werden kann, etwa durch einen umfangreichen gegliederten Pastoralplan. Das Priestertum ist die Berufung, der Weg, die Weise, in der Christus uns erlöst, in der er uns gerufen hat, uns jetzt ruft, mit ihm zu leben.
Das einzige angemessene Maß für unsere heilige Berufung ist die Radikalität. Die Ganzhingabe kann im Bewußtsein unserer Treulosigkeit nur durch eine neue und vom Gebet getragene Entscheidung geschehen, die Christus dann Tag für Tag verwirklicht. Auch das Geschenk des priesterlichen Zölibats ist in dieser Dimension der Radikalität und vollen Gleichgestaltung mit Christus anzunehmen und zu leben. Jede andere Haltung gegenüber der Wirklichkeit der Beziehung zu Ihm läuft Gefahr, ideologisch zu werden.
Auch das mitunter besonders große Ausmaß an Arbeit, das wir unter den heutigen Bedingungen des Dienstes bewältigen müssen, darf uns nicht entmutigen, sondern soll uns anspornen, mit noch größerer Aufmerksamkeit unsere priesterliche Identität zu pflegen, die eine unverkürzbare göttliche Wurzel hat. In diesem Sinn und gemäß einer Logik, die derjenigen der Welt widerspricht, sollen uns gerade die besonderen Bedingungen des Dienstes dazu anspornen, »den Ton« unseres geistlichen Lebens »anzuheben«, indem wir mit größerer Entschlossenheit und Wirksamkeit unsere ausschließliche Zugehörigkeit zum Herrn bezeugen.
Er, der uns zuerst geliebt hat, erzieht uns zur Ganzhingabe. »Jesus schenkt in der Eucharistie nicht ›etwas‹, sondern sich selbst; er bringt seinen Leib als Opfer dar und vergießt sein Blut. Auf diese Weise verschenkt er sich in der Ganzheit seiner Existenz und offenbart die ursprüngliche Quelle dieser Liebe« (Sacramentum caritatis, 7).
Liebe Mitbrüder, seien wir treu in der täglichen Feier der heiligen Eucharistie, nicht nur um einer seelsorglichen Pflicht oder einem Anspruch der uns anvertrauten Gemeinde nachzukommen, sondern um das ganz persönliche Bedürfnis zu erfüllen, das wir spüren wie den Atem, wie das Licht unseres Lebens, wie den einzigen angemessenen Grund für ein vollkommenes priesterliches Leben.
In dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis bekräftigt Papst Benedikt XVI. die Worte des hl. Augustinus: »Niemand ißt dieses Fleisch, ohne zuvor anzubeten; …wir würden sündigen, wenn wir es nicht anbeteten« (Augustinus, Enarrationes in Psalmos 98,9). Wir können nicht leben, wir können die Wahrheit von uns selbst nicht betrachten, ohne uns von Christus in der täglichen eucharistischen Anbetung anschauen zu lassen und von ihm wiedergeboren zu werden. Das »Stabat« von Maria, der »eucharistischen Frau«, unter dem Kreuz ihres Sohnes ist das deutlichste Beispiel, das uns für die Betrachtung und Anbetung des göttlichen Opfers gegeben wird.
Wie die Missionstätigkeit dem Wesen der Kirche selbst innewohnt, so ist unsere Sendung mit der priesterlichen Identität verbunden, so daß die missionarische Dringlichkeit eine Frage unseres Selbstverständnisses ist. Unsere priesterliche Identität wird Tag für Tag im »Gespräch« mit unserem Herrn aufgebaut und erneuert. Aus der Beziehung zu Ihm, die ständig von dem fortwährenden Gebet genährt wird, erwächst das Bedürfnis, alle daran teilhaben zu lassen, die uns umgeben. Denn die Heiligkeit, die wir täglich erbitten, kann nicht gemäß einer sterilen und abstrakten individualistischen Annahme empfangen werden, sondern ist notwendigerweise die Heiligkeit Christi, die für alle ansteckend ist: »Das Mitsein mit Jesus Christus nimmt uns in sein ›Für alle‹ hinein, macht es zu unserer Seinsweise« (Benedikt XVI., Spe salvi, 28).
Dieses »Für-alle-Sein« von Christus verwirklicht sich für uns in den »Tria Munera«, mit denen wir von der Natur des Priestertums bekleidet sind. Sie sind die Gesamtheit unseres Dienstes; sie sind kein Ort der Entfremdung oder, noch schlimmer, eine reine funktionelle Verkürzung unserer Person, sondern der wahre Ausdruck unseres Mitseins mit Christus; sie sind der Ort der Beziehung zu ihm. Das Volk, das uns anvertraut ist, damit es von uns gelehrt, geheiligt und geleitet wird, ist keine Wirklichkeit, die uns von »unserem Leben« ablenkt, sondern das Antlitz Christi, das wir täglich betrachten, wie der Bräutigam das Gesicht seiner Geliebten, wie Christus seine Braut, die Kirche. Das uns anvertraute Volk ist der unausweichliche Weg zu unserer Heiligkeit, das heißt der Weg, auf dem Christus durch uns die Herrlichkeit des Vaters offenbart.
»Wenn dem, der Anstoß bei einem Einzigen und Geringsten erregt, ein Mühlstein um den Hals gelegt und er ins Meer geworfen werden soll, … welche Strafe sollen dann diejenigen erfahren, die ein ganzes Volk ins Verderben führen?« (Johannes Chrysostomus, De Sacerdotio VI., 1. 498). Im Bewußtsein einer so schweren Aufgabe und einer so großen Verantwortung für unser Leben und unser Heil, in der die Treue zu Christus mit dem »Gehorsam« gegenüber den Ansprüchen verbunden ist, die von der Rettung dieser Seelen vorgegeben werden, gibt es nicht den geringsten Grund, an der empfangenen Gnade zu zweifeln. Wir können nur darum bitten, seiner Liebe so weit wie möglich entsprechen zu können, damit er durch uns handelt, das heißt, daß wir zulassen, daß Christus die Welt rettet, indem er in uns handelt, oder wir laufen Gefahr, das Wesen unserer Berufung selbst zu verraten. Liebe Mitbrüder, das Maß der Hingabe ist wieder die Ganzhingabe. »Fünf Brote und zwei Fische« sind nicht viel, ja, aber sie sind alles! Die Gnade Gottes macht aus unserer Wenigkeit die »Kommunion«, die das Volk sättigt. An dieser »Ganzhingabe« haben besonders die alten oder kranken Priester teil, die täglich den göttlichen Dienst ausüben, indem sie sich mit dem Leiden Christi vereinen und das eigene priesterliche Leben für das wahre Wohl der Kirche und das Heil der Seelen aufopfern.
Unerläßliche Grundlage des ganzen priesterlichen Lebens bleibt aber die heilige Gottesmutter. Die Beziehung zu ihr darf sich nicht in einer frommen Andachtsform erschöpfen, sondern wir sollen uns ihr ständig anvertrauen; wir sollen unser ganzes Leben, unseren ganzen Dienst ihr, der Jungfrau, übergeben. Maria leitet auch uns, wie Johannes unter dem Kreuz ihres Sohnes und unseres Herrn, an, mit ihr die grenzenlose Liebe Gottes zu betrachten: »Unser Leben, das wahre Leben, ist zu uns herabgestiegen. Es hat unseren Tod auf sich genommen, um ihn durch sein überfließendes Leben zu töten« (Augustinus, Bekenntnisse, IV, 12).
Gott, unser Vater, hat es für unsere Erlösung, für die Vollendung unseres Menschseins, für das Ereignis der Menschwerdung des Sohnes zur Bedingung gemacht, auf das »Fiat« einer Jungfrau zur Verkündigung des Engels zu warten. Christus hat beschlossen, der liebevollen Freiheit der Mutter das eigene Leben sozusagen anzuvertrauen: »Indem sie Christus empfing, gebar und nährte, im Tempel dem Vater darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter« (Lumen Gentium, 61).
Der heilige Papst Pius X. bekräftigt: »Jede priesterliche Berufung kommt aus dem Herzen Gottes, geht aber durch das Herz einer Mutter.« Das ist wahr im Hinblick auf die offensichtliche biologische Mutterschaft, aber auch im Hinblick auf die »Entbindung« jeder Treue zum Ruf Christi. Wir können von einer geistlichen Mutterschaft für unser priesterliches Leben nicht absehen: Wir sollen uns zuversichtlich dem Gebet der ganzen heiligen Mutter Kirche, der Mutterschaft des Volkes, dessen Hirten wir sind, anvertrauen, dem aber auch unsere Obhut und Heiligkeit anvertraut ist; wir sollen um diese grundlegende Unterstützung bitten.
Dringend notwendig, liebe Mitbrüder, »ist eine Gebetsbewegung, die die ewige eucharistische Anbetung in den Mittelpunkt stellt, so daß von jedem Winkel der Erde ein Lob der Anbetung, des Dankes, des Lobpreises, der Bitte und der Sühne aufsteigt, um eine ausreichende Anzahl heiliger Berufungen im Priesterstand zu erwecken und auf der Ebene des mystischen Leibes mit einer Art geistlicher Mutterschaft alle zu begleiten, die schon zum Weihepriestertum berufen und dem einen Hohen und Ewigen Priester gleichgestaltet sind, damit sie ihm und den Brüdern als solche dienen, die zugleich ›in‹ der Kirche aber auch ›vor‹ der Kirche stehen, indem sie im Namen Christi handeln und ihn als Haupt, Hirt und Bräutigam der Kirche darstellen« (Johannes Paul II., vgl. Pastores dabo vobis, 16).
Es zeichnet sich also eine weitere Form der geistlichen Mutterschaft ab, die in der Geschichte der Kirche immer stillschweigend die erwählte Schar von Priestern begleitet hat. Es geht darum, unseren Dienst einem bestimmten Angesicht, einer geweihten Seele, anzuvertrauen, die von Christus berufen ist und sich selbst mit den notwendigen Leiden und unausweichlichen Mühen des Lebens darbringen will, um zugunsten unseres priesterlichen Daseins Fürbitte zu leisten, indem sie auf diese Weise die Gegenwart Christi lebt.
Eine solche Mutterschaft, in der das liebevolle Antlitz Marias aufscheint, wird im Gebet erbeten, denn nur Gott kann sie erwecken und stützen. Es fehlt nicht an wunderbaren Beispielen in diesem Sinn; man denke an die heilbringenden Tränen der hl. Monika für ihren Sohn Augustinus, »um den sie mehr weinte, als Mütter ihre toten Kinder beweinen« (Augustinus, Bekenntnisse, III, 11). Ein anderes faszinierendes Beispiel ist das von Eliza Vaughan, die dreizehn Kinder gebar und dem Herrn darbrachte; sechs von den acht Söhnen wurden Priester, und vier von den fünf Töchtern wurden Ordensfrauen. Weil es nicht möglich ist, vor dem im eucharistischen Geheimnis wunderbar verborgenen Christus wirklich Bettler zu sein, ohne daß wir die tatkräftige Hilfe und das Gebet dessen konkret zu erbitten verstehen, den er uns zur Seite stellt, sollen wir nicht zögern, uns der Mutterschaft anzuvertrauen, die der Heilige Geist für uns sicher erweckt. Die hl. Thérèse vom Kinde Jesu war sich der dringenden Notwendigkeit bewußt, für alle Priester zu beten, vor allem für die lauen; in einem an ihre Schwester Céline gerichteten Brief schreibt sie: »Wir leben für die Seelen, wir sind Apostel, wir retten vor allem die Seelen der Priester. … Beten wir, leiden wir für sie, und Jesus wir am letzten Tag dankbar sein« (Thérèse von Lisieux, Brief 94).
Vertrauen wir uns der Fürbitte der seligsten Jungfrau an, der Königin der Apostel, der liebevollen Mutter; schauen wir mit ihr auf Christus, indem wir uns ständig bemühen, ihm ganz anzugehören; das ist unsere Identität!
Denken wir an die Worte des heiligen Pfarrer von Ars, des Schutzpatrons der Pfarrer: »Wenn ich schon mit einem Fuß im Himmel wäre und man würde mich bitten, auf die Erde zurückzukommen, um für die Bekehrung der Sünder zu arbeiten, würde ich gern zurückgehen. Und wenn es deshalb notwendig wäre, daß ich bis zum Ende der Welt auf der Erde bliebe, mitten in der Nacht aufstehen und leiden müßte, wie ich leide, würde ich aus ganzem Herzen zustimmen« (Frère Athanase, Procès de l’Ordinaire, p. 883).
Der Herr leite und schütze alle und jeden einzelnen, besonders die Kranken und Leidenden, in der ständigen Hingabe unseres Lebens aus Liebe.
Cláudio Kardinal Hummes, Präfekt
nach oben
BENEDIKT XVI.
Begegnung mit den Priestern und Diakonen – Freising 14. September 2006
Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sendet!“
„Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sendet!“ Das bedeutet: Die Ernte ist da, aber Gott will sich der Menschen bedienen, damit sie eingebracht werde. Gott braucht Menschen. Er braucht solche, die sagen: Ja, ich bin bereit, dein Erntearbeiter zu werden, ich bin bereit zu helfen, daß diese Ernte, die in den Menschen reift, wirklich in die Scheunen der Ewigkeit eingehen und Gottes ewige Gemeinschaft der Freude und der Liebe werden kann. „Bittet den Herrn der Ernte!“ Das will auch sagen: Wir können Berufungen nicht einfach „machen“, sie müssen von Gott kommen. Wir können nicht, wie vielleicht in anderen Berufen, durch gezieltes Management, entsprechende Strategien sozusagen, einfach Leute rekrutieren. Die Berufung muß immer den Weg vom Herzen Gottes aus zum Herzen des Menschen finden. Und trotzdem: Gerade, damit sie im Herzen der Menschen ankommen kann, ist auch unser Mittun gefordert. Den Herrn der Ernte darum bitten, das bedeutet gewiß zu allererst, daß wir darum beten, daß wir an seinem Herzen rütteln und sagen: „Tu es doch! Wecke die Menschen auf! Entzünde in ihnen die Begeisterung für das Evangelium und die Freude daran! Laß sie erkennen, daß es der Schatz über allen Schätzen ist und daß, wer es entdeckt hat, es weitergeben muß!“
Wir rütteln am Herzen Gottes. Aber Gott bitten geschieht eben nicht nur in den Gebetsworten, sondern darin, daß aus Wort Tun wird, daß aus unserem betenden Herzen dann der Funke der Freude an Gott, der Freude am Evangelium, der Bereitschaft zum „Ja-sagen“ in die anderen Herzen überspringt. Als betende Menschen, als von seinem Licht Erfüllte, kommen wir zu den anderen, ziehen sie in unser Gebet und so in die Gegenwart Gottes hinein, der dann das Seine tut. In diesem Sinn wollen wir immer neu den Herrn der Ernte bitten, an seinem Herzen rütteln und mit ihm in unserem Gebet auch die Herzen der Menschen anrühren, daß Gott nach seinem Willen darin das „Ja“ reifen lasse, die Bereitschaft; und dann die Beständigkeit, durch all die Wirrnisse der Zeit, durch die Hitze des Tages und auch durch das Dunkel der Nacht treu in seinem Dienst zu bleiben und von ihm her immer wieder zu erkennen – auch wenn es mühselig ist –, daß diese Mühsal schön ist, daß sie nützlich ist, weil sie zum Eigentlichen hilft, daß nämlich Menschen das empfangen, worauf sie bauen: Gottes Licht und Gottes Liebe.
nach oben
Botschaft von Seiner Eminenz Kard. Cláudio Hummes anlässlich des Feiertages zu Ehren des Hl. Johannes Maria Vianney, 4. August
Congregatio pro Clericis
Liebe Priester-Freunde,
Anlässlich des Feiertages zu Ehren des Hl. Johannes Maria Vianney, dem Kuraten von D’Ars, kommenden 4.August, übermittle ich Euch meine herzlichsten Grüsse und sende Euch diese brüderliche Botschaft.
Die Kirche weiß um den heute bestehenden missionarischen Notsand, nicht nur “ad gentes” sondern auch in Regionen und Zusammenhängen in denen seit Jahrhunderten der christliche Glaube gepredigt wird, er verwurzelt ist und die kirchlichen Gemeinden etabliert sind. Es handelt sich um die Mission oder um die missionarische Evangelisierung (Redemptoris Missio, 2) innerhalb der Herde selbst; Empfänger sollen diejenigen sein die wir getauft haben, die wir jedoch nicht fähig gewesen sind, aus welchem Grund auch immer, ausreichend zu evangelisieren, oder die ihre anfängliche Strebsamkeit verloren haben und Abstand genommen haben. Die postmoderne Kultur der zeitgenössischen Gesellschaft – eine relativistische, säkularisierte, agnostische und laizistische Kultur – bringt bei vielen Menschen eine starke Erosion des religiösen Glaubens mit sich.
Die Kirche ist ihrer Natur gemäß missionarisch. „Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen…” (Mt 13,3) sagte Jesus. Er beschränkt sich nicht darauf das Saatgut aus dem Fenster zu streuen, sondern verlässt das Haus. Die Kirche weiß, dass sie nicht tatenlos bleiben darf, sich nur darauf beschränkend diejenigen zu evangelisieren, die sich ihr in den Kirchen, in den Gemeinden suchend zuwenden. Es ist erforderlich aufzustehen und hinauszugehen, dorthin wo die Menschen, die Familien leben, wohnen, arbeiten. Alle müssen angesprochen werden: Unternehmen, Organisationen, Institutionen und die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft. Zu dieser Mission sind alle Mitglieder der kirchlichen Gemeinde aufgerufen: Pastoren, Geistliche und Laien.
Die Kirche anerkennt sehr wohl, dass die Pfarrer im täglichen Leben der lokalen Gemeinde eine große Treibkraft sind. Handeln die Geistlichen, handelt die Kirche. Wenn dem nicht so wäre, könnte die Mission nur sehr schwer erfüllt werden.
Ihr, liebe Priester-Brüder, seid der große Reichtum, der Dynamismus, die pastorale und missionarische Inspiration in mitten der Menschen, dort wo unsere Getauften in Gemeinschaft leben. Ohne Eure grundlegende Entscheidung zum Fischfang - zu dem uns unser Herr beruft - “in See zu stechen” (duc in altum) würde kaum etwas geschehen im Rahmen dieser Mission, sei es „ad gentes” wie in den lange schon evangelisierten Gebieten. Die Kirche weiß jedoch, dass sie auf euch bauen kann, da sie weiß, und ausdrücklich anerkennt, dass die überwältigende Mehrheit der Priester – trotz der menschlichen Schwächen und Grenzen die wir alle haben – aus würdigen Geistlichen besteht, die ihr Leben jeden Tag erneut dem Reiche Gottes weihen, die Jesus Christus lieben und ebenso die ihnen anvertrauten Menschen. Es sind Geistliche die sich in der täglichen Ausübung ihres Priesteramtes heiligen, die nicht müde werden die Menschen zu Gott zu führen. Ein kleiner Anteil von Geistlichen ist gravierend vom Pfade abgewichen. Die Kirche ist bemüht das von ihnen verursachte Leid wieder gut zu machen. Sie ist jedoch auch erfreut und stolz über die außerordentliche Mehrzahl ihrer guten und höchst lobenswerten Priester.
Im Paulus-Jahr und in Erwartung der im kommenden Oktober in Rom stattfindenden Bischofssynode über das Wort des Herrn, wollen wir uns alle der dringend erforderlichen Mission offen zuwenden. Möge der Heilige Geist uns erleuchten, uns führen, uns helfen, auf dass wir noch einmal in die Welt hinausgehen können und Jesus Christus, gestorben und auferstanden, und sein Reich verkünden können!
Noch einmal grüsse ich Euch alle von Herzen, liebe Brüder, und stehe jederzeit zu Eurer Verfügung. Ich bete für Euch alle, vor allem für die Leidenden, die Kranken und die alten Menschen.
Aus dem Vatikan, 15. Juli 2008
Kardinal Claudio Hummes Emeritierter Erzbischof von Sao Paolo
Präfekt der Kongregation für den Klerus
nach oben