Archiv - Textsammlung
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Eucharistie - Die Predigt
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Eucharistie -Zelebrant
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Eucharistie - Die Liturgie
Der Einfluss des Pfarrers von Ars auf den Diener Gottes
P. Bernard Łubieński CSsR ( 1846-1933)
Leben aus der Vorsehung Gottes nach dem hl. Pfarrer von Ars
Beten für die Priester
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil I
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil II
Neue Flucht des Pfarrers von Ars (1853)
BENEDIKT XVI.
Begegnung mit den Priestern und Diakonen – Freising 14. September 2006
"Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sendet!“
Botschaft von Seiner Eminenz Kard. Cláudio Hummes anlässlich des Feiertages zu Ehren des Hl. Johannes Maria Vianney, 4. August
Congregatio pro Clericis
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Eucharistie - Die Predigt
P. Dr. Michael Marsch, Heiligkreuztal
„Wehe dem Priester, der schweigt, wenn Gott beleidigt wird und die Seelen sich verirren.“ Mit diesem einen Satz hat der Pfarrer von Ars die innerste Motivation seiner gesamten Predigttätigkeit ausgedrückt: Es geht ihm um nichts anderes als um die Ehre Gottes und das Heil der Seelen. Dazu aber braucht es neben dem Sakrament die Lehre, in der sich Gottes Liebe offenbart. Darum konnte der Pfarrer sagen: „Zu den ersten Worten unseres auferstandenen Herrn an seine Jünger gehört: ‚Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium...’.“
Der Pfarrer von Ars ging nicht in die ganze Welt hinaus, um das Evangelium zu verkünden, denn die ganze Welt kam nach Ars, um das Evangelium zu hören. Außerdem hatte der Bischof ihm verboten, Ars zu verlassen. Die Welt sollte hören, wie man das Evangelium verkündet.
Einer der berühmtesten Prediger des 19. Jahrhunderts, Pater Lacordaire O. P., sagte nach einer Predigt des Pfarrers von Ars, der zu dieser Zeit schon ebenso berühmt war wie Pater Lacordaire: „Wenn ich predige, klettern die Leute auf den Beichtstuhl, um mich zu sehen, wenn Sie predigen, dann gehen die Leute in den Beichtstuhl, um Sie zu hören.“ Damit war alles über die Autorität des Pfarrers von Ars gesagt: Ob bei der Beichte oder der Eucharistie, die sakramentale Kraft des Wortes diente der Bekehrung zum Heil der Seelen. Die sicherste Bewahrung vor dem Bösen war für den Pfarrer die Umkehr zum Guten. Die Kraft des Wortes diente dabei nichts anderem als der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen. In der Vermittlung dieser Kraft sah der Pfarrer seine Verantwortung für die Gemeinde.
Nicht der Pfarrer legte in seinen Predigten und Katechesen das Wort Gottes aus, sondern Gott und sein Wort gaben dem Pfarrer und seinen Worten die sakramentale Substanz. Pater Lacordaire O. P. sagte nach seinem dritten Besuch in Ars, erst durch die Predigt des Pfarrers von Ars habe er den Heiligen Geist kennen gelernt. Mit anderen Worten: Nicht der Pfarrer führte die Seelen zum Heil durch sein Wort, sondern er überließ das Heil der Seelen dem Wirken des Heiligen Geistes.
Aber fangen wir am Anfang an: Das beständige Werben des Pfarrers für die Liebe Gottes zu den Menschen beruhte unter anderem auf der ernüchternden Erfahrung seiner ersten Jahren in Ars. Auf die Frage, warum er so leise bete und so laut predige, antwortete er: „Gott hört immer, die Menschen sind meist taub, wenn sie nicht schlafen.“
Die vielen Zeugenaussagen über die Predigt bestätigen es: In jeder Phase seiner 41 Jahre in Ars war jede Predigt des Pfarrers ein eigenes Drama. Und er predigte am Sonntag bis zu dreimal: Morgens bei der Messe, mittags in der Katechese und abends bei der Vesper.
In den frühen Jahren war Vianney so überzeugt von seiner Unfähigkeit, dass er, wie schon erwähnt, die Predigtvorlagen anderer Pfarrer abschrieb und dann auswendig lernte. Mehr als einmal musste er dabei mitten in der Predigt von der Kanzel herabsteigen, weil ihn sein Gedächtnis verließ. Die Länge dieser auswendig gelernten Predigten war nicht nur für ihn eine Zumutung. Mehrere der Bauern sagten aus, zu Anfang seiner Zeit in Ars predigte er „vor allem recht lange“. Passagen, die moralische Forderungen enthielten, die ihm für seine Gläubigen wichtig schienen, sprach er mit seiner von Natur aus hohen Stimme so laut, dass dem Fräulein von Ars die Ohren weh taten – aber sie wollte trotzdem keines seiner Worte versäumen.
Vieles änderte sich mit dem Anwachsen des Pilgerstroms. Der Pfarrer hatte nun nicht mehr von Montag bis Samstag Zeit, die abgeschriebene Predigt auswendig zu lernen oder selbst eine Predigt zu entwerfen und dann zu korrigieren. Es musste genügen, dass er nicht mehr eine ganze Novene zum Heiligen Geist um eine gute Predigt betete, sondern dass er am Fuß der Kanzel ein Stoßgebet um das Wort Gottes ausstieß - und sich dann dem Geist Gottes und seinem Wort überließ. Oft war er so ergriffen von diesem Wort Gottes, dass er die einzelnen Szenen des Evangeliums eher spielte als sie vorzulesen. Die Zuhörer oder besser Zuschauer meinten, dabei zu sein, wenn Jesus zum Volk oder zu seinen Jüngern sprach.
Ständig wiederkehrende Themen der Predigten des Pfarrers waren die Liebe Gottes und das Heil der Seelen. Aber sogar sein Vikar Raymond, dem es an Selbstbewusstsein nicht gerade fehlte, musste schließlich in seinen Aussagen zugeben: „Er sagte ziemlich oft dasselbe. Aber es wurde einem nie langweilig dabei.“
Die Faszination, die von der Predigt des Pfarrers ausging, steigerte sich noch in seinen letzten Jahren. Durch die zunehmende Zahnlosigkeit waren seine Worte kaum mehr zu verstehen. Aber die Gläubigen in der ständig überfüllten Kirche lauschten atemlos. Einzelne Worte erahnte man eher, als dass man sie verstand. „Liebe“, „Gott“, „Barmherzigkeit“, „Vergebung“. Man verfolgte gespannt sein ständig wechselndes Minenspiel und seine blitzschnellen Bewegungen der Arme und der Hände, die manche für einen Tick hielten. Immer wies er auf den Tabernakel: „Il est là. Il est là. Il est là. Er ist da. Er ist da. Er ist da.“ Zeugen sagten, das konnte eine Viertelstunde so gehen. Dann herrschte eine absolute Stille unter den dicht gedrängten Pilgern.
Die Heiligkeit des Pfarrers von Ars hatte sich längst in Frankreich herzumgesprochen. Nicht nur die Dorfbewohner waren stolz auf ihren Heiligen. Ein ganzes Land, ja ein Kontinent strömte nach Ars. Aber man pilgerte nicht nur nach Ars, um einen echten Heiligen zu sehen und zu hören – und sich nach Möglichkeit Reliquien von seinen Rockärmeln und seinen langen Haaren abzuschneiden, um sie mit nach Hause zunehmen - nein, man wollte Jesus erleben! Und wenn man Jesus schon nicht hörte und sah, dann konnte man zumindest Zeuge werden, wie ein Mensch mit Gott so innig lebte, dass er ihm zu gleichen begann. Wie hatte ein Dämon ihn angefaucht? „Drei von euch auf der ganzen Welt – und unser Reich wäre endgültig verloren!“
Leider sind uns von den vielen Tausend Predigten des Pfarrers von Ars nur 85 erhalten geblieben. Und von denen, die fast alle aus den frühen Jahren stammen, wissen wir nicht, wie weit sie wirklich von ihm selbst sind. Durch die Aufräumarbeiten von Monsieur Raymond sind gerade die Predigten über die Eucharistie kartonweise ins Feuer gewandert, andere Kartons sind bei einem Antiquar gelandet – und nie wieder aufgetaucht. Vermutlich hat man sie als wertlos entsorgt.
Um einen Eindruck vom Inhalt der Predigten zu bekommen, müssen wir uns also im Wesentlichen auf die Zeugenaussagen verlassen. Dabei überwiegt in diesen Aussagen verständlicherweise der subjektive Eindruck.
Hören wir aber zunächst den Pfarrer selbst in den Aussagen seiner Zuhörer, denn man zitiert gern den Pfarrer selbst und seine Überzeugung von der Bedeutung des Wortes Gottes als dem alleinigen Maßstab christlichen Lebens. „Seht doch, welche Wertschätzung unser Herr für das Wort Gottes hat: Der Frau, die da ruft: ‚Glückselig die Brüste, die dich genährt haben, und der Leib, der dich getragen hat!’, antwortet Er: ‚Wie viel glückseliger sind, die das Wort Gottes hören und es auch tun!’“
Hinter der Betonung der Wertschätzung des Wortes Gottes durch den Sohn Gottes steht für den Pfarrer freilich immer auch die berechtigte Befürchtung, dass sich seine Gläubigen durch ihre ständigen Zerstreuungen selbst um den Wert dieses Wortes für ihr tägliches Leben betrügen: „Unser Herr, der die Wahrheit selbst ist, nimmt das Wort nicht weniger ernst als seinen Leib. Ich weiß nicht, ob man schlechter daran tut, während der Messe ständig zerstreut zu sein oder während den Unterweisungen. Ich sehe da keinen Unterschied. Zerstreut während der Messe betrügt man sich um die Verdienste des Leidens und Sterbens unseres Herrn, zerstreut während der Unterweisungen betrügt man sich um Sein Wort, das Er selber ist.“ – „Das göttliche Wort ist eine der größten Gaben, die der liebe Gott uns schenken kann.“
Die ernüchternde Erfahrung der Gleichgültigkeit seiner Pfarrkinder, konkret gesagt ihr ständiges Geschwätz während der Predigt oder ihr hörbarer Tiefschlaf während der Feier der Eucharistie bekräftigten den Pfarrer nur in der Verkündigung des Wortes, das Fleisch geworden ist, als Mittel der Erlösung: „Es ist absolut unmöglich, Gott zu gefallen und ihn zu lieben, ohne durch das Wort Gottes genährt zu sein.“ – „Ich glaube, dass ein Mensch, der das Wort Gottes nicht andächtig hört, nichts für seine Erlösung tut.“ Oder noch deutlicher: „Wir haben wohl nie bedacht, dass wir eine Art Sakrileg begehen, wenn wir aus dem heiligen Wort keinen Nutzen ziehen wollen.“ Der Pfarrer scheut sich auch nicht, denen, die das Wort Gottes nicht beachten, mit der Hölle zu drohen: „Ich bin sicher, dass diese Unglücklichen in der Hölle sagen werden: ‚Verfluchter Priester, hätte ich dich (und deine Predigt) nicht gekannt, dann wäre ich jetzt nicht derart mit Schuld beladen’.“
Bei der Predigt geht es dem Pfarrer allein um die Achtung vor der Wahrheit, denn die Wahrheit ist nichts anderes als die Liebe Gottes: „Die Wahrheit! Sie ist unerschöpflich! Sie versiegt nie. Sie fließt über von Leben! Sie ist strahlender als das schönste Feuer!“
Wenn die Wahrheit die Liebe Gottes ist, dann stellt sie aber auch die Lieblosigkeit als Lüge und als Irrtum bloß: „Der Irrtum muss bekämpft werden, auch bei den Christen, denn sie haben weniger das Recht, sich zu irren als die anderen.“ - „Es gibt so viele Lügen und soviel Schreckliches, das einfach weg gehört, ohne auf die zu achten, die das verteidigen möchten.“
Der Pfarrer wusste freilich, wie man seine Deutlichkeit einschätzte: „Man hört sich einen Pfarrer an, der genehm ist, ist er nicht genehm, macht man ihn lächerlich.“ Über die Wirkung seiner Predigten gab er sich keinen Illusionen hin: „Ich weiß gut, dass ihr nichts oder fast nichts von dem tut, was ich euch gelehrt habe...“ – „Ich glaube, ich würde genauso viel erreichen, wenn ich still wäre, als wenn ich euch predigte.“ – „Ich habe bemerkt, dass es keinen Augenblick gibt, wo man so gerne schläft wie bei den Unterweisungen.“ – „Wenn der Pfarrer predigt, wie viele setzen sich dann gemütlich hin, schlafen, lachen, schwatzen oder machen sich lustig.“
Aber all diese Ernüchterungen, aus denen er, wie man aus seinen Worten hört, keinerlei Hehl machte, dienten ihm nur als Bekräftigung dessen, was man mit einer pastoralen Strategie verwechseln könnte, was aber, wie schon erwähnt, eher ein Liebeswerben für das Wort Gottes zum Heil der Seelen war. Nichts konnte nach seiner Erfahrung die Gläubigen so wirksam vor dem Bösen bewahren und zur Liebe Gottes hinführen, wie des Wort, das Fleisch geworden ist, das heißt die Verbindung von Wort und Sakrament in der Feier der heiligen Messe. Er wollte die Gläubigen überzeugen, dass der Himmel schon hier auf Erden sein kann, wenn man nur regelmäßig zum Gottesdienst kommt, denn dort kommt Gott zu uns, um uns zu dienen. Dass uns die Feier der heiligen Messe jetzt und hier in den Himmel versetzen kann, war für ihn selbstverständlich. Dieser Himmel auf Erden durch die Gegenwart der Liebe Gottes in seinem Wort und seinem Leib: das war das Herzstück seiner Predigt
In einer der wenigen uns erhaltenen Predigten über die Eucharistie sagte er: „Was für eine Freude für den gläubigen Christen: Wenn er sich von dem heiligen Tisch erhebt, hat er den ganzen Himmel in seinem Herzen. Glücklich das Haus, in dem solche Christen wohnen. Was für eine Ehrfurcht muss man vor ihnen haben, wenn man ihnen begegnet! In seinem Haus einen zweiten Tabernakel zu haben in dem Gott wirklich Wohnung genommen hat mit Leib und Seele... Mein Gott, wie ist es möglich, dass Christen drei, vier, fünf und sechs Monate warten, ohne ihrer armen Seele diese himmlische Nahrung zu geben? Sie lassen sie vor Hunger sterben. Wo wir so viele Mittel haben, die Seele zu heilen und eine Speise, sie gesund zu bewahren!“
Ein Bauer sagt aus, der Pfarrer sprach vom Himmel „wie von einem Haus, das er bewohnte“. Tatsächlich finden wir beim Pfarrer von Ars eine unendliche Sehnsucht nach dem Heilmittel des Himmels und gleichzeitig ein klares Bewusstsein, durch die Gnade des Sakraments der Priesterweihe und die damit verbundene Vollmacht der Verkündigung schon einen anfänglichen Anteil an diesem Himmel empfangen zu haben. In all seiner Bescheidenheit konnte er sagen: „Durch die ihm gegebenen Vollmachten ist der Priester mehr als ein Engel.“ Diese Worte scheinen in krassem Gegensatz zu der sprichwörtlichen Demut des Pfarrers von Ars zu stehen. Aber täuschen wir uns nicht: „Hätte Gott einen Schlechteren gefunden (als mich), er hätte womöglich diesen Schlechteren (zum Priester) geweiht.“ Der Pfarrer von Ars wusste sehr wohl zu unterscheiden zwischen seiner Person und dem Sakrament des Priestertums.
Die Demut des Pfarrers von Ars wurde von den Tausenden Pilgern, die aus ganz Europa in das winzige Ars geströmt kamen, eher noch verstärkt. Unter diesen Pilgern befanden sich nicht nur die „kleinen Leute“, sondern bedeutende Würdenträger aus Kirche, Politik und Kultur. Er konnte es nicht verleugnen, das dieser durch Neugier, Sensationslust und echter Frömmigkeit motivierte Andrang seiner Person galt. Ging er – nicht allzu oft – zum Friseur, so mussten seine Haare in seinem Beisein verbrannt werden, damit sie nicht in den Reliquien-Handel gerieten. Eine 1837 von Daguerre erfundene fotografische Ablichtung von ihm herstellen zu lassen, verbat er sich zu seinen Lebzeiten. Zu dem einzig existierenden Foto von ihm wurde er nach seinem Tod am 4.August 1859 m Pfarrgarten aufgebahrt. Man erkennt die Soutane, die er in den 41 Jahren in Ars kaum gewechselt haben soll, ein eher vom Gebrauch gezeichnetes Chorhemd mit Stola und ohne die verkaufte Mozetta, sowie das kleine Kreuz eines Ritters der Ehrenlegion, für dessen Lieferung mit der Post sein Vikar die Zustellgebühr übernommen hatte.
Bei allem, was sich an kleineren und größeren Dramen um seine Person abspielte, hatte der Pfarrer keinerlei Bewusstsein von seinem persönlichen Ruhm. Eines war klar für ihn: Alle ihm zugeschriebenen Wunder und Gnaden geschahen durch die Fürbitte der heiligen Philomena. Durch sie geschah mehr, als er vom Himmel zu erbitten wagte. Man zählte allein an die fünfzig medizinisch nicht erklärbare Heilungen wie Lähmungen, Verkrüppelungen, Blindheit und Taubheit - Gaben, die ihm peinlich waren, weil sie ihm zu spektakulär erschienen. Die unsichtbaren Heilungen der Seele waren ihm wesentlicher, aber es waren immer zu wenig. „Meine Versuchung ist nicht der Stolz, eher die Verzweiflung“, pflegte er zu sagen. Das Bewusstsein seiner Unfähigkeit blieb unverändert. Aber das war wie gesagt kein Minderwertigkeitskomlex. Es war das Bewusstsein der Verantwortung für seine Gemeinde. Die Zahl der Einwohner von Ars hatte sich während seiner Amtszeit verdoppelt. In seinem Todesjahr war ihm inmitten aller Pilgerströme nicht entgangen, dass von den 500 Seelen seiner Gemeinde in der Karwoche 5 nicht zur Beichte und zur heiligen Kommunion erschienen waren. Er war sicher, für ihr Seelenheil würde er vor Gott Rechenschaft abzulegen haben.
Der Pilgeransturm während seiner letzten Jahre in Ars beflügelte das Werben des Pfarrers für die Liebe Gottes noch. Er sagte offen, dass er gern vor vielen Leuten predigte. Es freute ihn, wenn viele Menschen hörten, wie lieb sie der liebe Gott hat. Er rief ihnen zu: „Der Heilige Geist ist ganz und gar zu unseren Diensten. Er möchte uns erfüllen mit all seinen Gaben!“
Seine Predigten über die Liebe Gottes kreisten, wie schon mehrfach erwähnt, um zwei Zentren, die letztlich zu einer Einheit wurden: den Heiligen Geist und das Heil der Seelen. Alfred Monnin, der eingangs erwähnte erste Biograf des Pfarrers, der als Volksmissionar häufig in Ars zu Gast war, hat Teile der Predigten des Pfarrers als Zeugenaussagen wiedergegeben. Sie sind ein beredtes Zeugnis für die Gedankenwelt, in welcher der Pfarrer von Ars lebte. Darum wollen wir unsere Betrachtungen über die Einheit von Liturgie, Zelebrant und Predigt mit einigen der Aussagen von Abbé Monnin über die Predigten des heiligen Pfarrers beschließen:
„Gott zu lieben“, sagte der heilige Pfarrer von Ars, „wie schön ist das! Den Himmel brauchen wir, um die Liebe zu verstehen. Das Gebet hilft uns ein wenig dabei, denn das Gebet ist die Erhebung der Seele zum Himmel. Die Erkenntnis Gottes lässt die Seele zu einer Liebe erglühen, dass sie nur noch Gott lieben, nur noch nach Gott verlangen kann. Das einzige Glück auf Erden ist, Gott zu lieben - und zu wissen, dass wir von Gott geliebt sind.“
Und weiter sagt er: „Wie tröstlich und wie sanftmütig ist der Gedanke an Gottes Gegenwart! Ist man bei Gott, so werden die Stunden zu Minuten. Das Gebet ist wirklich ein Vorgeschmack des Himmels.“ – „Ohne einen Tag der Anbetung wäre der Himmel kein Himmel mehr. Wir haben ein kleines Herz, aber das Gebet macht es weit und ermöglicht ihm, Gott zu lieben.“
„Der Mensch ist nichts aus sich selbst, aber er ist viel durch den Heiligen Geist. Nur der Heilige Geist kann die Seele des Menschen erheben, ihn nach oben tragen. Warum lebten die Heiligen so losgelöst von der Erde? Weil sie sich vom Heiligen Geist leiten ließen! Wer sich vom Heiligen Geist leiten lässt, hat die rechten Ideen. Wie ein Vergrößerungsglas zeigt uns der Heilige Geist das Böse und das Gute ganz groß. Mit dem heiligen Geist sieht man alles vergrößert. Man sieht die Größe des Geringsten, was man für Gott tut, aber auch die Größe der kleinsten Fehler. Ein Christ, der sich vom Heiligen Geist leiten lässt, hat keine Mühe, die Güter dieser Welt zu lassen und nach den Gütern des Himmels zu streben. Er weiß zu unterscheiden. Man muss wissen, wer uns leitet, wenn uns der heilige Geist nicht leitet. Wir können machen, was wir wollen, es hat weder Substanz noch Geschmack. Ist es aber der Heilige Geist (der uns leitet), dann hat alles seine Sanftmut... Eine Seele, die den Heiligen Geist hat, wird sich in der Gegenwart Gottes niemals langweilen. Sie wird überfließen von Gottes Liebe.“
Gegen Ende seines Lebens fasste der Pfarrer selbst Quelle und Höhepunkt seiner Evangelisierung in einem Satz zusammen: „Solange es um den lieben Gott geht, habe ich noch immer genug Kraft zu predigen.
3.05.2010
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Eucharistie -Zelebrant
P.Dr. Michael Marsch, Heiligkreuztal
In diesem Vortrag wollen wir ausführlicher von der Person des Zelebranten der Eucharistie als Diener und Mittler Gottes sprechen. Was der Pfarrer seinen Gläubigen davon vermittelte, war einfach: „Tod und Auferstehung nutzen nichts ohne den Priester.“ – „Der Priester ist die Verlängerung der Erlösung.“ Diese Aktualisierung der Erlösung aber kann der Priester nur bewirken, wenn er selbst sich als erster am Morgen erlösen lässt durch die Hingabe seines Lebens: „Oh, wie gut tut der Priester daran, sich jeden Morgen Gott als Opfer hinzugeben.“ Durch diese Hingabe an Gott durch die Feier der Eucharistie nach den Stunden der Anbetung wird der Priester „ein anderer“: Nicht nur seine Wesensverschiedenheit vom allgemeinen Priestertum wird deutlich, sondern er wird durch seine Hingabe selbst zum eucharistischen Opfer – und dadurch für die Gemeinde unersetzlich: „Ohne das Weihesakrament wäre unser Herr nicht unter uns. Wer hat ihn denn in den Tabernakel gestellt? Der Priester! Wer hat denn unsere Seele am Anfang des Lebens empfangen? Der Priester! Wer hat denn diese Seele ernährt, dass sie die Pilgerfahrt dieses Lebens durchsteht? Der Priester! Der Priester, immer der Priester...“
Solche Worte aus dem Munde des Pfarrers von Ars dürfen wir nicht mit einer grandiosen Selbstdarstellung verwechseln. Sie sind das ganze Gegenteil davon. Sie wollen die Wesensverschiedenheit und die Hingabe des Priesters an die ständige Gegenwart Christi vermitteln.
Aufgrund dieses Bewusstseins von der Wesensverschiedenheit des Priesters hatte Jean-Marie Vianney eine so hohe Vorstellung vom Priester, dass sie uns heute befremdlich erscheinen muss. Es ist aber nicht überflüssig, eine solche Hochschätzung des Priestertums zumindest zu kennen. Der erste Biograf des Pfarrers von Ars, der Missionar Alfred Monnin, zitiert den Pfarrer: „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu. - Nach Gott ist der Priester alles. - Der Priester ist ein Mensch, der (am Altar) den Platz Gottes einnimmt, ein Mensch, der mit allen Vollmachten Gottes ausgestattet ist. - Hätte man Glauben, so sähe man Gott verborgen im Priester wie ein Licht hinter Glas, wie Wein, der sich mit Wasser vermischt hat. - Den Priester am Altar und auf der Kanzel muss man betrachten, als wäre es Gott selbst. - Es ist das Sakrament (der Eucharistie), das den Menschen bis zu Gott erhebt.“ Bei aller Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Pfarrers macht Monnin sich schließlich über seine offenbar unbegrenzten Vollmachten lustig: „Man sagt, die heilige Philomena wäre dem Pfarrer gehorsam (weil sie alle Wunder statt seiner tut)? Warum auch nicht, wenn selbst Gott dem Pfarrer gehorsam ist?“ Dazu ist anzumerken, der Pfarrer von Ars hatte gesagt, Gott wäre dem Priester gehorsam, weil auf sein Wort ein Stück Brot zum Leib Christi würde.
Aber Monnin zitiert auch den Pfarrer von Ars, was aus der Kirche und der Gemeinde wird, wenn der Priester fehlt: „Wo es keinen Priester mehr gibt, da gibt es kein Opfer mehr, und dort gibt es keine Religion mehr.“ - „Lassen Sie eine Pfarrei 20 Jahre ohne Priester: Die Tiere wird man dort anbeten.“ - „Will man die Religion zunichte machen, wird man zuerst den Priester angreifen.“
Aus diesen Worten ergibt sich freilich ein sehr anderes Selbstverständnis des Priesters, als wir es heute gewohnt sind. Aber hinter diesen Aussagen, die leicht in den Verdacht des Triumphalismus geraten können, steht eine tiefe Beziehung zum Leiden und zum Kreuz Christi. Es geht dem Pfarrer von Ars um die metaphysische Wirklichkeit des Priestertums. Zum hundertsten Todestag des Pfarrers von Ars schrieb der Ortsbischof: „Die Verantwortung für die Pfarrei, die Werke und die Bewegungen werden heute manchmal auf zu menschliche Weise wahrgenommen. Man denkt nicht daran, dass wir für jede Person, die uns von der Kirche anvertraut ist, vor Gott verantwortlich sind. Voller Energie und Großzügigkeit geben wir uns vielerlei Aktivitäten hin, aber sorgen wir uns auch genug darum, die Menschen zu retten? Welchen Platz räumen wir dem Leiden und dem Kreuz in unserem Leben ein? Nicht die Aktion dient unserer Rettung, sondern die Passion.“
Aus dem gleichen Anlass hob der Ortspfarrer hervor: „Im Bewusstsein seiner Armut schaute der Abbé Vianney als Kraftquelle einzig auf das Kreuz. Wenn Jesus die Welt durch sein Kreuz gerettet hat, dann muss der Pfarrer mit Jesus auf das Kreuz steigen, um die Pfarrei zu retten. Wie sonst bekehrt man denn eine Pfarrei? Wie stellt ihr der Pfarrer vor, dass Jesus für sie gestorben ist, zu ihrem Heil? Der Priester muss für sie zum leidenden Christus werden, der sein Leben für sie hingibt. Das einzige praktische Mittel dazu: Der Priester muss heute zu Christus werden, der sein Leben gibt für sein Volk... All die Formen der Askese, die der Pfarrer von Ars auf sich genommen hat, kann man anders kaum erklären: Einswerden mit Christus am Kreuz, um sein Volk zu erlösen.“
Mit anderen Worten: Beim Pfarrer von Ars wird durch die Feier der Eucharistie das Opfer Christi gegenwärtig für die vielen. Christus erlöst die Menschen durch das Sakrament. Durch die Opferbereitschaft des Pfarrers wird er gegenwärtig in jeder einzelnen Phase des menschlichen Lebens seiner Gläubigen. Darum nennt das Zweite Vatikanische Konzil die Eucharistie „Quelle und Höhepunkt der Evangelisierung“. Auch diese Konzilslehre hat der Pfarrer von Ars vorausgenommen.
Evangelisierung bedeutete für den Pfarrer von Ars zu allererst den regelmäßigen Kirchenbesuch und die häufige heilige Kommunion seiner Pfarrkinder. Indem er sich selbst durch die Eucharistie ständig wandeln und bekehren ließ, wandelte und bekehrte sich langsam, aber sicher die Gemeinde: Die Vollmacht, mit der er die heilige Messe feierte und über die Evangelisierung durch die Eucharistie predigte, war nichts anderes als die Frucht der eucharistischen Anbetung, die für ihn jeder Messe vorausging. Nicht er lebte, sondern Christus lebte in ihm, wie der Apostel Paulus sagt. Über die Wirkung der Eucharistie konnte der Pfarrer nicht lange und nicht oft genug predigen: „Unser Herr ist im Himmel. Aber gleichzeitig ist er auch im Tabernakel. Welch ein Glück!“ – „Er ist gegenwärtig im Sakrament seiner Liebe, ohne Unterlass tritt er beim Vater für uns Sünder ein. Er ist da, der uns so sehr liebt. Warum sollten wir ihn nicht genauso lieben?“ - „Die Menschen schmieden die finstersten Ränke gegen ihn, während er ihnen immer nur das Kostbarste gibt, das er hat, nämlich sich selbst.“ –„Oh mein Gott, mein Gott, wie sehr hast du uns geliebt!!! Der liebe Gott hat uns geschaffen, weil er uns liebt, er will uns retten, weil er uns liebt... Um gerettet zu werden, braucht man Gott nur zu kennen, ihn zu lieben, ihm dienen. Oh welch ein schönes Leben!... Wie schön, wie großartig ist das, Gott zu kennen, Gott zu lieben, Gott zu dienen! Nichts anderes als das haben wir auf dieser Welt zu tun!“ – „Ach, würden wir doch nur glauben, wären wir doch nur erfüllt von der Gegenwart unseres Herrn auf dem Altar, die Hände voller Gnaden, die er uns schenken möchte – welche Achtung hätten wir vor seiner Gegenwart!“ – „Niemals hätten wir das gewagt: Gott um seinen Sohn zu bitten. Aber was der Mensch nicht zu bitten oder zu sagen wagt, weil er es sich nicht vorstellen kann, das hat Gott in seiner Liebe nicht nur geplant und gesagt, sondern er hat es getan...“ – „Die heilige Kommunion ist nichts anderes als ein Bad der Liebe.“
„Wenn ich bei der Messe den Herrn in Händen halte, was kann er mir dann eigentlich verweigern?“ Diese Hingabe, nicht nur des Priesters an Gott, sondern Gottes an den Priester, überwand für den Pfarrer von Ars offenbar alle Grenzen. Nicht nur die Grenzen von Himmel und Erde, sondern auch die Grenzen von Leben und Tod werden für ihn relativ durch diese Liebe: „Würde man uns sagen, zu der und der Stunde wird man einen Toten auferstehen lassen, wir würden sofort dorthin eilen, um das zu sehen. Aber ist die Wandlung (bei der heiligen Messe) nicht das viel größere Wunder als einen Toten auferstehen zu lassen?“
Freilich geschehen all diese Wunder bei der heiligen Messe durch die Gegenwart Gottes nicht automatisch. Der Pfarrer von Ars lässt sich zwar immer neu überwältigen von der Größe der Liebe Gottes, die sich so klein macht, dass sie in eine Hostie passt, aber der Pfarrer weiß auch aus Erfahrung, dass Gottes Gegenwart und das Geschehen seiner Wunder abhängig ist von der Haltung des Priesters am Altar: Ohne die Hingabe des Priesters ist selbst die Hingabe Gottes verlorene Liebesmüh. Der Pfarrer von Ars weiß: „Manche haben so gut angefangen, einige Monate lang die Messe so schön gefeiert – und dann?“ Er weiß auch, woher die Erschöpfung so vieler Priester kommt: „Dass der Priester nachlässt, kommt nur daher, dass er die Messe nicht mehr achtet. Lieber Gott, wie bemitleidenswert ist ein Priester, der die Messe für etwas Gewöhnliches hält.“
Der Priester, der die Messe als lästige und mühsame Routine betrachtet, hat nicht verstanden, dass Gott selbst sich in der Eucharistie für uns hingibt, um uns durch die Erlösung von den Sünden seine Kraft zu vermitteln. „Gott ist gegenwärtig als Opfer“, betont der Pfarrer, „Den Verdiensten der Hingabe dieses Opfers (Jesu) kann Gott absolut nichts verweigern.“
Aus diesem liebenden Bewusstsein der Hingabe Gottes im heiligen Opfer fängt der Pfarrer von Ars sogar an, auf seine Weise mit Gott zu „handeln“, denn Gott „handelt“ schließlich auch mit dem sündigen Menschen, um den Menschen von der Sünde zu erlösen durch sein Erbarmen: „Feiert man die Messe für die armen Sünder, dann ist unser Herr auf dem Altar besonders gegenwärtig: Er wirft einen Lichtstrahl ins Herz des armen Sünders, der den Zustand seines Elends preisgibt. Der Mensch kann nicht länger widerstehen und kehrt zu Gott, seinem guten Vater, zurück.“ Aus dieser Erfahrung geht der Pfarrer von Ars in seinem Eifer für das Heil der Seelen noch einen Schritt weiter: „Heiliger, ewiger Vater, machen wir einen Tausch: Du nimmst die Seele meines Freundes im Fegefeuer und ich halte den Leib deines Sohnes in meinen Händen. Gib du meinen Freund frei und ich opfere dir deinen Sohn auf mit allen Verdiensten seines Leidens und Sterbens.“
Nicht vergessen sei dabei freilich, dass die heilige Messe mit dieser Hingabe der ganzen Person des Priesters nur gefeiert werden kann, wenn es im Bewusstsein des Priesters nichts Größeres gibt als diese Messe – und das heißt, wenn es absolut nichts gibt, was er ihr vorzieht: „Was so weh tut, weil es so viel Unheil anrichtet, das sind all die Neuigkeiten dieser Welt, das Geschwätz, die Politik, die Zeitungen.... Davon stopft man sich den Kopf voll – und dann will man die heilige Messe feiern...“
Diese Gleichgültigkeit des Priesters der heiligen Messe als dem Herz seiner Berufung gegenüber ist für den Pfarrer von Ars das Schlimmste, was der Priester Gott und der Kirche antun kann: „Ein Priester, dem das Unglück widerfährt, die heilige Messe nicht im Zustand der Gnade zu feiern - welch ein Monster. Soviel Bosheit ist unfassbar!“.
Die ganze Wahrheit und Wohltat der heiligen Liturgie offenbaren sich allerdings erst dann, wenn der Priester es aufgibt, dieses Geheimnis verstehen, gestalten und beherrschen zu wollen. Davor hat Gott schon sehr früh gewarnt. Schon im Buch Exodus findet sich ein drastisches Beispiel dafür: Rund um das goldene Kalb am Berg Sinai hat der Priester Aaron mit dem Volk zwar eine vollkommen exakte Liturgie gefeiert, aber er hat dabei übersehen, dass er Gott zu sich heruntergeholt hat – anstatt das Volk zu Gott hinaufzuführen. Es ist der Missbrauch der Liturgie durch den Zelebranten, der Mose so zornig macht, dass er die von Gott gerade erst empfangenen Tafeln des Gesetzes zertrümmert.
Überlässt sich der Priester mit der nötigen Freude und Ehrfurcht dem Werk Gottes, dann gibt es für ihn nichts Entspannenderes und Wohltuenderes als die heilige Liturgie. Von seinem Zwanzigstundentag sagt der Pfarrer von Ars: „Zweimal am Tag ruhe ich mich wirklich aus. Am Altar und auf der Kanzel.“ – „Unser Glück ist einfach zu groß, nein, nein, wir werden es niemals verstehen können.“
Wenn das Glück der Gegenwart Gottes auf dem Altar durch die Wandlung für den heiligen Pfarrer schon so groß war, dann wurde dieses Glück erst recht überwältigend im Augenblick der heiligen Kommunion: „Die Kommunion! Welche Ehre erweist Gott seinem Geschöpf.“ - „Unser Glück ist zu groß für uns. Erst im Himmel werden wir es verstehen! Wie schade ist das!“ – „Ohne die göttliche Eucharistie wäre das Leben auf dieser Erde unerträglich. Erst mit der heiligen Kommunion empfangen wir unsere Freude, unser ganzes Glück!“ - „Die drei göttlichen Personen wohnen dann in der Seele! Ein kleiner Himmel ist das!“ - „Eine einzige Kommunion reicht völlig, dem Menschen den Geschmack an dieser Erde vergehen zu lassen und ihm einen Vorgeschmack auf die Köstlichkeiten des Himmels zu geben.“ - „Jesus kommt nicht nur, um uns zu trösten, sondern um sich uns hinzugeben, sich mit uns zu vereinen.“
Für den Pfarrer von Ars ist die Kommunion am Leib Christi die einzig mögliche Art der Nahrung für das Seelenheil des Menschen. Es ist jene Nahrung, aus der der Pfarrer selbst lebt und seine Kraft bezieht. Und von daher auch die Nahrung, die er allen seinen Gläubigen wünscht, um sie auf den richtigen Weg zu bringen und diesen Weg auch durchzuhalten: „Würden wir unseren Körper ohne Nahrung lassen, wir hätten keine Kraft mehr! Lassen wir die Seele ohne Nahrung, dann wird sie süchtig und schwach.“ – „Denn die Seele kann sich nur von Gott nähren. Gott allein kann ihr genügen. Nur Gott kann sie erfüllen. Nur Gott kann ihren Hunger stillen. Die Seele braucht ganz einfach Gott.“
Mit allen Mitteln, selbst denen einer gut verständlichen, der Bibel abgelauschten Erzählung, versucht der Pfarrer von Ars, seine Gläubigen davon zu überzeugen, der Hunger der Seele nach dem Heil göttlicher Nahrung ist das Geheimnis der Schöpfung und Erlösung. Gott wollte und musste sich diesem Geheimnis fügen, um es mit den Menschen zu teilen. „Alle Wesen der Schöpfung brauchen Nahrung zum Leben. Darum hat der liebe Gott Bäume und Pflanzen geschaffen. Das ist ein wohlgedeckter Tisch, an dem alle Tiere ihre Nahrung finden. Aber auch die Seele des Menschen braucht ihre Nahrung. Als Gott unserer Seele Nahrung geben wollte, um sie für die Pilgerfahrt dieses Lebens zu erhalten, fand er in der ganzen Schöpfung nichts ihrer Würde Entsprechendes. Also ging er in sich – und er gab sich selbst hin...“
Um es zusammenfassend noch einmal zu sagen: Ebenso wenig wie wir die Liturgie der heiligen Eucharistie von dem Menschen trennen können, der dazu berufen ist, sie in persona Christi zu feiern, können wir den Zelebranten dieser Liturgie trennen von dem, was durch ihn geschieht und was ihm über dieses Geschehen an Worten gegeben wird. Entscheidend ist, dass es durch ihn hindurch geschieht, deutlicher gesagt, dass es mit ihm geschieht und er es mit sich geschehen lässt. Wie Gott seinen Sohn Jesus Christus in jeder Eucharistie für uns hingibt, so sollte der Priester als Zelebrant in persona Christi sich hingeben dürfen. Gerade darin sah der Pfarrer von Ars nicht eine zusätzliche Last, sondern seine ganze Erfüllung. „Unser Glück (die Eucharistie feiern zu dürfen) ist einfach zu groß – nein, nein, wir werden das niemals verstehen können.“
30.04.2010
Heilung durch den heiligen Pfarrer von Ars
Eucharistie - Die Liturgie
P.Dr.theol. Michael Marsch O.P., Heiligkreuztal
Der Pfarrer von Ars er nahm bereits die Lehre des Zweiten Vatikanums von der Gleichbedeutung der zwei Tische, dem Tisch des Wortes und dem Tisch des Sakraments, voraus. Durch die für einen katholischen Priester des 19.Jahrhunderts ungewöhnliche gleichbedeutende Wertschätzung des Wortes und des Sakramentes brachte er die Liebe Gottes seiner Gemeinde sozusagen auf doppelt intensive Weise nahe. Wie stellte sich das dar?
Eines hatten die Bauern von Ars sehr bald bemerkt: „Dieser Priester ist nicht wie die anderen“. Wenn sie morgens um zwei aus dem Wirtshaus kamen, bemerkten sie kein Licht im Pfarrhaus, aber sehr wohl eines in der Kirche. „Wenn man den Pfarrer sucht“, sagten sie zu einander, „dann findet man ihn kaum im Pfarrhaus, sondern Tag und Nacht in der Kirche. Man hat den Eindruck, sein Zuhause ist die Kirche.“
Eines hatte auch der Pfarrer sehr bald bemerkt: Die vielen Stunden, die er vor Beginn der heiligen Messe in der eucharistischen Anbetung auf den Knien verbrachte, halfen mehr Leuten zum Weg in die Kirche als alle langen Predigten. Die Leute wollten einfach wissen, was der Pfarrer da macht. Und sie mussten feststellen, er macht gar nichts.
Nach den Worten, die man dem Pfarrer in den Mund gelegt hat, sah er einen Bauern stundenlang vor dem Tabernakel sitzen. Auf die Frage des Pfarrers, was er da macht, soll der Bauer geantwortet haben: „Ich sehe Ihn an, und Er sieht mich an.“ Wer aber dieses bekannte Wort zu wem gesagt hat, ist niemals richtig bekannt geworden. Die Biografen machen divergierende Angaben. Aber das ist auch nicht entscheidend. Wesentlicher ist: Dieses Wort drückt den innersten Beweggrund dessen aus, was sich im Laufe der Jahre in Ars verändert hat. Legt man statt des Verbs „aviser, sich ansehen“ den in Ars gebräuchlichen Dialekt „aveuser, sich annehmen“ zugrunde, das heißt, statt: „Moi je L’avise et Il m’avise“ eher „Moi je L’aveuse et Il m’aveuse“, dann geht es nicht nur um sich ansehen, sondern um viel mehr, nämlich sich gegenseitig annehmen. Diese intimste Begegnung ohne Worte war es, welche die Gemeindeglieder langsam, aber sicher zu dem für das Dorf völlig ungewohnten regelmäßigen Gottesdienstbesuch bewegte. Aus dieser Vertrautheit mit der Liebe Gottes in der Feier der Liturgie ergab sich, dass man eines Tages sagen konnte: „Ars ist nicht mehr Ars.“
Für den Pfarrer von Ars war es die regelmäßige Teilnahme an der Feier der Eucharistie und der Empfang der heiligen Kommunion, die allein die Bekehrung der einzelnen und der Gemeinde bewirkten: Gott durch seine Eucharistie würde die Menschen zur Umkehr bewegen, nicht der Pfarrer durch seine Worte. Diese Bekehrung würde sich freilich nur in der Gemeinde entwickeln, solange sie beim Pfarrer begann. Ohne die Bekehrung des Pfarrers würde sich nichts bewegen.
Das wusste Vianney von Kindheit an. Der Pfarrer stand am Altar in persona Christi. Und durch den Pfarrer am Altar würde die Person Christi wirken. Nicht er, der Pfarrer, musste für die Gemeinde wichtig werden, sondern Jesus in der Eucharistie musste für die Menschen zum Bedürfnis werden. Erst als die Gemeinde sah, dass der Pfarrer aus der Eucharistie lebte, wurden die Eucharistie und die Kommunion zum Bedürfnis für die Gemeinde, zunächst für die Frauen, später für die Männer. Langsam, aber sicher erwachte in den Gläubigen die Sehnsucht nach der Liebe Gottes, die mächtiger war als jede eingefleischte Sucht, an die sich die Menschen gewöhnt hatten und der sie verfallen waren.
Aus dieser erlebten Erfahrung lässt sich die uns heute etwas fromm erscheinende Überzeugung des Pfarrers verstehen: „Die heilige Kommunion und das heilige Messopfer sind die wirksamsten Mittel zur Wandlung der Herzen.“ Von daher versteht sich auch die für uns schwer nachvollziehbare Überzeugung: „Alle guten Werke zusammen haben nicht den Wert eines einzigen Messopfers. Denn es sind Menschenwerke, und die heilige Messe ist Gottes Werk. Das Martyrium ist nichts im Vergleich dazu, denn es ist das Opfer des Menschlebens an Gott, während die Messe das Opfer Gottes, seines Leibes und Blutes, für die Menschen ist.“
Der Weg von der Bekehrung zur Kommunion wird durch die Konsequenz des Pfarrers für das Dorf ein beständiger Weg ohne mögliches Zurück: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi“, wie der Apostel Paulus sagt. Das heißt für Ars und seinen Pfarrer: Die Schwäche des Pfarrers soll den Gläubigen nicht vorenthalten bleiben. Im Gegenteil: Erst aus dieser Schwäche des Menschen wird die göttliche Kraft sichtbar und spürbar: Nicht der Pfarrer als Mensch gibt der Gemeinde die Orientierung, sondern gerade durch die Schwäche des Menschen wird die göttliche Kraft als das Heil sichtbar: Durch die Feier der Liturgie erweist sich das Heil stärker als alle eingefleischten Gewohnheiten, als alle hartnäckigen Widerstände gegen die Bekehrung. Allein Gott in der Liturgie kann die Sehnsucht der Menschen nach Gott stillen.
Ist aber der Priester in der Hingabe seines Lebens zur Einheit mit Christus geworden, so zeigt sich Jesus von einer schwer verständlichen Demut. In der Vollmacht, die er dem Priester verleiht, das göttliche Werk der Erlösung auf dem Altar zu vollziehen, macht sich Jesus zum Geringsten: „Seht doch, welche Kraft dem Priester verliehen ist: Das Wort des Priesters lässt aus einem Stück Brot Gott werden! Das ist doch mehr als die Erschaffung der Welt!“ Durch das Wort des Priesters geschieht tatsächlich mehr als die Erschaffung der Welt, nämlich ihre Erlösung. Wenn der Priester sich selbst ganz und gar loslässt und sich hingibt an das göttliche Geschehen, dann feiert er nicht nur am Altar, dann handelt er auch in persona Christi.
In dieser Hingabe gleichzeitig an das göttliche Geschehen auf dem Altar und an seine Gemeinde, die mehr und mehr zum Leib Christi wird, ist vermutlich das Geheimnis der Ausgewogenheit im Leben des Pfarrers von Ars begründet. Seine Demut war kein Minderwertigkeitskomplex. Die wenigen erhaltenen Eigentexte und die vielen Zeugenaussagen zeigen das sehr deutlich. Die intensive Auseinandersetzung mit den Kirchenvätern und den Heiligen sind ein „sprechender“ Beleg für seine Sehnsucht nach dem Licht Christi. Die Ausgewogenheit seiner Lebensweise ist also vor allem in seiner Christus-Prägung begründet: Die langen Stunden der eucharistischen Anbetung und die Feier der heiligen Messe empfand er keineswegs als eine zusätzliche Last, sondern als eine ausgesprochene Freude: „Priester sein ist eine so schwere Last, dass der Priester ohne den Trost und die Freude, die heilige Messe zu feiern, diese Last nicht ertragen könnte.“
Der Pfarrer von Ars hat offenbar die ihm anvertraute Pfarrei vor allem als den Leib Christi erlebt, die Last, an der die meisten Glieder und durch sie er selbst litten, war eine falsche Orientierung. Bekehrung bedeutete für ihn, diese leidenden Glieder zu heilen durch Jesus als Haupt des Leibes. „Was tut denn der Herr im Sakrament seiner Liebe? Aus der Güte seines Herzens liebt er uns. Aus dieser Güte seines Herzens strömen Sanftmut und Erbarmen, die Sünden dieser Welt zu ertränken.“ Die Verantwortung des Pfarrers führte ihn also von der Liebe Jesu zu seinem Leib und dessen Gliedern. In jedem seiner Pfarrkinder sah der Pfarrer „ein Körnchen von einem Heiligen“, „ein Samenkorn des Ewigen Wortes Gottes“.
Diese Saat hatte er als Pfarrer vor dem Bösen zu bewahren. Nein, eben nicht er als der Pfarrer: „Der Heilige Geist ist ein guter Gärtner“, sagte er. Seine Sorge, den Samen der Heiligkeit in seinen Pfarrkindern vor der Zerstörung durch das Böse zu schützen, überließ er dem Heiligen Geist in der Eucharistie.
Wie konnte er als der Pfarrer und damit als der für das Seelenheil Verantwortliche die Sicherheit gewinnen, dass Jesus für alle gestorben ist, für jeden einzelnen und für die ganze Gemeinde? „Für dich habe ich diesen Blutstropfen vergossen“, hörte er Jesus sagen. Die Eucharistie ist für den Pfarrer die Garantie, dass das Böse endgültig überwunden ist durch die Hingabe des Lebens Jesu an uns.
Der Pfarrer von Ars hat also gar nicht erst versucht, seine Verantwortung der Bewahrung vor dem Bösen mit eigenen Mitteln wahrzunehmen. Er hat das Jesus überlassen in der eucharistischen Anbetung, sowohl die Bewahrung der Gemeinde vor den durchaus üblichen Gewohnheiten des Bösen als auch ihre Abkehr davon und die Hinwendung zum Guten, zu Jesus im Gebet.
Es war offensichtlich für den Pfarrer in seiner Verantwortung für das Seelenheil seiner Gemeinde, dass die Abkehr von dem Bösen, vom übermäßigen Alkoholgenuss, dem Tanz und seinen Folgen, der Sonntagsarbeit und dem Fluchen, für die Menschen von Ars nur durch die Erfahrung zu erreichen ist, dass sich das Gute lohnt.
Alle Veränderungen des Lebens in Ars folgten aus dieser anfänglichen Erfahrung des Guten, das heißt der spürbaren Liebe Jesu in der Eucharistie, die der Pfarrer durch die Art, wie er die Eucharistie feierte, seiner Gemeinde weitergab. Auf die Dauer konnte der Gemeinde nicht verborgen bleiben, dass dieses Leben des Pfarrers in der ständigen Zwiesprache mit Gott keine Routine war, sondern dass der Pfarrer aus dieser Zwiesprache lebte und seine Kraft bezog, vor allem aber seine Freude. Sein Vikar Toccanier sagte: „Er war ständig mit Gott vereint und sah Gott in all seinen Geschöpfen,“ Sein Sakristan Bruder Jérome sagte: „Um sich von seiner Ehrfurcht vor unserem Herrn zu überzeugen, brauchte man nur zu sehen, wie er die Kniebeuge vor dem Allerheiligsten machte.“ Ein Bauer von Ars sagte: „Es war schon eindrucksvoll, ihn das Kreuzzeichen machen zu sehen.“ Der Lehrer sagte: „Er predigte besonders gern von der Eucharistie. Davon sprach er in fast jeder Unterweisung: ‚Er ist da’, sagte er dann, ‚er hört uns.’ – Wenn er sich dem Tabernakel zuwandte, versagte ihm die Sprache. Dann war sein Gesichtsausdruck beredter als seine Worte. Sein Gesicht zu sehen genügte, um zu verstehen, was er sagen wollte.“ Seine Mitarbeiterin Catherine Lassagne zitiert seine Worte bei der Feier der heiligen Messe: „O Jesus, dich zu kennen heißt, dich zu lieben. Wenn wir wüssten, wie sehr Jesus uns liebt, wir würden sterben vor Freude.“
Zusammenfassend kann man mit den eigenen Worten des Pfarrers sagen, warum für ihn die Liturgie das Einswerden mit Gott bedeutete – und so für ihn zum Himmel auf Erden wurde: „Ich sagte dem lieben Gott: ‚Wenn ich wüsste, dass ich dich im Himmel niemals sehen dürfte, dann würde ich dich jetzt nicht mehr loslassen, jetzt, da ich das Glück habe, dich (hier auf Erden) in Händen zu halten’.“ Für den Pfarrer von Ars war die Feier der Liturgie nicht nur ein “Heilmittel zur Unsterblichkeit“, wie der Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien im ersten christlichen Jahrhundert sagte, sondern auch eine „Vorfeier des himmlischen Gastmahls“, wie das Zweite Vatikanische Konzil im 20. Jahrhundert sagte (GS 38)
20.04.2010
Der Einfluss des Pfarrers von Ars auf den Diener Gottes
P. Bernard Łubieński CSsR ( 1846-1933)
Bernard Łubieński entstammt einer berühmten polnischen Adelsfamilie, aus der viele namhafte Persönlichkeiten hervorgingen.
2009 erschienen seine Lebenserinnerungen „Wspomnienia“ in polnischer Sprache im Verlag: Homo Dei, Krakau.
Als Zwölfjähriger war Bernard Łubieński zur Ausbildung nach England gekommen und 1864 in die Kongregation der Redemptoristen eingetreten.
Am 6. Oktober 1869, also mit 25 Jahren, empfing er die Priesterweihe.
Im Februar 1787 war der hl. Clemens Maria Hofbauer als erster Redemptorist nach Warschau gekommen. Die Redemptoristen in Warschau konnten allerdings nur 21 Jahre missionarisch tätig sein, da sie durch ein Dekret Napoleons, unterschrieben von König Friedrich August von Sachsen am 9.6.1808 aus Polen ausgewiesen wurden. Erst 75 Jahre später und zwar 1883 hat P. Bernard Łubieński unter großen Mühen die Kongregation der Redemptoristen in Mościska in Polen wieder angesiedelt. So verdankt die polnische Provinz der Redemptoristen ihre Wiederbegründung P. Bernard Łubieński.
Auf seinem Weg zum Priestertum hatte der Pfarrer von Ars für Bernard Łubieński eine prägende Bedeutung, wie aus seinen Erinnerungen ersichtlich wird:
Bereits mit elf Jahren verspürte er den Wunsch Priester zu werden, dachte aber anfangs keineswegs an einen Eintritt in eine Ordensgemeinschaft.
Er selber schreibt:
„Bis dahin dachte ich nicht an ein Kloster (1864, Anmerkung der Übersetzerin). Mein Ideal war als Pfarrer in einer Pfarrei zu arbeiten. In diesem Vorhaben bestärkte mich die Lebensbeschreibung des Pfarrers von Ars, der einige Jahre vorher gestorben war. Diesen priesterlichen Geist stärkte in mir auch eine heilige Freundschaft, die ich mit einigen meiner Klassenkameraden geschlossen hatte. Wir waren vier, alle erfüllt vom Wunsch nach priesterlicher Heiligkeit. Mit Wort und Beispiel halfen wir uns gegenseitig zum Guten, manchmal beteten wir gemeinsam beim Spaziergang. das „Officium parvum B.M.V. Von Seiten meiner Familie wurde mir manchmal die Bischofsmitra angedeutet (in seiner Familie hatte es viele Bischöfe gegeben- Anmerkung der Übersetzerin), und Heinrich äußerte den Gedanken, dass ich nicht einfacher Priester sein sollte, sondern ein Würdenträger, aber ich lachte darüber und antwortete: „Der Pfarrer von Ars ist mein Ideal“.( Wspomnienia S. 51f)
In Dankbarkeit berichtet P. Bernard Łubieński auch, dass in der Kongregation der Redemptoristen nördlich der Alpen zahlreiche ausgezeichnete Männer (Desurmont, Pladys, Douglas, Coffin, Weld, Vaughan, Bridgett, Bronchaim, Kockerols, Krebs, Haetscher usw.) waren, die die Tradition dem Gebet und der Fürsprache des hl Johannes Vianney von Ars zuschrieb, erbeten durch einen der französischen Provinziale , der zu diesem Ziel eine persönliche Wallfahrt nach Ars, zu diesem heiligem Pfarrer, machte. (Wspomnienia S. 78).
Die Beziehung P. Bernards Łubieński zum Pfarrer von Ars hat ein ganzes Leben angehalten. Als P. Bernard nach größten Schwierigkeiten in Polen die Kongregation der Redemptoristen wiederbegründet hatte und dort als Missionar tätig war, erwähnt er auch mit Freude die erste Übersetzung der Lebensbeschreibung des Pfarrers von Ars von Monnin ins Polnische. (Wspomnienia, S.215).
Der Seligsprechungsprozess begann 1961. 2004 wurde er als Diener Gottes anerkannt. Zur Seligsprechung fehlt noch der Nachweis eines Wunders.
14.3.2010 Inge Hagn
Leben aus der Vorsehung Gottes nach dem hl. Pfarrer von Ars
Heinrich Maria Burkard, 1.Impuls beim 1. Treffen der JMVB-Gebetsgemeinschaft in Kaufbeuren 20.02.2010
Die Vorsehung spielte eine zentrale Rolle im Leben des Pfarrers von Ars. Sein Leben verlief nicht geradlinig, er war sehr unsicher und traute seinen Fähigkeiten ein Leben lang nicht. “Ich habe nichts anderes als mich festzuhalten an dir, du großer Gott!“
Durch die Taufe haben wir ein neues Verhältnis zu Gott (Röm.8, 15-17), ein Fundament des Vertrauens, das uns trägt. Kindschaft ist eine unauslöschliche Beziehung, die Taufe ein unauslöschliches Prägemal. Gott bleibt mir verbunden, seine Liebe bleibt mir, er sucht mich ein Leben lang.
Mit dem Erbe des Vaters hat der Pfarrer von Ars das Grundstück für die Providence gekauft. „Ich lebe vom himmlischen Vater.“ Diese Erbschaft schafft Vertrauen!
Ein Mensch, der weiß, dass er von Gott kommt, weiß auch, wohin er will. Der Pfarrer von Ars wurde getragen von der konkreten Kirche, wusste aber auch um ihre Gebrochenheit. Er hielt sich für den größten Sünder. Wegweiser, Wegbegleiter zum Himmel zu sein, hielt er für seine Berufung. Er hatte eine tiefe Kindbeziehung zu Gott, Jesus war sein Freund und Wegbegleiter. Er war tief berührt von der Eucharistie, weil er dort die ganze Liebe Jesu erfahren hat. Er führte sein Leben im Angesicht Gottes, wusste sich in seinen Blick genommen, von ihm betrachtet und getragen. So konnte er den Menschen ins Herz schauen.
Er entwickelte eine tiefe Leidenschaft mit Jesus zu leiden, sah die Lieblosigkeit der Menschen. Das Kreuz ist da, um Frieden in die Welt zu bringen, die Furcht vor dem Kreuz vermehrt unser Kreuz. Den Weg Jesu zu leben, die Leiden anzunehmen, die Leidenschaft Gottes für den Menschen anzunehmen, dazu braucht es die Gnade. Die ganze Schöpfung sehnt sich nach dem ursprünglichen Zustand des Heils, des Heilseins (Röm. 8,18-23). Der Schlüssel dazu ist der Mensch. Es liegt an uns, ob die Welt zum Teufel geht oder bewahrt bleibt.
Der Pfarrer von Ars hat um jede einzelne Seele gekämpft. Er litt sehr darunter, dass am Ende seines Wirkens von seinen 500 Pfarrkindern immerhin fünf nicht bei der Osterbeichte waren. Er fragt sich bis zuletzt, was wohl mit diesen fünf geschieht. Er wollte wirklich alle. Der gute Hirt sieht auch das letzte Schaf. Die Menschen haben seine Verbundenheit mit Christus gespürt. Durch seine einfache Art haben sie sich ins Herz getroffen, sich berührt gefühlt. Oft hat hier ein einziges Wort genügt.
Wir leben in der Hoffnung, nicht in der Erfüllung (Röm. 8,24-30). In der Krankheit sind wir auf Hoffnung angewiesen, Hoffnung ist aber nicht gleich Erwartung. Wir brauchen Geduld, die Bereitschaft zu leiden, völlig loszulassen, die eigenen Unzulänglichkeiten auszuhalten, passiv zu sein, den Reinigungsprozess zuzulassen, alles von Gott zu erwarten, auszuharren, wann, wo und wie Gott die Dinge löst.
Durch die Taufe betet, liebt, hofft Gott in uns. Nicht wir sind es, sondern es ist sein Werk, das er in uns vollendet und tut. Gott wirkt in unserer Schwachheit und Unzulänglichkeit. Wir sind keine Macher, Gott macht! Sind wir innerlich beim Herrn, zählt, was er will, nicht, was wir oder andere möchten.
Der Heilige Geist, der Herabgerufene (Advocat), Maria, die Hinzugerufene (Advocata) helfen uns in die Haltungen Mariens hineinzuwachsen. Wenn der Heilige Geist die Form Mariens in uns findet, stürzt er sich sofort in uns. Maria hat die Dinge, die sie nicht verstanden hat, in ihrem Herzen erwogen. Sie fragt nach: „Wie soll das geschehen?“ Sie bekommt ein Zeichen, eine Person genannt, bei der Gott gewirkt hat, Elisabeth. Danach verließ sie der Engel. Maria macht sich auf den Weg zu ihrem Zeichen, auf den Weg des Vertrauens.
Für den Pfarrer von Ars war Katharina Lassagne sein Zeichen. Sie war seine Vertrauensperson, absolut verschwiegen, teilte seine Liebe zu den Armen, Schwachen und Waisenkindern.
Die Menschen brauchen Zeichen. Nicht durch Worte, sondern durch ihre Haltung, durch ihren Dienst führt Gott alles zum Guten.
Alles, was ist, darf sein! Alles, was ist, ist erlösungsbedürftig! Alles was ist, muss der Verherrlichung Gottes dienen! (Don Bosco)
Auch das Gute, nicht nur das Böse ist erlösungsbedürftig. Wir sind dazu berufen, an seinem Wesen und seiner Gestalt teilzuhaben.
24.02.2010 Protokoll Elisabeth Johann
Beten für die Priester
Heinrich-Maria Burkard, 2. Impuls beim Treffen der JMVB-Gebetgemeinschaft in Kaufbeuren am 20.02.2010 Kaufbeuren
Sendung der Priester ist es den Leib Christi aufzubauen, damit dieser wächst und gedeiht, dass Christus lebendig da ist und Er sein Werk tut. Christus möchte uns in sich umformen.
Jean-Marie Vianney litt unter dem Auseinanderbrechen seiner eigenen Familie. Durch mehrere unglückliche Umstände folgte Vianney seinem Einberufungsbefehl nicht und galt als fahnenflüchtig. Sein Bruder musste an seiner Stelle in den Krieg ziehen und kam nicht mehr nach Hause. Kurz nach der Rückkehr Vianneys starb seine Mutter, was ihn ein Leben lang belastete. Das machte ihn sensibel für die Familie Gottes, dass dieser Leib geheilt und geheiligt wird.
Heilige vermitteln uns einen Vorgeschmack auf den Himmel, den ich euch wünsche. Wir haben die gleiche Gnade wie die Heiligen. Die Heiligkeit Gottes ist eine Einladung für unsere eigene Heiligkeit, die Gott will. Wir müssen lernen im Umgang mit unserer Gebrochenheit und Unzulänglichkeit Mittel zur Heilung anzuwenden. Beim Pfarrer von Ars war dies: wachen (wach sein), in Beziehung sein (Gebet) und Hingabe. Der Akt der Heilung, Heiligung ist die Beichte, hier hat Gott volles Vertrauen zu seinen Priestern. Gläubige und Priester gehören zusammen, brauchen einander.
Wie kann uns die Heilung und Heiligung unserer Gebrochenheiten erreichen?
Gottes Werk ist nicht aufzuhalten! Es gilt, sich nicht von der Oberflächlichkeit, Verbürgerlichung und Verweltlichung anstecken zu lassen, sondern von der Leidenschaft Gottes für das verletzte Schaf. Priester sollten äußere Aktivitäten und Erwartungen herunterschrauben. Das geht auch mit Verabschiedung von vertrauten Dingen und Entlastung von der Verwaltungsarbeit einher. Die Heiligung des Gottesvolkes, dafür lebt die Kirche! Der priesterliche Dienst ist angefochten, wenn der Priester nur funktionieren soll. Der Priester ist das große Geschenk Gottes an sein Volk, die volle Liebe Christi. Gott wirkt durch schwache Priester, die hingebungsvoll ihren Dienst tun und diese Wirkung ist nachhaltig!
Wie können wir in guter Weise füreinander beten?
Gott lädt uns ein, Leib Christi zu sein. Wir sind ein Leib, jeder und jede hat seine eigene Sendung. Lassen wir uns vom Pfarrer von Ars inspirieren einfache Mittel in Treue anzuwenden. Jeder und jede ist berufen, auf eigene Weise zu beten. Gott liebt die Vielfalt. Es gilt in Ehrfurcht zu schätzen, wie Gott jeden einzelnen führt z. B.: durch einfache Gebete als Notproviant, Rosenkranz, Anbetung, Schrei des Herzens nach Gott. Jesus weint über Jerusalem, deren Kinder er sammeln wollte, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt (Mt 23,37). Können wir nicht einmal mehr wie ein Küken nach seiner Mutter zum Herrn schreien? Jesus lädt uns zu solch einem vertrauensvollen “Kükengebet” ein, zu einem einfachen Eingeständnis der eigenen Armut und Gebrochenheit.
Wir haben auch die Einladung zu seiner Leidenschaft - an seinen Leiden teilzuhaben. Hier gilt es allerdings zu unterscheiden, was soll ich tragen, was nicht, Leiden nicht fraglos hinzunehmen, auch den Mut haben zu widersprechen (Konfrontation mit der Wirklichkeit). Tragen wir unsere Bitten mit den Heiligen vor Gott, bitten wir ihn auch um die Gabe der Unterscheidung!
Mit allen Menschen gleich umzugehen, ist die größte Ungerechtigkeit!
Geistlicher Kampf –
Wüstenväter haben sich bei einer Begegnung gefragt: Wo kämpfst du gerade?
Ich bin bedroht, werde attackiert, welche Mittel wende ich an (Eph. 6,10-20)? Gebrauchen wir das Wort Gottes als Waffe, um unseren Glauben in absolutem Vertrauen zu leben. Jesus hält dem Versucher das Wort Gottes entgegen (Evangelium vom 1. Fastensonntag Lk.4,1-13). Innere Einreden vom Versucher, das sind Attacken, die vor allem von unseren Wunden ausgehen. Böses beginnt immer mit negativen inneren Einreden - Widerspruch beginnt in uns selbst (auf uns, auf die anderen, auf Gott). Es laufen innerlich Kommentare ab. Hier gilt es die Kommentare wahrzunehmen - zu erkennen - zu unterbinden - unterbrechen zu lassen, das braucht das Wort Gottes. Es ruft zur Wachsamkeit, Gebet und Umkehr auf.
Geistliche Fruchtbarkeit erfordert sich aufzuopfern, sich mit Jesus zu verbinden bis in die Hingabe hinein. Dienst wird zum Gebet, zum Alltag ja zu sagen, alles auf das glühende Herz Jesu legen, sich verglühen zu lassen. Zölibat heißt geistlich fruchtbar zu werden, Vater und Mutter zu werden, ist Hingabe für das Volk Gottes.
Nehmen wir die Gaben des Heiligen Geistes an, damit auch die Priester ihre Gaben annehmen können!
28.02.2010 Protokoll Elisabeth Johann
Amtspriestertum des geweihten Priesters und allgemeines Priestertum aller Getauften beim hl. Pfarrer von Ars
P. Dr. theol. Michael Marsch O.P., Heiligkreuztal
Auf Empfehlung von Pfarrer Balley wird Jean-Marie Vianney am 13. August 1815 mit 29 Jahren von Bischof Simon in Grenoble völlig allein zum Priester geweiht. Am 14. August, dem Vorabend von Maria Himmelfahrt, feiert er seine erste heilige Messe: „Gäbe es etwas Größeres als die Eucharistie, Gott hätte es uns gegeben.“ „Was ist der Priester etwas Grosses! Was ein Priester wirklich ist, werden wir erst im Himmel erfassen. Würden wir es schon auf Erden verstehen, so würden wir sterben, nicht vor Entsetzen, sondern vor Liebe!“ Das bezog sich nicht auf sein Priestertum: „Hätte Gott ein schlechteres Werkzeug, er hätte womöglich das schlechtere geweiht.“
Von 1816 bis 1818 wird er als Vikar zu seinem Fürsprecher Balley in Ecully geschickt. Nach dessen Tod 1818 wird er zunächst zum Pfarr-Administrator und 1821 zum Pfarrer von Ars berufen.
Der Eifer, mit dem sich Vianney in diesem von Gleichgültigkeit geprägten Dorf ans Werk macht, lässt sich keineswegs nur mit seiner jugendlichen Begeisterung erklären. Vianneys Sache ist auch nicht die Abwehr des Rationalismus und des Atheismus, von denen die Philosophie und weite Bereiche der Theologie dieser Zeit geprägt sind. Auch den Jansenismus einer übertriebenen Askese kann man für die Lebensart des Pfarrers von Ars nicht verantwortlich machen. Der Schlafentzug und der Nahrungsentzug der frühen Jahre sowie seine stundenlangen Gebete auf dem eiskalten Steinboden der Kirche mögen uns heute eher bizarr vorkommen. Um es noch einmal zu sagen: Die Biografen stimmen überein in der Betonung der Ausgewogenheit seiner Lebensweise. Sie machen geltend, wer bei solch einem Arbeitspensum 73 Jahre alt geworden ist, kann nicht gegen seine Natur gelebt haben. Sein Tagewerk beginnt mit dem Aufstehen um 1 Uhr und zunächst 3 Stunden Anbetung auf den Knien, um 7 Uhr heilige Messe, um 11 Uhr Katechismus, in der Mittagszeit Familienbesuche, am Nachmittag Krankenbesuche und am Abend Vesper mit Predigt – dazu ab 1830 täglich 16 Stunden Beichthören bei zwei bis vier Stunden Schlaf und einer oder zwei Mahlzeiten im Stehen. Und das fast 30 Jahre bis zu seinem Tod. Der Hausarzt sagte: “Ich weiß nicht, wie das möglich war.“
Gibt es außer dem Feuer seiner Gottesliebe und der Leidenschaft für das Heil der Seelen überhaupt eine Erklärung für Vianneys ungewöhnliches Wirken in Ars? Vielleicht können wir von einer prophetischen Vorwegnahme dessen sprechen, was das Zweite Vatikanische Konzil mehr als hundert Jahre nach Vianneys Tod über das einzige Priestertum Jesu Christi und die Hingabe des Amtspriesters an das Priestertum Jesu sagt. So jedenfalls geht es hervor aus dem Einkehrtag von Papst Johannes Paul II. am 6.Oktober 1986 in Ars und den Exerzitien von Kardinal Schönborn Ende September 2009 vor 1200 Priestern aus 78 Ländern - in Ars.
Zum Versuch einer Annäherung an das Geheimnis des heiligen Pfarrers von Ars werden wir also außer der Heiligen Schrift und seinen eigenen Texten die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Katechismus der Katholischen Kirche zur Hand nehmen müssen. Damit wollen wir herauszufinden, was der Pfarrer von Ars als Priester seinen Gläubigen durch die Sakramente der Taufe, der Eucharistie und der Beichte zu vermitteln suchte und wie das geschehen ist.
Was aber sagt uns das Zweite Vaticanum über die Zuordnung des Amtspriestertums der geweihten Priester einerseits und des allgemeinen Priestertums aller Getauften andererseits zum einzigen Priestertum Jesu Christi? Hören wir zunächst den entscheidenden Text aus der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen Gentium) und dann dessen Auslegung im Katechismus der Katholischen Kirche. In Lumen Gentium 10 heißt es zum allgemeinen Priestertum aller Getauften: „Christus, der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebräer 5,1-5), hat das neue Volk ‚zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht’ (vgl. Apk 1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist (das heißt durch die Taufe) werden die Getauften zu einem geistigen Bau und zu einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken ... geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht geführt hat (vgl. 1 Petr 2,4-10). So sollen alle Jünger Christi ausharren im Gebet und Gott loben (vgl. Apg 2,42-47) und sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen (vgl. Römer 12,1). Überall auf Erden sollen sie für Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von der Hoffnung auf das ewige Leben, die in ihnen ist (vgl. 1 Petr 3,15)“ (LG 10,1).Dieser ganze erste Abschnitt von LG 10 bezieht sich also ausschließlich auf das allgemeine Priestertum aller Getauften und nimmt damit „alle Getauften“ in die Pflicht, ihre Würde und die sich daraus ergebende Verantwortung für die Evangelisierung deutlich werden zu lassen.
Erst im zweiten Abschnitt desselben Paragraphen LG 10 ist dann die Rede vom Amtspriestertum des geweihten Priesters: Wie und wodurch sich das Amtspriestertum des geweihten Priesters vom allgemeinen Priestertum aller Getauften unterscheidet, auch wenn beide immer auf das einzige Priestertum Jesu Christi bezogen bleiben. In Lumen Gentium 10, Abschnitt 2 heißt es dazu: „Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nämlich bildet Kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gottes dar, die Gläubigen hingegen wirken Kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe“ (LG 10,2).
In diesem zweiten Absatz von LG 10 findet sich der große Zankapfel über die Art des Dienstes der Amtspriester. Wir dürfen nicht als Haarspalterei für Fachtheologen verkennen, was bis heute direkt oder indirekt einen erheblichen Einfluss auf die Beziehung von Priestern und „Laien" (Getauften) hat, vor allem aber auf das Selbstverständnis der Amtspriester und ihren Dienst innerhalb der Kirche. Denn man kann das vom Konzil Gesagte auch heute nicht ernst genug nehmen.
Selbst wenn es mehr als 40 Jahre her ist, erinnere ich mich noch sehr gut, wie wir uns als Studenten und frisch geweihte Priester lustig gemacht haben über jene „Theologen von gestern“, die aus den Konzilstexten eine Sonderstellung des Priesters herauslesen wollten, so als wäre der Priester ein höheres Wesen, das sich durch diese Wesensverschiedenheit von den gewöhnlichen Sterblichen, den „Laien“ unterscheidet. Wir fragten uns, ob wir durch das Weihesakrament, das wir in dem Durcheinander von 1968 empfangen hatten, tatsächlich zu besseren Menschen und zu höheren Wesen, also zu einer Art Elite-Christentum geworden waren. Sollte diese Unterscheidung wirklich die große Neuigkeit und die Zukunftsvision des Konzils über die Identität des Priesters gewesen sein? Ich weiß noch, wie wir sogar im Kloster am liebsten in Zivil herumliefen, nur um uns mit dieser „weltfremden“ Sicht des Priesters durch das Konzil nicht identifizieren zu müssen.
Zum Nachdenken über den umstrittenen Konzilstext von Lumen Gentium 10 kam ich erst Jahre später. Nach meiner psychotherapeutischen Ausbildung am C. G. Jung-Institut in Zürich war ich zwei Jahre im Therapiezentrum der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ tätig. Dort hatte ich als Patienten eine Reihe junger Männer, die sich nach ihrer Priesterweihe zunächst für die Ehe und dann für einen anderen Beruf entschieden hatten. Einige wenige von ihnen meinten, „es geschafft“ zu haben. Sie schienen glücklich verheiratet, und sie hatten es zu einer Familie mit fünf Kindern und einer ansehnlichen Stellung in der Industrie gebracht. Aber selbst diese wenigen klagten weiter über eine tiefinnere Wunde, die nach ihrer Erfahrung noch kein Psychotherapeut zu heilen vermochte. Sie sagten übereinstimmend, diese tiefinnere Wunde ließe sich auch nur schwer beschreiben. Ich musste ihnen sagen, dass bei allem Verständnis für ihren tiefen Schmerz auch ich mich außerstande sähe, diese Wunde zu heilen. Ob die Sakramente der Kirche das vermögen, musste ich offen lassen, denn diese tiefinnere Wunde wäre auf ihre Untreue zu jener wesensmäßigen Veränderung zurückzuführen, die den Getauften durch das Sakrament der Priesterweihe gnadenhaft verliehen ist.
Erst diese für meine Patienten schmerzhafte Erfahrung einer offenbar unheilbaren Wunde durch ihre Untreue zur Christus-Gnade hat meine feststehende Meinung über die Bedeutung von Lumen Gentium 10 gründlich ins Wanken gebracht. Ich musste einsehen lernen, dass es nicht stimmt, dass die Priesterweihe den Getauften in seinem Wesen unverändert lässt. Ich musste auch einsehen lernen, dass ich eine falsche Vorstellung von der Solidarität des Priesters mit den Laien hatte. Ich hatte gemeint, wenn ich als Priester etwas anderes als die anderen Menschen dem Grade und nicht dem Wesen nach bin, dann wäre ich durch die Priesterweihe eine Art post graduate, den anderen überlegen, weil um einiges gebildeter als sie. Später lernte ich die Präzision des Katechismus der Katholischen Kirche schätzen, der in seiner Auslegung von LG 10 sehr deutlich sagt, worin dieser Unterschied zwischen dem allgemeinen Priestertum aller Getauften, also der Laien, und dem Amtspriestertum der geweihten Priester besteht: „Das amtliche oder hierarchische Priestertum der Bischöfe und Priester und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen nehmen ‚auf je besondere Weise an dem einen Priestertum Christi’ teil und sind ‚einander zugeordnet’, unterscheiden sich aber doch ‚dem Wesen nach’ (LG 10). Inwiefern? Während das gemeinsame Priestertum der Gläubigen sich in der Taufgnade, im Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, im Leben gemäß dem Heiligen Geist vollzieht, steht das Amtspriestertum im Dienst dieses gemeinsamen Priestertums. Es bezieht sich auf die Entfaltung der Taufgnade aller Christen. Es ist eines der Mittel, durch die Christus seine Kirche unablässig aufbaut und leitet. Deshalb wird es durch ein eigenes Sakrament übertragen, durch das Sakrament der Weihe“ (KKK 1547).
In diesem Text wird deutlich, worin der Unterschied zwischen dem Amtspriestertum des geweihten Priesters und dem allgemeinen Priestertum aller Getauften besteht: Das Amtspriestertum ist ein Mittel zum Zweck, während das allgemeine Priestertum aller Getauften auf den Zweck selbst hingeordnet ist. Die Mittel sind nicht der Zweck, sie dienen dem Zweck. Der Zweck der Werke Gottes ist unser Weg zum Himmel; zu unserer Glückseligkeit, unserem ewigen Glück. Die Aufgabe des geweihten Priesters, der diesem Zweck dienen soll, ist also genau das, was der Pfarrer von Ars mit den Worten beschrieben hat: „Ich will dir den Weg zum Himmel weisen“. Der Pfarrer von Ars wusste in seinem Herzen, dass diese Wegweisung zum Himmel ein sehr demütiger Dienst sein würde, nämlich das Volk Gottes „zu bilden und zu leiten“. Und der Pfarrer von Ars wusste auch, dass im Zentrum dieses Dienstes als seine ständige Kraftquelle aus der Taufe das eucharistische Opfer stehen würde, das er als geweihter Priester „in persona Christi“, in der Person Christi, darzubringen hätte.
Versuchen wir in drei Schritten klarzustellen (die ich sinngemäß den Priester-Exerzitien in Ars von Kardinal Schönborn übernehme), worum es in den so aktuellen und nach wie vor zukunftsweisenden Konzilstexten geht – und inwiefern der heilige Pfarrer von Ars durch sein ganzes Leben diese so wichtige Lehre der Kirche prophetisch vorausgenommen hat.
Erster Schritt: Was heißt in dem Konzilstext Lumen Gentium 10 „wesensmäßig und nicht nur dem Grade nach“? Bestände der Unterschied zwischen dem Amtspriestertum und dem allgemeinen Priestertum aller Getauften tatsächlich in einem gewissen Grad, dann wäre das Amtspriestertum der geweihten Priester nichts anderes als eine größere moralische Vollkommenheit oder ein höherer Tugendgrad. Priester werden hieße dann, ein besserer Christ zu werden, eine Art Elite-Gläubiger gegenüber dem Volk, also den „Laien“. Das ist aber nicht so! Tugendgrade der Vollkommenheit gibt es ausschließlich in der Heiligkeit. Der Heiligkeit sind keine Grenzen gesetzt, sie kann einsame Höhen erreichen. Wer Priester oder Bischof oder Papst wird, wird dadurch nicht automatisch heiliger. Wenn zum Beispiel Johannes Paul II. relativ schnell selig gesprochen werden wird, dann nicht deswegen, weil er Papst geworden ist, sondern wegen jener Heiligkeit, die er sich durch die Art der Ausübung seines Dienstes als Priester, Bischof, Papst erworben hat.
Zweiter Schritt: Inwiefern ist nach dem Konzilstext Lumen Gentium 10 die Weihe der Priester keine Diskriminierung der nur Getauften? Wäre das Amtspriestertum, das durch das Weihesakrament verliehen und empfangen wird, tatsächlich ein Unterschied „dem Grade nach“, so wären die Vorwürfe der Diskriminierung, das heißt des Ausschlusses aller Frauen und aller verheirateten Männer vom Weihesakrament, berechtigt, denn den Frauen wäre allein durch ihr Frausein oder den Männern allein durch ihr Verheiratetsein der Zugang zu einem höheren Grad des Christseins verwehrt. Niemand, keiner Frau und keinem verheirateten Mann, ist es aber verwehrt, heiliger zu werden als alle anderen. Aber eben: die großen Heiligen wie der Pfarrer von Ars hielten sich immer für die größten Sünder.
Dritter Schritt: Was heißt nach dem Konzilstext Lumen Gentium 10 „Christus ähnlich werden“? Allen Christen gemeinsam ist der Ruf zur Heiligkeit, weil Christus als der eine Hohepriester der eine Heilige ist. Amtspriester als Werkzeuge Christi zu sein und “in persona Christi“ am Altar zu stehen, bedeutet darum aber noch nicht, in allen Lebensbereichen, in Gedanken, Worten und Werken fehlerfrei und sündenfrei zu sein. Als Werkzeuge Christi tragen wir den Schatz der Priesterweihe in „irdenen Gefäßen“, wie der Apostel Paulus sagt. Und Paulus weiß auch, warum das so ist: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit der Überschwang an Kraft Gott zugemessen und nicht von uns hergeleitet werde“ (2 Kor 4,7).
Dem Apostel folgend ist der Katechismus der Katholischen Kirche eindeutig: „Die Gegenwart Christi im Amtsträger ist nicht so zu verstehen, dass dieser gegen alle menschlichen Schwächen gefeit wäre: gegen Herrschsucht, Irrtümer, ja gegen Sünde. Die Kraft des Heiligen Geistes bürgt nicht für alle Taten der Amtsträger in gleichem Maße. Während bei den Sakramenten die Gewähr gegeben ist, dass selbst die Sündhaftigkeit des Spenders die Frucht der Gnade nicht verhindern kann, gibt es viele andere Handlungen, bei denen das menschliche Gepräge des Amtsträgers Spuren hinterlässt, die nicht immer Zeichen der Treue zum Evangelium sind und infolgedessen der apostolischen Fruchtbarkeit der Kirche schaden können. ... Das Priestertum ist ein Dienst“ (KKK 1550).
Zusammenfassend hören wir noch einmal den Konzilstext über die Taufe als Priestertum aller Gläubigen, nämlich wie die Taufe alle zu „Mitbürgern der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ werden lässt. Der Text zeigt uns, was der heilige Pfarrer von Ars durch den Dienst in seiner Gemeinde vorausgenommen hat und dadurch die Gläubigen zu einer „königlichen Priesterschaft“ (1Petr 2,9) werden ließ: „Durch die Taufe der Kirche eingegliedert, werden die Gläubigen durch dieses Prägmal zur christlichen Gottesverehrung bestellt und ‚wiedergeboren zu Kindern Gottes’ sind sie gehalten, den von Gott durch die Kirche empfangenen Glauben zu bekennen“ (LG 11).
6.03.2010
Der Tod des Pfarrers von Ars
Seit langer Zeit hatte der Herr Pfarrer einen Husten, der ihn sehr ermüdete. Manchmal verschwand er eine Zeitlang und war dann wieder da. Im Jahr 1859 wurde er so stark und hartnäckig, dass keine lindernden Heilmittel halfen. Man war erschüttert, ihn zu hören. Es war mitleiderregend. Die Hustenanfälle traten auch im Beichtstuhl auf: dann musste er innehalten und
eines Tages sagte er zu jemanden, dass es ihm um die Zeit Leid tut, die er durch den Husten verliert, wenn er im Beichtstuhl ist. Schließlich verschlechterte sich seine Gesundheit ständig. Die Zahl der Pilger wuchs. Es war außergewöhnlich heiß; er verringerte jedoch nicht seine Arbeit. Wie jemand, der nach Belohnung strebt, strengte er sich mit allen Kräften an. Eines Tages hörte ich ihn sagen: „Wenn ein Priester zum Sterben kommt wegen seiner Arbeiten und Gebete, die er für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen auf sich genommen hat, wäre das nicht schlecht.“ Er machte dabei eine zufriedene Miene, so dass er sich diesen Tod zu wünschen schien. Als gegen Ende Juli sein Husten sich verstärkte, nahmen seine Kräfte von Tag zu Tag ab, durch die Hitze bekam er fast keine Luft mehr. Am letzten Tag vor seiner Bettlägerigkeit war er sehr krank. Er musste mehrmals aus dem Beichtstuhl gehen und sich in seinem Hof etwas ausruhen. Am Abend kam er mit Bruder Hieronymus heim. Ich konnte auch sehen, dass er etwas holen wollte. Die Sonne war untergegangen. Er war sehr müde. Man sagte ihm, dass ihm die Luft vielleicht gut täte, wenn er einen Augenblick hinaus gehen würde. Er ging tatsächlich hinaus und schritt an der Seite der Brüder, denn er konnte nirgends hingehen, ohne von der Menge umlagert zu sein, sobald sie ihn erblickte. Er kam fast sofort wieder zurück, da er vor Müdigkeit nicht weiter konnte.
Wir haben uns zurückgezogen und ihn allein gelassen, allerdings mit Beunruhigung, als er gegen ein Uhr nach Mitternacht klopft, um zu rufen. Ich komme als erste und frage ihn, wie es geht. Er antwortet: “Das ist mein armes Ende. Man muss den Herrn Pfarrer von Jassans holen“, der sein Beichtvater war. Ich sage ihm: “Das wird nichts sein. Herr Pfarrer. Ich werde den Bruder rufen. Wir machen, was wir können, um Ihnen Erleichterung zu verschaffen.“ Bruder Hieronymus kommt. Er wiederholt dasselbe: „Das ist mein armes Ende.“ Gleich zu Tagesbeginn kommt der Pfarrer von Jassans ebenso wie der Arzt, den man suchen ließ, damit er sobald wie möglich käme. Ich fragte den Arzt, wie er seinen Patienten findet. Er antwortete mir: „Wenn die Hitze nachlässt, können wir hoffen; wenn sie aber weiter anhält, werden wir ihn verlieren.“ (Das war an einem Samstagmorgen.) In der Tat hat die Hitze angehalten. Seine Schwäche wurde immer größer. Man konnte seine Worte nicht mehr verstehen, die nur noch ein Hauch waren. Er wurde immer kränker. Man sprach mit ihm über den Empfang der Sterbesakramente und er wollte, dass man sie ihm sofort spende. Das war Nachmittag. Es war eine glühende Hitze. Mehrere Herren begleiteten das allerheiligste Sakrament mit brennenden Kerzen. Man merkte, dass das die Hitze vergrößerte und er dadurch zusätzlich müde wurde. So löschte man mehrere Kerzen aus. Sein Glaube an unseren Herrn war sehr lebendig. Bevor man in das Zimmer mit dem allerheiligsten Sakrament kam, war er bewegt und selbst Tränen flossen aus seinen Augen. Bruder Hieronymus fragte ihn nach der Ursache. Er antwortete ihm: “Wenn man daran denkt, dass man zum letzten Mal den guten Gott empfangen wird!“
Nach dieser Zeremonie war er - sei es infolge der Hitze oder der Emotion - noch etwas müder. Dann hatte ein Herr, der in Ars war, - Herr Pagès - die Idee ein Mittel zu versuchen, um das Zimmer des Kranken ein wenig zu erfrischen. Er stellte Zelte um die Mauern, die man unten ausbreitete und man goss oberhalb der Zelte, viel frisches Wasser an die Mauern, sogar auf die Treppen, bis zum Dach. Die Nachbarn liefen mit Wassereimern wie zu einem Brand. Man hätte alles getan, um dem Kranken etwas Erleichterung zu verschaffen, aber vergeblich. Das war, wie er gesagt hatte, sein armes Ende. Man ließ einen zweiten Arzt kommen, der auch nicht mehr ausrichten konnte als der erste. Es war ein durch harte Lebensweise und Arbeit erschöpfter Leib. Der Bischof wurde benachrichtigt, dass sein heiliger Pfarrer ernstlich krank war. Daher kam er in aller Eile, um seinem teuren Pfarrer einen Besuch abzustatten, der ihm dafür dankbar war: das war am dritten August 1859. Nach diesem Besuch ging der Bischof in die Kirche, die die Menge - soviele Pilger wie Pfarreiangehörige - fast ausfüllte. Man betete für den Kranken und er segnete mit dem Allerheiligsten. Seine teuren Missionarsfreunde waren auch gekommen, als sie diese traurige Nachricht hörten. Sie hätten gewünscht, dass ein Wunder geschähe und der teure Freund und Vater wieder gesund würde. Aber Gott hatte anderes beschlossen. Als es Abend war, nach dem Sonnenuntergang, begab sich der Bischof zum Schloss, um dort die Nacht zu verbringen, während Herr von Garets, die Missionare, die Brüder und andere die Nacht beim Pfarrhaus verbrachten, das befürchtend, was tatsächlich eintrat: der Tod des heiligen Pfarrers. Nicht alle blieben beim Bett des Kranken, aber als man sah, dass er schwächer wurde, rief man sie. So wurden alle diese Herren Zeuge des Todes dieses großen Dieners Gottes gegen zwei Uhr morgens, am 4. August 1859. So endete das Opferlebendes großen Dieners Gottes. Während seines Lebens hatte er das Gericht Gottes sosehr gefürchtet! Während seiner letzten Krankheit schien er sehr ruhig.
Es schien, dass der gute Gott begann, nach den Prüfungen aller Art ihn das Glück der seligen Ewigkeit spüren zu lassen. Man hörte nicht mehr, dass er sich fürchtete als Pfarrer zu sterben, was ein großer Anlass zur Qual war die ganze Zeit über, in der er in Ars war. Aus diesem Grund hatte er mehre Male versucht zu fliehen. Die Verantwortung, der Wunsch sich auf den Tod vorzubereiten, sich selbst des Unwissens anklagend und sich für absolut unfähig haltend, die Last des Pfarrers zu tragen, sagte er. “Ich bin sehr zufrieden damit ein Priester zu sein, um die heilige Messe zu lesen, aber ich bin nicht damit zufrieden Pfarrer zu sein.“ Sein Leben als Pfarrer war auf viele Weise ein ununterbrochenes Opfer. Das kann man aus seinem Leben ablesen. Ich habe ihn sagen hören: “Als unser Herr in die Welt trat, sagte er zum guten Gott: siehe, da bin ich, ich bringe mich dir als Opfer dar, tu, was du willst.“ Die Opfer wurden noch vollkommener, als er am Ende seines Lebens nicht mehr danach fragte sich zurückzuziehen. Bei der Nachricht von seinem Tode waren die ganze Pfarrei und alle Menschen überrascht. Man hatte nicht eine so überraschende Nachricht erwartet. Der Bischof selbst kam am Morgen zurück und fand ihn tot. Da sein Zimmer nicht groß ist, kleidete man ihn an und brachte ihn hinunter in einen Raum, wo man eine Art Bett aus Brettern vorbereitet hatte und eine Art Balustrade, damit man nicht zu ihm hin konnte, denn alle waren begierig darauf etwas zu haben, das er berührt hatte und sicher hätte man seine Kleidung nicht respektiert, da man schon während seines Lebens sein Chorhemd, seine Soutane zerschnitt. Um dies zu verhindern, hielt sich ein Bruder immer in der Balustrade auf und berührte ihn mit einer Masse von religiösen Gegenständen, die man während der zwei Tage, an denen er aufgestellt war, herbei brachte. Die Menge war so groß, dass man gezwungen war, einen Wächter an jede Tür hinzustellen, um ein wenig Ordnung hineinzubringen. Durch eine Tür trat man ein und ging durch eine andere Tür hinaus und das zwei Tage lang. Der, der an der Eingangstür war, war manchmal gezwungen sich mit beiden Armen in die zwei Türpfosten zu stemmen, um die Menge anzuhalten. Am ersten Tag nachmittags bemerkte man, dass aus seinem Leichnam Schweiß trat. Im Glauben, dass noch vielleicht etwas Leben in ihm war, holte man einen Arzt, der in Ars war. Nach der Untersuchung sagte er. “Es ist richtig, dass er tot ist.“ Man schob dies auf die Feuchtigkeit des Raumes. Am übernächsten Tag, Samstag, war der Herr Bischof zurückgekommen, um der Zeremonie der Beerdigung vorzustehen. Die Menge war so groß, dass man erstaunt war, so viele Menschen in Ars zu sehen. Man hat die Menge auf 6000 geschätzt und fast 300 Priester und Ordensleute aus verschieden Orden. Die Prozession formierte sich und man ging auf den Wegen, auf denen er selbst oft Prozessionen gehalten hatte. Man musste Polizisten aus Trévoux für eventuelle Vorkommnisse holen lassen und auch um die Menge nach der Prozession am Eintritt in die Kirche zu hindern. Man ließ dort nur den Klerus und einige Personen eintreten. Vor der Ankunft bei der Kirche, hielt die Prozession am Platz bei dem Kreuz an und man stellte dort den Leichnam ab. Der Bischof hielt eine Ansprache über das Leben des heiligen Pfarrers, die von Herrn Monnin aufgeschrieben wurde. Man ging in die Kirche und es wurde eine große Messe gesungen. Man stellte den Sarg in die Kapelle des hl. Johannes, wo er elf Tage blieb, bis man die Gruft fertiggestellt hatte, um das kostbare Gut aufzunehmen und wo er jetzt bestattet ist. Während dieser Zeit war immer jemand bei dem Sarg, um ihn Tag und Nacht zu bewachen.
Sobald der Diener Gottes tot war, verbreitete sich die Nachricht. Alle sprachen davon wie vom Tod eines Heiligen. Man dachte nicht daran, für ihn zu beten, sondern rief ihn an. Eine Person berichtete, dass sie mit Vertrauen am Todestag selbst betete und in der folgenden Nacht war sie vom Krebs geheilt. Am folgenden Morgen war sie darüber erstaunt und schrieb diese Gnade dem mächtigen Schutz des Dieners Gottes zu. Diese Person kam aus der Gegend von Lyon. Ich vergaß, sie nach ihrem Namen und ihrer Pfarrei zu fragen (….)
Catherine Lassagne Les Annales d’Ars Nr. 318 S.36-40,
übersetzt von Inge Hagn
„Bekehrung“ des Pfarrers von Ars, Patron der Priester, durch Alfons von Liguori, Patron der Moraltheologen
Jean-Marie Vianney war seit vierzehn Jahren Pfarrer von Ars, als das Aufsehen erregende Werk von Gousset erschien. Sein Vater und Lehrer , Abbé Charles Balley, ehemaliger Augustinerchorherr und Pfarrer von Écully, hatte ihn in der augustinischen Strenge ausgebildet. Die Predigt Nr 78, Über die Absolution, aus den ersten Jahren des Dienstes als Pfarrer von Ars enthält diese gleichsam entmutigende Passage:
Es ist notwendig, dass man in uns eine vollständige Veränderung sieht, ohne die wir die Absolution nicht verdient haben, sonst muss man glauben, dass wir ein Sakrileg begangen haben. Ach! Wie wenige gibt es, in denen wir nach der Absolution diese Veränderung sehen! Mein Gott, welche Sakrilegien! Ah! Wenn es wenigstens bei dreißig Absolutionen eine gute gäbe, die Welt wäre sofort bekehrt!“
Der Pfarrer von Ars der „ersten Art“ fühlte sich im Gewissen verpflichtet, viele Absolutionen aufzuschieben. Seine Pönitenten, die von weit her kamen, waren in der Tat das Glück der Hoteliers von Ars, Trévoux und Lyon, da sie Tage und Wochen auf die Vergebung Gottes und der Kirche warteten. Aber 1832 empfahl der Bischof von Belley, Monsignore Devie, ein glühender Liguorianer, seinem Pfarrer Vianney das Werk von Gousset: Die Rechtfertigung in der Moraltheologie des seligen A.-M. von Liguori. Das war für ihn eine Offenbarung, die seine Bußpastoral umwarf. Beendet waren die Aufschübe der Absolution. Beendet auch die schönen Tage der Hoteliers der Region.
„Wahrhaftig (sagte er sich) kann ich streng sein mit den Menschen, die von so weit kommen, die so viele Opfer bringen, die oft gezwungen sind, sich zu verbergen um hierher zu kommen?“
Dann klagten den heiligen Priester die jansenitischen Mitbrüder der Laschheit an.
Nach seinem Bischof war auch er nun Alfonsianer geworden. Und er wurde es immer mehr: von 1845 an las er in jedem Jahr wieder die zwei Bände, in denen der Kardinal Gousset die Moraltheologie des hl. Alfons zusammengefasst hatte.
Auszug aus „La Morale selon S’Alphonse de Liguori „ von Théodule Rey-Mermet, Redemptorist , 1987 Les Éditions du Cerf,Paris
übersetzt von Inge Hagn
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil I

Referat von P. Jean-Philippe Nault beim letzten Kolloqium in Ars
am 26.Januar 2009. ( Aus Les Annales d’Ars Nr.320, S. 5ff)
Erlauben Sie mir am Anfang Papst Johannes-Paul II. zu zitieren in einer Meditation, die unser Thema betrifft. Es war in Ars 1986, als sich der Papst an die anwesenden Priester wandte: „Unsere Liebe zu den Menschen kann sich nicht damit abfinden, dass sie auf das Heil verzichten. Wir haben keinen direkten Einfluss auf die Bekehrung der Seelen. Aber wir sind verantwortlich für die Verkündigung des Glaubens und seine Anforderungen ohne Abstriche. Wir müssen unsere Gläubigen zur Bekehrung und zur Heiligkeit einladen, die Wahrheit sagen, warnen, raten und in ihnen den Wunsch nach den Sakramenten wecken, die sie in die Gnade Gottes zurückführen. Der Pfarrer von Ars bedachte, dass es ein furchterregender, aber notwendiger Dienst sei: „Wenn ein Pfarrer sieht, dass Gott beleidigt wird und stumm bleibt und die Seelen vom rechten Weg abkommen, wehe ihm.“
Beichtstuhl des Pfarrers von Ars
Man weiß,mit welcher Sorge …er an die Forderungen des Evangeliums erinnerte, die Sünde anprangerte und einlud, das begangene Böse wieder gut zu machen….Der Pfarrer von Ars hat sich wirklich solidarisch mit seinem sündigen Volk gezeigt; er tat alles, um die Seelen aus ihrer Sünde zu reißen, aus ihrer Lauheit, um sie zur Liebe zurück zu holen: „Gib mir die Bekehrung meiner Pfarrei und ich bin bereit alles, was du willst zu erleiden, mein ganzes Leben lang.“ Er hatte, so hat man gesagt, „eine erschütternde Sicht des Heiles“; der Jansenismus hat ihn vielleicht zu seiner strengen Ausdrucksweise verleitet. Aber er hat es verstanden, diese übertriebene Strenge zu überwinden. Er zog es vor, den Akzent auf die Anziehungskraft der Tugend zu legen, auf die Barmherzigkeit Gottes, in der unsere Sünden „wie Sandkörner „ sind.
1. Angst um das eigene Heil
Woher kam diese Angst?
Persönliche Angst
Man müsste vielleicht schon vom Grund der persönlichen Angst beim Pfarrer von Ars sprechen. Seinem Vikar, der ihn eines Tages fragte, ob er angesichts des Stroms von Pilgern, die kommen, um ihn zu sehen, nicht zum Stolz versucht sei, antwortete er: meine Versuchung ist die Verzweiflung! Seine Konstitution, sein menschliches Elend, seine Geschichte und die unliebsamen Ereignisse seines Lebens schon seit der Jugend haben den Grund für diese Angst gelegt, die sich als wirkliche Armut erweisen wird. Es ist nicht zu leugnen, dass der Einfluss dieser Angst, die sicher nicht krankhaft war, persönliche und metaphysische Auswirkungen hatte, die ihn zum Heil zogen.
Einflüsse seiner Ausbildung
Wir sehen auch den Einfluss sowohl seiner familiären als auch priesterlichen Formung. Besonders diejenige des Abbé Charles Balley, Pfarrers von Écully, den Jean-Marie Vianney seinen Meister nannte. Seine starke Persönlichkeit, seine Strenge, seinen Sinn für das Opfer und die Selbstverleugnung, seine Frömmigkeit und sein tiefer Glaube werden für immer die Seele des jungen Jean-Marie prägen. Aber Herr Balley ist durch seine Kongregation geprägt vom jansenistischen Gedankengut, die auch den jungen Jean-Marie prägen wird. Dieser Jansenismus wird auch die ersten Jahre des Pfarrers von Ars beeinflussen. Es brauchte den Einfluss der eigenen innigen Verbindung mit Gott und den der Gedanken eines Alfons von Liguori, um sich ab 1836 davon abzuwenden.
Schließlich wird ein weiterer Einfluss die Unsicherheit der damaligen Zeit sein, die Zeit der Revolution und der postnapoleonischen Periode. Dieser besondere Hintergrund erzeugt Angst und Furcht vor der Zukunft und kann nicht ohne Einfluss sein auf die persönlichen Gefühle, selbst auf die eines späteren Heiligen.
Die Freundschaft mit Gott macht ihm sein eigenes Elend bewusst
Seine innige Verbindung mit Gott, seine Freundschaft, wie er sagte, zeigt ihm indirekt seine Armut und das totale Elend seiner Verfassung ohne Gott. Er nimmt nicht nur sein Elend am Beginn seiner Lebenserfahrung wahr, sondern wird sich seiner Unfähigkeit, auf den Anruf Gottes zu antworten, umso mehr bewusst, je mehr er sich Gott nähert, wie Vinzenz von Paul, dass er noch mehr hätte tun können. Daher dieses Gefühl der Angst, das mit der Zeit wachsen wird.
„Ein elender Sünder“
So also hat er sich letztlich gesehen. Er war davon tief überzeugt und einige Jahre vor seinem Tod denkt er sogar, dass er verdammt wird. Das ist keine falsche Bescheidenheit, das ist eine schreckliche Realität, die ihn peinigt und zermürbt. Schon bei seiner Ankunft in Ars dachte er:“keinen Priester zu finden, der sich mit seiner Seelenführung belasten wolle, weil er sich als den größten aller Sünder betrachtete“, vertraute er Abbé Toccanier an(Ravier, Le curé d’Ars- un prêtre pour le peuple de Dieu. Éd. Parole et Silence 1999, S.97). Je mehr Sünder herbeiströmten, „umso mehr ergriff ihn eine Art panische Angst, bei dem Gedanken, dass seine Sünden das Wirken der Gnade behindern könnten“ (Ravier, 98) betont P. Ravier Dieser Zustand (Ravier, 100-104) bringt ihn in die Nähe der größten Mystiker und erklärt teilweise seine Fluchtversuche aus Ars. Erst in den letzten Tagen vor seinem Tod wird er den Frieden wiederfinden.
2. Eine geistliche Prüfung
Außer den menschlichen und sozialen Einflüssenkann man beim Pfarrer von Ars von einer realen geistlichen Prüfung sprechen.
Geistliche Prüfung
Sie war zweifellos von Gott erlaubt, um ihn vor dem Stolz zu bewahren oder um ihn an der Tafel der Sünder essen zu lassen? Die Versuchung zur Verzweiflung ist manchmal so stark beim Pfarrer von Ars, dass sie seine Seele zu überfluten scheint und ihn in einen Zustand ähnlich einem Verdammten wirft. Er taucht in die Verzweiflung unter, aber erliegt ihr nicht. Diese Angst bestimmte nicht seine priesterlichen oder pastoralen Tätigkeiten, weder die Hingabe seiner selbst noch seine Nächstenliebe. Nein! Was in ihm die Angst hervorrief bis zum Eintauchen seiner Seele in eine Art Agonie, war die Begegnung mit der Sünde der Welt, ganz besonders in seinem Beichtstuhl. Seine Versuchung zur Verzweiflung, weit davon entfernt in ihm die Liebe zu Gott und den Eifer für die Seelen aufzuheben, reinigte ihn jeden Tag mehr und, so bemerkt P. Ravier, führte ihn „zu den höheren Zuständen der reinen Liebe, wo die Seele von sich selbst entblößt ist, sich selbst verleugnet, um ihren Schöpfer in völliger Freiheit .in sich leben und durch sich wirken zu lassen“ (Ravier, 101). Die Begegnung mit der Sünde wird nach und nach sein ganzes Leben erfüllen „wenn ich nicht Priester wäre, hätte ich nicht gewusst, was die Sünde ist“ (B. Nodet, Jean.Marie Vianney- Sa pensée, son coeur, ,Le Puy, 1958, S. 147). Es sind der Glaube und die Hoffnung, die dem Heiligen Pfarrer erlauben werden nicht unterzugehen; der tiefe Friede, der ihn zuletzt nicht verlässt, zeigt deutlich, dass es eine geistliche Prüfung war. Diese „Nacht“ führt hin zu derjenigen des Herrn auf Getsemani; das ist das Drama der Menschheit, mit der er eins geworden ist, in den Grenzen seiner einfachen Pfarrei, aber mit einer seltenen Weite; er wird eins mit dem Geheimnis der Erlösung selbst; er fühlt sich verlassen, als Sünder, unfähig zu guten Werke, bestimmt zum Verderben. Er strahlt das demütige Antlitz des Herrn wieder, im Bewusstsein sowohl seiner eigenen Schwäche als auch der Größe der zu erfüllenden Aufgabe. Diese angenommene und aufgeopferte Demütigung wird auch zu einer Frucht der Ewigkeit führen. In diesem Nebel und Unverständnis setzt er Akte der Hingabe oder der Nächstenliebe, und manchmal kann er gar nichts mehr tun. Am Abend seiner letzten Flucht wird er einfach sagen, als er sich wieder in seinen Beichtstuhl setzt „ich war kindisch“.
Versucht durch den Grappin (= Teufel, Ausdruck des Pf. von Ars, Anmerkung der Übersetzerin)
Schließlich darf man beim Heiligen Pfarrer den Einfluss des Dämons nicht außer Acht lassen. Er war mehr als ein anderer durch den versucht, der alles Gute, was durch den Priester geschah, ermessen konnte: „Was du mich leiden lässt!...Wenn es drei von dir auf der Erde geben würde, wäre mein Reich zerstört…du hast mir mehr als achtzigtausend Seelen geraubt“ (Monnin, Band I, S. 439). Der Grappin tat sich schwer, das zu erwähnen. Wenn der Herr die täglichen, oft spektakulären Angriffe mehr als 30 Jahre erlaubt hat ( von 1824 bis 1858), ist es vielleicht, damit er nicht in Stolz verfällt, vielleicht auch um seine Kraft angesichts des Gegners wachsen zu lassen, Kraft, die aus dem Glauben und seiner vertrauensvollen Hingabe kommt. Sicher auch, damit dieser außergewöhnliche Hirte die Notwendigkeit des Heils ermisst. Die Wucht der Angriffe werden nur die Überzeugungen des Pfarrers bestärken. Er wird sogar über die Listen des Dämons Scherze machen „mit dem Grappin ist man gleichsam Kamerad, so sehr kennt man sich“ (Nodet,177).
3. Auf einer Wellenlinie...
Sein ganzes Leben wird der Pfarrer von Ars auf einer Art Wellenlinie sein, zwischen einer tiefen Freude Priester zu sein und einer Angst des Pfarrers, schwankend je nach den Umständen von einer Seite zur anderen. Eines Tages wird er feststellen.
“ wenn ich gewusst hätte, was man leiden muss, wenn man Pfarrer ist, wäre ich vor Kummer gestorben“ (Nodet, 105).
Seine Freude Priester zu sein ist keine Täuschung
Gott den Menschen zu geben, die Menschen Gott zu geben. Seit langem hatte er den Wunsch Seelen für den guten Gott zu gewinnen, seine Freude darüber, ein demütiger Arbeiter zu sein, ist groß; sein ganzes Leben beweist dies reichlich, so dass ihn die Nachwelt dafür der Kirche gibt.
Aber er kannte auch die Angst des Pfarrers
„Ah! Wie schrecklich ist es für einen Pfarrer vor dem Richterstuhl Gottes zu erscheinen“ (Convert, Méditations sacerdotales, S. 27). Der Pfarrer ist für die Seelen vor dem Herrn verantwortlich. „Und wenn manche verloren gingen wegen meinem mangelndem Eifer, wegen meiner Sünden oder meinem Mangel an Mut?“; das war ein wahrer innerer Kampf. Als Priester ist er „Retter“ d. h. nach seiner eigenen Ausdrucksweise „Mittler zwischen Gott und dem armen Sünder“; nun aber fühlt er sich zermalmt durch diese Verantwortung gegenüber seinen Pfarrangehörigen und den tausenden Menschen, die zu ihm herbeieilen. In seiner Überlastung kann er nicht alles, was zu tun bleibt, überschauen und ermessen. P. Ravier betont: „Gott erlaubt, dass die Versuchung zur Verzweiflung sich unter die Freude, Priester zu sein und seinen Wunsch Seelen zu gewinnen, mischt…dass dieser Priester sich verdammt glaubt, weil die Seelen seine Last sind, dass diese pastorale Verantwortung, die sein Priestertum begründet, genau deshalb zur Verdammnis führt“ (Ravier, 90). Seine verschiedenen Vorstöße, um diesen Dienst zu verlassen, ergänzen die Dramatik dieser Situation. Die Verantwortung als Hirte war einer der Gründe für seine Fluchtversuche aus Ars, im Bewusstsein seines Elends und der Begegnung mit der Sünde. Es war immer die Perspektive des Heils der Pfarrangehörigen, die ihn zurückkommen ließ.
4.Seine Antwort als Priester
Angesichts seiner geistlichen Bedrängnis war seine einzige Perspektive Christus, der Erlöser, und die Einheit mit ihm. Sie zeigt sich unter verschiedenen Blickwinkeln;
Gebet und Hingabe
Die erste Antwort auf diese existentielle und metaphysische Angst ist zuerst das Gebet, „wenn ich verzweifelt bin, werfe ich mich zu Füßen des Tabernakels wie ein kleiner Hund zu Füßen seines Herren“ (Nodet, 204) bemerkte er eines Tages. Er wird in seinem Gebet einen tiefen Trost finden, die sich in seiner Freundschaft mit Gott ausdrückt. Eine Freundschaft, die er zuerst von Gott empfängt und auf die er mit ganzem Herzen antwortet; „er war fast immer in der Gegenwart Gottes“ stellt Abbé Toccanier fest. In seinem Gebet hat er die Barmherzigkeit Gottes gekostet, das ist das Gebet eines Demütigen; „wenn ich traurig wäre, ginge ich beichten“ (Nodet, 15).
Trost durch die reale Gegenwart
Sein weiterer großer Trost wird die reale Gegenwart sein. „ Gott ist da an meiner Seite, für mich, da, in einigen Metern…“ Man versteht das Leben des Heiligen Pfarrers besser, wenn man diese besondere Gnade erkennt, die ihm gegeben war, um diese ganz einfache Gegenwart des sich schenkenden Gottes zu verkosten. Wenn er lange Stunden vor dem Tabernakel verbringt, ist das nicht, um den Herrn umzustimmen, sondern, um sich lieben zu lassen. Für Jean-Marie Vianney ist die Eucharistie mit Sicherheit ein Opfer, der Ort, an dem Gott sich den Menschen und der Mensch sich Gott gibt; als Priester ist er schlechthin in dieser Vereinigung. Die Anbetung erlaubt ihm eins zu werden mit den Empfindungen Christi: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. „.Wie froh wäre ich, es würde schon brennen“. Jean-Marie Vianney war so glücklich in der Gegenwart Gottes, dass er fast mit diesem Glück auf Erden zufrieden gewesen wäre: „Ich werde mich im Paradies ausruhen. Ich wäre sehr zu bedauern, wenn es das Paradies nicht gäbe! Aber es ist ein so großes Glück Gott zu lieben in diesem Leben, dass das genügen würde, selbst wenn es kein Paradies im anderen Leben gäbe“ (Nodet,94).
Das Heil durch das Kreuz
Er wird schließlich auf diesen Kampf mit seinen Bußübungen und dem Opfer seiner selbst antworten. Das Kreuz wird beim Heiligen Pfarrer eine besondere Bedeutung erlangen; es ist im Herzen seines Lebens und seines Dienstes eingepflanzt: „Oh, ich hatte Kreuze! Ich hatte davon beinahe mehr, als ich tragen konnte. Da habe ich um die Liebe zu den Kreuzen gebeten, dann wurde ich glücklich“ (Nodet, 184). Durch seine Abtötungen, die soviel Tinte fließen lassen werden, weil sie schlecht verstanden wurden oder Anlass zu Spott der Mitbrüder waren, will er sich vereinen mit dem höchsten Opfer und selbst in diesen Kampf eintreten. Er ist am Fuß des Kreuzes und als Priester hat er erkannt, dass er eintreten muss in dieses vollkommene Opfer, in diese Gleichförmigkeit mit Christus, der sich vollkommen für das Heil der Welt hingibt. Seine Bußübungen hatten trotz der Übertreibungen in der Jugend, die er gerne zugab, niemals eine krankhafte oder ostentative Seite. Nur wenige kannten sie. Alles wurde hingegeben, geopfert und erhält Sinn in der Einheit mit der Passion Christi. Das könnte man „Stellvertretung“ nennen: ich leide für euch und mit euch das, was ihr nicht erleiden wollt: „ Ah mein Gott! – betete er – Gib mir die Gnade zu leiden, indem ich dich liebe, dich zu lieben, indem ich leide“ (Akt der Liebe, Gebet dem Heiligen Pfarrer von Ars zugeschrieben). Mir scheint, dass man nur unzureichend die Weite dieses Aspektes ermisst, nicht nur in seinem persönlichen Leben, sondern auch in der übernatürlichen Dimension.
Johannes-Paul II. stellt fest: „Dafür hat Jean-Marie Vianney sich bis zur Erschöpfung verausgabt, dafür hat er es auf sich genommen Buße zu tun, wie um Gott die Gnaden der Bekehrung zu entreißen. Um ihr Heil fürchtete er und weinte er. Und als er versucht war seiner schweren Last als Pfarrer zu fliehen, kam er zurück, für das Heil der Pfarrangehörigen.“
Abschließend kann man sagen, dass im Blick auf seine persönliche Angst, sein eigenes Heil er letztlich ein Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe führt. Er antwortete auf Angriffe jeglicher Art durch den Glauben und in der Hoffnung und durch die Entfaltung seiner Tugenden, ganz besonders der Geduld und der Selbstbeherrschung….Die geistlichen Prüfungen werden ihn niemals den Frieden verlieren lassen. Seine Fluchtwünsche, die Versuchung zur Verzweiflung verankern ihn schmerzlich aber fest in einer Prüfung;: „an gewissen Tagen gehe ich mit Widerwillen in meine Kirche“ gibt er selbst zu. Er war zutiefst ein Mann des Glaubens und ein Herold der Hoffnung, und das nährte seine demütige Treue. Die Freude des Sieges am Ende macht seinen Kampf deutlich.
(Fortsetzung in der nächsten Nummer der Annalen von Ars)
2.05.2009 Übersetzt und leicht gekürzt von Inge Hagn
Der Pfarrer von Ars und die Angst um das Heil - Teil II
Referat von Jean-Philippe Nault am 26.Januar 2009
(Aus Les Annales d’Ars Nr.321 S.5ff)

Neuer Hauptaltar in der Basilika von Ars
Werk von M. Rudelli 2008
Die Angst des Hirten um das Heil
„Ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen“. Dieser programmatische Satz erklärt seine tiefe Intention: zuerst den liebenden Gott erfahrbar zu machen und ihn lieben zu lehren. Er vollbringt dies auf mehrere Weise:
Der heilige Pfarrer sprach vor allem von Gott und seiner unbegrenzten Liebe, von seiner Güte ohne Ende. Alle Zeugen sind einstimmig: je älter er wurde, umso wichtiger wurde dieser Teil seiner Predigt und umso mehr kam er darauf zurück. Von der Liebe Gottes zu sprechen, in ihr zu leben, was gab es Größeres zu fragen und zu suchen! Das ist es doch, die Größe Gottes zeigen, der jeden in das Geheimnis der Göttlichkeit eintreten lässt. Alles richtete sich daraufhin aus: die Liturgie, die Predigt, die Schönheit der Gottesdienstorte oder die Weise der Zelebrationen, die Intensität des Gebetes, die Prozessionen…Das ist vielleicht seine große Entdeckung und seine große Freude; von einer moralischen Sicht zur Sicht des liebenden Gottes zu gelangen. „Um sich zu retten, sagte er, muss man Gott kennen, ihn lieben und ihm dienen.“ (Monnin, Esprit du Curé d’Ars, S.47).
Nach dem Geheimnis Gottesgibt es das des Menschen und seiner Berufung, das ihn beschäftigte. Er kam immer wiederauf die außerordentliche Berufung des Menschen zurück, auf den Plan Gottes und die Freude, Gott zu kennen und ihn zu lieben: „Gott zu lieben und von Ihm geliebt zu werden, welches Glück!“
(Nodet, 59) Kind Gottes zu sein, das ist seine Freude!
Nachdem er die Gefahren einer Abkehr von Gott aufgezeigt hatte, konnte er die Größe unserer Zustimmung zum Plan Gottes deutlich aufzeigen. Er ist ein Meister der Freiheit, könnte man sagen, denn diese setzt die Schönheit des Zieles als selbstverständlich voraus und trotz der Schwierigkeit des Weges, die Größe des Menschen, der wählen und dem Guten zustimmen kann. Wenn er so viele Stunden im Beichtstuhl verbringt, ist es wohl, damit jeder die Freude verkostet, ein Kind Gottes zu sein und frei zu Gott ja sagen zu können. Das ist möglich, weil er die Freude an einer innigen Beziehung zu Gott erkannt und gekostet hat, dass er, indirekt, die Torheit der Sünde ermisst und bereit ist, sein Leben hinzugeben,, damit jeder diese Freude verkostet. Die Freiheit ist nicht einfach der freie Wille, das ist die Gnade Gottes im Alltag.
Nachdem der Pfarrer von Ars den Horizont aufgezeigt hat, der der unsrige sein soll, kann er dann einladen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden.
Heben wir zunächst seine Predigt hervor. Seit seiner Ankunft suchte er durch die Katechesen und indirekt durch seine Homelien zu unterrichten. Er zieht die Menschen nicht an sich, er hält keinen Unterricht, der verführen will. Wenn man seine Homelien anschaut oder das, was man davon kennt, haben sie nichts Weiches oder Abgeschmacktes, sie erscheinen sogar nüchtern und streng. Er bedenkt, dass jeder, so niedrig er sein mag, ein Recht auf die Wahrheit hat. Bis zum Ende seines Lebenswird er von dem Gedanken gequält sein, dass er verdammt wird, weil er die Menschen an sich zieht, und wenn die Menschen so zahlreich kommen, ist es, weil er sich nicht genau genug an die Wahrheit hält; das wird einer der Gründe für seine Fluchten sein. Er predigt das Wort Gottes, er ist zutiefst treu, aber zuerst ist er Jünger.
Sein Zeugnis ist fundamental „er tut, was er sagt“. Im Fall des heiligen Pfarrers von Ars war das einer der Hauptzüge, den die Zeitgenossen entdeckten, manchmal erschüttert von dem Ausmaß seiner Forderungen an sich selbst. Seine Sorge um die Wahrheit, die er vollkommen angenommen und gelebt hat, ist ein Beispiel. Der Pfarrer von Ars spaßt nicht mit der Wahrheit und wird umso mehr an den Verleumdungen leiden, die über ihn verbreitet werden. Bei seinem Seligsprechungsprozess machte Guillaume Villier, aus Ars, die Anmerkung:“wenn man neben ihm war, wollte man besser werden“; ohne etwas zu sagen, bemerkte man die Größe des Geschenkes seiner selbst, der nach oben hin zieht.
Wir stellen auch in seiner Verkündigung der Wahrheit die Absage an den Teufel (grappin) fest. Er wird auch nicht aufhören, wie er es formulierte, ihn mit Verachtung zu behandeln. Gegenüber dem Teufel (grappin)ist es besser sich auf den Glanz der Wahrheit zu konzentrieren als auf das Nichts des Bösen. Dem Bösen abzusagen, ist zuerst für ihn, das Gute zu betonen und Satan lächerlich zu machen durch Aufzeigen seiner Bosheit. Mit Erfolg wird ihm das gelingen, die persönlichen Angriffe, deren Zeuge er wurde, versuchten ihn zu prüfen.
Ganz zuerst seine Liebe zu den diözesanen Missionen. „Man findet immer genug Personen, die Fahnen oder Statuen kaufen, sagte er, aber das Seelenheil durch die Missionen muss bevorzugt werden“ (Nodet, 35).So wurde er Gründer der Pfarrmissionen. Er sagte von der Kanzel aus: „ Ich liebe so sehr die Missionen, dass ichmeinen Körper, falls das möglich wäre, verkaufen würde, um eine weitere zu gründen!“ (Toccanier, Procès Apostolique S. 1855, J.M.Vianney hat zweihunderttausend Francs für das Werk der Missionen in zehn Jahren beschafft; Trochu, Le Curé d’Ars 1925, S. 440). Der Beichtvater verbirgt nicht seine Befriedigung, die ihm die Missionen verschaffen: „Man kennt nicht all das Gute, das die Missionen bewirken. Um das schätzen zu können, müsste man an meinem Platz sein, müsste man Beichtvater sein“ (Nodet, 227).
Zum Schluss dieses zweiten Teils erinnern wir daran, was Johannes Paul II 1986 in Ars sagte: (…) „Das Wort Heil ist eines, das am häufigsten beim Pfarrer von Ars wiederkehrt. Was hat es für ihn zu bedeuten? Gerettet sein, das ist von der Sünde befreit sein, die von Gott entfernt, das Herz austrocknet, und riskiert, sich von der Liebe Gottes für immer zu trennen, was das größte Übel wäre. Gerettet zu sein, das ist vereint mit Gott leben, das ist Gott sehen. Gerettet zu sein, das ist in gleicher Weise zurückgeführt sein in eine wahre Einheit mit den anderen, denn unsere Sünden bestehen sehr oft darin, die Liebe zum Nächsten zu verletzen, die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Achtung vor seinen Gütern und seinem Leib, seine Menschenrechte, das ist alles ist dem Willen Gottes entgegengesetzt. Und es gibt eine tiefe Solidarität unter den Gliedern des Leibes Christi: man kann ihn nicht lieben, ihn, ohne seine Brüder zu lieben. Das Heil erlaubt so eine kindliche Beziehung mit Gott und eine brüderliche mit den anderen zu finden“ (Johannes Paul lI. 59).
Die Angst vor der Hölle aufzeigen
Schluss
Wie schließen?
Welche Schlüsse, um uns darin zu helfen…
Neue Flucht des Pfarrers von Ars (1853)
Trotz dieser Müdigkeit und dieses Eifers, der seinem Körper nie Ruhe gönnte, bedrückte ihn der der Wunsch nach Einsamkeit immer mehr. Als er den Besuch des Bischofs erwartete, bereitete er sich darauf vor mit Fasten, Bußübungen, zweifellos um den Willen Gottes zu erfahren und die Gnade zum Rücktritt zu erhalten, die ihm der Bischof bisher nicht gewährt hat.Da er immer mehr in seiner Demut bedrückt war, sich unfähig glaubte infolge seiner Unwissenheit, seinem Mangel an Tugend, um die Aufgaben eines Pfarrers zu erfüllen, glaubte er ständig, dass der Rücktritt das Beste wäre, um sich auf den Tod vorzubereiten.
Als er davon sprach, sich zurückzuziehen, sagte ich ihm: „Der Bischof wird das nicht wollen “, er antwortete mit fester Überzeugung: „ Der Bischof soll sich mit mir nicht belasten; er hat genug Pfarrer“. Er schien noch daran zu zweifeln, ob der Bischof überhaupt bereit wäre, ihn gehen zu lassen. Schließlich fasste er im September 1853 den Entschluss zu einer zweiten Flucht. Er bestimmte dazu die Zeit, während sein Hilfspfarrer Raymond in Exerzitien war. Er setzte den Zeitpunkt der Flucht fest und sagte mir ihn im Geheimen mit dem Verbot, ihn weiterzusagen. Ich war sehr betrübt durch diesen Entschluss. Die Priesterexerzitien endeten am Samstag. Und Pfarrer Raymond, der in einer Pfarrei zum Pfarrer ernannt worden war, kommt mit Pfarrer Toccanier, einem Missionar, der ihn ersetzen sollt. Am Sonntag waren alle zufrieden, dass ein Missionar zur Hilfe für unseren heiligen Pfarrer gekommen war. Aber ich war sehr traurig im Gedanken daran, dass diese Freude nur von kurzer Dauer sein wird, denn sein Entschluss war, in der Nacht von Sonntag auf Montag wegzugehen, sehr früh am Morgen, d. h. nach Mitternacht. Ich bat ihn um die Erlaubnis, darüber mit meiner Kollegin Marie Filliat zu sprechen (es war Sonntag). Er erlaubte es mir. Und so teilte sie meinen Kummer.
Am Sonntagabend waren wir alle beide beim Herrn Pfarrer. Wir haben ihn gebeten nicht wegzugehen, aber sein Entschluss stand fest. Er übergab mir einen Brief an die Adresse des Herrn Bischofs, um ihn zur Post zu bringen, sobald er weggegangen wäre. Wir haben uns sehr traurig zurückgezogen und sind an der Pfarrhaustür zum Garten hin stehen geblieben. Da wir nicht wussten, was wir denken sollten, ob wir das Geheimnis bewahren oder sagen sollten, haben wir bedacht, dass er in der Schwäche, in der er war, nicht bis Lyon zu Fuß gehen konnte, dass er absolut eine Begleitperson bräuchte, um bei Bedarf einen Wagen zu holen und ihn zu unterstützen; wir dachten, dass wir jemanden finden könnten, als Bruder Hieronymus vorbeikam. Er war sehr erstaunt, uns zu dieser Stunde zu sehen. Es war neun Uhr abends.
Daher sagte ich ihm. „Wir sind in einer sehr schwierigen Lage. – Und was ist?- Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, wenn man Sie heute Nacht ruft, seien sie bereit aufzustehen ( weil wir schon an ihn gedacht haben, um ihn zu begleiten)“. Er sagte uns noch: „Geht der Herr Pfarrer weg?“ Ich habe gesagt. „Wir fürchten das.“Dann sagte er. „Darüber weiß ich genug. Was mich glauben lässt, dass das wahr ist, ist etwas, das er mir in den vergangenen Tagen gesagt hat. Wir werden nicht schlafen“. Ich sagte ihm noch: „Lasst Eure Kinder beten, damit das nicht geschieht“. Er antwortete mir. „Man muss die hl. Philomena bitten, das ist ihre Angelegenheit“. Dann haben wir uns jeder zu sich zurückgezogen. Meine Kollegin ist ohne mein Wissen zu den Brüdern zurückgegangen, um ihnen zu versichern, dass der Aufbruch beschlossen sei. Die Brüder haben diese Mitteilung an den Herrn Bürgermeister weitergegeben, ebenso an Pfarrer Toccanier, den Missionar, die alle in Erwartung waren, was geschehen würde. Ich schlief auch nicht, als er etwa eine Stunde nach Mitternacht an die Zimmertür, die darüber war, klopfen kam, um anzukündigen, dass der Zeitpunkt des Aufbruchs gekommen war. Ach! Armer Pfarrer, er wusste nicht, dass man auf der Lauer war und das sein Geheimnis verraten worden war, wenn auch aus guter Absicht, denn ich dachte nicht, dass man sich seinem Aufbruch widersetzen würde: es war einfach, um ihm Begleitung zu geben. Mein Herz war zerrissen, ihn entfliehen zu sehen, aber ich hätte es nicht gewagt, mich seinem Vorhaben zu wiedersetzen. Man hatte ihm einigen Proviant für den Weg vorbereitet. Er kommt durch die Pfarrhaustür, die nach hinten geht, zu uns. Bruder Hieronymus, der ihm im Geheimen mit Pfarrer Toccanier folgte, trat gleich nach ihm ein. Welche Überraschung für Pfarrer Vianney! Er erbleichte. Der Bruder war bewegt. Pfarrer Toccanier sagte ihm: „ Wenn es meinetwegen ist, dass Sie aufbrechen wollen, werde ich nicht bleiben. – Nein, mein Freund, im Gegenteil! Nun gut, Herr Pfarrer, sagte Pfarrer Toccanier, ich erkläre Ihnen, dass ich Sie nicht verlasse, wenn Sie weggehen, ich werde Ihnen folgen. –Nun gut, kommen Sie“ sagte er. Sie gingen hinaus und machten sich auf den Weg. Pfarrer Toccanier sagte noch. „ Wir werden die Sturmglocke läuten lassen und die ganze Pfarrei wird Ihnen in Prozession folgen“. Als man beim Mesner vorbeikam, gab man ihm die Anweisung zu läuten, was er gemacht hat. Während sie weitergingen, hat man ihm gesagt, dass er nicht ohne sein Brevier weggehen könnte, denn man hatte es ihm aus den Händen genommen, um ihm die Mühe es zu tragen, zu ersparen. Man hat es verschwinden lassen und, ohne darauf aufmerksam zu machen, ging man einen entgegengesetzten Weg. Dieser gute Pfarrer schickte mehrere Personen, um sein Brevier zu holen. Pfarrer Toccanier sagte ihnen ganz leise: „Geht und kommt nicht wieder“, während er selbst ihm sagte, dass er nicht ohne sein Brevier weggehen könne. Das war, um ihn zu veranlassen zurückkehren. Schließlich war er es selbst, der in das Pfarrhaus zurückkam, um sich sein Brevier zu holen. Als er zurückkam, läutete man die Sturmglocke. Und alle kamen: die einen glaubten, es brenne, die anderen, dass Diebe in der Kirche wären. Sie waren bewaffnet mit dem, was sie für nötig hielten, die einen mit Eimern, die anderen mit Heugabeln, mit großen Stöcken, mit Laternen. Er trat ins Pfarrhaus ein, nachdem er einen Umweg gemacht hatte, indem er durch den Garten der Brüder ging. Die Einwohner, die wussten, um was es ging, versammelten sich um das Pfarrhaus. Als der Pfarrer dort eintrat, ließ man die Männer eintreten und schickte die Frauen in die Kirche zum Beten. Er ging in sein Zimmer hinauf, um sein Brevier zu holen, das Pfarrer Toccanier ohne sein Wissen weggenommen hatte. Doch schließlich gelang es ihm, es zu holen. Er ging dann in seinen Hof hinunter, wo die Pfarrangehörigen mit allen ihren Geräten und ihren Laternen waren. Jeder näherte sich ihm, um ihn zu bitten, nicht wegzugehen.
Er näherte sich der Tür, um hinauszugehen; man weigert sich, sie zu öffnen. Er geht zu einer anderen Tür. Dieselbe Weigerung. Pfarrer Toccanier folgt ihm und sagt ihm alle möglichen guten Worte, um ihm zu ermuntern zu bleiben. Er sagte nichts, nur: „Lasst mich gehen“, es schien mir am Ton der Stimme, dass er weinte.
Wie war diese Szene bewegend! Sie stellte so gut die Gefangennahme Unseres Herrn im Ölberggarten dar. Nach mehrfachen Hin- und Hergehen durch diesen Hof sagte er: „ Öffnet die Tür, lasst mich vorbeigehen, ich will in die Kirche gehen“. Das tat er. Er ging in den Beichtstuhl, wo ihn eine Menge Menschen erwartete.
Aus: Catherine Lassagne, Le Curé d’Ars au Quotidien (Der Pfarrer von Ars im Alltag)
Éditions Parole et Silence 2003, S.68-71,
übersetzt von Inge Hagn 6.09.2009
Priester-Rosenkranz
Pater Willibrord Driever OSB
Missionsbenediktiner von St. Ottilien
Papst Benedikt XVI hatte anlässlich des 150. Todesjahres des „Pfarrers von Ars“ im März 2009 ein weltweites „Priester-Jahr“ angekündigt. Das Jahr solle vor allem der geistigen Vertiefung der rund 400.000 katholischen Priester in der Welt dienen. Davon hinge die Effizienz ihres Amtes ab, so der Papst in seiner Ansprache an die Kongregation für den Klerus (OR, Nr. 12 vom 20. März 2009).
Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, dem 19. Juni 2009 – dem Tag, der traditionsgemäß dem Gebet um die Heiligung der Priester gewidmet ist – hat der Papst das Priester-Jahr eröffnet. „Dieses Jahr, das dazu beitragen möchte, das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern, wird 2010 wiederum an diesem Hochfest seinen Abschluss finden“ (Schreiben des Papstes an die Priester zur Eröffnung des Priester-Jahres). Das Jubiläumsjahr steht unter dem Leitwort „Treue in Christus, Treue des Priesters“ und wird genau ein Jahr später mit einem Weltpriestertreffen auf dem Petersplatz in Rom enden.
In der Zweiten Vesper nach der Kurzlesung hielt der Papst eine Predigt zu dem Thema: „Im Herzen Jesu kommt der wesentliche Kern des Christentums zum Ausdruck“. In der Predigt nahm er auch Bezug auf sein Schreiben an die Priester zur Eröffnung des Priester-Jahres. In beiden Texten zitiert er einen Ausspruch des Pfarrers von Ars: „Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen“ (beide Texte im OR, Nr. 26 vom 26. Juni 2009).
Auf der Grundlage der Predigt des Papstes in der Zweiten Vesper wurde der nachfolgende Priester-Rosenkranz formuliert. Er enthält einige wesentliche Aussagen der Predigt.
1. Jesus, aus dessen Herz das Geschenk des priesterlichen Dienstes an Kirche und Menschheit hervorgeht.
2. Jesus, der mich davor bewahre, den mir anvertrauten Seelen durch Nachlässigkeit oder Schande Gutes vorzuenthalten oder Schaden zuzufügen.
3. Jesus, zu dessen Herz mich meine Mängel, Grenzen und Schwächen zurückführen mögen.
4. Jesus, von dessen am Kreuz durchbohrten Herzen, dem Quell der Liebe, ich mich niemals entfernen will.
5. Jesus, der mich mit jener seelsorglichen Liebe entflammt, die fähig ist, mein persönliches Ich seinem Ich anzugleichen, um ihn in der vollständigsten Selbstschenkung nachahmen zu können.
Adressat
Der Rosenkranz gedacht für die Priester, die in privater Meditation wesentliche Aussagen der Predigt des Papstes und die Größe und Verantwortung des von Gott erhaltenen Geschenks des Priestertums betrachten wollen; er ist weniger geeignet für das Gebet in einer Gruppe.
Form
Der private Charakter kommt darin zum Ausdruck, dass die Gesätze in der 1. Person (des Beters) formuliert sind, woraus sich eine grammatikalische Spannung zum Plural des Avemaria ergibt.
Der private Charakter zeigt sich auch in der theologischen Dichte, so im 5. Geheimnis. Dies ist ein besonderes Anliegen des Papstes; in seinem „Schreiben“ heißt es: „In Jesus fallen Person und Sendung im Grunde zusammen: Sein gesamtes Heilshandeln war und ist Ausdruck seines ‚Sohn-Ich‘, das von Ewigkeit her vor dem Vater steht in einer Haltung liebevoller Unterwerfung unter seinem Willen. In bescheidener und doch wahrer Analogie muss auch der Priester diese Identifizierung anstreben.“ Diese Gedanken hatte der Papst auch in seiner Predigt aufgenommen. Ich habe versucht, dies in eine „bet-bare“ Formulierung umzusetzen.
Die Formulierungen beziehen sich indirekt auf Jesus, grammatisch in der 3. Person genannt, und können in das „Gegrüßte seist du, Maria“ eingefügt werden.
Intention
Der Rosenkranz möchte nach dem Willen des Papstes dazu beitragen, „das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern“.
1.11.2009
CONGREGATIO PRO CLERICIS -
Botschaft anlässlich des Weltgebetstags zur Heiligung der Priester am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu - 30. Mai 2008
Hochwürdige und liebe Mitbrüder im Priesteramt!
Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu richten wir mit liebevollem Blick die Augen unseres Geistes und unseres Herzens unablässig auf Christus, den einzigen Erlöser unseres Daseins und der Welt. Auf Christus hinweisen heißt, auf jenes Antlitz hinzuweisen, das jeder Mensch, bewußt oder unbewußt, als einzige angemessene Antwort auf den eigenen nicht zu unterdrückenden Durst nach Glück sucht.
Diesem Antlitz sind wir begegnet, und seine Liebe hat an jenem Tag, in jenem Moment unser Herz so tief verwundet, daß wir nicht umhin konnten, unaufhörlich darum zu bitten, in seiner Gegenwart sein zu dürfen. »Am Morgen hörst du mein Rufen, am Morgen […] halte [ich] Ausschau nach dir« (Ps 5,4).
Die Liturgie gibt uns stets von neuem die Gelegenheit, das Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes, Ursprung und innerste Wirklichkeit dieser Gemeinschaft, die die Kirche ist, eingehender zu betrachten: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs offenbart sich in Jesus Christus. »Niemand könnte seine Herrlichkeit sehen, wenn er nicht zuvor durch die Niedrigkeit des Fleisches geheilt würde. Vom Staub bist du blind geworden, vom Staube wirst du geheilt: Das Fleisch hatte dich blind gemacht, das Fleisch heilt dich« Augustinus, In evangelium Joannis tractatus, Homilie 2,16).
Nur wenn wir wieder auf die vollkommene und faszinierende Menschheit Jesu Christi schauen, der jetzt lebt und wirkt, der sich uns geoffenbart hat und sich jetzt noch zu jedem niederbeugt mit jener ihm eigenen Liebe und Hingabe, ist es möglich, daß er die abgrundtiefe Not unseres Menschseins erhellt und ihr abhilft; wir sind uns der Hoffnung und Barmherzigkeit sicher, die unsere Grenzen umfaßt, und wir lernen von ihm, das zu vergeben, was wir von allein nicht einmal erahnen konnten. »Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser« (Ps 42,8).
Anläßlich des gewohnten Gebetstages zur Heiligung der Priester, der am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu gefeiert wird, möchte ich auf den Vorrang des Betens vor dem Tun hinweisen, denn von ihm hängt die Wirksamkeit des Handelns ab. Von der persönlichen Beziehung des einzelnen zum Herrn Jesus hängt hauptsächlich die Sendung der Kirche ab. Die Sendung muß also vom Gebet genährt werden: »Es ist Zeit, angesichts des Aktivismus und des drohenden Säkularismus … die Bedeutung des Gebetes erneut zu bekräftigen« (Benedikt XVI., Deus caritas est, 37). Werden wir nicht müde, aus seiner Barmherzigkeit zu schöpfen, ihn die schmerzhaften Wunden unserer Sünde anschauen und heilen zu lassen, so daß wir über das immer neue Wunder unseres erlösten Menschseins staunen.
Liebe Mitbrüder, wir sind Experten der Barmherzigkeit Gottes in uns und nur dann seine Werkzeuge, wenn wir immer von neuem das verwundete Menschsein umfangen. »Christus erlöst uns nicht von unserem Menschsein, sondern durch das Menschsein, er erlöst uns nicht von der Welt, sondern er ist in die Welt gekommen, damit die Welt durch ihn gerettet wird (vgl. Joh 3,17)« (Benedikt XVI., Botschaft Urbi et Orbi, 25. Dezember 2006; O.R. dt., Nr. 1, 5.1.2007, S. 9). Ja, wir sind Priester durch das Weihesakrament, den höchsten Akt der Barmherzigkeit Gottes und zugleich seiner Erwählung.
Zweitens: Bei dem unstillbar großen Durst nach Ihm ist die wahre Dimension unseres Priestertums das Betteln, das einfache und ständige Bitten, das man im stillen Gebet lernt: Es hat das Leben der Heiligen immer ausgezeichnet und muß beharrlich verlangt werden. Dieses Bewußtsein der Beziehung zu Ihm muß täglich gereinigt und geprüft werden. Wir stellen jeden Tag von neuem fest, daß dieses Drama auch uns, den Dienern, die im Namen Christi handeln, nicht erspart bleibt: Wir können keinen einzigen Augenblick in seiner Gegenwart verweilen, ohne daß wir uns danach sehnen, Ihn zu erkennen, Ihn kennenzulernen und Ihm wieder zuzustimmen. Wir dürfen der Versuchung nicht nachgeben, unser Priestersein als eine unausweichliche und unübertragbare Last zu betrachten, die wir übernommen haben und die »mechanisch« erfüllt werden kann, etwa durch einen umfangreichen gegliederten Pastoralplan. Das Priestertum ist die Berufung, der Weg, die Weise, in der Christus uns erlöst, in der er uns gerufen hat, uns jetzt ruft, mit ihm zu leben.
Das einzige angemessene Maß für unsere heilige Berufung ist die Radikalität. Die Ganzhingabe kann im Bewußtsein unserer Treulosigkeit nur durch eine neue und vom Gebet getragene Entscheidung geschehen, die Christus dann Tag für Tag verwirklicht. Auch das Geschenk des priesterlichen Zölibats ist in dieser Dimension der Radikalität und vollen Gleichgestaltung mit Christus anzunehmen und zu leben. Jede andere Haltung gegenüber der Wirklichkeit der Beziehung zu Ihm läuft Gefahr, ideologisch zu werden.
Auch das mitunter besonders große Ausmaß an Arbeit, das wir unter den heutigen Bedingungen des Dienstes bewältigen müssen, darf uns nicht entmutigen, sondern soll uns anspornen, mit noch größerer Aufmerksamkeit unsere priesterliche Identität zu pflegen, die eine unverkürzbare göttliche Wurzel hat. In diesem Sinn und gemäß einer Logik, die derjenigen der Welt widerspricht, sollen uns gerade die besonderen Bedingungen des Dienstes dazu anspornen, »den Ton« unseres geistlichen Lebens »anzuheben«, indem wir mit größerer Entschlossenheit und Wirksamkeit unsere ausschließliche Zugehörigkeit zum Herrn bezeugen.
Er, der uns zuerst geliebt hat, erzieht uns zur Ganzhingabe. »Jesus schenkt in der Eucharistie nicht ›etwas‹, sondern sich selbst; er bringt seinen Leib als Opfer dar und vergießt sein Blut. Auf diese Weise verschenkt er sich in der Ganzheit seiner Existenz und offenbart die ursprüngliche Quelle dieser Liebe« (Sacramentum caritatis, 7).
Liebe Mitbrüder, seien wir treu in der täglichen Feier der heiligen Eucharistie, nicht nur um einer seelsorglichen Pflicht oder einem Anspruch der uns anvertrauten Gemeinde nachzukommen, sondern um das ganz persönliche Bedürfnis zu erfüllen, das wir spüren wie den Atem, wie das Licht unseres Lebens, wie den einzigen angemessenen Grund für ein vollkommenes priesterliches Leben.
In dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis bekräftigt Papst Benedikt XVI. die Worte des hl. Augustinus: »Niemand ißt dieses Fleisch, ohne zuvor anzubeten; …wir würden sündigen, wenn wir es nicht anbeteten« (Augustinus, Enarrationes in Psalmos 98,9). Wir können nicht leben, wir können die Wahrheit von uns selbst nicht betrachten, ohne uns von Christus in der täglichen eucharistischen Anbetung anschauen zu lassen und von ihm wiedergeboren zu werden. Das »Stabat« von Maria, der »eucharistischen Frau«, unter dem Kreuz ihres Sohnes ist das deutlichste Beispiel, das uns für die Betrachtung und Anbetung des göttlichen Opfers gegeben wird.
Wie die Missionstätigkeit dem Wesen der Kirche selbst innewohnt, so ist unsere Sendung mit der priesterlichen Identität verbunden, so daß die missionarische Dringlichkeit eine Frage unseres Selbstverständnisses ist. Unsere priesterliche Identität wird Tag für Tag im »Gespräch« mit unserem Herrn aufgebaut und erneuert. Aus der Beziehung zu Ihm, die ständig von dem fortwährenden Gebet genährt wird, erwächst das Bedürfnis, alle daran teilhaben zu lassen, die uns umgeben. Denn die Heiligkeit, die wir täglich erbitten, kann nicht gemäß einer sterilen und abstrakten individualistischen Annahme empfangen werden, sondern ist notwendigerweise die Heiligkeit Christi, die für alle ansteckend ist: »Das Mitsein mit Jesus Christus nimmt uns in sein ›Für alle‹ hinein, macht es zu unserer Seinsweise« (Benedikt XVI., Spe salvi, 28).
Dieses »Für-alle-Sein« von Christus verwirklicht sich für uns in den »Tria Munera«, mit denen wir von der Natur des Priestertums bekleidet sind. Sie sind die Gesamtheit unseres Dienstes; sie sind kein Ort der Entfremdung oder, noch schlimmer, eine reine funktionelle Verkürzung unserer Person, sondern der wahre Ausdruck unseres Mitseins mit Christus; sie sind der Ort der Beziehung zu ihm. Das Volk, das uns anvertraut ist, damit es von uns gelehrt, geheiligt und geleitet wird, ist keine Wirklichkeit, die uns von »unserem Leben« ablenkt, sondern das Antlitz Christi, das wir täglich betrachten, wie der Bräutigam das Gesicht seiner Geliebten, wie Christus seine Braut, die Kirche. Das uns anvertraute Volk ist der unausweichliche Weg zu unserer Heiligkeit, das heißt der Weg, auf dem Christus durch uns die Herrlichkeit des Vaters offenbart.
»Wenn dem, der Anstoß bei einem Einzigen und Geringsten erregt, ein Mühlstein um den Hals gelegt und er ins Meer geworfen werden soll, … welche Strafe sollen dann diejenigen erfahren, die ein ganzes Volk ins Verderben führen?« (Johannes Chrysostomus, De Sacerdotio VI., 1. 498). Im Bewußtsein einer so schweren Aufgabe und einer so großen Verantwortung für unser Leben und unser Heil, in der die Treue zu Christus mit dem »Gehorsam« gegenüber den Ansprüchen verbunden ist, die von der Rettung dieser Seelen vorgegeben werden, gibt es nicht den geringsten Grund, an der empfangenen Gnade zu zweifeln. Wir können nur darum bitten, seiner Liebe so weit wie möglich entsprechen zu können, damit er durch uns handelt, das heißt, daß wir zulassen, daß Christus die Welt rettet, indem er in uns handelt, oder wir laufen Gefahr, das Wesen unserer Berufung selbst zu verraten. Liebe Mitbrüder, das Maß der Hingabe ist wieder die Ganzhingabe. »Fünf Brote und zwei Fische« sind nicht viel, ja, aber sie sind alles! Die Gnade Gottes macht aus unserer Wenigkeit die »Kommunion«, die das Volk sättigt. An dieser »Ganzhingabe« haben besonders die alten oder kranken Priester teil, die täglich den göttlichen Dienst ausüben, indem sie sich mit dem Leiden Christi vereinen und das eigene priesterliche Leben für das wahre Wohl der Kirche und das Heil der Seelen aufopfern.
Unerläßliche Grundlage des ganzen priesterlichen Lebens bleibt aber die heilige Gottesmutter. Die Beziehung zu ihr darf sich nicht in einer frommen Andachtsform erschöpfen, sondern wir sollen uns ihr ständig anvertrauen; wir sollen unser ganzes Leben, unseren ganzen Dienst ihr, der Jungfrau, übergeben. Maria leitet auch uns, wie Johannes unter dem Kreuz ihres Sohnes und unseres Herrn, an, mit ihr die grenzenlose Liebe Gottes zu betrachten: »Unser Leben, das wahre Leben, ist zu uns herabgestiegen. Es hat unseren Tod auf sich genommen, um ihn durch sein überfließendes Leben zu töten« (Augustinus, Bekenntnisse, IV, 12).
Gott, unser Vater, hat es für unsere Erlösung, für die Vollendung unseres Menschseins, für das Ereignis der Menschwerdung des Sohnes zur Bedingung gemacht, auf das »Fiat« einer Jungfrau zur Verkündigung des Engels zu warten. Christus hat beschlossen, der liebevollen Freiheit der Mutter das eigene Leben sozusagen anzuvertrauen: »Indem sie Christus empfing, gebar und nährte, im Tempel dem Vater darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter« (Lumen Gentium, 61).
Der heilige Papst Pius X. bekräftigt: »Jede priesterliche Berufung kommt aus dem Herzen Gottes, geht aber durch das Herz einer Mutter.« Das ist wahr im Hinblick auf die offensichtliche biologische Mutterschaft, aber auch im Hinblick auf die »Entbindung« jeder Treue zum Ruf Christi. Wir können von einer geistlichen Mutterschaft für unser priesterliches Leben nicht absehen: Wir sollen uns zuversichtlich dem Gebet der ganzen heiligen Mutter Kirche, der Mutterschaft des Volkes, dessen Hirten wir sind, anvertrauen, dem aber auch unsere Obhut und Heiligkeit anvertraut ist; wir sollen um diese grundlegende Unterstützung bitten.
Dringend notwendig, liebe Mitbrüder, »ist eine Gebetsbewegung, die die ewige eucharistische Anbetung in den Mittelpunkt stellt, so daß von jedem Winkel der Erde ein Lob der Anbetung, des Dankes, des Lobpreises, der Bitte und der Sühne aufsteigt, um eine ausreichende Anzahl heiliger Berufungen im Priesterstand zu erwecken und auf der Ebene des mystischen Leibes mit einer Art geistlicher Mutterschaft alle zu begleiten, die schon zum Weihepriestertum berufen und dem einen Hohen und Ewigen Priester gleichgestaltet sind, damit sie ihm und den Brüdern als solche dienen, die zugleich ›in‹ der Kirche aber auch ›vor‹ der Kirche stehen, indem sie im Namen Christi handeln und ihn als Haupt, Hirt und Bräutigam der Kirche darstellen« (Johannes Paul II., vgl. Pastores dabo vobis, 16).
Es zeichnet sich also eine weitere Form der geistlichen Mutterschaft ab, die in der Geschichte der Kirche immer stillschweigend die erwählte Schar von Priestern begleitet hat. Es geht darum, unseren Dienst einem bestimmten Angesicht, einer geweihten Seele, anzuvertrauen, die von Christus berufen ist und sich selbst mit den notwendigen Leiden und unausweichlichen Mühen des Lebens darbringen will, um zugunsten unseres priesterlichen Daseins Fürbitte zu leisten, indem sie auf diese Weise die Gegenwart Christi lebt.
Eine solche Mutterschaft, in der das liebevolle Antlitz Marias aufscheint, wird im Gebet erbeten, denn nur Gott kann sie erwecken und stützen. Es fehlt nicht an wunderbaren Beispielen in diesem Sinn; man denke an die heilbringenden Tränen der hl. Monika für ihren Sohn Augustinus, »um den sie mehr weinte, als Mütter ihre toten Kinder beweinen« (Augustinus, Bekenntnisse, III, 11). Ein anderes faszinierendes Beispiel ist das von Eliza Vaughan, die dreizehn Kinder gebar und dem Herrn darbrachte; sechs von den acht Söhnen wurden Priester, und vier von den fünf Töchtern wurden Ordensfrauen. Weil es nicht möglich ist, vor dem im eucharistischen Geheimnis wunderbar verborgenen Christus wirklich Bettler zu sein, ohne daß wir die tatkräftige Hilfe und das Gebet dessen konkret zu erbitten verstehen, den er uns zur Seite stellt, sollen wir nicht zögern, uns der Mutterschaft anzuvertrauen, die der Heilige Geist für uns sicher erweckt. Die hl. Thérèse vom Kinde Jesu war sich der dringenden Notwendigkeit bewußt, für alle Priester zu beten, vor allem für die lauen; in einem an ihre Schwester Céline gerichteten Brief schreibt sie: »Wir leben für die Seelen, wir sind Apostel, wir retten vor allem die Seelen der Priester. … Beten wir, leiden wir für sie, und Jesus wir am letzten Tag dankbar sein« (Thérèse von Lisieux, Brief 94).
Vertrauen wir uns der Fürbitte der seligsten Jungfrau an, der Königin der Apostel, der liebevollen Mutter; schauen wir mit ihr auf Christus, indem wir uns ständig bemühen, ihm ganz anzugehören; das ist unsere Identität!
Denken wir an die Worte des heiligen Pfarrer von Ars, des Schutzpatrons der Pfarrer: »Wenn ich schon mit einem Fuß im Himmel wäre und man würde mich bitten, auf die Erde zurückzukommen, um für die Bekehrung der Sünder zu arbeiten, würde ich gern zurückgehen. Und wenn es deshalb notwendig wäre, daß ich bis zum Ende der Welt auf der Erde bliebe, mitten in der Nacht aufstehen und leiden müßte, wie ich leide, würde ich aus ganzem Herzen zustimmen« (Frère Athanase, Procès de l’Ordinaire, p. 883).
Der Herr leite und schütze alle und jeden einzelnen, besonders die Kranken und Leidenden, in der ständigen Hingabe unseres Lebens aus Liebe.
Cláudio Kardinal Hummes, Präfekt
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BENEDIKT XVI.
Begegnung mit den Priestern und Diakonen – Freising 14. September 2006
Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sendet!“
„Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sendet!“ Das bedeutet: Die Ernte ist da, aber Gott will sich der Menschen bedienen, damit sie eingebracht werde. Gott braucht Menschen. Er braucht solche, die sagen: Ja, ich bin bereit, dein Erntearbeiter zu werden, ich bin bereit zu helfen, daß diese Ernte, die in den Menschen reift, wirklich in die Scheunen der Ewigkeit eingehen und Gottes ewige Gemeinschaft der Freude und der Liebe werden kann. „Bittet den Herrn der Ernte!“ Das will auch sagen: Wir können Berufungen nicht einfach „machen“, sie müssen von Gott kommen. Wir können nicht, wie vielleicht in anderen Berufen, durch gezieltes Management, entsprechende Strategien sozusagen, einfach Leute rekrutieren. Die Berufung muß immer den Weg vom Herzen Gottes aus zum Herzen des Menschen finden. Und trotzdem: Gerade, damit sie im Herzen der Menschen ankommen kann, ist auch unser Mittun gefordert. Den Herrn der Ernte darum bitten, das bedeutet gewiß zu allererst, daß wir darum beten, daß wir an seinem Herzen rütteln und sagen: „Tu es doch! Wecke die Menschen auf! Entzünde in ihnen die Begeisterung für das Evangelium und die Freude daran! Laß sie erkennen, daß es der Schatz über allen Schätzen ist und daß, wer es entdeckt hat, es weitergeben muß!“
Wir rütteln am Herzen Gottes. Aber Gott bitten geschieht eben nicht nur in den Gebetsworten, sondern darin, daß aus Wort Tun wird, daß aus unserem betenden Herzen dann der Funke der Freude an Gott, der Freude am Evangelium, der Bereitschaft zum „Ja-sagen“ in die anderen Herzen überspringt. Als betende Menschen, als von seinem Licht Erfüllte, kommen wir zu den anderen, ziehen sie in unser Gebet und so in die Gegenwart Gottes hinein, der dann das Seine tut. In diesem Sinn wollen wir immer neu den Herrn der Ernte bitten, an seinem Herzen rütteln und mit ihm in unserem Gebet auch die Herzen der Menschen anrühren, daß Gott nach seinem Willen darin das „Ja“ reifen lasse, die Bereitschaft; und dann die Beständigkeit, durch all die Wirrnisse der Zeit, durch die Hitze des Tages und auch durch das Dunkel der Nacht treu in seinem Dienst zu bleiben und von ihm her immer wieder zu erkennen – auch wenn es mühselig ist –, daß diese Mühsal schön ist, daß sie nützlich ist, weil sie zum Eigentlichen hilft, daß nämlich Menschen das empfangen, worauf sie bauen: Gottes Licht und Gottes Liebe.
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Botschaft von Seiner Eminenz Kard. Cláudio Hummes anlässlich des Feiertages zu Ehren des Hl. Johannes Maria Vianney, 4. August
Congregatio pro Clericis
Liebe Priester-Freunde,
Anlässlich des Feiertages zu Ehren des Hl. Johannes Maria Vianney, dem Kuraten von D’Ars, kommenden 4.August, übermittle ich Euch meine herzlichsten Grüsse und sende Euch diese brüderliche Botschaft.
Die Kirche weiß um den heute bestehenden missionarischen Notsand, nicht nur “ad gentes” sondern auch in Regionen und Zusammenhängen in denen seit Jahrhunderten der christliche Glaube gepredigt wird, er verwurzelt ist und die kirchlichen Gemeinden etabliert sind. Es handelt sich um die Mission oder um die missionarische Evangelisierung (Redemptoris Missio, 2) innerhalb der Herde selbst; Empfänger sollen diejenigen sein die wir getauft haben, die wir jedoch nicht fähig gewesen sind, aus welchem Grund auch immer, ausreichend zu evangelisieren, oder die ihre anfängliche Strebsamkeit verloren haben und Abstand genommen haben. Die postmoderne Kultur der zeitgenössischen Gesellschaft – eine relativistische, säkularisierte, agnostische und laizistische Kultur – bringt bei vielen Menschen eine starke Erosion des religiösen Glaubens mit sich.
Die Kirche ist ihrer Natur gemäß missionarisch. „Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen…” (Mt 13,3) sagte Jesus. Er beschränkt sich nicht darauf das Saatgut aus dem Fenster zu streuen, sondern verlässt das Haus. Die Kirche weiß, dass sie nicht tatenlos bleiben darf, sich nur darauf beschränkend diejenigen zu evangelisieren, die sich ihr in den Kirchen, in den Gemeinden suchend zuwenden. Es ist erforderlich aufzustehen und hinauszugehen, dorthin wo die Menschen, die Familien leben, wohnen, arbeiten. Alle müssen angesprochen werden: Unternehmen, Organisationen, Institutionen und die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft. Zu dieser Mission sind alle Mitglieder der kirchlichen Gemeinde aufgerufen: Pastoren, Geistliche und Laien.
Die Kirche anerkennt sehr wohl, dass die Pfarrer im täglichen Leben der lokalen Gemeinde eine große Treibkraft sind. Handeln die Geistlichen, handelt die Kirche. Wenn dem nicht so wäre, könnte die Mission nur sehr schwer erfüllt werden.
Ihr, liebe Priester-Brüder, seid der große Reichtum, der Dynamismus, die pastorale und missionarische Inspiration in mitten der Menschen, dort wo unsere Getauften in Gemeinschaft leben. Ohne Eure grundlegende Entscheidung zum Fischfang - zu dem uns unser Herr beruft - “in See zu stechen” (duc in altum) würde kaum etwas geschehen im Rahmen dieser Mission, sei es „ad gentes” wie in den lange schon evangelisierten Gebieten. Die Kirche weiß jedoch, dass sie auf euch bauen kann, da sie weiß, und ausdrücklich anerkennt, dass die überwältigende Mehrheit der Priester – trotz der menschlichen Schwächen und Grenzen die wir alle haben – aus würdigen Geistlichen besteht, die ihr Leben jeden Tag erneut dem Reiche Gottes weihen, die Jesus Christus lieben und ebenso die ihnen anvertrauten Menschen. Es sind Geistliche die sich in der täglichen Ausübung ihres Priesteramtes heiligen, die nicht müde werden die Menschen zu Gott zu führen. Ein kleiner Anteil von Geistlichen ist gravierend vom Pfade abgewichen. Die Kirche ist bemüht das von ihnen verursachte Leid wieder gut zu machen. Sie ist jedoch auch erfreut und stolz über die außerordentliche Mehrzahl ihrer guten und höchst lobenswerten Priester.
Im Paulus-Jahr und in Erwartung der im kommenden Oktober in Rom stattfindenden Bischofssynode über das Wort des Herrn, wollen wir uns alle der dringend erforderlichen Mission offen zuwenden. Möge der Heilige Geist uns erleuchten, uns führen, uns helfen, auf dass wir noch einmal in die Welt hinausgehen können und Jesus Christus, gestorben und auferstanden, und sein Reich verkünden können!
Noch einmal grüsse ich Euch alle von Herzen, liebe Brüder, und stehe jederzeit zu Eurer Verfügung. Ich bete für Euch alle, vor allem für die Leidenden, die Kranken und die alten Menschen.
Aus dem Vatikan, 15. Juli 2008
Kardinal Claudio Hummes Emeritierter Erzbischof von Sao Paolo
Präfekt der Kongregation für den Klerus
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